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Lectio – meditatio – oratio
Versuch einer persönlichen Neubestimmung
Aus dem Äbtekongress 1996 ist mir ein Wort haften
geblieben. Da empfahl einer der Professoren von S. Anselmo in einem
Gesprächskreis den Äbten: „Bringen Sie Ihren jungen Leuten das Lesen
bei.“ Sein Rat war die Antwort auf die Frage, welche Voraussetzungen
Mitbrüder für ein Studium in Rom mitbringen sollten. Die Forderung des
Mitbuders und römischen Professors war frappierend einfach, - sie ist
einfach erschreckend, weil sie unterstellt, dass manche/viele/die
Studenten nicht lesen können, - sie stimmt nachdenklich: können wir
selbst lesen?
Bei der Visitation eines
Klosters stieß ich vor einigen Monaten auf die diffuse Spannung
zwischen zwei Gruppen im Konvent, ob die Gastabteilung weit geöffnet
sein solle oder nur jenen, die die „lectio divina“ pflegen und
vertiefen wollen. Der Gastmeister neigte der zweiten Richtung zu; aus
der anderen Gruppe wurde beklagt, dass die Zahl der Gäste stark
abgenommen habe.
Beide Beobachtungen – und
weitere darüber hinaus – lassen mich fragen, ob wir heute nicht neu
dem Inhalt des alten Begriffs „Lectio – Lesung“ nachspüren müssen.
Wie weit ist „Lesen“ auf das Alltagsverständnis der Umgangssprache
reduziert worden? Wie klar ist uns überhaupt noch inhaltlich das, was
wir im klösterlichen Umfeld als „lectio“ bezeichnen?
In dieses Fragen sind die klassischen Mönchsbegriffe „meditatio“
und „oratio“ einzubeziehen; ohne sie bleibt „lectio“ ein Torso.
Die folgenden Gedanken
wollen die Frage weder begriffsgeschichtlich noch spiritualitätstheologisch
bearbeiten und schon gar nicht wissenschaftlich. Sie sind ein Echo persönlicher
Erfahrung und deren Reflexion. („I write in order to find out what I
am thinking about.“ Edward F. Alby)
Tatsachen
wahrnehmen, - lesen
Eine der Grunderfahrungen,
die sich mir mehr und mehr eingeprägt haben, ist das Wissen und die Überzeugung,
dass „es“ mit mir nicht angefangen hat. Um mich selbst zu verstehen,
muss ich um mich herum schauen. Ich bin das Kind meiner Eltern und
vieler Generationen. Ich bin ein Mensch enger und weitgespannter
regionaler Geschichte, - einer definierten Landschaft, - eines
bestimmten Klosters, - ja, eines Klostergebäudes. Wenn es die globale „eine
Welt“ gibt, dann gibt es sie nur aus den Wurzeln der unendlich vielen
kleinen Einzelwelten. Was ich für mich glaube erkannt zu haben, sehe
ich als Notwendigkeit auch und gerade für das Verstehen der Mitbrüder.
Der eine benediktinische Mönchs- und Klostertraum ist eine Sache, die
als Norm überfordert, wenn ihr nicht der bunte Wurzelgrund der
einzelnen Mönche als Realität zur Seite gestellt wird.
Ich muss den Text meines
wirklichen Lebens und Ichs lesen lernen. Da hilft nicht weiter, in ihn
hineinzulesen, was ich gerne darin stehen hätte. Ich muss vielmehr
schauen und mehr und mehr dem nachgehen, was tatsächlich darin steht.
In den meisten Bibelgesprächen registriere ich eine schnelle Wiedergabe
eines Textes, die beileibe nicht das wiedergibt, was da steht, sondern
das, was der Lesende meint, dass es da steht. Es fließt so viel
Vorverständnis in das Lesen ein, dass der tatsächlich geschriebene
Text nicht wahrgenommen wird. Was steht wirklich und buchstäblich da?
– das ist die nüchtern erste Frage (oder doch eine der ersten
Fragen), die ich mir und anderen stelle.
