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Hl. Benedikt
Gravur auf dem „Gründungskelch“ der Abtei Kornelimünster
Der Kelch
Zur Neugründung der Abtei Kornelimünster wurde dem Kloster ein Messkelch
und ein dazu passendes Ziborium geschenkt. Der Messkelch trägt unter dem
Fuß die lateinische Inschrift: „HVNC CALICEM BENEDICTINIS MONASTERII ST.
CORNELII BERNHARDUS WITTE AURIFABER PONTIFICIS D.D. AQUISGRANI, A.D. MCMVI D. XII. FEBR. – Diesen Kelch hat der päpstliche Goldschmied
Bernhard Witte
den Benediktinern von Kornelimünster geschenkt - Aachen, 12. Februar
1906.“ Der Signatur-Stempel der Werkstatt „A[ugust]. Witte Aachen“ führt
als Zeichen der päpstlichen Ehrung die Tiara mit den Petrus-Schlüsseln.
Daneben ist die Jahreszahl 1906 in arabischen Ziffern eingeschlagen.
Über dem Namen des Stifters ist mit der Zahl „800“ die Silberlegierung
des Kelches eingraviert. Natürlich ist es aber ein „goldener“ Kelch,
denn er ist vergoldet.


Die Goldschmiede Witte hatte in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zu ihrem kriegsbedingten Ende
1943 einen hohen Ruf, wie u.a. die päpstliche Ehrung belegt. Bei einer
Aufarbeitung des Kelches in den 80-er Jahren durch die Goldschmiede
Polders, Kevelaer, wurde das noch einmal deutlich, als Goldschmied
Polders beim Anblick des Kelches ihn sofort als eine Witte-Arbeit
identifizierte und etliches über die alte Firma zu erzählen wusste. Wir
nutzen den Kelch an hohen Festtagen.
Der Kelch ist eine gute Arbeit und
er ist einfach schön. Die hohe Qualität wird aber erst wirklich sichtbar
und bewusst, wenn man sich die Details genau anschaut. Im Gebrauch ist
den Gläubigen, aber auch dem zelebrierenden Priester praktisch nur ein
„distanzierter“ Blick möglich. Und selbst der genaue normale Augen-Blick
auf das Detail lässt durchaus noch nicht die Schönheit und Qualität voll
aufleuchten. Die Möglichkeiten der Fotografie und der fotografischen
Vergrößerung sind hier ein die Augen öffnender Segen.

