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Benediktinisches
ora et labora - Nutzen für alle

Oblationsfeier 9.1.2010

Chorgebet u. Choralgesang

Ulrichs- und Benediktuskreuz

Die Stimme der Herrn, der uns einlädt

Christi Liebe nichts vorziehen

Benedikt XVI. über Benedikt

Hören - ankommen

stabilitas und Gottsuche

Die Benediktus-Medaille
des Klosters Weingarten

Kloster ist wie Golf

Hier bin ich

Verabschiedung von
Abt Albert

Die Quelle

Mit geistlicher Freude Ostern

Moritat vom verlorenen Heiligenschein - Demut

Neige dein Ohr - RB Prol 1

nie alles gleichzeitig

Im Alltag Gott

Mönchtum für die Kirche

auf Seinen heiligen Berg

Gott suchen - ihm nach-
gehen wie ein Späher

Das Ohr des Herzens

Gehorsam

Klösterlicher Lebenswandel

Ent-scheidung
Einkleidung am 11.1.2004

Christus Abbas

opprobia - zu RB 58,7

Christus nichts vorziehen

An einen jungen Dichter

Suche mehr, als du suchst!

Benedikt kurzgefasst

Lectio meditatio oratio

Der Gast und das Schweigen im Kloster

Demut RB 7
 

"In Klausur gehen..."
 

Ora et Labora
Prüfe und handle

Ein Gott der Überraschungen

Unterwegs zum Menschsein


Die Benedikt-Medaille
Crux S. Patris Benedicti

Stabilitas

Benediktsregel cap. 58
Weite der Grenze
Investitionsbereitschaft
Magnetfeld des Lebens

Kirchenjahr / Feste

Gedanken zu
Psalmen

Anfänge

weitere Texte

 

Lectio – meditatio – oratio
Versuch einer persönlichen Neubestimmung

Aus dem Äbtekongress 1996 ist mir ein Wort haften geblieben. Da empfahl einer der Professoren von S. Anselmo in einem Gesprächskreis den Äbten: „Bringen Sie Ihren jungen Leuten das Lesen bei.“ Sein Rat war die Antwort auf die Frage, welche Voraussetzungen Mitbrüder für ein Studium in Rom mitbringen sollten. Die Forderung des Mitbuders und römischen Professors war frappierend einfach, - sie ist einfach erschreckend, weil sie unterstellt, dass manche/viele/die Studenten nicht lesen können, - sie stimmt nachdenklich: können wir selbst lesen?

Bei der Visitation eines Klosters stieß ich vor einigen Monaten auf die diffuse Spannung zwischen zwei Gruppen im Konvent, ob die Gastabteilung weit geöffnet sein solle oder nur jenen, die die „lectio divina“ pflegen und vertiefen wollen. Der Gastmeister neigte der zweiten Richtung zu; aus der anderen Gruppe wurde beklagt, dass die Zahl der Gäste stark abgenommen habe.

Beide Beobachtungen – und weitere darüber hinaus – lassen mich fragen, ob wir heute nicht neu dem Inhalt des alten Begriffs „Lectio – Lesung“ nachspüren müssen. Wie weit ist „Lesen“ auf das Alltagsverständnis der Umgangssprache reduziert worden? Wie klar ist uns überhaupt noch inhaltlich das, was wir im klösterlichen Umfeld als „lectio“ bezeichnen?  In dieses Fragen sind die klassischen Mönchsbegriffe „meditatio“ und „oratio“ einzubeziehen; ohne sie bleibt „lectio“ ein Torso.

