Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn ...

Mir persönlich verbindet sich mit dem Gebetseinstieg „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn, - der Himmel und Erde erschaffen hat“ (Ps 121,2; 124,8) eine mehr private Atmosphäre. Die Situationen, aus denen ich dieses Wort kenne und in denen ich es brauche, erfahre ich nicht so offiziell und feierlich. Irgendwie siedle ich das Wort im Zwischenbereich zwischen dem Nicht-Liturgischen und der hohen Liturgie an.

Seit meiner Messdienerzeit kenne ich das Wort als „Signal“ des Priesters an seine Messdiener in der Sakristei: „Jetzt geht’s los.“ Ich kenne es als das erste Wort bei Aussegnungen in der Friedhofskapelle. Im Kloster habe ich es kennengelernt als Einstiegswort es Abtes bei geistlichen Ansprachen, hausinternen Feiern wie der Aufnahme eines Kandidaten ins Noviziat oder auch zu Beginn von Kapitelsberatungen. Innerhalb des kirchlichen Stundengebetes beginnt die Komplet damit: „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn ...“

Aus dem Gebrauch zu Beginn der Komplet ist mir das Wort besonders wichtig geworden, und zwar wegen seines zweiten Teils: „... der Himmel und Erde erschaffen hat.“ Mit der Komplet ist offiziell der Tag gelaufen. Sie war in den Klöstern – wenigstens solange man noch mit dem Ende des Tageslichts auch praktisch die Nacht begann – wirklich der Tagesabschied. Sie wurde nicht in der Kirche, sondern im Dormitorium – dem Schlafraum der Mönche – gebetet, gewissermaßen „auf der Bettkante“.

Der Tag ist gelaufen. Manches – hoffentlich vieles – ist gut gelaufen. Wahrscheinlich ist einiges ganz anders gelaufen, als es hätte laufen können und sollen. Und wieder anderes ist gar nicht gelaufen. Das eine ist festgefahren, anderes verfahren. Hier ist das Klima unter den Nullpunkt gesunken, dort hat es den Siedepunkt überschritten,. Vieles läuft und läuft und läuft – aber der Schwung fehlt. Da war eine sprudelnde Idee, - dort ist etwas versickert. In diesem Punkt habe ich mit Volldampf Dinge vorwärtsgetrieben, - wenig später hat mir einer Dampf gemacht, - bei einer dritten Frage habe ich gemerkt, dass die Luft raus ist.

Jeder Tag ist bunt und manchmal zu bunt. Tage sind spannend und bisweilen spanungsgeladen. Sie sind schön in ihrer Vielfalt und darin ganz schön anstrengend. Sie sind, wie sie sind, und so muss ich sie nehmen und bewältigen.

Jetzt ist Abend und ich sitze auf der „Bettkante des Tages“. Da ist mir der Gedanke wichtig geworden: „ER hat Himmel und Erde gemacht.“ Meine Gedanken werden ur-weit zurückgelenkt in das Tohuwabohu des Vor-Anfangs, in das Gott ordnend eingreift. ER sortiert den Himmel und die Erde, Tag und Nacht, Land und Wasser. In einem Psalm lese ich: „Die Erde mit allen, die auf ihr wohnen, mag wanken; doch ich (= Gott) selbst habe ihre Säulen auf festen Grund gestellt“ (Ps 75,4). Dietrich Bonhoeffer hat es einmal in seinen Gefängnisbriefen mit einem Anklang an einen Psalmvers so formuliert: „Im übrigen sitzt Gott nach wie vor im Regiment“ (Ps 58,12b; 10.8.1944[1]).

Es ist ungemein beruhigend, glaubend wissen zu dürfen: unter all dem Gebrodele des Tages ist ein fester Grund, in dem Himmel und Erde gegründet ist. Auf diesem Grund kann ich abends die hinter mir liegende Tagesvielfalt, - das Tageswirrwarr - abstellen und das vor mir liegende Dunkel angehen. Vor jedem neuen Tun beruhigt es die innere Kribbeligkeit, sich der Festigkeit des Grundes bewusst zu werden, auf dem ich stehe: „Meine Hilfe ist im Namen des Herrn, der Himmel und Erde erschaffen hat.“

Abt Albert Altenähr OSB
030118


[1]  Drei Wochen nach dem gescheiterten Stauffenberg-Anschlag auf Hitler vom 20. Juli 1944!
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