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Die Benediktus-Medaille
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opprobia - zu RB 58,7

Christus nichts vorziehen

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Die Benediktus-Medaille
des Klosters Weingarten

(Fortsetzung)

 

Die Heilig-Blut-Seite der Medaille

Die Umschrift auf dieser Medaillenseite lautet „SS. SANGUIS E LATERE IESU CHRISTI IN WEINGARTEN – Allerheiligstes Blut aus der Seite Jesu Christi in Weingarten“. Mit der eindeutigen Ortsangabe wird die bedeutendste Reliquie der Abtei / des Ortes genannt. Ein sehr getreues Abbild des Blut-Reliquiars[1] prägt die Mitte der Medaille. Weinreben und –trauben überziehen den gesamten Randbereich.

Benediktusmedaille Weingarten 06 - hp.jpg (302346 Byte)    Hl-Blut-Reliquie a.jpg (66652 Byte)

Die Heilig-Blut-Reliquie ist im 11. Jahrhundert nach Weingarten gekommen und hat im Laufe der Jahrhunderte die Frömmigkeit des Umlandes und den Wohlstand der Abtei gefördert. Die alten Umgänge und Umritte um Gemarkungsgrenzen dürften in Weingarten seit je mit der Reliquie gemacht worden sein. Sie sind wahrscheinlich der Ursprung des noch heute lebendigen Blutrittes am Freitag nach Christi Himmelfahrt. Mit etwa 3.000 Reitern und insgesamt 30.000 Wallfahrern und Besuchern ist der Blutritt die weltweit größte Reiterprozession.

Die Medaille bettet die Reliquie theologisch in das Heilsgeschehen des Kreuzestodes Jesu und der Eucharistie ein. Wer die kleine Medaille in die Hand nimmt und betrachtet, wird wenig erkennen und sich darum über diese Aussage wundern. Eine vergrößerte Ansicht kann sehen und verstehen helfen.

Benediktusmedaille Weingarten 07 - hp.jpg (286161 Byte)Auf den Wolken erkennen wir eine (in der Vergrößerung zugegebenermaßen etwas plump dargestellte) Gestalt, die - halb aufgerichtet - die Arme in einem schwer zu deutenden Gestus erhebt und den Kopf  ein wenig seitlich nach oben gedreht hat. Irgendwie könnte sie einen Ausdruck des Entsetzens spiegeln. Ein Strahlenkranz der Heiligkeit umgibt die Figur.

In den Wolken ist eine Taube erkennbar.

Darunter dann die Kreuzeskrönung des Reliquiars, das zur Gänze mit den Heiligkeitsstrahlen.

Eine trinitarische Deutung dieser Trias liegt nicht nur nahe, sondern scheint zwingend.

Benediktusmedaille Weingarten 08 - hp.jpg (285234 Byte)Aus dem Reliquiar mäandert ein Band zu einem Kelch herab. Rein sachlich dürfte es die Kette bzw. die Kordel sein, die auch heute der Blutreiter um den Nacken trägt, um bei einem Scheuen seines Pferdes das Reliquiar nicht zu verlieren.

In unserer Szene kann es aber sehr wohl auch das Blut Christi darstellen, das in einem Kelch aufgefangen wird. Dass eine Beziehung zum Messkelch und damit zur Eucharistie überhaupt intentioniert ist, darf vorausgesetzt werden.

Gedeutet wird das Blut- und Kreuzgeschehen durch die beiden Herzen, die den Kelch gewissermaßen „tragen“. Das linke Herz wird von einem Kreuz-Pfeil (der Liebe) getroffen. Dasselbe andere Herz von einem Säbel (der Sünde) durchbohrt.

Wie oben bereits erwähnt, füllen eine Umschrift und die Weingartener Wappenreben und -trauben den Rand der Heilig-Blut-Seite der Medaille.

