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Benediktinisches
ora et labora - Nutzen für alle

Oblationsfeier 9.1.2010

Chorgebet u. Choralgesang

Ulrichs- und Benediktuskreuz

Die Stimme der Herrn, der uns einlädt

Christi Liebe nichts vorziehen

Benedikt XVI. über Benedikt

Hören - ankommen

stabilitas und Gottsuche

Die Benediktus-Medaille
des Klosters Weingarten

Kloster ist wie Golf

Hier bin ich

Verabschiedung von
Abt Albert

Die Quelle

Mit geistlicher Freude Ostern

Moritat vom verlorenen Heiligenschein - Demut

Neige dein Ohr - RB Prol 1

nie alles gleichzeitig

Im Alltag Gott

Mönchtum für die Kirche

auf Seinen heiligen Berg

Gott suchen - ihm nach-
gehen wie ein Späher

Das Ohr des Herzens

Gehorsam

Klösterlicher Lebenswandel

Ent-scheidung
Einkleidung am 11.1.2004

Christus Abbas

opprobia - zu RB 58,7

Christus nichts vorziehen

An einen jungen Dichter

Suche mehr, als du suchst!

Benedikt kurzgefasst

Lectio meditatio oratio

Der Gast und das Schweigen im Kloster

Demut RB 7
 

"In Klausur gehen..."
 

Ora et Labora
Prüfe und handle

Ein Gott der Überraschungen

Unterwegs zum Menschsein


Die Benedikt-Medaille
Crux S. Patris Benedicti

Stabilitas

Benediktsregel cap. 58
Weite der Grenze
Investitionsbereitschaft
Magnetfeld des Lebens

Kirchenjahr / Feste

Gedanken zu
Psalmen

Anfänge

weitere Texte

 

Das Ohr des Herzens
Zur Sensibilität für ein Leben in Gottes Gegenwart

Die nachfolgenden Gedanken wurden als Referat auf der 7. Tagung "Benediktinische Mystik" in der Erzabtei Beuron vorgetragen (1.-4. Juli 2004).

Benedikt und die Benediktiner haben im allgemeinen einen guten Ruf in der Welt kulturbeflissener Zeitgenossen. Manche unserer Klöster sind auch heute Zentren, ohne die eine Region oder gar eine Nation nicht sie selbst wäre. Viele Klöster, deren Gemeinschaften im Laufe der Jahrhunderte untergingen, gelten selbst als leere Hülle oder auch als Ruinen als Juwel und mahnende Erinnerung, die zum „Muss“ eines Besuchsprogramm zählen.

Was hat Benedikt der Welt gegeben? Zählen wir es – zumindest ansatzweise und europabegrenzt – auf. Da sind die Skriptorien, die die antiken Schriftsteller kopierten und wunderbare Handschriften schrieben und illuminierten. Da sind die Baumeister, die Kirchen und Klöster mit goldenem Blick für Gottes Herrlichkeit und menschliche Notwendigkeit schufen und mit reichem Bildwerk in Stein, Holz und Malerei schmückten. Da wurde gerodet und kultiviert, das Geheimnis der Kräuter und Essenzen entschlüsselt und für Heilkunst und Gaumenlust neu durchmischt, - die Lagen der Weinberge wurden durchschmeckt und bis ins Heute hinein mit dem Bonus „Klosterprodukt“ etikettiert. Die Kräuter-Mönche waren exzellente Destillier- und Braumeister. Sie waren die Apotheker und Ärzte des Mittelalters, - die Krankenstationen der Klöster Keimzellen des Krankenhauswesens. Da wurde Gebet in Liturgie hinein strukturiert und zelebriert, - nicht zu vergessen der zugleich herb-irdene als auch esoterisch-schwebende gregorianische Choral. Die Klöster waren Schulen des Abendlandes und gaben als solche und in Klosterschulen ihre Erfahrung und ihr Wissen in die Welt hinein. Die Aufzählung könnte und müsste verlängert werden. Sie könnte und müsste zugleich in die verschiedenen Jahrhunderte und Regionen Europas detailliert hinein buchstabiert werden

Ob glaubens- und kirchenintensiver Christ, - ob Kirchensteuerzahler, der nur noch ein Kultur- und gelegentliches Service-Christentum praktiziert, - ob bekennender Atheist, ... keiner, der durch Europa wandert, kann an diesen Zeugnissen benediktinischer Weltgestaltung vorbeigehen. Und wenn er es denn tut, dann geht er nicht an der Welt von gestern, sondern an der Welt heute vorbei, die ohne diese monastische Spur um mehr als eine Spur ärmer wäre.