Im Frühchor des Tages, da
ich diese Zeilen schreibe, stimmte der Offizium-Akolyth Ps 110 an: „So
spricht der Herr zu seinem Herrn ...“ An seiner Nicht-Reaktion merkte
ich (vorsichtiger gesagt: ich gewann den Eindruck), dass er seinen
Versprecher gar nicht bemerkt hat. Ein bloßer Versprecher / Verleser, -
ein Flüchtigkeitsfehler, - ein Moment der Unaufmerksamkeit, - ein
Signal, dass er noch nicht ganz wach war, - was auch immer, ... aber
schlicht und einfach sinnverändernd, - sinnverzerrend, - sinnlos. Denn
wir alle – der Offizium-Akolyth eingeschlossen – wissen, dass der
Vers lautet: „So spricht der Herr zu meinem Herrn ...“ Solche
Sprechschnitzer tauchen immer wieder auf, zumal bei jenen Mitbrüdern,
die glauben, die Psalmen auswendig zu können. Auf einmal (ver-) führt
sie eine bestimmte Wortfolge in einen ganz anderen Psalm oder lässt sie
einige Verse überspringen.
Die Frage „Was steht
da?“ ist eine Frage in die Bescheidenheit und in die Anerkenntnis,
dass da schon etwas steht und dass ich nicht vor einem leeren Blatt
stehe, dass ich mit dem Meinen nach Belieben füllen kann. Es mag sein,
dass ich das Vorgefundene nicht verstehe oder dass es mir nicht gefällt.
Aber zunächst ist es da und ich bin gefragt, ob ich es ernst nehme. Die
Schreiber (und die späteren Übersetzer) haben sich etwas gedacht, als
sie so und so schrieben. Es ist Höflichkeit und Respekt vor denen, die
vor mir waren, wenn ich ihre Texte zuerst einmal „wörtlich“, - ja,
„buchstäblich“ nehme. Nur wenn ich dem Text Autorität zubillige,
zeige ich selbst Souveränität und Autorität. Gedanken nach-denken
kann für das eigene Denken nur anregend sein.
Als Salomo seine Herrschaft
antrat, erbat er sich vom Herrn „ein hörendes Herz“ (1 Kön 3,9).
In den später geschriebenen Büchern der Chronik wird dieselbe
Geschichte noch einmal erzählt. Da bittet Salomo um „Weisheit und
Einsicht“ (2 Chron 1,10). Das hohe Lob salomonischer „Weisheit und
Einsicht“ ist nicht das Lob einer exzellenten abstrakten Theoriefähigkeit
des Königs. Die Weisheit Salomos ist das praktische und konkrete
Hinschauen auf das, was ist. Dieser genaue Blick, der sich nichts
vormachen lässt, ist die Wurzel der „salomonischen Urteile“, für
die er berühmt wurde. Benedikts Einstiegswort in seine Klosterregel
„Höre ...“ ist zunächst und zuerst Mahnung zu salomonisch nüchternem
und ehrlichem Wahrnehmen des „Buchstabens“ und aller
„Buchstaben.“
Ganz praktisch:
-
Beim Chorgebet rezitiere ich nicht auswendig, sondern habe immer
das Chorbuch in der Hand ... und schaue in den Text. Ich zweifle an
meiner Begabung, ganz beim Text zu sein und gleichzeitig in der Gegend
herumzuschauen.
-
Ich lese in meiner Bibel oftmals mit dem Bleistift in der Hand.
-
Ich lese immer mal wieder einen Text laut.
-
Gelegentlich schreibe ich einen Text auch ab.
-
Ich mache mir bewusst, dass auch ein alter Text lebt, indem ich
ihn mir er-lebe. Heute klingt er anders als gestern und morgen sagt er
noch einmal etwas anderes.
-
Ich bin nicht Meister über dem Text, sondern immer Lehrling vor
ihm.
Die
Dinge nicht stehen lassen, - sie bewegen
Der „Glaube an die
Druckerschwärze“ ist weit verbreitet. Was man „schwarz auf weiß“
hat, trägt das Sprichwort „getrost“ nach Hause; man „hat“ es.
Der Hinweis „... aber es steht doch in der Zeitung!“ ist immer
wieder einmal ein Alltagsbeweis für die Richtigkeit und Wahrheit
dessen, was da steht. Es ist ja auch so beruhigend, etwas „fest-zustellen.“
Was „im Fluss“ ist, ist im Unruhe-Zustand und beunruhigend. ...
aber: Der kantige Stein im Fluss wird bewegt, - seine Kanten runden
sich, - in langer Bewegung wird er eine „runde Sache“, die gut in
der Hand liegt.
Im Lukasevangelium heißt
es in der Geburtserzählung Jesu von Maria, dass sie die Ereignisse und
die Worte der Hirten nicht verstand, aber „sie bewahrte alles, was
geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (Lk 2,19
Einheitsübersetzung). „... dachte darüber nach?“ Fridolin Stier übersetzt
ein wenig anders: „Maria hielt all diese Worte verwahrt und fügte sie
in ihrem Herzen zusammen.“ Nachdenken ..., - zusammenfügen ..., - im
Griechischen steht das Verb „symballein“, von dem sich das
Substantiv „Symbol“ herleitet. Im Altertum zerbrachen zwei
Vertragspartner z.B. einen Ring. Wenn man sich gegenseitig einen Boten
sandte, dann legitimierte er sich vor dem Adressaten durch seine Ring-Hälfte.
