Die
Benediktus-Medaille
des Klosters Weingarten
(Fortsetzung)
Die
Heilig-Blut-Seite der Medaille
Die Umschrift auf
dieser Medaillenseite lautet „SS. SANGUIS E LATERE IESU CHRISTI IN
WEINGARTEN – Allerheiligstes Blut aus der Seite Jesu Christi in
Weingarten“. Mit der eindeutigen Ortsangabe wird die bedeutendste
Reliquie der Abtei / des Ortes genannt. Ein sehr getreues Abbild des
Blut-Reliquiars
prägt die Mitte der Medaille. Weinreben und –trauben überziehen den
gesamten Randbereich.

Die
Heilig-Blut-Reliquie ist im 11. Jahrhundert nach Weingarten gekommen
und hat im Laufe der Jahrhunderte die Frömmigkeit des Umlandes und
den Wohlstand der Abtei gefördert. Die alten Umgänge und Umritte um
Gemarkungsgrenzen dürften in Weingarten seit je mit der Reliquie
gemacht worden sein. Sie sind wahrscheinlich der Ursprung des noch
heute lebendigen Blutrittes am Freitag nach Christi Himmelfahrt. Mit
etwa 3.000 Reitern und insgesamt 30.000 Wallfahrern und Besuchern
ist der Blutritt die weltweit größte Reiterprozession.
Die Medaille bettet
die Reliquie theologisch in das Heilsgeschehen des Kreuzestodes Jesu
und der Eucharistie ein. Wer die kleine Medaille in die Hand nimmt
und betrachtet, wird wenig erkennen und sich darum über diese
Aussage wundern. Eine vergrößerte Ansicht kann sehen und verstehen
helfen.
Auf den Wolken
erkennen wir eine (in der Vergrößerung zugegebenermaßen etwas plump
dargestellte) Gestalt, die - halb aufgerichtet - die Arme in einem
schwer zu deutenden Gestus erhebt und den Kopf ein wenig seitlich
nach oben gedreht hat. Irgendwie könnte sie einen Ausdruck des
Entsetzens spiegeln. Ein Strahlenkranz der Heiligkeit umgibt die
Figur.
In den Wolken ist
eine Taube erkennbar.
Darunter dann die
Kreuzeskrönung des Reliquiars, das zur Gänze mit den
Heiligkeitsstrahlen.
Eine trinitarische
Deutung dieser Trias liegt nicht nur nahe, sondern scheint zwingend.
Aus dem Reliquiar
mäandert ein Band zu einem Kelch herab. Rein sachlich dürfte es die
Kette bzw. die Kordel sein, die auch heute der Blutreiter um den
Nacken trägt, um bei einem Scheuen seines Pferdes das Reliquiar
nicht zu verlieren.
In unserer Szene
kann es aber sehr wohl auch das Blut Christi darstellen, das in
einem Kelch aufgefangen wird. Dass eine Beziehung zum Messkelch und
damit zur Eucharistie überhaupt intentioniert ist, darf
vorausgesetzt werden.
Gedeutet wird das Blut- und Kreuzgeschehen durch die beiden Herzen,
die den Kelch gewissermaßen „tragen“. Das linke Herz wird von einem
Kreuz-Pfeil (der Liebe) getroffen. Dasselbe andere Herz von einem
Säbel (der Sünde) durchbohrt.
Wie oben bereits
erwähnt, füllen eine Umschrift und die Weingartener Wappenreben und
-trauben den Rand der Heilig-Blut-Seite der Medaille.
In die Ranken sind
zehn Marterwerkzeuge eingefügt. Den Romliebhaber erinnert das an die
Brücke über den Tiber zur Engelsburg. Dort hat Bernini den zehn
Engeln, die die Brücke zieren, ebenfalls Leidenswerkzeuge in die
Hände gegeben. Die Tiberbrücke ist so gleichsam ein Kreuzweg, der zu
einem leeren Grab, - rein profanhistorisch dem leeren Mausoleum des
Kaisers Hadrian führt. Oben auf der Engelsburg steckt der Erzengel
das Schwert in die Scheide, wie Papst Gregor der Große es in einer
Vision geschaut hat. Bernini hat mit seiner Brücke dem Mausoleum des
Hadrian und dem Engel Gregors des Großen eine neue spirituelle
Dimension gegeben. Der Kreuzweg führt zum Grab Jesu. Jesu Sterben
sänftigt das Strafgericht Gottes.
Der Hinweis auf
Bernini will die Weingartener Medaille keineswegs kunsthistorisch
aufwerten. Gleichwohl kann er ein erhellendes Licht auf barocke
Frömmigkeit und ihre Liebe zur Dramatik geben. Dass eine derartige
Gestimmtheit in der barocken Pracht der Weingartener Klosterkiche
nicht nur nicht befremdend ist, sondern wirklich beheimatet sein
kann, wird nicht verwundern.
Folgende Leidenssymbole sind dargestellt:

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5 –
Rohrkolben (Verhöhnung: Mt 27,29) |
6 – Lanze
mit Schwamm (Essig: Mt 27,48) |
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1 – Rute
(Schläge: Mt 26,67; 27,30) |
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7 – Geißel
(Mt 27,26; 27,30) |
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2 – Krug
(Essig: Mt 27,48) |
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8 – Hand
(Schläge: Mt 26,67) |
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3 – Säbel
(Gefangennahme: Mt 26,47.55) |
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9 – Hammer
(Kreuzigung: Mt 27,35) |
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4 –
Kneifzange (Kreuzabnahme: Mt 27,59) |
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10 – Fackel
(Joh 18,3) |
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Die überbordende
Bildfülle auf kleinstem Raum spiegelt die Imaginations- und
Ausstattungsfreude barocken Lebensgefühls. Leben und Glauben spielen
im „Theatrum mundi“. Und dieses Theatrum braucht Requisiten.
Glaube/Theologie, Folklore, Aberglaube/Magie suchen und finden einen
gemeinsamen Ausdruck.
Der Betrachter aus
dem Norden, stolz auf seine Rationalität und seine Heutigkeit, steht
staunend und ein wenig fremd vor solcher symbiotischen Ganzheit.
Vielleicht schaut er aber auch einmal nach dem Kammern in seinem
Innersten, die er verschlossen hält und wohin weggeräumt ist, was in
ein aufgeklärt vernunftbetontes Welt- und Lebensbild nicht
hineinpasst. Ist es möglich, dass er gar nicht so nüchtern
aufgeklärt ist, wie er sich zu geben sucht?
P.
Albert Altenähr OSB
080928