Die folgenden Gedanken wollen die Frage weder begriffsgeschichtlich noch spiritualitätstheologisch bearbeiten und schon gar nicht wissenschaftlich. Sie sind ein Echo persönlicher Erfahrung und deren Reflexion. („I write in order to find out what I am thinking about.“ Edward F. Alby)

 

Tatsachen wahrnehmen, - lesen

Eine der Grunderfahrungen, die sich mir mehr und mehr eingeprägt haben, ist das Wissen und die Überzeugung, dass „es“ mit mir nicht angefangen hat. Um mich selbst zu verstehen, muss ich um mich herum schauen. Ich bin das Kind meiner Eltern und vieler Generationen. Ich bin ein Mensch enger und weitgespannter regionaler Geschichte, - einer definierten Landschaft, - eines bestimmten Klosters,  - ja, eines Klostergebäudes. Wenn es die globale „eine Welt“ gibt, dann gibt es sie nur aus den Wurzeln der unendlich vielen kleinen Einzelwelten. Was ich für mich glaube erkannt zu haben, sehe ich als Notwendigkeit auch und gerade für das Verstehen der Mitbrüder. Der eine benediktinische Mönchs- und Klostertraum ist eine Sache, die als Norm überfordert, wenn ihr nicht der bunte Wurzelgrund der einzelnen Mönche als Realität zur Seite gestellt wird.

Ich muss den Text meines wirklichen Lebens und Ichs lesen lernen. Da hilft nicht weiter, in ihn hineinzulesen, was ich gerne darin stehen hätte. Ich muss vielmehr schauen und mehr und mehr dem nachgehen, was tatsächlich darin steht. In den meisten Bibelgesprächen registriere ich eine schnelle Wiedergabe eines Textes, die beileibe nicht das wiedergibt, was da steht, sondern das, was der Lesende meint, dass es da steht. Es fließt so viel Vorverständnis in das Lesen ein, dass der tatsächlich geschriebene Text nicht wahrgenommen wird. Was steht wirklich und buchstäblich da? – das ist die nüchtern erste Frage (oder doch eine der ersten Fragen), die ich mir und anderen stelle.

Im Frühchor des Tages, da ich diese Zeilen schreibe, stimmte der Offizium-Akolyth Ps 110 an: „So spricht der Herr zu seinem Herrn ...“ An seiner Nicht-Reaktion merkte ich (vorsichtiger gesagt: ich gewann den Eindruck), dass er seinen Versprecher gar nicht bemerkt hat. Ein bloßer Versprecher / Verleser, - ein Flüchtigkeitsfehler, - ein Moment der Unaufmerksamkeit, - ein Signal, dass er noch nicht ganz wach war, - was auch immer, ... aber schlicht und einfach sinnverändernd, - sinnverzerrend, - sinnlos. Denn wir alle – der Offizium-Akolyth eingeschlossen – wissen, dass der Vers lautet: „So spricht der Herr zu meinem Herrn ...“ Solche Sprechschnitzer tauchen immer wieder auf, zumal bei jenen Mitbrüdern, die glauben, die Psalmen auswendig zu können. Auf einmal (ver-) führt sie eine bestimmte Wortfolge in einen ganz anderen Psalm oder lässt sie einige Verse überspringen.

Die Frage „Was steht da?“ ist eine Frage in die Bescheidenheit und in die Anerkenntnis, dass da schon etwas steht und dass ich nicht vor einem leeren Blatt stehe, dass ich mit dem Meinen nach Belieben füllen kann. Es mag sein, dass ich das Vorgefundene nicht verstehe oder dass es mir nicht gefällt. Aber zunächst ist es da und ich bin gefragt, ob ich es ernst nehme. Die Schreiber (und die späteren Übersetzer) haben sich etwas gedacht, als sie so und so schrieben. Es ist Höflichkeit und Respekt vor denen, die vor mir waren, wenn ich ihre Texte zuerst einmal „wörtlich“, - ja, „buchstäblich“ nehme. Nur wenn ich dem Text Autorität zubillige, zeige ich selbst Souveränität und Autorität. Gedanken nach-denken kann für das eigene Denken nur anregend sein.