Die beiden Hälften wurden zusammengefügt und ergaben sie ein Ganzes,
dann war der Bote legitimiert. Maria steht vor dem Puzzle der Ereignisse
und Wort, - sucht die Zusammenhänge, - sucht, sich ein Bild aus den
Einzelteilen zu machen. Wie passen die Teile zusammen?
Bei Goethe finden wir im
„Faust“ die berühmte Übersetzungsszene des ersten Verses des
Johannes-Evangeliums. Ich lese in dieser Szene die Sehnsucht nach
lebendigem Text und lebendiger Spiritualität. Ich erkenne in Goethes Übersetzungsdrang
und –weg wirklich weiterführende Schritte, aber es enttäuscht mich,
dass Goethes Faust den Weg mit einem „Ergebnis“ abschließt:
Aber ach! schon fühl’
ich bei dem besten Willen,
Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen.
Aber warum muss der Strom so bald versiegen,
Und wir wieder im Durste liegen?
Davon hab’ ich so viel Erfahrung.
Doch dieser Mangel lässt sich ersetzen,
Wir lernen das Überirdische schätzen,
Wir sehnen uns nach Offenbarung,
Die nirgends würd’ger und schöner brennt
Als in dem Neuen Testament.
Mich drängt’s, den Grundtext aufzuschlagen,
Mit redlichem Gefühl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen.
(Er schlägt ein Volum auf und schickt sich an.)
Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“
Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muss es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dass deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dies niederschreibe,
Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! auf einmal seh’ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!
Genau dieses „Heureka!“,
der „Trost“, etwas End-gültiges gefunden zu haben, ist der Abschied
von einer lebendigen Lectio und einer lebendigen Spiritualität. Ohne
jetzt Goethe und die Spiritualitätsssehnsucht seines Fausts auf diese
Szene reduzieren zu wollen, ist zunächst aber doch zu sagen: die Übersetzungs-Szene
endet hier. Sie hat eine in sich geschlossene Eigendynamik, - ein
Eigenleben gewonnen. Die Szene endet mit dem Ende eines Weges. Ob er
noch einmal neu aufgenommen und weitergeführt wird, ist nicht zu
erkennen.
Wenn wir einen Text auf den
Weg gebracht haben, dann wird auf ihn unterschiedliches Licht fallen,
das mal diese, mal jene Facette aufleuchten lässt. Der Text verlässt
seine vermeintliche Eindeutigkeit, - er gewinnt an Lebendigkeit, - an Möglichkeiten.
Wir können es auch weniger positiv sehen und sagen: Der Text ist nicht
so präzise, wie er vielleicht anfangs zu sein schien, - er ist viel
„schwammiger“, als mir vielleicht lieb ist.
„... als mir lieb ist.“
Wir müssen uns immer wieder neu bewusst machen, dass es nicht darum
gehen kann, einen Text „lieb“ zu machen. Ein „lieber“ Text ist
stumpf. Ich bin skeptisch, wenn ich merke, dass ein Text sein Feuer
verloren hat und nicht mehr „heiß“ ist, sondern nur noch
„warm“, „brav“, „handlich“ ist. Es kommt darauf an, seinen
Punkt, - seine Pointe, - seine Spitze, seine Schärfe und Schneide zu
erkennen.
Es ist anregend und
aufregend, einen Text als „fremden“ Text zu entdecken. Der fremde
Text steht dem Leser gegenüber. Er ist noch nicht vereinnahmt, - noch
nicht erobert. Damit stellt er Fragen, wie ich an ihn herankomme und wie
ich in ihn eindringe. Er fordert mich in meiner Phantasie heraus. Er
setzt Kräfte in mir selbst frei, die in mir schlummern und mich verändern,
wenn ich sie wirken lasse. An einem „fremden“ Text wachse ich über
mich selbst hinaus.
Im Umgang mit biblischen
Texten und in langer Verkündigungs- und Klostererfahrung stelle ich bei
mir selbst fest, dass mir allzu viele Texte, Gedanken, und auch klösterliche
Usanzen glatt, allzu glatt geworden sind. Die Zahnräder greifen nicht
mehr frisch und griffig ineinander. Das Spiritualitätsgetriebe klappert
und eiert. Ich bin Insider und erreiche nur noch Insider wie mich. –
Ich hoffe zwar, dass diese spitze Analyse so nicht stimmt, aber ich sehe
die menschen- und systemimmanente Gefahr, das es so werden und sein
kann.