Sind wir mit dieser Aufzählung aber dem heiligen Benedikt wirklich auf die Spur gekommen, oder sind wir vielleicht doch haarscharf an ihm vorbeigegangen? Wir sollten vielleicht doch ein zweites Mal auf ihn und seine Schüler blicken.

Der suchende Mensch
Im Regelkapitel über die Aufnahme neuer Mitbrüder formuliert Benedikt ein Grundkriterium zur Prüfung einer Berufung, die – mit dem Verlaub einer Einkürzung – als das oder zumindest als ein Zentralanliegen von Benedikts Mönchsvorstellung betrachtet werden darf: „Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht -... si revera Deum quaerit“ (RB 58,7). Dieses Wort zielt in die benediktinische Mitte.

In meinem Zusammenhang möchte ich dabei die anthropologische Komponente des Wortes ins Licht rücken und die theologische Zielansage zurückstellen: „ob er wirklich ... sucht – si revera ... quaerit.“ Ich erinnere mich nicht mehr, ob in meiner klösterlichen Erziehung der anthropologische Akzent eine Rolle gespielt hat. Ins bleibende Bewusstsein ist er mir erst nach langen Ordensjahren gedrungen.

Benedikts Novize wird darauf angeschaut, ob er ein Mensch auf der Suche ist, - ob er ein suchender Mensch ist. Man mag dieser Aussage eine gewisse Tautologie unterstellen. Der Mensch ist qua Mensch einer, der sucht. Und dennoch ist nicht jeder Mensch sich dessen hell bewusst und noch weniger nehmen das Suchen als positive Chance und Aufgabe wahr. Und wenn sie denn das Suchen angehen, dann kommt für den einen oder anderen wohl zu rasch die „große Erkenntnis“, gefunden zu haben.

Der Schritt über die Klosterschwelle ist nicht der Zugang zu einem Fundort, sondern der Anschluss an eine Weg- und Suchgemeinschaft. Die Profess ist nicht die Grenzüberschreitung in das Paradies der Fraglosigkeiten. Das Kloster ist kein Nest himmlischer Kuschelwärme. Noch am Ende seiner Regel spricht Benedikt nicht in bloß literarischer captatio benevolentiae, sondern aus einer Bescheidenheit, die auf Erfahrung ruht, davon, dass das Leben nach seiner Regel nur zu einem „Anfang im klösterlichen Leben – initium conversationis“ führt.

Als anekdotische Verdeutlichung mag die Erzählung einer Äbtissin und früheren Magistra dienen. Eine Interessentin stellte sich ihr in den strahlendsten Farben vor. Die Novizenmeisterin will ihr geantwortet haben: „Ich glaube, Sie bleiben besser in der Welt. Die Welt braucht Heilige. Wir wollen es erst werden.“

Ich selbst habe in den vergangenen Jahren den einen oder anderen Kandidaten für einen Klostereintritt gesehen, der „das Benediktinische“ mit großem Löffel geschöpft hatte, - „wusste“, wie Kloster geht und dass er wirklich berufen sei. Dass ich auf diesen Ideal-Kandidaten nicht begeistert ansprang, überzeugte ihn dann ziemlich bald, dass ich weder den rechten Einblick in den Geist Benedikts noch den göttlichen Durchblick in seine Berufung hatte und dass unser Kloster nicht das richtige für ihn ist.

Dass es Ideale braucht, um etwas Großes zu beginnen, - sich für eine Lebensrichtung festzulegen, steht außer Frage. Wenn Benedikt aber auf das „Raue und Schwierige – dura et aspera“ des Gottesweges hinweist (RB 58,8), das vor dem Novizen nicht versteckt, sondern im Gegenteil ihm deutlich vor Augen gestellt werden soll, dann weist das genau in diese Richtung, dass Mönchsleben ein Suchleben ist.

Meine eigene Übersetzung monastischer Buchstabenfolge formuliert: Die wichtigste Erfahrung, die ein Novize machen muss, ist die Ent-täuschung. Die Enttäuschung ist dabei nicht ein Negativum. Im Gegenteil, sie ist ein absolutes Positivum, - der Abschied von einer Täuschung. Ein ideologisiertes Idealbild wird in die Realität hinuntergeerdet.