Auf dem Fuß des Kelches ist als
Zentraldarstellung der Gekreuzigte in einer Strahlensonne eingraviert.
Der Gekreuzigte steht einerseits in romanisch souveräner Haltung am
Kreuz und sein erhobenes Haupt mit der Königskrone unterstreicht diese
Souveränität. Andererseits ist die Detail-Ausführung seines Körpers
durchaus realistisch „gotisch“, wenn sie auch nicht den Leidensgedanken
widerspiegelt. – Dem Gekreuzigten gegenüber ist eine jugendliche Maria
dargestellt, - ohne Schleier, mit gelocktem Haar, das ihr hüftlang über
die Schultern fällt. Es ist eine weiche Darstellung neugotischen
Jungfräulichkeitsideals mit einem Hauch von Nazarener-Stil. – Als
flankierende Heilige sind Jesus und Maria die Heiligen Bonifatius und
Benedikt zur Seite gestellt. Einerseits verwundert die Abbildung des hl.
Bonifatius im geistespolitischen und geisteskirchenpolitischen Klima des
beginnenden 20. Jahrhunderts nicht. Andererseits darf konstatiert
werden, dass der für Kornelimünster doch eigentlich „naheliegende“
Heilige – Kornelius – nicht in das Programm aufgenommen wurde, - von
Benedikt von Aniane ganz zu schweigen. Das Medaillon mit dem Bild
Benedikts möchte ich im Folgenden etwas genauer anschauen.
Das
Medaillon des hl. Benedikt
Benedikt ist durch seinen Namen identifiziert. Er ist dargestellt als
Mönch mit einer reich gefälteten Kukulle, aus deren weiten Ärmeln die
engeren Ärmel der Tunika herausschauen. Die Gewandkapuze legt sich
barock ausladend über die Schulter. Die Benediktiner der Schweiz und
Englands tragen heute noch ähnliche Kapuzen. Die Kantenführung der
Kapuze vor der linken Schulter lässt den Benediktiner ein wenig
schmunzeln und fragen, ob der Goldschmied als Modell vielleicht einen
Nonnenschleier genommen hat, der sich um die Schultern legt. Die scharfe
„Ecke“ deutet eher an, dass die Kapuze ein separates Kleidungsstück und
nicht an die Kukulle angenäht ist.
Als Identifizierungssymbole hält
Benedikt mit der Rechten ein Buch, das selbstverständliche Symbol für
einen Ordensgründer, der eine Ordensregel hinterlassen hat, und ein
Rutenbündel, das Symbol der klösterlichen Zucht. Mir ist das Symbol zur
Identifizierung des Heiligen nicht unbekannt, - ohne großes Nachschauen
könnte ich allerdings nur ein Fresko des Fra Angelico in Florenz als
Parallele nennen. Auf jeden Fall ist es nicht ein geläufiges Symbol des
Heiligen, - schon gar nicht heute, wo körperliche Züchtigung (Schläge)
aus dem Kanon der Pädagogik verbannt ist.
Zur rechten Einordnung der körperlichen Züchtigung ist auf jeden Fall zu
registrieren, dass sie bei Benedikt als allerletztes Mittel gegen
absolute Uneinsichtigkeit und Hartnäckigkeit genannt wird. Das Ziel ist
nicht die Bestrafung, sondern Heilung.
Als drittes Identifizierungssymbol
kann der erhobene Zeigefinger der linken Hand betrachtet werden. Man
sieht bei Benediktsdarstellungen häufiger, wie der Heilige den Finger
auf die Lippen legt, die gängige Empfehlung oder Mahnung zum Schweigen.
Auf unserer Darstellung liegt der Finger (noch?) nicht auf den Lippen.
So kann er auch als allgemeiner Ausdruck ernsthafter Lehre und Mahnung
gedeutet werden. Zusammen mit der Regel würde der Gestus dann eine
Hervorhebung des Themas „Zucht“ zum Ausdruck bringen.
Übrigens: Ist Benedikt hier als Linkshänder dargestellt? Agierende Hand
ist mit dem erhobenen Zeigefinger die linke. Die rechte Hand hält in
einer „Ruhephase“ die Attribute Buch und Rute.
Das
Gesicht lässt den Heiligen als Mann in den sog. besten Jahren erkennen.
Es ist ein Gesicht von ausgeprägter Männlichkeit und klarem Ernst, aber
nicht von kantiger Härte oder strenger Aszese. Die Zeichnung spiegelt
ein Ideal wieder, dessen neugotische Weich- oder Schön-Zeichnung auch zu
dem Urteil führen könnte: Der Mann ist nicht ... uneitel.
Der
Benedikt unseres Kelch-Medaillons trägt einen kurz geschnittenen und
anscheinend sauber unter der Lippe und an den Wangenknochen rasierten
Vollbart. Über ihn legt sich ein ausladender Schnurrbart. Unter dem
Kapuzenrand ist der Haaransatz sichtbar. In die Mitte der Stirn ist eine
Haarlocke gekämmt.
Von
zwei Steilfalten an der Nasenwurzel führt eine kräftige Nase zum
Schnurrbart. Nur leicht geschwungene Augenbrauen liegen über den großen
Augen. Sie blicken einen imaginäres Gegenüber an, das rechts vom
Betrachter steht. Dieser Blick am Betrachter vorbei lockert die strenge
Frontaldarstellung auf.
Ganz von ferne grüßen in diesem
Gesicht die alten Pantokrator-Darstellungen der Ikonen und
Kirchenapsiden, aber eben in der schon erwähnten neugotischen
Übersetzung. Näherliegend scheint es mir, ein Zitat des Selbstbildnisses
Dürers von 1500 aus der Alten Pinakothek in München wenigstens
anzudenken. Dürers wallende Locken sind in die Kapuze übersetzt. Die
Bartpracht ist vergleichbar und die beiden Darstellungen gemeinsame
Stirnlocke verführt nachgerade zur Nebeneinander-Schau.
~ * ~

Jenseits aller Betrachtungen über
die künstlerische und handwerkliche Qualität des beschriebenen Kelches
steht aber etwas anderes. Der Kelch erhält seine Würde aus dem Gebrauch
in der Liturgie der Eucharistiefeier. Die Inschrift auf der Cuppa will
in diese geistliche Sicht einführen: „CALICEM SALUTARIS ACCIPIAM ET
NOMEN DOMINI INVOCABO = Den Kelch des Heils will ich erheben und
anrufen den Namen des Herrn“ (Ps 116,13). Auf dem Grabstein der Familie
auf dem Aachener Ostfriedhof ist das Bewusstsein der geistlichen
Dimension ihres Wirkens als Goldschmiede in die Worte gefasst: „Die edle
Kunst diente der Ehre des Allmächtigen, der sie erwecken möge zur ewigen
Herrlichkeit.“
Uns
Kornelimünsteraner Mönchen ist der Kelch ein Geschenk unseres Anfangs
1906 und darin eine Mahnung, immer wieder Anfang zu wagen, zu feiern und
zu leben.
Abt Albert
Altenähr OSB
Kelch-Fotos: ders
050307
Als Bezugspunkte der
Benediktsregel für das Rutensymbol können RB 2,28; 23,5; 30,3
genannt werden. In der Vita des Heiligen wird von einem Mönch
erzählt, den der Versucher immer wieder aus dem Chorgebet
weglockt. Benedikt heilt ihn schließlich durch Rutenschläge
(Gregor d.Gr., Dial. II 4,3).
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