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„Man kann nie
alles gleichzeitig bekommen“
Gedanken über die Entscheidung
Die
illustrierenden Bilder dieses Textes sind Szenen aus der Vita
des hl. Benedikt von Nursia in den Glasfenstern der Abteikirche
Kornelimünster. 1. Abschied aus dem Elternhaus, 2. Studium in
Rom, 3. Aufenthalt im Sacro Speco von Subiaco, 4. Der Verfasser
der Regel, 5. Tod des Heiligen.
Eine Bekannte und Freundin unseres
Klosters macht mich auf eine Kolumne in der Zeitung „Die Zeit“
aufmerksam, die wirklich nichts Neues sagt, aber eine „Fast-banal-Weisheit“
nachdenkenswert ins Licht hebt. Da heißt es u.a.: „Man kann nie alles
gleichzeitig bekommen. Der kluge Konsument weiß das. Entweder ist ein
Auto groß und bequem, oder es ist ein Sportflitzer. Beides zusammen geht
nicht. Im Leben ist es meistens genauso. Eine Menge Unzufriedenheit
ließe sich vermeiden, wenn uns allen klar wäre, dass es auch im Leben
keine bequemen, geräumigen Sportwagen gibt“ (Harald Martenstein,
Unvereinbar. … über Konsum- und Lebensentscheidungen, Die Zeit,
8.6.2006).
Meine Email-Gesprächspartnerin
findet die Aussagen „in ihrer Schlichtheit irgendwie - gut. .... und gut
weiter zu spinnen: Man kann nicht Christ sein und die Kirche verleugnen,
man kann nicht nachfolgen und eigene Wege gehen, man kann nicht Mönch
sein und ... ??? Was sagt eigentlich Benedikt zum Thema "Entscheidung" -
und vor allem, wie man damit zufrieden lebt?“
Ja, was sagt Benedikt eigentlich
zu all dem? Im Folgenden sollen einige Spontangedanken verfolgt werden,
die mir bei diesen Fragen aus der Email gekommen sind. Sie sind
unfertig. Sie wollen das, was in mir ist, festhalten, und zugleich
anregen, weiter darüber nachzudenken.
Adressat der Gedanken sind
zunächst einfach ich selbst und die Email-Gesprächspartnerin … und
schließlich jene, die es vielleicht interessiert.
Gemeinschaft!
Benedikt beginnt seine Regel, indem er in
einem ersten Kapitel verschiedene Mönchsarten seiner Zeit vorstellt und
eine klare Präferenz für das zönobitische Mönchtum formuliert. Besonders
kritisch äußert er sich über zwei Mönchsarten, die er Gyrovagen und
Sarabaiten nennt. Sie frönen dem Prinzip „Lust und Laune“, und wenn und
wo es nicht mehr „passt“, geht’s woanders hin. Sie sind
entscheidungsscheu und konsequenzflüchtig. Sie wollen alles und wagen
nichts.
RB1,6 Die dritte Art sind
die Sarabaiten, eine ganz widerliche Art von Mönchen. Weder durch eine
Regel noch in der Schule der Erfahrung wie Gold im Schmelzofen erprobt,
sind sie weich wie Blei.
7 In ihren Werken halten sie der Welt immer noch die Treue. Man sieht,
dass sie durch ihre Tonsur Gott belügen.
8 Zu zweit oder zu dritt oder auch einzeln, ohne Hirten, sind sie nicht
in den Hürden des Herrn, sondern in ihren eigenen eingeschlossen: Gesetz
ist ihnen, was ihnen behagt und wonach sie verlangen.
9 Was sie meinen und wünschen, das nennen sie heilig, was sie nicht
wollen, das halten sie für unerlaubt.
10 Die vierte Art der Mönche sind die sogenannten Gyrovagen. Ihr Leben
lang ziehen sie landauf landab und lassen sich für drei oder vier Tage
in verschiedenen Klöstern beherbergen.