Mir sind hier Äußerungen
der Benediktsregel über den Umgang der Brüder miteinander und mit den
Gästen ein wertvoller Hinweis. Der Mitbruder ist in der Regel durchaus
immer als ein „Fremder“ präsent, der in seiner Eigenart anders ist
als ich. Die jüngeren Mitbrüder haben offensichtlich „jüngere“
Gedanken als die älteren (RB 3). Der Mönch aus einem anderen Kloster
sieht in meinem Kloster Dinge, für die ich blind geworden bin (RB 61).
Und überhaupt kommen Gäste zu passenden, aber eben auch zu unpassenden
Zeiten (RB 53,16). So allgemein diese Hinweise sind, sie mahnen mich,
das „Übliche“ nicht zur rigiden normativen Norm zu machen. Sie sind
eine Einladung, das Unübliche, - nicht Gängige, - Un-passende
zuzulassen, - zu prüfen, - damit umzugehen, um das Bereichernde in ihm
wahr- und aufzunehmen.
Aus meinem Kloster stelle
ich überrascht fest, dass relativ zahlreich Gastanfragen von Menschen
an uns herankommen, die vor Jahren zur Kirche, zum Glauben oder ganz
allgemein zur Sinnfrage des Lebens auf Distanz gegangen sind. Ob sie nun
durch den Medientrend der Berichte über Klosteraufenthalte oder die
niedrige Schwelle des Internetsurfens auf die Klöster gestoßen sind,
braucht nicht geklärt zu werden. Anders als in der „Kirche“
vermuten sie in den Klöstern „Leseschulen des Lebens“. Als „Schüler“
stellen sie sich die Frage ihres Lebens und mit ihrem Fragen stellen sie
uns ganz neu vor die Frage unserer „Lesekunst Gottes“. Das ist wohl
kaum die klassische „lectio divina“ von und mit christkatholischen
Insidern, aber es ist eine Lektion in „lectio divina“, die die
fromme Engführung der „lectio“ aufbricht. Diese Menschen sind eine
Bereicherung, weil sie in „fremden Sprachen“ (Pfingsten) reden und
von uns eine „neue Sprache“ (vgl. Matth 7,28f) der Antwort
verlangen. Wie weit wir im Gespräch kommen, wird offen bleiben müssen,
aber das Gespräch an sich ist schon weiterführend, - für den Gesprächspartner
und für uns selbst. - „Seid
stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung
fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15).
Ganz praktisch
-
Ich mache mir bewusst, dass es nie „fertige, richtige
Antworten“ gibt, sondern nur Antworten in wachsenden Ringen.
-
Ich mache mir bewusst, dass ich als dieser Mensch mit dieser
Herkunft und Umgebung, diesem Lebens weg, dieser Ausbildung usw. usw.
einen nur winzigen Aspekt des Textes in den Blick gewinnt. Schon in
wenigen Jahren sehe ich ganz anderes. Und ein anderer – geschweige
denn die anderen – sieht vieles, was ich nicht sehe.
-
Ich mache mir bewusst, dass nicht nur Menschen, Gedanken, Worte
Gesprächspartner sind, sondern auch Ereignisse, Landschaften, Umstände
...
-
Es gibt keine feindlich-fremden Gedanken über den Text. Die, die
mir so erscheinen, mögen überraschend-fremd sein, können so aber überraschend
bereichernd sein.
-
Es ist immer gut, den Text mit anderen Worten neu zu übersetzen
und den atmosphärischen Veränderungen nachzuspüren, die sich dabei
ergeben, - gewissermaßen von der Muttersprache in meine Sprache.
-
Jedes Wort weckt in seiner Sprachheimat ganz eigene
Assoziationen. Sie sind Farbtupfer, deren Wahrnehmung das Bild bunter
macht.
-
Es ist gut, mit einer Bibelübersetzung vertraut zu sein [- das
bewundere ich an der hartnäckigen Treue unserer evangelischen Brüder
und Schwestern zum Luthertext -]. Es ist bereichernd, immer wieder
einmal zu einer „fremden“ Übersetzung zu greifen. Keine hat alles,
- jede hat ein gewisses „Etwas“.