Auf dem Äbtekongress 2000 hat der Generalminister der Dominikaner, Timothy Radcliffe, als Charakteristikum benediktinischen Mönchtums herausgestellt, dass es für Gott eine Leerstelle offen hält. Die Cherubim über der Bundeslade formen die Leere zwischen sich als den Thron Gottes. Diese Leerstelle ist der magnetische Pol, der unser Leben anzieht, der aber andererseits durch unsere Schrittversuche nie füllend erreicht wird. Er ist größer, tiefer, abgründiger als alles Mühen und Gelingen.

Wenn Hilde Domin ihr Lyrik-Verständnis in die wenigen Worte kleidet

Das Nicht-Wort
ausgespannt
zwischen
Wort und Wort
 

dann lässt sich das auch auf das benediktinische Lebens- und Gottesverständnis hin übersetzen. Der Kirchenlehrer Cyrill von Alexandrien fordert, den Unsagbaren (= Gott) im Schweigen anzubeten. Er lässt sich nicht in die Griffigkeit von Begriffen und Eindeutigkeiten eingrenzen. Er lässt sich auch in „Wort und Wort“ nicht umfassend be-singen, sondern nur an-singen. Im „Zwischen-Raum“ benediktinischer Liturgie, ihres Singens und Betens wird der Leer-Raum für Gott ausgespannt. Beten ist gewissermaßen das Sich-Ent-Sagen des Menschen auf den Un-Sagbaren hin. Der Beter verlässt das Haus seines „Ich“ und gibt Raum für Gott. Er verlässt sich selbst auf Gott hin. Im Zielergebnis kann er dann mit Paulus sagen: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).

Der hörende Mensch
In nicht wenigen alten Klöstern habe ich in Kreuzgängen den in die Ausmalung aufgenommenen Schriftzug „Silentium“ gefunden. Unsere Tradition kennt Zeiten und Räume, in denen Stille herrschen soll. Das sog. „große nächtliche Stillschweigen“ ist über die Klostergrenzen hinaus den Menschen als Klosterregel und –brauch bekannt. Die Mahlzeiten in Stille und mit dem Hören einer Lesung beeindruckt den Gast im Refektorium. Ein bekanntes Bild von Hans Memling malt den heiligen Benedikt mit Stille heischendem Finger vor dem Mund.

Der hier angedeutete Befund ist durch ein breites Spektrum von Einzelbestimmungen in der Regel Benedikts gedeckt, das hier im Detail nicht ausgebreitet werden muss. Ein auch nur diagonales Lesen der Regel wird immer wieder auf eindeutige Stellen stoßen.

Stille und Schweigen sind dabei nicht Ausdruck der Missachtung des Wortes, sondern ganz im Gegenteil Hinweis auf seine hohe Wertschätzung. Die Weisheit, dass der Mund nicht zum Plappermaul und das Wort nicht in die Wörterflut deklassiert werden sollte, ist sicher keine genuin monastische Weisheit, aber sie ist darum nicht nicht-monastisch. Dass in der Kürze die Würze liegt, weiß Benedikt aus der biblischen und römischen Weisheitsliteratur und sicher aus der außerliterarischen Volksweisheit. „Sapiens verbis innotescit paucis – Den Weisen erkennt man an den wenigen Worten“ (RB 7,61).

Was mir wohl immer wieder neu überraschend ins Auge fällt, ist die Tatsache, dass Benedikt eigentlich keine Spiritualität des Wortes entfaltet und vor allem, dass er sich nicht in die johanneische Höhe des „Im Anfang war das Wort ...“ hinauf spiritualisiert. Von daher entwickelt er seine Spiritualität des Schweigens auch nicht deduzierend von oben nach unten.

Das mir persönlich wichtigste Wort in unserem Zusammenhang finde ich im Kapitel der Benediktregel über die Schweigsamkeit. Mit einem gewichtigen „denn“ begründet Benedikt ganz grundsätzlich die Stille- und Schweigehaltung des Mönches: „Denn Reden und Lehren kommen dem Meister zu, Schweigen und Hören dem Jünger“ (RB 6,6).

