Simeon der Greis
Gedenktag: 8. Oktober
Namenstag unseres Fraters Simeon
 

Lukas 2,22 Dann kam für sie der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen, 23 gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein. 24 Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben. 25 In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels, und der Heilige Geist ruhte auf ihm. 26 Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe. 27 Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war, 28 nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten:

 29 Nun läßt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden.
 
30 Denn meine Augen haben das Heil gesehen,
 
31 das du vor allen Völkern bereitet hast,
 
32 ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.

 33 Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. 34 Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, daß in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. 35 Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen. 

Das tradierte Bild Simeons ist das eines Greises an der Schwelle seines Sterbedatums. Obwohl das Lukasevangelium nichts über sein konkretes Alter sagt, wird dieses Bild gestützt durch die Verheißung, die ihm zuteil wurde, „er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe“. Anders als bei Simeon wird über Hanna, seine „Begleiterin“ in der Darstellungs-Szene direkt gesagt, sie sei „hochbetagt“, „eine Witwe von 84 Jahren“.

Über Simeon wird aber auch einiges unmittelbar und direkt gesagt. „Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels, und der Heilige Geist ruhte auf ihm.“ Wie weit diese Beschreibung ein individuelles Profil Simeons, - wie weit sie seine Zugehörigkeit zu einer religiös-sozialen Gruppierung andeuten will oder ob sie eher eine literarische Typologisierung ist, kann ich als Nicht-Fachmann nicht sagen. Die großen Gerechten des Alten Testaments wie Noah, Abraham oder der Gottesknecht des Deutero-Jesaja tauchen vor meinen Augen auf, aber auch die namenlosen Frommen der Psalmen.

Als durchschnittlicher Bibelleser meine ich auch, eine Absetzung zu den „herrschenden“ Gruppierungen der Schriftgelehrten, der Pharisäer und Sadduzäer der Zeit Jesu zu spüren. Mir kommt Simeon als ein nach außen nicht markant hervortretender, aber nach innen tief durchprägter „Bibel-Mystiker“ vor, der Gott und sein Wirken „auf seiner Rechnung“ hat. Aus der theologischen und politischen „Tempel-Geschäftigkeit“ hält er sich heraus, aber in der Gottes-Geschichte Israels – und dazu gehört auch der konkrete Tempel – ist er zu Hause. Er sucht den Frieden und findet und hat ihn in Gott gefunden.

Der Name Simeon – „Gott hört“ – ist Glaube und Programm. Er spricht von der Überzeugung und der Hoffnung, dass Gott hört. Und zugleich ist er im Echo dieses Glaubens der Anruf an Simeon, selbst ein Hörender zu sein und mehr und mehr zu werden.

Das wesentliche Merkmal Simeons in dem kurzen Evangelienabschnitt des Lukas ist seine Geistbeziehung. Dreimal wird der Heilige Geist genannt.Der Heilige Geist ruht auf ihm. Der Geist hat ihm eine persönliche Offenbarung geschenkt, die ihn prägt. Der Geist führt ihn in jetzt in den Tempel. Den Heiligen Geist und Simeons „Geistes-Haltung“ erkenne ich auch als Vorzeichen für das, was Simeon dann tut bzw. ihm geschenkt wird: er nimmt das Kind auf seine Arme, - er erkennt den „Hinter-Grund“ dieses Kindes, - er preist Gott.

In seinem Preisgesang schaut Simeon mit Rückgriffen auf Visionen des Jesaja weit über die Grenzen Israels hinaus. Es ist wie ein Vorgriff des Evangelisten Lukas auf sein anderes Werk, die Apostelgeschichte, die den Weg der christlichen Botschaft in die Welt erzählt. Im Wort Simeons an Maria wird schon zu Beginn des Lukasevangeliums deutlich, dass die Christusbotschaft nicht die angenehme Botschaft einer (schein-) heilen Welt, sondern einschneidende und (ent-) scheidende Herausforderung sein wird. Dass das sogar für die Jesus nächststehende Frau, seine Mutter, gilt, unterstreicht, dass das für die Welt nicht anders sein kann. 

Das Lied des Simeon, das „Nunc dimittis“, findet sich seit dem 8. Jahrhundert in der Komplet des römischen Breviers.

Simeon-Reliquien kamen im 6. Jahrhundert nach Konstantinopel und 1243 nach Zara in Istrien[1]. Dort werden sie in einem kostbaren Schrein von 1380 verehrt. – Sein Gedenken wird in der lateinischen Kirche am 8. Oktober begangen, in der orthodoxen Kirche am 3. Februar.

Albert Altenähr
020826


[1]  Zara (oder Zadar) war 1202 auf dem 4. Kreuzzug von Venedig erobert worden. Nach der Eroberung und Plünderung Konstantinopels 1204 wurde die Stadt eine „Fundgrube“ für viele Schätze und Reliquien, die in den Westen gebracht wurden.

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