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Der Gast und das Schweigen
des Klosters
Zu den
Charakteristika der Benediktinerklöster, - ja, zu ihren Propria - gehört
in der landläufigen Meinung die Gastfreundschaft. Und tatsächlich hat
sie nicht nur in der Tradition, sondern auch in der Regel in ihrem
53. Kapitel ein solides Fundament. Gastfreundschaft gehört zum
Selbstverständnis und zu den Selbstverständlichkeiten eines
benediktinischen Klosters. Die Ausformung der Gastfreundschaft ist im
Lauf der Jahrhunderte viele Wege gegangen: die Liturgie, Wallfahrten zum
Klosterheiligen, Gastaufnahme in der Klausur, Armenbetreuung an der
Pforte, Besinnungshäuser, Schulen bis hin zur Klosterschänke mit
Biergarten. Vieles ist aus der Wurzel gewachsen. Nicht mehr alles wird
auf seine Wurzelbeziehung befragt. Manches folgt mehr den Fragen nach
der Wirtschaftlichkeit oder denen der Personalressourcen.
Kornelimünster
hat für sich formuliert Unser pastorales Aufgabenfeld ist die
Gastfreundschaft. Sie will die Offenheit Gottes für den Menschen und
sein Suchen widerspiegeln. Wir verstehen unser Kloster als ein Haus
der Glaubensbegegnung, wo Menschen sich ihrem Suchen öffnen und in
der Begegnung mit uns Anregungen für ihr Fragen finden können.[1] Ein Kloster, das nicht einen wie auch immer gearteten
Gästebetrieb h a b e n will,
sondern als ganzes ein gastfreundliches Haus
s e i n will, lässt
sich auf das Experiment einer Gratwanderung von Nähe und Distanz ein,
die nie ein für allemal definiert ist, sondern stets neu erobert werden
muss. Wie weit lassen wir Gäste wirklich in das Kloster hinein?
Wie weit gehen wir auf sie zu? Was dürfen sie von uns erwarten? Was
erwarten wir von ihnen? Was müssen wir als Gemeinschaft sowohl nach
innen in die Gemeinschaft hinein als auch nach außen gegenüber den Gästen
tun, damit gewährleistet ist, dass sie unsere Gäste und nicht
die des Gastmeisters oder des jeweiligen Gastbetriebes sind?
So leicht
diese und sicher noch viele weitere Fragen zu stellen sind, so schwer
sind sie zu beantworten. Und so weit sie in organisatorische Bereiche
hineinreichen, so wenig sind es rein organisatorische Fragen. Es sind
Fragen nach der Gastfreundschaft an sich und erst in zweiter Linie
Fragen nach ihrer Organisation.
In allem
Fragen ist zudem zu beachten, dass es nicht reicht, eine Richtung und
das Ziel allgemein festzulegen. Jeder einzelne in der Gemeinschaft ist
gerufen, die Grundlinie zu internalisieren und sie in konkretes
Verhalten zu übersetzen. Das wird weder von heute auf morgen noch ein für
allemal gelingen. Es ist ein kommunitärer und individueller
Lernprozess. In diesem Lernprozess wird sich das sollte man nüchtern
sehen und in Rechnung stellen - ein weites Feld der correctio
fraterna / abbatialis auftun.
Benediktinische
Gastfreundschaft wird bei aller Offenheit sicher nicht heißen können,
dass das Kloster grenzenlos offen ist. Benedikt kennt in seiner Regel
mehr als eine Grenze, - ob das nun die claustra monasterii = die
Klausurmauer mit Pforte und Pförtner ist (RB 66), - ob es die
Mahnung ist, nicht alles und jedes, was man draußen gesehen, gehört
und erlebt hat, zu erzählen (RB 67), - bis hin zu der Notwendigkeit,
sich von einem Mitbruder zu trennen weil ein räudiges Schaf nicht
die ganze Herde anstecken soll (RB 28,8). Es ist in Fortführung
dieses Gedankens also keineswegs unbenediktinisch, sich auch über
Grenzen der Gastfreundschaft und ihrer Praxis
Gedanken zu machen und die eine oder andere Grenzziehung
vorzunehmen[2].
Benedikt
selbst endet sein Regelkapitel über die Gastfreundschaft mit den
Worten: Mit den Gästen darf niemand ohne Auftrag zusammensein oder
sprechen. Wer ihnen begegnet oder sie sieht, grüße sie, wie schon
gesagt, in Demut, bitte um den Segen und gehe weiter mit der Bemerkung,
es sei ihm nicht gestattet, sich mit einem Gast zu unterhalten (RB
53,23-24).
Michaela
Puzicha kommentiert diese Verse in ihrem Regelkommentar der Salzburger
Äbtekonferenz: Den Abschluss des Kapitels bildet eine Einschränkung,
die der Gastfreundschaft eine gewisse Härte verleiht. Die Weigerung des
Sprechens mit dem Gast ist eine der typisch koinobitischen Weisungen,
die im Wüstenmönchtum nur als asketische Sonderleistung bekannt war.
