Montag Morgen: Leben in der Gegenwart Gottes
zu Psalm 1

So sehr ich darum weiß, dass nach alter christlich-jüdischer Tradition der Sonntag der „erste Tag“ der Woche ist, so sehr bin ich Mensch unserer Zeit, für den die Woche mit ihren Alltäglichkeiten, Aufgaben, mit ihrer Hektik und ihrem Stress am Montag beginnt. Den Sonntag über kann ich die Wochenanforderungen weitgehend aus meinen Gedanken ausblenden, - am Montagmorgen sind sie mir unweigerlich präsent. Und ich kann nicht von mir behaupten, dass ich jeden Montagmorgen mit jubelnder Freude aufstehe, weil ich es gar nicht erwarten kann, mich in den Alltag und seine Anforderungen hineinzustürzen. Ich brauche immer wieder Ermutigung. Ich finde sie – nicht jedesmal, aber doch sehr oft – in den Psalmen, die mir montags beim Frühgebet unserer Gemeinschaft begegnen. Es sind die Psalmen 1, 104 und 71.

Psalm 1

1              Selig der Mensch, der nicht dem Rat der Frevler folgt, /
               
der nicht betritt den Weg der Sünder, *
               
nicht sitzt im Kreise der Spötter,
2              der vielmehr seine Lust hat an der Weisung des Herrn, *

               
der bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt.


aus: O. Keel, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik 
und das Alte Testament

3              Er gleicht dem Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, /
               
der zur rechten Zeit seine Frucht bringt *
               
und dessen Blätter nicht welken.
               
Was immer er tut, *
               
es wird ihm gelingen.


Quelle: wie vorige Abbildung


4              Nicht so die Frevler! *

               
Sie sind wie Spreu, die der Wind vor sich hertreibt.
5              Darum werden Frevler im Gericht nicht bestehen, *

               
noch Sünder in der Gemeinde der Gerechten.
6              Denn der Herr weiß um den Weg der Gerechten, *

               
aber der Weg der Frevler verliert sich.

Ich begegne in Psalm 1 einem Text, den ich nicht für zufällig als Eingangsgebet für den ganzen Psalter halte. Es ist wichtig, wie man etwas beginnt. Das Wissen um die Bedeutung eines guten Beginns für das, was vor einem liegt, unterstelle ich auch den biblischen Autoren und Redaktoren des Psalters. Ich gehe davon aus, dass sie bewusst Psalm 1 an den Beginn des Psalters gesetzt haben. Und ich gehe auch davon aus, dass in der liturgischen Ordnung Psalm 1 bewusst als erster Psalm an den Beginn des Montagmorgens gesetzt wurde. Was lese und bete ich in diesem Psalm? Welchen Impuls für das Tagewerk und die Arbeitstage finde ich in ihm?

In Psalm 1 wird der Mensch selig gepriesen, der seine Freude hat an der Weisung des Herrn und über sie bei Tag und bei Nacht nachsinnt. Der deutsche Text öffnet mir nicht ohne weiteres einen Zugang zu meinem Anliegen, Ermutigung für den Tag und die Woche zu finden.

Das Wort „Weisung“ gehört nicht mehr zum gängigen Wortschatz der Umgangssprache, aber wir meinen vielleicht vorschnell, es als „Gebot“ verstehen zu dürfen ... mit allen Assoziationen, die wir mit diesem Wort verbinden. Wir hören in diesem Wort „Gebot“ möglicherweise sofort alle Schwierigkeiten mit, die wir mit Geboten und Verboten haben. Und da will bei mir – und bei manchen anderen? – nicht ohne weiteres das Feuer der Freude hochlodern. Lässt sich die „Weisung des Herrn“ in Psalm 1 auf die Übersetzung „Gebote und Verbote“ eingrenzen und einengen?