Immer unterwegs, nie beständig, sind sie Sklaven der Launen ihres
Eigenwillens und der Gelüste ihres Gaumens. In allem sind sie noch
schlimmer als die Sarabaiten.
Zurückhaltend ist Benedikt auch
gegenüber den Einsiedlern und das vor allem dann, wenn einer allzu
schnell das Anachoretentum als die ihm gemäße Form der Gottsuche zu
erkennen meint. Die erste Begeisterung für das Mönchsleben (RB 1,3) kann
blind machen für die Realität des Weges, den der einzelne gehen kann und
schrittweise gehen muss.
Für unsere Frage lese ich aus
diesem Regelkapitel, dass Benedikt die Fragen nach der Entscheidung
kennt. Er sieht in seinem Umfeld Entscheidungsscheu und
Entscheidungsvorschnelligkeit. Benedikt plädiert für einen langsamen
Prozess, in dem der Alltag des Miteinanders das Lernfeld ist. Das Lernen
voneinander und miteinander ist Benedikts Lehr- und Lernmethode.
In diesem Prozess ist der Anfang …
Anfang. So muss am Anfang nicht alles stehen. Nur der Anfang als solcher
muss ganz gelebt werden. Wenn er ganz gelebt wird, dann ermutigt er zu
einem Bisschen mehr, - dem nächsten Schritt, - einem dritten (vgl. RB
62,4) usw. Entscheidung, wie ich sie aus diesem Gedanken heraus
verstehe, ist darum nicht etwas, das am Anfang gefällt wird – und damit
ist sie gefallen -, sondern sie ist ein Wachsen-Wollen und Wachsen auf
eine Fülle hin. Entscheidung ist erst dann zu ihrer Fülle gereift, wenn
sie zur Freiheit für Gott in der End-Scheidung gewachsen ist.
Prüfen!
Benedikt misstraut dem überbordenden
Anfangseifer. Den Klosterkandidaten lässt er zunächst einmal „draußen
vor der Tür“ (RB 58,1-4; 60,1). Der Kandidat muss zeigen, dass er
wirklich wollen will. Ich glaube, das ist und bleibt die entscheidende
Anfrage, die der Anklopfende sich „vor der Tür“, die er sich aber auch
weiterhin „im Kloster“ stellen muss. In großer Radikalität, - ja, ich
möchte sagen Brutalität wird sie dem Klosterinteressenten gestellt, der
bereits Priester ist: „Freund, wozu bist du gekommen?“ (RB 60,3).
Benedikt stellt hier nicht irgendeine neutrale Frage. Es leuchtet die
Szene des Judasverrates im Garten Getsemani - unangenehm - hell auf.
Der Interessent wird auf die „Gefahr“ und Gefährdung seines Anliegens
hingewiesen. Der Anklopfende muss sich bleibend bewusst sein, dass mit
der Eingangsentscheidung kein Garantieschein mitgeliefert wird. „Judas“
begleitet ihn stets als eigene Möglichkeit.
Für die Anfangsphase der
Entscheidung gibt Benedikt eine sehr präzise zeitliche Schrittfolge an.
Jedes Mal ist dabei eine „kleine“ Entscheidung zu treffen, auf die dann
weiter aufgebaut werden kann.