In den Mönchsregeln findet sich jedoch in dieser Frage eine breite Übereinstimmung:
Keinem ist es erlaubt, sich mit dem Gast zu unterhalten. Das Gespräch
mit dem Gast übernimmt hier ausschließlich der Obere oder die Brüder,
die damit beauftragt sind. Der Vorrang des Schweigens bleibt so bewahrt,
zugleich aber wird der Gast vor Geschwätz geschützt. Es fällt
auf, dass in RB 53 die Ausnahmen von der klösterlichen Ordnung immer
dem Oberen oder einem Stellvertreter zugewiesen werden, aber nicht die
ganze Gemeinschaft betreffen. Die monastischen Werte haben unbedingte
Priorität. Die Einschränkungen sind daher nicht als Ablehnung des
Gastes zu verstehen, sondern betonen die Ernsthaftigkeit des gemeinsamen
Lebens und sind Weisungen für das Verhalten der Brüder[3].
So sehr
oder gerade auch weil der Abschluss des Kapitels der Benediktsregel über
die Gastfreundschaft uns Heutigen so gast-unfreundlich klingt,
lohnt es sich, den Kommentar von Michael Puzicha zu seinen Schlussversen
ein zweites Mal zu lesen.
Vielleicht
sollte man zunächst einmal betonen, dass sich Benedikts Redeeinschränkung
an dieser Stelle nicht gegen den Gast richtet. Die Begegnung des Bruders
mit dem Gast, wie Benedikt sie zeichnet, ist hoch und positiv
qualifiziert: Benedikts Mönch begegnet dem Gast mit Demut, - er bittet
um den Segen und entzieht sich dem Gespräch mit einer wie man
sicher ergänzen darf freundlichen und höflichen Bemerkung. Die
Begegnung ist kein Affront gegen den Gast, sondern eine positive
Konfrontation mit der geistlichen Zieltiefe des klösterlichen Propriums.
Michaela
Puzicha weist auf den unterschiedlichen Gehalt des Schweigens im Wüstenmönchtum
und in der koinobitischen Klostertradition hin. Während das Nicht-Reden
mit dem Besucher anfangs eine asketische Sonderleistung war, ist
es in den Gemeinschaftsklöstern ein spirituelles Gemeingut, das als monastischer
(Grund-) Wert einer besonderen Pflege bedarf[4].
Michaela Puzicha spricht nicht einfach vom Rang, sondern vom
Vorrang des Schweigens. Die Atmosphäre des Schweigens ist ein
Testfall für die Ernsthaftigkeit des gemeinsamen Lebens. Sie ist
eine Priorität.
Gestolpert
bin ich über die Kommentarbemerkung Michaela Puzichas: ... zugleich
wird der Gast vor Geschwätz geschützt. Das ist elegant neutral
formuliert, aber es blitzte sofort die Frage in mir auf, vor wessen
Geschwätzigkeit und Geschwätz der Gast bewahrt wird. So niedlich das
Wort vom Schwätzchen sein mag, den Schuh der Geschwätzigkeit
wird sich keiner gerne anziehen. Indem sie neutral vom Schutz vor Geschwätz
spricht, hält Michaela Puzicha den Schuh sowohl dem Gast als auch dem Mönch
hin.
So hoch
Benedikt das Schweigen schätzt, so realistisch sieht er, dass die
Wirklichkeit seiner Mönche diesem Ideal nicht unbedingt entspricht. Er
warnt sie vor dem leeren und unkontrollierten Reden (RB 4,51-54;
7,56-61). Er kennt die Versuchung, sich vor dem Gebet zu drücken und
stattdessen fabulis vacare = die Zeit zu verplaudern (RB 43,8). In
der vorgesehenen Zeit der Lesung sollen sogar Kontrolleure durchs
Kloster gehen, um solche aufzuspüren, die dem Geschwätz erliegen; sie
schaden sich selbst und andern (RB 48,18).
Sicher sind
das Worte und Weisungen aus ferner Zeit. Aber es wäre Augenwischerei,
wenn wir heutigen Mönche für uns schlicht den Anspruch erhöben, dass
w i r die von
Benedikt erkannten Gefahren überwunden hätten bzw. dass man doch heute
einfach das Wort viel positiver zu sehen habe, als Benedikt das tat.
Lassen wir Benedikts Mahnungen mutig und ernsthaft an uns heran. Sie können
ein Spiegel ehrlicher Selbsterkenntnis sein: Die Gäste sind vor dem
Geschwätz der Mönche zu schützen. Eine Aussage wie Mit Pater
Soundso kann man sich wirklich gut unterhalten hat zumindest manchmal
den Beigeschmack, den eine identische Formulierung in einem beruflichen
Arbeitszeugnis hat.
Der Vorrang
des Schweigens schützt den Gast aber auch vor dem eigenen Geschwätz
... und die Mönche vor dem Geschwätz des Gastes.