Mit
einem Text leben, - ihn reifen lassen
Es hat wenig Sinn einen
Text „auf: Teufel, komm heraus!“ für das geistliche Leben in den
Griff bekommen zu wollen. Es ist das Leben, - der Umgang mit dem Wort,
das ihm – und mir – Leben schenkt.
Im Begriff „Umgang“
entdecke ich die Vielfalt der An-Sichten, - die Standpunkt-Wechsel des
Betrachtens, - eine gewisse Zeitdauer und Geduld, - ein Weg-Spatium, -
ein verweilendes Staunen. Wörtlich
gesehen ist der Umgang ein Drum-herum-Gehen um einen Gegenstand. Max
Frisch hat einmal sein Schreiben als ein Um-Schreiben, als ein
Drum-herum-Schreiben bezeichnet. Dieses Drum-herum-Schreiben ist für
ihn keine billige Entschuldigung für einen Mangel an glasklar-gläserne
Durchschaubarkeit, sondern die positive Entscheidung, seinem Gegenstand
nicht vergewaltigende Gewalt anzutun. Es ist Ausdruck der Ehrfurcht vor
seinem Wert und der in ihm verborgenen Kraft, die nicht auf Betrachtermaß
zurechtgestutzt werden.
In Psalm 48,13-15 lese ich
beispiel- und bildhaft für solchen Umgang mit dem Wort: „|13|Umkreist
den Zion / umschreitet ihn, zählt seine Türme! |14| Betrachtet seine Wälle,
/ geht in seinen Palästen umher, / damit ihr dem kommenden Geschlecht
erzählen könnt: |15| ‚Das ist Gott, unser Gott für immer und ewig.
/ Er wird uns führen in Ewigkeit.’“
Leben in und mit einem Text
oder einem einzelnen Wort ist zugleich Leben dieses Wortes in mir. In
diesem wechselseitigen Ineinander verwirklicht sich ein Dialog, in dem
das Wort und ich selbst sich verändern. Wahrscheinlich ist es mehr als
angreifbar zu sagen, dass nicht nur der Mensch, sondern auch Gott sich
in diesem Dialog verändert, aber vielleicht ist genau das gemeint, wenn
die christliche Tradition vom Wachsen des Reiches Gottes und der
Hoffnung auf sein Kommen spricht.
Die „oratio“ der Trias
„lectio – meditatio – oratio“ im angedeuteten Sinn wäre danach
weniger ein besonderer mystischer Höhenflug, sondern ein recht alltägliches,
bodenständiges Geschehen. Es ist der Weg des Alltags, der mit Gott
gestaltet wird. Es ist ein Geschehen geduldiger Schwangerschaft in der
Erwartung und Vorfreude, dass dabei „etwas herauskommt“. Wilhelm
Bruners hat es für das Psalmenbeten einmal so formuliert „Ich atme
die alten / Heilworte in meine / Tagängste / und bin / guter
Hoffnung.“ Wenn ich dem Zeilensprung der beiden letzten Gedichtzeilen
nachspüre, dann interpretiere ich: Im (alltäglichen) „Atmen“ des
Wortes wird und ist der Beter ganz er selbst und gleichzeitig dynamisch
auf Neues hingeordnet: „guter Hoffnung“.
Ganz praktisch ( - einfach
so, was gar nicht so einfach ist):
-
Geduld groß schreiben! Geistliche Schnellschüsse verfehlen
meist das Ziel.
-
Nicht viele Wörter, sondern ein Wort sammeln, - es atmen, - es
durch-atmen und sich er-leben. „Wir würden mehr verstehen, wenn wir
weniger wissen wollten“ (Goethe).
-
Glauben, dass Gott überall ist und ihm erlauben, wirklich überall
zu sein. Das befreit ihn aus den goldenen Käfigen der Liturgien und
Gebeteworten. Das gibt ihm Freiheit in unser Leben hinein.
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Gelassenheit gegenüber der Frage, ob ich genug und gut genug
bete. Vielleicht bete ich nicht viel und oft, aber wenn ich in der
Gegenwart Gottes lebe, dann bin ich ein Beter.
-
und:
Nicht müde werden!
Sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.
Hilde Domin
Abt Albert
Altenähr OSB
030310
PS: Den obigen Text begleitet die Farblithographie
„David und Bathseba“ von Marc Chagall (1956). Ich habe sie ausgewählt,
weil sie „Lern- und Lesestoff“ für das von mir Angedeutete sein könnte.
Ich habe sie dreimal in den Text eingefügt, weil ich überzeugt bin,
dass in jedem einzelnen Gedankengang immer das Ganze gegenwärtig ist.
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