Als Salomo seine Herrschaft antrat, erbat er sich vom Herrn „ein hörendes Herz“ (1 Kön 3,9). In den später geschriebenen Büchern der Chronik wird dieselbe Geschichte noch einmal erzählt. Da bittet Salomo um „Weisheit und Einsicht“ (2 Chron 1,10). Das hohe Lob salomonischer „Weisheit und Einsicht“ ist nicht das Lob einer exzellenten abstrakten Theoriefähigkeit des Königs. Die Weisheit Salomos ist das praktische und konkrete Hinschauen auf das, was ist. Dieser genaue Blick, der sich nichts vormachen lässt, ist die Wurzel der „salomonischen Urteile“, für die er berühmt wurde. Benedikts Einstiegswort in seine Klosterregel „Höre ...“ ist zunächst und zuerst Mahnung zu salomonisch nüchternem und ehrlichem Wahrnehmen des „Buchstabens“ und aller „Buchstaben.“

Ganz praktisch:

-          Beim Chorgebet rezitiere ich nicht auswendig, sondern habe immer das Chorbuch in der Hand ... und schaue in den Text. Ich zweifle an meiner Begabung, ganz beim Text zu sein und gleichzeitig in der Gegend herumzuschauen.

-          Ich lese in meiner Bibel oftmals mit dem Bleistift in der Hand.

-          Ich lese immer mal wieder einen Text laut.

-          Gelegentlich schreibe ich einen Text auch ab.

-          Ich mache mir bewusst, dass auch ein alter Text lebt, indem ich ihn mir er-lebe. Heute klingt er anders als gestern und morgen sagt er noch einmal etwas anderes.

-          Ich bin nicht Meister über dem Text, sondern immer Lehrling vor ihm.

 

 

Die Dinge nicht stehen lassen, - sie bewegen

Der „Glaube an die Druckerschwärze“ ist weit verbreitet. Was man „schwarz auf weiß“ hat, trägt das Sprichwort „getrost“ nach Hause; man „hat“ es. Der Hinweis „... aber es steht doch in der Zeitung!“ ist immer wieder einmal ein Alltagsbeweis für die Richtigkeit und Wahrheit dessen, was da steht. Es ist ja auch so beruhigend, etwas „fest-zustellen.“ Was „im Fluss“ ist, ist im Unruhe-Zustand und beunruhigend. ... aber: Der kantige Stein im Fluss wird bewegt, - seine Kanten runden sich, - in langer Bewegung wird er eine „runde Sache“, die gut in der Hand liegt.

Im Lukasevangelium heißt es in der Geburtserzählung Jesu von Maria, dass sie die Ereignisse und die Worte der Hirten nicht verstand, aber „sie bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (Lk 2,19 Einheitsübersetzung). „... dachte darüber nach?“ Fridolin Stier übersetzt ein wenig anders: „Maria hielt all diese Worte verwahrt und fügte sie in ihrem Herzen zusammen.“ Nachdenken ..., - zusammenfügen ..., - im Griechischen steht das Verb „symballein“, von dem sich das Substantiv „Symbol“ herleitet. Im Altertum zerbrachen zwei Vertragspartner z.B. einen Ring. Wenn man sich gegenseitig einen Boten sandte, dann legitimierte er sich vor dem Adressaten durch seine Ring-Hälfte. Die beiden Hälften wurden zusammengefügt und ergaben sie ein Ganzes, dann war der Bote legitimiert. Maria steht vor dem Puzzle der Ereignisse und Wort, - sucht die Zusammenhänge, - sucht, sich ein Bild aus den Einzelteilen zu machen. Wie passen die Teile zusammen?

Bei Goethe finden wir im „Faust“ die berühmte Übersetzungsszene des ersten Verses des Johannes-Evangeliums. Ich lese in dieser Szene die Sehnsucht nach lebendigem Text und lebendiger Spiritualität. Ich erkenne in Goethes Übersetzungsdrang und –weg wirklich weiterführende Schritte, aber es enttäuscht mich, dass Goethes Faust den Weg mit einem „Ergebnis“ abschließt:

