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Christi Liebe nichts vorziehen
Grundakkord der Benediktsregel1
Die Benediktsregel ist tief in der
Tauffrömmigkeit der frühen westlichen Kirche verwurzelt. Sie ist ganz
durchprägt vom Bezug zu Christus als dem erhöhten göttlichen Herrn, wie
ihn das Credo bekennt: Wahrer Gott vom wahren Gott, eines Wesens mit dem
Vater. Benedikt schöpft sowohl aus diesen Quellen der Tradition wie aus
seiner eigenen Erfahrung mit sich selbst und den Menschen, die sich ihm
anvertraut haben. So hat er die menschliche wie die göttliche Dimension
des Daseins im Blick.
Die zentrale Ausrichtung des Christen
auf Christus wird von Cyprian in seinen Büchern an Quirinus prägnant in
die Worte gefasst: „Der Liebe Christi nichts vorziehen“ (3, 18). Diese
Aufforderung wurzelt in dem radikalen Wort Jesu: „Wer Vater oder Mutter
mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig“ (Mt 10, 37). Benedikt
greift im Regelkapitel über die Werkzeuge der geistlichen Kunst
(RB 4, 21) auf die Formulierung Cyprians zurück. Wie in der frühen
Kirche üblich steht an dieser Stelle der Christustitel, nicht der Name
Jesus. Letzterer kommt in der Benediktsregel nicht vor. Christus ist
zwar von einem Titel – der Gesalbte – auch mehr und mehr zu einem
Eigennamen geworden. Im Gegensatz zu Jesus richtet die Bezeichnung
Christus den Blick nicht auf die menschliche, sondern auf die göttliche
Natur Jesu Christi. Es ist kein geringerer als Gott selbst, der sich in
Jesus Christus zu uns in Beziehung setzt. Die Regel will anleiten, sich
antwortend zu diesem Christus in Beziehung zu setzen und diese Beziehung
zu Christus immer mehr zu vertiefen.
Im Einklang mit der frühchristlichen
Tradition konzentriert sich Benedikt ganz auf den Bezug zu Christus.
Die Begriffe Herr oder Gott meinen in seiner Regel immer Christus. Ein
solcher Gebrauch der Worte ist bereits im Neuen Testament grundgelegt.
Das Johannesevangelium bringt es im Bekenntnis des Thomas gegenüber dem
Auferstandenen prägnant zu Ausdruck. Thomas erkennt an den Wundmalen,
dass es wirklich Jesus ist, der ihm begegnet, und bekennt: „Mein Herr,
und mein Gott“ (Joh 20, 27f). Christus wird in der frühchristlichen
Tradition auch als Vater bezeichnet, was uns eher fremd geworden ist
(vgl. RB 2, 2f). Wenn Jesus sagt „Wie mich der Vater geliebt hat, so
habe ich euch geliebt“ (Joh 15, 9), setzt er sich zu uns in die gleiche
Beziehung, in der er gegenüber dem Vater steht. Wir können Jesus
Christus auch wie einen liebenden Vater im Himmel ansehen.
Wenn
wir heute von Gott sprechen, denken wir dabei eher an den Vater, den
Jesus uns verkündet hat. Gott ist ein Begriff und kein Name. Bereits im
frühen Judentum wurde der Name, den Gott selbst offenbart hat, aus
Ehrfurcht nicht mehr ausgesprochen, sondern durch den Titel Herr
ersetzt. Damit kann das Gefühl für die Nähe verloren gehen, die Gott uns
gerade in seinem Namen JAHWE – Ich bin da für euch – anbietet. In der
Menschwerdung des Gottessohnes wird uns diese Nähe wieder verdeutlicht.
Gott ist mehr als ein Begriff oder ein Name. Er hat ein Antlitz, das er
uns zuwendet. Die mittelalterliche Kunst stellt diese Verbindung
zwischen dem Gottesnamen und Christus auch bildlich dar. Sie zeigt im
brennenden Dornbusch das Antlitz Christi.
Christus ist die Schnittstelle zwischen
Himmel und Erde, Gott und Mensch. In ihm ist die Beziehung zwischen
beiden Bereichen ein für alle mal gestiftet. In der Taufe werden wir
ausdrücklich in diese Beziehung hineingenommen. Wir können uns ihr zwar
auch nach der Taufe wieder verweigern. Wir können sie aber nicht
zerstören. Wenn wir zurück kehren wollen, werden wir nicht noch einmal
getauft, sondern es wird uns Vergebung zugesprochen.
Für die klösterliche Gemeinschaft, die
Benedikt im Blick hat, präzisiert er die Form, Christi Liebe nichts
vorzuziehen: „Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden“
(RB 43, 3). Aus dem Zusammenhang im Text wird deutlich, dass Benedikt
die gemeinsam gefeierte klösterliche Liturgie meint. Dabei ist
Gottesdienst - opus Dei - bei Benedikt als Werk Christi zu verstehen. In
der Feier der Liturgie erfährt sich die klösterliche Gemeinschaft
hineingenommen in das Erlösungswerk Christi.
Benedikt sieht für die Gottesdienste
jeweils einen Hymnus das Ambrosius vor (RB 9, 4 u.w.). Diese Hymnen sind
Christuslieder. Er erwähnt eigens das Gebet des Herrn (RB 13, 12 u.a.)
und das „Kyrie eleison“ – Christusanrufungen (RB 17, 4 u.a.). Neben
diesen ausdrücklich auf Christus bezogenen Elementen besteht der
klösterliche Gottesdienst vor allem aus Psalmen und Schriftlesungen.