Reden und Schweigen werden in einen Lehr- und Lernzusammenhang gerückt. Der Mönch versteht sich in seinem Schweigen als Lernender, der einen anderen als Lehrer und Meister akzeptiert. Es ist in der Regeldeutung durchgehend akzeptiert, dass der Meister-Jünger-Bezug sich nicht auf das Verhältnis des Abtes zum Mönch beschränkt, sondern darüber hinaus (und das Verhältnis Abt – Mönch in besonderer Weise qualifizierend) eine Christus-Komponente enthält. Der Meister ist Jesus Christus. Er ist der Lehrende schlechthin und wo immer einer lehrt, da leuchtet der Meister Jesus Christus hinter oder in ihm auf.

Die Betrachtung des Regelwortes RB 6,6 sollte man mit diesen Hinweisen aber noch nicht abschließen. Etwas implizit bereits Gesagtes soll noch ausdrücklich angesprochen werden. Monastisches Schweigen ist kein Rückzug eines Privatiers in das „stille Kämmerlein“, dessen Tür dann dicht gemacht wird. Der schweigende Mönch isoliert sich nicht auf sich selbst hin. Er behauptet nicht, dass er sich allein genüge und den oder die anderen nicht brauche.

Das Schweigen Benedikts ist Grundlage, Ausdruck und Pflege einer Beziehung. Der Mönch öffnet sich auf das andere und den anderen hin. Die Dichterin Nelly Sachs klagt in ihrem Gedicht „Wenn die Propheten einbrächen ...“ darüber, dass das Ohr der Menschheit ein „nesselverwachsenes“ und eines, das „mit dem kleinen Lauschen“ beschäftigt ist. Diese Verstrickung in das „kleine Lauschen“ wird im Schweigen aufgebrochen. Das mit dem Wörter-Vielerlei zugepflasterte Ohr wird im Schweigen auf-gehört auf den Herzton des Wesentlichen, - auf den Herzton des anderen hin.

Nelly Sachs endet ihr Propheten-Gedicht in diesem Sinn mit einer Frage des Liebenden, der das Ohr des Geliebten sucht:

Wenn die Propheten aufständen
in der Nacht der Menschheit
wie Liebende, die das Herz des Geliebten suchen,
Nacht der Menschheit
würdest du ein Herz zu vergeben haben? 

Ihre Gedanken wundern sich wahrscheinlich schon längst, warum in meinem Vortrag das absolut klassische Wort der Regel zum Hören noch nicht ins Spiel gebracht wurde. Die Regel beginnt mit dem Wort: „Höre, mein Sohn, die Worte des Meisters und neige das Ohr deines Herzens ...“ (RB Prolog 1; > Foto eingangs des Textes: = Detail der Benediktsstatue im Kreuzgang von Kornelimünster).

Auf das Stichwort „Meister“ und den Beziehungsaspekt will ich nicht mehr eingehen. Es wäre eine Wiederholung von gerade Gesagtem.

Nicht oft genug kann und muss aber darauf hingewiesen werden, dass das erste Wort der Regel Benedikts das „Höre“ ist. Es ist nicht nur erstes Wort in einer unqualifizierten Reihe weiterer Wörter, sondern es ist als erstes Wort Programmwort für das Ganze, was folgt. Es ist das markierende Vor-Zeichen, - die Überschrift für das christliche Lebenskonzept, das Benedikt seinen Mönchen buchstabiert. Es ist die Kurzformel des Ganzen, das wegfallen könnte, wenn dieses eine Wort in seiner Fülle verstanden, aufgenommen und gelebt würde.

Gelegentlich – nicht allzu oft, aber immerhin gelegentlich – wird für die Gewichtung des Eingangswortes der Regel auf das Grundgebet Israels verwiesen: „Höre, Israel: Jahwe allein ist Gott“ (Dtn 6,4). Sicher ist ein „Höre!“ in diesem Sinn ein Aufruf zu höchster Aufmerksamkeit, der auf das Sich-Anschließende verweist. Ich assoziiere diesen Merkzeichen- oder Weckruf sehr stark mit dem „Amen, amen“ Jesu in den Evangelien. So verstanden, ist das „Höre!“ weniger ein inhaltlich eigenständiger Impuls, sondern ein formaler Hinweis auf die Wichtigkeit des Folgenden.