Aber ach! schon fühl’ ich bei dem besten Willen,
Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen.
Aber warum muss der Strom so bald versiegen,
Und wir wieder im Durste liegen?
Davon hab’ ich so viel Erfahrung.
Doch dieser Mangel lässt sich ersetzen,
Wir lernen das Überirdische schätzen,
Wir sehnen uns nach Offenbarung,
Die nirgends würd’ger und schöner brennt
Als in dem Neuen Testament.
Mich drängt’s, den Grundtext aufzuschlagen,
Mit redlichem Gefühl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen.
(Er schlägt ein Volum auf und schickt sich an.)
Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“
Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muss es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dass deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dies niederschreibe,
Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! auf einmal seh’ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

 

Genau dieses „Heureka!“, der „Trost“, etwas End-gültiges gefunden zu haben, ist der Abschied von einer lebendigen Lectio und einer lebendigen Spiritualität. Ohne jetzt Goethe und die Spiritualitätsssehnsucht seines Fausts auf diese Szene reduzieren zu wollen, ist zunächst aber doch zu sagen: die Übersetzungs-Szene endet hier. Sie hat eine in sich geschlossene Eigendynamik, - ein Eigenleben gewonnen. Die Szene endet mit dem Ende eines Weges. Ob er noch einmal neu aufgenommen und weitergeführt wird, ist nicht zu erkennen.

Wenn wir einen Text auf den Weg gebracht haben, dann wird auf ihn unterschiedliches Licht fallen, das mal diese, mal jene Facette aufleuchten lässt. Der Text verlässt seine vermeintliche Eindeutigkeit, - er gewinnt an Lebendigkeit, - an Möglichkeiten. Wir können es auch weniger positiv sehen und sagen: Der Text ist nicht so präzise, wie er vielleicht anfangs zu sein schien, - er ist viel „schwammiger“, als mir vielleicht lieb ist.

„... als mir lieb ist.“ Wir müssen uns immer wieder neu bewusst machen, dass es nicht darum gehen kann, einen Text „lieb“ zu machen. Ein „lieber“ Text ist stumpf. Ich bin skeptisch, wenn ich merke, dass ein Text sein Feuer verloren hat und nicht mehr „heiß“ ist, sondern nur noch „warm“, „brav“, „handlich“ ist. Es kommt darauf an, seinen Punkt, - seine Pointe, - seine Spitze, seine Schärfe und Schneide zu erkennen.

Es ist anregend und aufregend, einen Text als „fremden“ Text zu entdecken. Der fremde Text steht dem Leser gegenüber. Er ist noch nicht vereinnahmt, - noch nicht erobert. Damit stellt er Fragen, wie ich an ihn herankomme und wie ich in ihn eindringe. Er fordert mich in meiner Phantasie heraus. Er setzt Kräfte in mir selbst frei, die in mir schlummern und mich verändern, wenn ich sie wirken lasse. An einem „fremden“ Text wachse ich über mich selbst hinaus.

Im Umgang mit biblischen Texten und in langer Verkündigungs- und Klostererfahrung stelle ich bei mir selbst fest, dass mir allzu viele Texte, Gedanken, und auch klösterliche Usanzen glatt, allzu glatt geworden sind. Die Zahnräder greifen nicht mehr frisch und griffig ineinander. Das Spiritualitätsgetriebe klappert und eiert. Ich bin Insider und erreiche nur noch Insider wie mich. – Ich hoffe zwar, dass diese spitze Analyse so nicht stimmt, aber ich sehe die menschen- und systemimmanente Gefahr, das es so werden und sein kann.

Mir sind hier Äußerungen der Benediktsregel über den Umgang der Brüder miteinander und mit den Gästen ein wertvoller Hinweis. Der Mitbruder ist in der Regel durchaus immer als ein „Fremder“ präsent, der in seiner Eigenart anders ist als ich. Die jüngeren Mitbrüder haben offensichtlich „jüngere“ Gedanken als die älteren (RB 3). Der Mönch aus einem anderen Kloster sieht in meinem Kloster Dinge, für die ich blind geworden bin (RB 61). Und überhaupt kommen Gäste zu passenden, aber eben auch zu unpassenden Zeiten (RB 53,16). So allgemein diese Hinweise sind, sie mahnen mich, das „Übliche“ nicht zur rigiden normativen Norm zu machen. Sie sind eine Einladung, das Unübliche, - nicht Gängige, - Un-passende zuzulassen, - zu prüfen, - damit umzugehen, um das Bereichernde in ihm wahr- und aufzunehmen.