In die Ranken sind zehn Marterwerkzeuge eingefügt. Den Romliebhaber erinnert das an die Brücke über den Tiber zur Engelsburg. Dort hat Bernini den zehn Engeln, die die Brücke zieren, ebenfalls Leidenswerkzeuge in die Hände gegeben. Die Tiberbrücke ist so gleichsam ein Kreuzweg, der zu einem leeren Grab, - rein profanhistorisch dem leeren Mausoleum des Kaisers Hadrian führt. Oben auf der Engelsburg steckt der Erzengel das Schwert in die Scheide, wie Papst Gregor der Große es in einer Vision geschaut hat. Bernini hat mit seiner Brücke dem Mausoleum des Hadrian und dem Engel Gregors des Großen eine neue spirituelle Dimension gegeben. Der Kreuzweg führt zum Grab Jesu. Jesu Sterben sänftigt das Strafgericht Gottes.

Der Hinweis auf Bernini will die Weingartener Medaille keineswegs kunsthistorisch aufwerten. Gleichwohl kann er ein erhellendes Licht auf barocke Frömmigkeit und ihre Liebe zur Dramatik geben. Dass eine derartige Gestimmtheit in der barocken Pracht der Weingartener Klosterkiche nicht nur nicht befremdend ist, sondern wirklich beheimatet sein kann, wird nicht verwundern.

Folgende Leidenssymbole sind dargestellt:

Benediktusmedaille Weingarten 09 - hp.jpg (212624 Byte)     Benediktusmedaille Weingarten 10 - hp.jpg (218684 Byte)

 

5 – Rohrkolben (Verhöhnung: Mt 27,29)

6 – Lanze mit Schwamm (Essig: Mt 27,48)

 

1 – Rute (Schläge: Mt 26,67; 27,30)

 

7 – Geißel (Mt 27,26; 27,30)

2 – Krug (Essig: Mt 27,48)

 

8 – Hand (Schläge: Mt 26,67)

3 – Säbel (Gefangennahme: Mt 26,47.55)

 

9 – Hammer (Kreuzigung: Mt 27,35)

4 – Kneifzange (Kreuzabnahme: Mt 27,59)

 

10 – Fackel (Joh 18,3)

           

Die überbordende Bildfülle auf kleinstem Raum spiegelt die Imaginations- und Ausstattungsfreude barocken Lebensgefühls. Leben und Glauben spielen im „Theatrum mundi“. Und dieses Theatrum braucht Requisiten. Glaube/Theologie, Folklore, Aberglaube/Magie suchen und finden einen gemeinsamen Ausdruck[2].

Der Betrachter aus dem Norden, stolz auf seine Rationalität und seine Heutigkeit, steht staunend und ein wenig fremd vor solcher symbiotischen Ganzheit. Vielleicht schaut er aber auch einmal nach dem Kammern in seinem Innersten, die er verschlossen hält und wohin weggeräumt ist, was in ein aufgeklärt vernunftbetontes Welt- und Lebensbild nicht hineinpasst. Ist es möglich, dass er gar nicht so nüchtern aufgeklärt ist, wie er sich zu geben sucht?


P. Albert Altenähr OSB
080928


[1] Die heutige Fassung der Reliquie stammt aus dem Jahr 1956. Sie hält sich formtreu an das dem Volk vertraute barocke Reliquiar von 1728, ohne den Barockstil zu imitieren, wirkt aber „unterkühlt“ Das barocke Reliquiar wurde 1809 durch den württembergischen Staat säkularisiert. Damals wurde sein Wert auf 70.000 Gulden geschätzt. Das Kloster erhielt als „Ersatz“ eine Kupfernachbildung.  

http://www.st-martin-weingarten.homepage.t-online.de/html/heilig-blut.html

http://www.blutfreitagsgemeinschaft-weingarten.de/Der%20Blutfreitag/Die%20Heilig-Blut-Reliquie/Die%20Heilig-Blut-Reliquie.htm  

[2] Ich denke da z.B. auch an die barocken neapolitanischen Krippen, die ein faszinierender Augenschmaus sind.

 
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