Ausgehend vom Prolog des Johannesevangeliums sieht die frühe Kirche es
so, dass uns in jedem Wort der Heiligen Schrift Christus selbst
begegnet. Er ist das Wort Gottes an uns. Deshalb erschließt sich uns die
Schrift nur als ein unteilbares Ganzes.
Beim Zeichen zum Gottesdienst sollen die
Mönche sofort alles aus der Hand legen, das sie gerade beschäftigt (RB
43, 1). Sie geben mehrmals am Tag ausdrücklich einem anderen Raum. Sie
eröffnen Christus die Möglichkeit, sein Werk an ihnen zu tun, indem er
ihnen vor allem als Gottes Wort an sie begegnet.
Benedikt weiß darum, dass es sich
zunächst eng anfühlt, Christus in uns Raum zu geben (RB Prol 48). Wo ein
anderer in uns Raum greifen will, meinen wir erst einmal keinen Platz
für ihn zu haben. Menschliche Erfahrung lehrt, dass andere uns ganz in
Beschlag nehmen können mit ihren Anforderungen an uns. Wir können
negative Urteile anderer über uns so verinnerlichen, dass sie uns daran
hindern, uns selbst zu entfalten. Das macht uns vorsichtig, den
Aufforderungen eines anderen zu folgen oder seinem Wort in uns Raum zu
geben.
Wer Christus Raum gibt, entdeckt, dass
dieser in ihm neue Räume auftut. Er lässt ihn Möglichkeiten und
Fähigkeiten entdecken, die sonst verschlossen blieben. Dies führt in
eine größere Weite, nicht in die Enge. Wer im klösterlichen Leben
voranschreitet, dem wird das Herz weit (RB Prol 49). Er sieht immer mehr
davon ab, sich selbst darzustellen. Indem er Christus in sich Raum gibt,
folgt er dessen Aufruf, sich selbst zu verleugnen, und entdeckt, dass er
sich gerade darin selbst findet. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als
Christus, verliert die Möglichkeit, sich in die größere Weite der Liebe
Christi führen zu lassen. Benedikt trägt den Gedanken des mehr in eine
Aufforderung des Paulus an seine Gemeinde ein: „Keiner achte auf das
eigene Wohl, sondern mehr auf das des anderen“ (RB 72, 7; Phil 2, 4).
Damit erdet er die Forderung, Christus mehr zu lieben als sich selbst
oder was einem selbst lieb ist. Der Umgang der Brüder miteinander ist
die Werkstatt, in der sie ihr Handwerk ausüben, zu dem Christus sie
berufen hat (RB 4, 78).
Wer Christi Liebe nichts vorzieht, in
dem wächst auch die Fähigkeit, die Menschen zu lieben. Mit Christus
greift eine belebende Liebe in ihm Raum. Und er läuft in unsagbarem
Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes (ebd.).
Im Gegensatz zu anderen Mönchsregeln
seiner Zeit greift Benedikt auf das Wort Christi zurück „Ich war fremd,
und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25, 35). Er schärft den Mönchen ein:
„Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus“
(RB 53, 1). Die Mönche sollen den Fremden so begegnen, dass darin die
gleiche Weite erfahren wird, die die Begegnung mit Christus im
Gottesdienst schenkt. Dies schließt ein, sich von Versuchen der
Vereinnahmung abzugrenzen. Selbst solche Abgrenzung, ohne den anderen
wegzustoßen, kann diesem Raum für eine bewusste oder unbewusste
Christusbegegnung schaffen und dessen Herz weiten. Christi Liebe nichts
vorzuziehen ist Anstoß zu heilsamer menschlicher Begegnung. Es steht
nicht in Konkurrenz dazu.
Benedikt ordnet die menschlichen Bezüge
in seiner Gemeinschaft so, dass diese dem Anspruch weitgehend gerecht
werden kann, dem gemeinsamen Gottesdienst nichts vorzuziehen. Dies kann
so nur im Kloster geschehen, das aus anderen Lebensbezügen
herausgenommen ist. Schon wenn Brüder auf Reisen sind, gewährt Benedikt
Ausnahmen. Sie sollen die Gebetszeiten feiern, so gut sie können
(RB 50, 4). Um der Gäste willen darf das Schweigen gebrochen werden, das
sonst zur Nacht geboten ist (RB 42, 10). Außerhalb des Klosters stehen
jeweils die konkreten Lebensbezüge an erster Stelle. Dort gilt es das
Werk Christi an sich zu erfahren und es dann auch selbst zu vollziehen.
Diejenigen, die ihr christliches Leben in Anlehnung an das
benediktinisch klösterliche Leben gestalten wollen, geben den
Gebetszeiten einen hohen Stellenwert und feiern diese, so gut sie es
unter den jeweiligen Umständen können. Auch wenn es teilweise in anderen
Formen als im Kloster geschieht, bleibt der Anspruch, Christi Liebe
nichts vorzuziehen, uneingeschränkt bestehen.
P. Oliver J. Kaftan OSB
090724
[1]
Diese Überlegungen sind angeregt durch Referate von Sr. Michaela
Puzicha OSB bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft
Benediktineroblaten 2009.
Vgl. dazu: Michaela Puzicha, Zur christozentrischen Grundlegung
der Benediktsregel. Einige Aspekte, in:
M. Bielawski/D. Hombergen (Hrsg.), Il monachesimo tra eredità e
aperture. Atti del simposio "Testi e temi nella tradizione del
monachesimo cristiano" per il 500 anniversario
dell'Istituto monastico di Sant'Anselmo. Roma, 28 maggio - 10
giugno 2002 (Studia Anselmiana 140, Analecta monastica 8),
Rom 2004, S. 701-720.
Bilder: Kölner Dom, Älteres Bibelfenster, der Auferstandene und
der brennende Dornbusch
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