1. Die Beharrlichkeit des Anklopfens „vor und an der Tür“: vier bis fünf Tage (RB 58,3).
2. Einige Tage in der Gästewohnung (RB 58,4).
3. Danach Aufnahme im Raum für die Novizen (RB 58,5).
3.1. Nach zwei Monaten: Erstes Vorlesen der Regel (RB 58,9).
3.2. Sechs Monate danach: Zweites Vorlesen der Regel (RB 58,12).
3.3. Weitere vier Monate später: Drittes Vorlesen der Regel (RB 58,13).
4. Versprechen und Aufnahme in die Gemeinschaft (RB 58,14).
In dieser zeitlichen Fixierung
geht es natürlich im Wesentlichen um Inhaltliches. Benedikt will seinen
Novizen in die Klosterrealität einführen und in der Konfrontation damit
in die Konfrontation mit der eigenen Realität führen. Das Noviziat will
aus den Träumen herunterholen auf den Boden der Wirklichkeit. Es ist ein
Weg in die Demut, das „Ist“ positiv als Referenzpunkt zu nehmen, von dem
allein es aus- und weitergehen kann und muss. Fast möchte ich sagen, wer
sich an den Ist-Realitäten zerreibt – den eigenen und denen, die ihm von
außerhalb seiner selbst begegnen – , vergeudet die Kraft zum Aufstieg.
RB 58,7 Man achte genau
darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht, ob er Eifer hat für den
Gottesdienst, ob er bereit ist zu gehorchen und ob er fähig ist,
Widerwärtiges zu ertragen.
8 Offen rede man mit ihm über alles Harte und Schwere auf dem Weg zu
Gott.
Das Zeitraster der Benediktsregel
hat sich im Laufe der Jahrhunderte geändert. In der Regel dauert es
heute bei den Benediktinern etwa fünf Jahre, bis einer voll in die
Gemeinschaft aufgenommen wird. Das dreimalige Vorlesen der Regel
innerhalb eines Jahres ist in der Form der täglichen abschnittweisen
Regellesung eine gute Tradition der Klöster geworden. Es hält die
Erinnerung und das Bewusstsein wach, dass mit der endgültigen
Professentscheidung der Wachstumsprozess nicht abgebrochen werden darf.
Benedikts Überzeugung, dass seine Regel sowieso nur einen Anfang
umschreibt und initiiert (RB 73,1), lässt deutlich werden, dass
letztlich das ganze Leben ein Noviziat (… für den Himmel, - die
patria caelestis [RB 73,8]) ist.
Stabilitas!
Über das benediktinische Gelübde der „Stabilitas“
habe ich andernorts Verschiedenes geschrieben. Hier will ich es einmal
übersetzen als „Entschiedenheit in der getroffenen Entscheidung“. Dass
ich das nicht als einen Ausdruck der Erstarrung verstehe, dürfte aus dem
Vorherigen deutlich sein. Stabilitas ist für mich ganz im Gegenteil ein
Ausdruck von Dynamik und Freiheit. Und sie ist die Freiheit, nicht
jeden Tag das Ei neu legen (erfinden) zu müssen, um es dann als Ei des
Kolumbus stolz zu begackern.
Einige „Grund-Sätze“ mögen hier
genügen.
Entscheide dich, dich zu entscheiden.
Nicht heute „hü“ und morgen „hott“.
Dranbleiben, um näher dranzukommen.
Das „Ja“ genießen, - es entlastet.
Den Cantus firmus entdecken und üben.
Eine Kurzformel für den Glauben finden.
Arm ist, wer alles Mögliche versucht,
reich, wer den Einen wagt.
„Hic Rhodus, hic salta“ (Aesop).
Passion und Vision!
Meine Gesprächspartnerin interessiert zum
Schluss ihres Fragens nach der Entscheidung die benediktinische Antwort:
„… und vor allem, wie man damit zufrieden lebt.“
Mir kam beim Lesen spontan die
Gegenfrage: „Was ist denn eigentlich für Sie (und überhaupt)
‚Zufriedenheit’?“ und die zweite Frage: „Wo steht geschrieben, dass die
Zielperspektive von Christsein und dann noch einmal Mönchtum meine
‚Zufriedenheit’ ist?“ Natürlich sind beide Spontanantworten nicht
zufrieden stellend. Aber in diese Richtung auch nachzudenken, lohnt sich
allemal.