Es ist aber wohl einhellige benediktinische Überzeugung, dass das Eingangs-„Obsculta“ der Regel über das Formale hinaus inhaltlichen Selbststand beansprucht. Zusammen mit dem folgenden „neige das Ohr deines Herzens“ erschließt sich mir sein Gehalt in besonderer Weise aus der Erzählung vom Traum des jungen Königs Salomo an der Kulthöhe von Gibeon (1 Kg 3). Der biblische Autor nimmt den Kulturgrenzen überschreitende Topos auf, dass einem Erwählten ein Wunschtraum und die Erfüllung seiner Traumwirklichkeit geschenkt wird. Was wünscht sich der junge Salomo? „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kg 3,9). Die biblische Parallelstelle formuliert Salomos Wunsch ein wenig anders: „Verleih mir daher Weisheit und Einsicht, damit ich weiß, wie ich mich vor diesem Volk verhalten soll“ (2 Chr 1,10). Das sprichwörtlich gewordene salomonische Urteil -, die von der Königin von Saba bewunderte Rätselkultur des Königs -, sein Tempel- und Palastbau -, seine Regierungskunst -, alles führt die Tradition auf seine Weisheit und Einsicht zurück bzw., wie es in der älteren Tradition heißt: auf das hörende Herz, das er erbeten und geschenkt bekommen hat. Der weise Salomo, der als mit dem Herzen Hörender Herrscher seines Lebens wird, steht mir beim Lesen des ersten Wortes unserer Regel lebendig vor Augen. Einer wie er möchte ich werden. Benedikt scheint mir das Angebot machen zu wollen, auf dem Mönchsweg tatsächlich ein „alter Salomo – ein anderer Salomo“ werden zu können, wenn ich ein Hörender werde.

Auf einem Äbtekongress unseres Ordens in Rom fragten dort versammelte Äbte den Dekan der Theologischen Fakultät von S. Anselmo nach den Voraussetzungen, die ein Studium an der Ordenshochschule verlange. Seine Antwort war: „Bringen Sie den jungen Leuten das Lesen bei.“ Man muss sich von dieser Aussage überraschen lassen, um zu den hintergründigen Dimensionen des so gekonnt Formulierten vorzustoßen. In meinen Zusammenhang hinein möchte ich das Wort variieren. Benedikts „obsculta et inclina aurem cordis » führt den Mönch in eine Hör-Schule -, in ein Lernen, mehr zu hören, als man hört -, in ein „über-die-Sache-“ und ein „Über-sich-hinaus-Hören“. Er führt den Mönch in die Schule höchster Sensibilität.

Der Alltag
Ich habe oben darauf hingewiesen, dass ein Kloster heute keineswegs eine Ansammlung heiliger Mönche ist, an deren Heiligkeit sich die eigene Heiligkeit erwärmen kann.

Es ist in diesem Zusammenhang immer wieder lohnenswert, Benedikts Regel als Quelle zu lesen, was für Mönche er um sich gehabt hat. Alle seine Weisungen und Mahnungen können und müssen auch als Kontrastbeschreibungen der Wirklichkeit gelesen werden, die Benedikt in seinem Kloster vorfindet. Er hätte seine Regel sehr viel kürzer und sehr viel spiritueller schreiben können, wenn seine Schüler vollkommene Mönche gewesen wären. Selbst wenn man zögert, alles Negative, wovor Benedikt warnt, als vorhandene Realität in seinem Kloster zu verstehen, so wird damit doch eine Folie dessen ausgebreitet, was Benedikt auch in seinem Kloster für möglich hält.

Ob Eigenwilligkeit und Halsstarrigkeit -, ob Murren und Ungehorsam -, ob geschäftiger Leerlauf und acedia -, ob Hochmut und Weglaufen, Benedikt scheint das alles zu kennen oder zumindest für möglich zu halten. Und dass die alten Mönche vor Benedikt doch viel monastischer waren, als die Mönche seiner Zeit, darüber „klagt“ Benedikt ja auch selbst. „Heutigen Mönchen“ konnte Benedikt die alte Disziplin auch damals nicht mehr abverlangen. Die Fragen des Psalmen-Quantums und des Verzichts auf Wein sind markante Hinweise, dass Benedikt kein Regel-Ideal konzipieren will, sondern im Alltag des Gegebenen schreibt. Mich führt ein solch kritischer Blick gelegentlich zu der Frage, ob ich selbst im Kloster Benedikts hätte Abt sein mögen. Meine Antwort ist negativ. Mir reicht die Facettenvielfalt meiner eigenen Mitbrüder heute. In ihr muss ich mich bewähren und in ihr müssen sich meine Mitbrüder bewähren.