Aus meinem Kloster stelle ich überrascht fest, dass relativ zahlreich Gastanfragen von Menschen an uns herankommen, die vor Jahren zur Kirche, zum Glauben oder ganz allgemein zur Sinnfrage des Lebens auf Distanz gegangen sind. Ob sie nun durch den Medientrend der Berichte über Klosteraufenthalte oder die niedrige Schwelle des Internetsurfens auf die Klöster gestoßen sind, braucht nicht geklärt zu werden. Anders als in der „Kirche“ vermuten sie in den Klöstern „Leseschulen des Lebens“. Als „Schüler“ stellen sie sich die Frage ihres Lebens und mit ihrem Fragen stellen sie uns ganz neu vor die Frage unserer „Lesekunst Gottes“. Das ist wohl kaum die klassische „lectio divina“ von und mit christkatholischen Insidern, aber es ist eine Lektion in „lectio divina“, die die fromme Engführung der „lectio“ aufbricht. Diese Menschen sind eine Bereicherung, weil sie in „fremden Sprachen“ (Pfingsten) reden und von uns eine „neue Sprache“ (vgl. Matth 7,28f) der Antwort verlangen. Wie weit wir im Gespräch kommen, wird offen bleiben müssen, aber das Gespräch an sich ist schon weiterführend, - für den Gesprächspartner und für uns selbst. -  „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15).

Ganz praktisch

-          Ich mache mir bewusst, dass es nie „fertige, richtige Antworten“ gibt, sondern nur Antworten in wachsenden Ringen.

-          Ich mache mir bewusst, dass ich als dieser Mensch mit dieser Herkunft und Umgebung, diesem Lebens weg, dieser Ausbildung usw. usw. einen nur winzigen Aspekt des Textes in den Blick gewinnt. Schon in wenigen Jahren sehe ich ganz anderes. Und ein anderer – geschweige denn die anderen – sieht vieles, was ich nicht sehe.

-          Ich mache mir bewusst, dass nicht nur Menschen, Gedanken, Worte Gesprächspartner sind, sondern auch Ereignisse, Landschaften, Umstände ...

-          Es gibt keine feindlich-fremden Gedanken über den Text. Die, die mir so erscheinen, mögen überraschend-fremd sein, können so aber überraschend bereichernd sein.

-          Es ist immer gut, den Text mit anderen Worten neu zu übersetzen und den atmosphärischen Veränderungen nachzuspüren, die sich dabei ergeben, - gewissermaßen von der Muttersprache in meine Sprache.

-          Jedes Wort weckt in seiner Sprachheimat ganz eigene Assoziationen. Sie sind Farbtupfer, deren Wahrnehmung das Bild bunter macht.

-          Es ist gut, mit einer Bibelübersetzung vertraut zu sein [- das bewundere ich an der hartnäckigen Treue unserer evangelischen Brüder und Schwestern zum Luthertext -]. Es ist bereichernd, immer wieder einmal zu einer „fremden“ Übersetzung zu greifen. Keine hat alles, - jede hat ein gewisses „Etwas“.

Mit einem Text leben, - ihn reifen lassen

Es hat wenig Sinn einen Text „auf: Teufel, komm heraus!“ für das geistliche Leben in den Griff bekommen zu wollen. Es ist das Leben, - der Umgang mit dem Wort, das ihm – und mir – Leben schenkt.