Benedikt weist gleich im Prolog
seiner Regel darauf hin, dass in seiner „Schul-Regel“ sicher das eine
oder andere dem Mönch „hart“ ankommen kann. Er sagt es vor allem den neu
Anfangenden, aber halt doch auch allen Mönchen, die diese Anfänger-Regel
für ihr Leben nutzen. Er sieht dann aber auch, dass mit dem Wachsen der
Einübung die Härten leichter werden. Nicht dass etwas von den
Forderungen zurückgenommen wird, aber die „gefühlte Mühe“ ist nicht mehr
so drückend. Benedikt wird in seinem Ausdruck richtiggehend
überschwänglich. Der labor, die Mühe wandelt sich fast zum ludus, zum
Spiel. Dabei wird die Mühe nicht überspielt. Sie bleibt sehr bewusst,
aber weil sich die Dinge eingespielt haben, zeigt sich eine Harmonie,
die das Schwere leicht erscheinen lässt.
Benedikt fasst abschließend seine
Gedanken zusammen, indem er sie in das Paradigma von Leiden und
Auferstehung Jesu Christi einmünden lässt. Er tut das in einem nur
kurzen Aufblitzen-Lassen, nicht in einer episch breiten (…
westfälischen) „Öpferkes-“ oder aufgesetzten „Herrlichkeits-Mystik“.
Benedikt jammert sich nicht ins Jammertal hinein, noch trällert er ein
Wolken-Halleluja. Fast will mir scheinen, dass er seine Mönchs-Schüler
mit seinem nur kurzen Hinweis vor beidem warnen will. Er will weder
Leidensbräute noch Halleluja-Freaks. Er will … Menschen – handfest,
strapazierfähig, wachstumsbereit.
RB Prolog 45 Wir wollen also eine
Schule für den Dienst des Herrn einrichten.
46 Bei dieser Gründung hoffen wir, nichts Hartes und nichts Schweres
festzulegen.
47 Sollte es jedoch aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um
Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren,
48 dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom
Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng.
49 Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem
wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg
der Gebote Gottes.
50 Darum wollen wir uns seiner Unterweisung niemals entziehen und in
seiner Lehre im Kloster ausharren bis zum Tod. Wenn wir so in Geduld an
den Leiden Christi Anteil haben, dann dürfen wir auch mit ihm sein Reich
erben.
Und noch einmal:
Wie man mit einer Entscheidung zufrieden lebt? Indem man mit ihr … zu
ihr hin unterwegs ist. Sie ist jeweils ein Vorentwurf, den das Herz
einholen muss. Sie ist ein Vorwurf aus dem Morgen an das Heute, das noch
nicht ideal ist. Sie ist ein Voraus-Wurf aus dem Heute in das Morgen,
der uns in Bewegung bringt.
Bei einer Expedition in den
Regenwäldern des Amazonas treibt der weiße Leiter seine Indio-Träger
vorwärts. Nach einigen Tagen großer Marschleistung bleiben die Träger
stehen, setzen sich auf den Boden und sind durch nichts zu bewegen, den
Marsch wieder aufzunehmen. Der Weiße fragt die Träger nach dem Grund
ihrer Arbeitsverweigerung.
„Wir sind so schnell gelaufen, dass unsere Seelen nicht mitkamen. Wir
müssen warten, bis sie uns wieder eingeholt haben.“
Ich wünsche meiner
Gesprächspartnerin das Geschenk der Zufriedenheit, den Weg zum Frieden …
und mir selbst natürlich auch.
Abt Albert Altenähr OSB
060614
Hic Rhodus, hic salta!
(lateinisch
Hier ist
Rhodos,
hier springe!)
bedeutet: Zeig hier, was du kannst. Die Worte stammen
ursprünglich aus der
Fabel
"Der Prahlhans" von
Aesop
und galten als
Aufforderung an einen
Fünfkämpfer,
der wiederholt mit
seiner herausragenden Leistung beim
Weitsprung in Rhodos geprahlt hatte. Als seine
Gesprächspartner genug von seiner
Prahlerei hatten, forderten sie ihn auf, das
Geleistete hier und jetzt zu wiederholen.
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