Der Tagesbeginn der Mönche lässt ihr erstes Wort die Bitte sein: „Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde.“ Im Invitatoriumspsalm 95 heißt es dann: „Heute, wenn ihr seine Worte hört, verhärtet euer Herz nicht.“ Diese Tages-Initiationsworte wollen den Beter öffnen. Sie sind Impulsworte zur Sensibilität auf das hin, was heute als Alltagswirklichkeit auf ihn zukommt. Mund und Ohr werden in den erwähnten Versen genannt. Sie stehen für den ganzen Menschen, der Auge und Ohr des Herzens an den Puls des Tages legen und ihm mit Mund und Hand herzhaft antworten soll.

Der Dichter Markus Wilhelm Bruners hat die Notwendigkeit und Fruchtbarkeit eines gebeteten Tageseinstiegs treffend in seinen beiden Gedichten „Rat“ und „Ergebnis“ ins Wort gebracht.

Verabschiede die Nacht
mit dem Sonnenhymnus
auch bei Nebel
 

hol dir die ersten
Informationen aus den
Liedern Davids
 

dann höre die
Nachrichten und lies
die Zeitung

beachte die Reihenfolge
wenn du die Kraft
behalten willst
die Verhältnisse zu ändern

bete gegen das
fünfsternige Nichts
das dir aus jedem
Kanal entgegentönt 

In seinem Gedicht „Ergebnis“ bringt er das Gemeinte vielleicht noch präziser auf den Punkt:

Nach dem morgendlichen
Gang über die
Psalmbrücke
drehe ich mich nicht
mehr um die eigene
Achse

ich atme die alten
Heilworte in meine
Tagängste
und bin
guter Hoffnung

Bruners spricht in seinem ersten Gedicht von der klärenden Kraft, die aus dem morgendlichen Mönchsgebet der Psalmen fließt. Ich übersetze die von ihm herausgestellte Kraft für meinen Gedankengang als Tagessensibilität für das Wesentliche. Bruners endet sein anderes Gedicht mit dem Gedanken, „guter Hoffnung“ zu sein. Was in dem Morgengebet geschenkt wird, ist nicht die Geburt eines jetzt perfekten Tages. Es ist die Schwangerschaft mit dem Vertrauen, dass Gott auch im Kleinklein heute gegenwärtig ist. Der Psalmenbeter atmet sich ein in den Atem Gottes über diesem Tag bzw. er atmet sich den Lebensatem des Schöpfers ein, damit ihm der Tag lebendig werde. Der Beter floskelt sich nicht von einem „Jahr des Heils“ zum nächsten, sondern er bekennt das Heute als den hier und jetzt entscheidenden „Tag des Heils“.

Um Benedikts Blick auf das Alltägliche als Chance der Gottesbegegnung und „Glühwürmchen“ der Gottesgegenwart in den eigenen Blick zu gewinnen, seien nur zwei - sehr bekannte und darum vielleicht auch „abgenutzte“ – Regelstellen erwähnt.

Im Regelkapitel über den Verwalter des Klosters, den Cellerar, finden wir den Satz: „Alle Geräte und den ganzen Besitz des Klosters betrachte er als heiliges Altargerät“ (RB 31,10). Über die Wertschätzung der Liturgie bei Benedikt und bei den Benediktinern zu reden, heißt Eulen nach Athen tragen. Dass alles, was für den Gottesdienst notwendig ist, am Hochwert der Liturgie unmittelbarst teil hat, versteht sich nahezu von selbst. Es ist „heiliges Altargerät“. Dass aber alle Gerätschaften des Klosters – vom Putzlappen über die Suppenkelle, den Laptop bis zum Traktor und darüber hinaus – und überhaupt der ganze Besitz als „heiliges Altargerät“ betrachtet werden sollen, darf überraschen. Wenn das ernst genommen wird, dann ist die separate Sonderstellung der Liturgie aufgebrochen. Damit ist keine Herabstufung der Liturgie in die Wege geleitet, sondern im Gegenteil eine Durchlichtung der terrena  vom divinum her anvisiert, - eine Durchlichtung irdischer Alltäglichkeiten mit dem Christusgeheimnis.