Im Begriff „Umgang“ entdecke ich die Vielfalt der An-Sichten, - die Standpunkt-Wechsel des Betrachtens, - eine gewisse Zeitdauer und Geduld, - ein Weg-Spatium, - ein verweilendes Staunen.  Wörtlich gesehen ist der Umgang ein Drum-herum-Gehen um einen Gegenstand. Max Frisch hat einmal sein Schreiben als ein Um-Schreiben, als ein Drum-herum-Schreiben bezeichnet. Dieses Drum-herum-Schreiben ist für ihn keine billige Entschuldigung für einen Mangel an glasklar-gläserne Durchschaubarkeit, sondern die positive Entscheidung, seinem Gegenstand nicht vergewaltigende Gewalt anzutun. Es ist Ausdruck der Ehrfurcht vor seinem Wert und der in ihm verborgenen Kraft, die nicht auf Betrachtermaß zurechtgestutzt werden.

In Psalm 48,13-15 lese ich beispiel- und bildhaft für solchen Umgang mit dem Wort: „|13|Umkreist den Zion / umschreitet ihn, zählt seine Türme! |14| Betrachtet seine Wälle, / geht in seinen Palästen umher, / damit ihr dem kommenden Geschlecht erzählen könnt: |15| ‚Das ist Gott, unser Gott für immer und ewig. / Er wird uns führen in Ewigkeit.’“ 

Leben in und mit einem Text oder einem einzelnen Wort ist zugleich Leben dieses Wortes in mir. In diesem wechselseitigen Ineinander verwirklicht sich ein Dialog, in dem das Wort und ich selbst sich verändern. Wahrscheinlich ist es mehr als angreifbar zu sagen, dass nicht nur der Mensch, sondern auch Gott sich in diesem Dialog verändert, aber vielleicht ist genau das gemeint, wenn die christliche Tradition vom Wachsen des Reiches Gottes und der Hoffnung auf sein Kommen spricht.

Die „oratio“ der Trias „lectio – meditatio – oratio“ im angedeuteten Sinn wäre danach weniger ein besonderer mystischer Höhenflug, sondern ein recht alltägliches, bodenständiges Geschehen. Es ist der Weg des Alltags, der mit Gott gestaltet wird. Es ist ein Geschehen geduldiger Schwangerschaft in der Erwartung und Vorfreude, dass dabei „etwas herauskommt“. Wilhelm Bruners hat es für das Psalmenbeten einmal so formuliert „Ich atme die alten / Heilworte in meine / Tagängste / und bin / guter Hoffnung.“ Wenn ich dem Zeilensprung der beiden letzten Gedichtzeilen nachspüre, dann interpretiere ich: Im (alltäglichen) „Atmen“ des Wortes wird und ist der Beter ganz er selbst und gleichzeitig dynamisch auf Neues hingeordnet: „guter Hoffnung“.

Ganz praktisch ( - einfach so, was gar nicht so einfach ist):

-          Geduld groß schreiben! Geistliche Schnellschüsse verfehlen meist das Ziel.

-          Nicht viele Wörter, sondern ein Wort sammeln, - es atmen, - es durch-atmen und sich er-leben. „Wir würden mehr verstehen, wenn wir weniger wissen wollten“ (Goethe).

-          Glauben, dass Gott überall ist und ihm erlauben, wirklich überall zu sein. Das befreit ihn aus den goldenen Käfigen der Liturgien und Gebeteworten. Das gibt ihm Freiheit in unser Leben hinein.

-          Gelassenheit gegenüber der Frage, ob ich genug und gut genug bete. Vielleicht bete ich nicht viel und oft, aber wenn ich in der Gegenwart Gottes lebe, dann bin ich ein Beter.

-          und: 

Nicht müde werden!
Sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Hilde Domin

Abt Albert Altenähr OSB
030310

PS: Den obigen Text begleitet die Farblithographie „David und Bathseba“ von Marc Chagall (1956). Ich habe sie ausgewählt, weil sie „Lern- und Lesestoff“ für das von mir Angedeutete sein könnte. Ich habe sie dreimal in den Text eingefügt, weil ich überzeugt bin, dass in jedem einzelnen Gedankengang immer das Ganze gegenwärtig ist.

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