Ich weiß, jede sprachliche Fixierung „schwarz auf weiß“ altert sehr schnell und schleift sich ab, so dass man ihre Kraft nicht mehr erkennt. Ich weiß zudem, dass jede Übersetzung aus einer anderen Sprache und einer anderen Zeit ihre Schwierigkeiten hat, weil sie nie die mitschwingenden Feintöne einfangen kann, die die andere Sprache, die andere Kultur, das andere Umfeld mit anklingen lässt. Ich weiß darum, dass ich das, was „schwarz auf weiß festgeschrieben“ ist, „frei-denken“ muss. Ich weiß mich eingeladen, nachzuspüren und aufzuspüren, was der fremde Beter in seinem Herzen gebetet hat. Es ist eine Aufgabe, die mir bei jedem Beten eines festen Gebetes zufällt: ich darf es nicht einfach „nachplappern“, sondern muss es „nach-denken“. Ich muss ihm „nach-sinnen“, - es mir in mein Leben „ein-dichten“.

Weiter - und in die Weite - führt mich die Erkenntnis, dass im Hebräischen für „Weisung“ das Wort „Tora“ gebraucht wird, und die Tora das Gesamtwerk der fünf Bücher Mose umfasst[1]. Die Tora ist die Erzählung vom Wirken Gottes in der Welt und der Geschichte. Wenn ich den Begriff „Weisung“ vor diesem Hintergrund lese, dann deutet sich mir der Vers von Psalm 1 als Bekenntnis, dass Gott damals – in der Vorzeit, bei Mose und in der weiteren Geschichte des Volkes - geschichtsmächtig gegenwärtig war und dass der Psalmist die Gegenwart Gottes auch für das Heute seines Lebens sich vor Augen stellt. 

Ich bete am Montagmorgen Psalm 1 darum etwa mit folgenden Gedanken: „Mein allgemeiner Glaube, dass es einen Gott gibt und mein allgemeines Bekenntnis, dass ich als Christ an ihn glaube, kann nicht im Vagen bleiben, sondern er verlangt nach Konkretion. Wage die Konkretion des vor dir liegenden Tages und der Woche! Öffne die Augen und glaube, dass Gott im Geschehen des Tages und der Woche seine Finger im Spiel hat. Geh mit diesem Gedanken in den Tag: Gott ist schon da, wenn du den nächsten Schritt tust. Du lebst bereits in der Gegenwart Gottes. Lebe darum in der Gegenwart Gottes! Die Tage sehen anders aus mit Gott.“

Das alles ist sehr naiv gedacht und gesagt. Ich wundere mich selbst, dass ich mich so „kindlich“ äußere, denn eigentlich bin ich alles andere als einfach oder einfältig. Ich stehe mir mit meinem Denken und meinen Kompliziertheiten mehr als einmal selbst im Weg. Und doch spüre ich, dass Gott und der Glaube an ihn viel einfacher sein muss als die Windungen meines Denkens und meiner Einwände. Irgendwie spüre ich dabei auch, dass der Blick auf die Kompliziertheiten des Lebens ein Alibi sein kann, zu eindeutigen Entscheidungen durchzustoßen. Die vielen „Wenn“ und „Aber“ behindern das Leben. Sie können es sogar verhindern.

Ich will es also wagen, naiv zu glauben: Gott begegnet mir in den Alltäglichkeiten des Lebens. Ich will es glauben: Mein Alltag ist in seiner Gegenwart geborgen. Je mehr mir dieser Glaube „gelingt“, desto mehr erfüllt mich Zufriedenheit und desto eher gelingt Leben.

Ich kann weder beweisen noch garantieren, dass mein naiver Umgang mit Psalm 1 die Woche gelingen lässt. Aber ich nehme ihn als Anstoß, meinen Blick auf die guten Seiten der Dinge, die auf mich zukommen, zu schärfen. Ich versuche positiv zu denken. Ich versuche, Gott in meinem Alltag in Position zu bringen.

Abt Albert Altenähr OSB
011204


[1]  Tora bedeutet „Belehrung“, „Anweisung“ und wird im AT auf die elterliche Belehrung, die Lehre der Weisen, das Wort des Propheten und vor allem auf die Belehrung durch die Priester angewendet. Im späteren Sprachgebrauch des AT bezeichnet es das Einzelgebot und auch das ganze Gesetz des Mose und wird so im Judentum zur Bezeichnung der fünf Mosebücher.

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