Ich habe es
mehr als einmal erlebt, dass Gäste sich nicht leicht tun mit der Stille
des Klosters, - den freien Zeiten, - der Freizeit. Der einkehrende Blick
in den Leer-Raum des Selbst ist eine Herausforderung, die weder eine
leichte noch jedermanns Sache ist. Zwar wird der einzelne Gast die
Intensität der Einkehr nach seinem Bedarf und seinen aktuellen Fähigkeiten
dosieren können und müssen, aber er sollte sich auf jeden Fall darüber
klar sein, dass Einkehr, Nachdenken und Gespräch und nicht gute
Unterhaltung, geschweige denn einfach Abwechslung das Angebot des
Klosters ist. Ohne diesen Gedanken in seinen vielen Facettenmöglichkeiten
weiter auszuformulieren, scheint es mir wichtig zu sein, aus Benedikts
Gedanken und dem Kommentar von Michaela Puzicha den Impuls aufzunehmen,
jeweils ehrlich und gründlich in den je eigenen Spiegel zu schauen.
Zusammenfassend
kann man Michael Puzicha zustimmen, wenn sie aus den Schlussversen des
Regelkapitels 53 Benedikts und benediktinische Gastfreundschaft als von
einer gewissen Härte gekennzeichnet sieht. Die Formulierung ist
gewiss überraschend, vielleicht käme es etwas diplomatischer über,
wenn man von einer gewissen Herbheit spräche. In dieser Härte/Herbheit
ist benediktinische Gastfreundschaft auf keinen Fall weich oder gar
kuschelig. Dass das von Benedikt gesehen und auch gewollt wird, mag man
auch daraus schließen dürfen, dass er seine Mahnung nicht irgendwo im
Text versteckt, sondern sie als Kapitel-Schlusswort formuliert, das
haften bleibt.
Albert
Altenähr OSB
020920
Anhang
1:
Michaela
Puzicha (Email, 02.10.02): Deine Überlegungen und Nach-Gedanken zur
Gastfreundschaft habe ich aufmerksam gelesen. Deine Fragen und Überlegungen
haben mich sehr angesprochen. Gerade für unsere Zeit sehe ich gerade in
der Gastfreundschaft einen der ganz wesentlichen Dienste des
benediktinischen Mönchtums. Bei den unzählig vielen Angeboten
kirchlicher- und nichtkirchlicherseits stellt sich die Frage nach dem
benediktinischen Extra. Meiner Meinung nach ist unser Proprium und
damit eine der wesentlichen Antworten darauf unsere Gastfreundschaft in
dem weiten Sinn, wie Du sie beschreibst. Wir sind vor Ort, wir sind präsent,
wir können zuhören, wir beten und ermöglichen so eine wie auch immer
geartete Erfahrung von Transzendenz.
Mit Deinen
Rundherum-Gedanken zum Kommentar bin ich ganz einverstanden und freue
mich natürlich, dass er brauchbar ist. Ja, es stimmt, das Geschwätz
gilt für beide Seiten. So ist beiden geholfen!
Anhang 2:
Vom
Reden
Und dann sagte ein Gelehrter: Sprich vom Reden.
Und er
antwortete und sagte: Ihr redet, wenn ihr aufhört, mit euren Gedanken
in Frieden zu sein; Und wenn ihr nicht länger in der Einsamkeit eures
Herzens verweilen könnt, lebt ihr in euren Lippen, und das Wort ist
euch Ablenkung und Zeitvertreib. Und in vielen eurer Gespräche wird das
Denken halb ermordet. Denn der Gedanke ist ein Vogel, der Raum braucht
und in einem Käfig von Worten zwar seine Flügel ausbreiten, aber nicht
fliegen kann.
Es sind
welche unter euch, die den Redseligen suchen, weil sie Angst haben,
allein zu sein. Die Stille des Alleinseins offenbart ihren Augen ihr
nacktes Ich, und sie möchten flüchten.
Und es sind
welche unter euch, die reden und dabei ohne Wissen oder Absicht eine
Wahrheit aufdecken, die sie selber nicht verstehen.
Und wieder
andere haben die Wahrheit in sich, aber sie drücken sie nicht in Worten
aus. In der Brust solcher Menschen weilt der Geist in rhythmischer
Stille.
Der Prophet (Khalil Gibran)
[1]
Faltblatt
und Internettext der Abtei Gastfreundschaft.
[2]
Sicher wird in unseren Klöstern und auch nach draußen verständlich
sein, wenn ich Anfragen nach Seminarräumen von dezidiert
esoterischen Instituten negativ beantworte. Schwierig wird es, wenn
gegenüber einem Einzelgast oder anfragenden ein negativer
Bescheid gefällt werden soll. Da kann es durchaus auch hausintern
bei dem einen oder anderen Mitbruder zu Verstehensschwierigkeiten
kommen.
[3]
Michaela Puzicha, Kommentar zur Benediktusregel, St. Ottilien
2002, S. 454. Die christologisch-theologische Dimension der
Gastfreundschaft gehört in meine Gedanken eigentlich notwendig mit
hinein, ist hier aber nicht ausgeführt. Das ist eine Grenze der
vorliegenden Überlegungen.
[4]
Vgl. für die Benediktsregel ebd. die vielfältigen Verweise
des Stichwortverzeichnisses zum Thema Schweigen.
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