Im Regelkapitel über die Handwerker findet sich das andere Wort in die Alltäglichkeit: „ut in omnibus glorificetur Deus – dass Gott in allem verherrlicht werde (RB 57,9; 1 Petr 4,11). Die so profane Wirklichkeit der Preisfestsetzung für klösterliche Arbeit und Klosterprodukte wird in eine Gottesdimension hineingesehen, die als sachfremdes Argumentum Wirtschaftsprüfungs-gesellschaften in Verzweiflung führen muss. Als Akrostichon „U.i.o.g.d.“ hat dieses Regelwort durch lange Zeit eine solche Bedeutung gehabt, dass es durchaus als eine Kurzformel der benediktinischen Spiritualitätsperspektive gelten kann. Immer wieder können wir diese Buchstabenfolge unter älteren Texten zu benediktinischen Themen finden. ... aber wie gesagt, es steht in dem sehr praktisch profanen Alltagskapitel über die Handwerker, nicht in einem hoch spirituellen.

Diesen Gedanken abschließend, verweise ich auf die beiden Eingangsverse des Kapitels über die Haltung beim Gottesdienst. Da lesen wir: „Überall ist Gott gegenwärtig, so glauben wir... Das wollen wir ohne jeden Zweifel ganz besonders dann glauben, wenn wir Gottesdienst feiern“ (RB 19,1f). Der Akzent liegt in dieser Aussage auf der Gegenwart Gottes im Gottesdienst: „Ohne jeden Zweifel glauben wir ganz besonders daran, dass Gott im Gottesdienst gegenwärtig ist.“ Dass dieser Überzeugung der Glaube an eine allgemeine Gottesgegenwart als Humus vorausgeht, wird gleichsam en passant vorausgesetzt. Ich empfehle, einmal den Akzent genau anders zu setzen: Ohne jeden Zweifel und ganz besonders glauben wir, dass Gott im Gottesdienst gegenwärtig ist. Aus dieser Überzeugung ist die hohe Kultur benediktinischer Liturgie gewachsen und aus ihr heraus regenerierst sie sich stets neu. Dieser Glaube kann und darf aber nicht dazu führen, den „Gott überall“ aus dem Blick zu verlieren oder auch nur geringer zu gewichten. Ein Mehr oder Weniger an Gottes Gegenwärtigkeit gibt es nicht. Aus der Liturgie heraus ist es benediktinische Sehnsucht, sich zu sensibilisieren für Gottes Gegenwart überall.

... am ewigen Meer ...
Zwei Gedichtanfänge der bereits einmal zitierten Nelly Sachs sollen versuchen, unser Thema über unser Herz-Ohr für den Pulsschlag Gottes in der Welt abzurunden. Zunächst sei mit den Versen eines David-Gedichts die Bildvariante vom Auge ins Spiel gebracht. Nelly Sachs schreibt:

Samuel sah
hinter der Blindenbinde des Horizontes ­ -
Samuel sah -
im Entscheidungsbereich
wo die Gestirne entbrennen, versinken,
David den Hirten ... 

In diesen Zeilen kommt es mir auf den Grenzen überschreitenden Blick des Gottesmannes Samuel an. In seiner Gott-Verbindung ist Samuel geöffnet für den Blick „hinter die Blindenbinde“ irdischer Begrenzungen. Er schaut den Schäferjungen David im Gottesbereich - wo die Gestirne entbrennen, versinken - als den Hirten des Volkes. Dass dem Mönch ein solcher Blick gegeben ist, will ich mit diesem Verweis nicht behaupten. Dass er in eine Gottverbindung hinein wachse, die solchen Seherblick als Geschenk möglich macht, ist mein Wunsch für jeden Mönch (und mich selbst).

Die anderen Verse von Nelly Sachs, die meine Gedanken abrunden wollen, haben unmittelbar mit dem Hören zu tun. Sie sollen unkommentiert diesen Vortrag enden:

Lange haben wir das Lauschen verlernt!
Hatte Er uns gepflanzt einst zu lauschen
Wie Dünengras gepflanzt, am ewigen Meer,
Wollten wir wachsen auf feisten Triften,
Wie Salat im Hausgarten stehn. 

Gott bewahre uns davor, zufrieden zu sein, wie Salat im Hausgarten zu stehen.


Abt Albert Altenähr O
SB

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