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„Neige dein Ohr“
RB
Prolog 1 und Ps 78
„Höre,
mein Sohn,“ so beginnt die Regel des heiligen Benedikt, „auf die Weisung
des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des
gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat!“ … und dann
folgen die Regel, - ihre Regeln, - ihre Regulierungen des klösterlichen
Lebens.
Wenn ich
das Wort „Weisung“ in mir nachklingen lasse, dann klingt es zwar nicht
ganz so hart wie die Wörter „Gesetz“ oder „Gebot“, aber von der Sache
her ist es doch nicht so ganz anders. So sympathisch die „Weis-heit“
ist, die ich entdecke, so klar ist die „An-weisung“, was ich tun soll
oder tun sollte: „… erfülle durch die Tat.“
Doch will
ich mich nicht abschrecken lassen. Ich bin auf eine Spur gesetzt: ein
vermeintlich eindeutig zu verstehendes Wort erhält durch inhaltlich
verwandte Worte eine viel größere Weite, als mir die Alltagssprache nahe
legt. Gesetz ist nicht einfach … Gesetz., - Gebot nicht einfach … Gebot.
Psalm 119, der das Lob des alten jüdischen Gesetzes singt, variiert das
eine Gemeinte mit einer Vielfalt von Worten: Weisung, Zeugnis, Weg,
Gesetz, Gebot, Entscheid des Herrn usw. usw. In jedem dieser anderen
Worte tauchen neue Bei- und Zwischentöne auf, die das Eine und
vermeintlich Eindeutige klingender und reicher werden lassen. Ich möchte
nicht auf diesen Reichtum verzichten. Dieser Gewinn an Musik entbindet
mich zwar nicht vom „Tun“, aber es verwandelt die Härte des „Gebotes“ in
die Verlockung eines „An-gebots“.
Irgendwann ist mir aufgefallen, dass Psalm 78 ganz ähnlich beginnt wie
die Regel des heiligen Benedikt, - dass dieser Psalmenbeginn mit einem
Wort ähnlich spielerisch umgeht, wie ich es gerade für Psalm 119
angedeutet habe, - und dass das, was der Psalm ausbreitet, noch einmal
einen ganz neuen Akzent in die Deutung der Benediktregel einbringen
kann.
1 Mein Volk, lausche
meiner Weisung! *
Neigt euer Ohr den Worten meines Mundes!
2 Meinen Mund will ich öffnen zum
Spruch, *
Rätsel der Vorzeit will ich künden.
3 Was wir gehört und erfahren, *
was uns die Väter erzählten,
4 das wollen wir vor ihren Kindern
nicht verbergen, *
dem kommenden Geschlecht wollen wir’s erzählen:
die Ruhmestaten des
Herrn und seine Stärke, *
die Wunder, die er getan hat.
5 Er richtete ein Zeugnis auf in
Jakob, *
Weisung gab er in Israel,
da er unseren Vätern gebot, *
6 all das bekannt zu machen ihren
Kindern,
damit das kommende Geschlecht davon erfahre, *
die später geborenen Kinder.
Die wieder sollen aufstehn und es ihren Kindern erzählen, *
7 damit sie auf Gott ihr Vertrauen
setzen:
sie sollen Gottes Taten nicht vergessen *
und seine Befehle halten.
Der
Psalmensänger spricht eingangs von seiner „Weisung“, was er dann als
„Wort seines Mundes“ und als „Spruch“ variiert.
Das, was
er sagen will, nennt er zunächst „Rätsel der Vorzeit“. Im weiteren
spricht er von den „Ruhmestaten des HERRN“, seiner „Stärke“, seinen
„Wundern“, dem „Zeugnis“, deren Erzählungen schlussendlich dahin führen
wollen, Jahwes Befehle zu halten. … und dann greift der Psalmist voll in
die Geschichte und den Geschichtenschatz der Väter und erzählt, … und
erzählt, … und erzählt, was ER getan hat. Erst solches Erzählen schließt
das Gespür und die „Lust“ für das auf, was der Psalmist die „Befehle“
des Herrn nennt, - was wir Christen als „Gebote Gottes“ bezeichnen, -
und was uns Ordensleuten unsere jeweilige Ordensregel ist.
Konkret
entnehme ich für mich aus der Kombination des Beginns der Benediktsregel
mit den ersten Versen von Psalm 78 den Auftrag, die Regel erzählend an
die Mitbrüder und vor allem an die neuen Mitbrüder (und auch die Gäste
und sonstigen Klosterbesucher) weiterzugeben. Es reicht wohl nicht,
davon zu sprechen, wie Kloster geht, sondern es muss ins Wort kommen,
wie es m i r im Kloster ergangen ist und wie i c h seine Klippen,
Stolpersteine und seine Freuden und Fruchtbarkeiten erlebt habe (und
erlebe). Nicht der Mönch des bewunderten Anguckens aus der Ferne und auf
dem Podest der Vollkommenheit, sondern der Mönch zum Anpacken ist der,
der in die Realität des Mönchtums, durch seine Schwierigkeiten und in
seine Schönheiten führen kann. Er kann von der Sehnsucht, vom Stolpern,
dem Scheitern und dem Gelingen Zeugnis geben. Seine Schönheit ist nicht
die Glätte der Perfektion, sondern es sind die Narben der Versuche und
des Suchens, - es ist das mit Narben gezeichnete Leben.
Ein
gelungener Mönch ist einer, der in versöhnter Unvollkommenheit lebt. Er
wundert sich jeden Tag neu, dass Gott mit ihm sein Reich bauen will …
und baut.
Abt Albert Altenähr OSB
060705 |