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Stabilitas Magnetfeld des Lebens [1]
Die Botschaft der Freiheit hat einen hohen Stellenwert
in unserer Gesellschaft als ganzer und im Lebensgefühl des Einzelnen.
In der Überspitzung kann das soweit gehen, dass zumindest
theoretisch jede Autorität abgelehnt wird. Das Ich ist dann die
einzige Autorität, der man folgen will. Benedikt kennt zu seiner Zeit
die Mönchsarten der Gyrovagen und Sarabaiten, die sich selbst genügen
und jede (An-) Bindung scheuen.
Unterschwellig ist aber durchaus auch eine ganz andere
Strömung deutlich. Die hoffnungslose Frage-Behauptung Woran soll man
sich denn halten? lässt die Sehnsucht nach etwas Festem erkennen, wo
alles wackelt, - zusammenstürzt, - im Fluss ist und man den Boden unter
den Füßen verliert.
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Benedikt empfiehlt dem Abt, - ja, fordert von ihm eine
tiefe Rückbindung an die Heilige Schrift. Sie gibt ihm Sicherheit, -
ein Etwas, an das er sich halten und aus dem er schöpfen kann.
Er muss das göttliche Gesetz genau kennen, damit er Bescheid weiß
und (einen Schatz) hat, aus dem er Neues und Altes hervorholen kann
(RB 64,9). Was exemplarisch für den Abt gilt, gilt nicht weniger für
seine Mönche. Die Regel insgesamt stellt einen allgemeinen
Lebensentwurf unter der Führung des Evangeliums vor (RB Prol 21)[2].
Je mehr der Mönch in das Evangelium der beiden Testamente eintaucht,
desto stabiler wird er (RB 73,3). Die Regel, wie Benedikt sie
versteht, hat Teil an der Grund und Richtung gebenden Kraft der Heiligen
Schrift. Oder vielleicht besser gesagt: Sie hat nicht nur irgendwie
Teil, sondern sie ist eine Übersetzung der Schrift in ein konkretes
Lebenskonzept[3].
Moderne Einwürfe gegen schöne Theorien, die ja
doch nur Worte sind, dürften so modern gar nicht sein; sie sind
wahrscheinlich menschheitsalt. Die Theorie braucht Anschauungsmaterial,
- sie braucht das personale Zeugnis, um ihre Kraft zu entwickeln, - sie
braucht konkrete Zeugen, - sie braucht Namen. Wo ist einer, der mir
zeigt, dass es möglich ist, Boden zu gewinnen? Wo ist der, der mir
zeigt, wie das geht? An wen kann ich mich halten, um zu erfahren, an was
ich mich halten kann, um Halt zu finden?
*
Benedikt weiß um die Kraft des erlebten Zeugen. Er
hat ein sehr praktisches Händchen; er weiß, dass man den
Menschen durch Menschen als Vorbild an die Hand nehmen kann und
muss. So nennt er denn auch konkrete Personen, die den Boden unter den Füßen
sich er-lebt haben und ihn leben.
In diesem Sinn erhält die Heilige Schrift für
Benedikt einen menschlichen Namen: Christus[4].
Die Christozentrik der Benediktregel[5]
wird von allen Regelkommentaren uneingeschränkt hervorgehoben. Der
Liebe zu Christus nichts vorziehen (RB 4,21; 72,11)[6]
ist die Grund gebende Bodenständigkeit des Mönchslebens.
Die Identifizierung Heilige Schrift = Christus
erschreckt den Suchenden vielleicht. Christus ist das Ziel und nach dem
Zeugnis der Schrift wohl auch der Weg, aber ist er nicht doch zeitlich
und als Ziel zu weit weg, um mir den nächsten kleinen Schritt zu ermöglichen?
Ist er nicht doch zu göttlich[7],
um mir in meinen menschlichen Unsicherheiten eine Anschauungshilfe zu
sein?
*
Als Weghilfen verweist Benedikt darum auf zeitlich und
menschlich näher liegende Weghelfer. Es sind die Zeugen der Mönchstradition
vor seiner eigenen Zeit, aus deren Schriften Benedikt gelernt hat.
Benedikt kennt und verweist auf die bewährten Traditionen der
monastischen Vorväter, auf die exempla maiorum (RB 7,55)[8].
Namentlich nennt er Basilius d.Gr., - mit seinen Schriften den Johannes
Cassian; ferner werden die Viten, die Lebenserzählungen der frühen
Mönchsväter genannt (RB 73,5)[9].
Aber so hilfreich die geistliche Impulsschrift damals wie heute auch
ist, vielleicht ist sie doch noch nicht Hand greifend griffig genug.
Schreiben und erzählen lässt sich Vieles und es lässt sich schön
reden und schön schreiben,
*
Wirklich handgriffig sind die Menschen, die heute und
hier in meinem tatsächlichen Blickfeld leben und denen ich begegne. An
ihnen lässt sich am ehesten die Buchstabenfolge des
Stabilitas-Alphabets ablesen.
Benedikt nennt in seiner Regel auch solche wirklich
nahen Stabilitas-Zeugen. Weil er eine Regel für Mönche schreibt, sucht
und findet er sie im Bereich des Klosters. Er ermutigt sie, ihr Zeugnis
zu geben und er weist die anderen auf sie hin.
In RB 2 wird dem Abt eine zweigegliederte Lehrweise
aufgetragen: durch das Wort und mehr noch durch sein Beispiel unterweist
er seine Mönche (RB 2,11-14)[10].
Der Abt ist also Lehrer in seinem Wort und eben mehr noch durch
sein eigenes Tun. Wenn beides miteinander übereinstimmt(vgl. RB 4,61),
dann ist er überzeugend und glaubwürdig. - Die Warnung an den Abt,
nicht in Extremen zu agieren (RB 64,16-19)[11],
kann man als Anforderungsprofil an einen Abt oder zu wählenden Abt
betrachten. Er muss eine ausgewogene, stabile Persönlichkeit sein, die
sich selbst nicht so leicht aus dem Gleis werfen lässt. Von daher
bietet er die Gewähr, dass er auch seine Brüder vor Turbulenzen schützt
und in Turbulenzen wieder in eine stabile Seelensituation führt: non
sit turbulentus ... (RB 64,16) [12].
*
Die innere Stabilitas, die Benedikt sich für den Abt
wünscht, erhofft er sich auch für die verschiedenen Amtsträger des
Klosters. Dass sie Stand gefunden haben, ist ein Hinweis, dass sie
besonderen Aufgaben und deren natürlichen Turbulenzen standhalten können.
Mit solchen Mitbrüdern kann der Abt die Last seiner Aufgabe unbesorgt
teilen (RB 21,3). So wird vom Cellerar wie vom Abt gesagt: non sit
turbulentus (RB 31,1). Vom Pförtner heißt es, dass einer dazu
bestellt werden soll, den seine Reife daran hindert, sich
herumzutreiben (RB 65,1). Wer überall und irgendwo ist, der ist
nirgendwo ganz[13].
*
Man kann den Suchblick nach gestandenen Brüdern
aber auch auf die ganze Gemeinschaft ausdehnen. Benedikt spricht zwar
von einer Schule des Herrendienstes (RB Prol 45), aber vielleicht
darf man auch einmal übersetzen: Schule ganzheitlicher
Menschwerdung. Das Leben in der Gemeinschaft formt im Aushalten des
Alltags, - in der Bewährung im klösterlichen Alltag (RB 1,3).
Was das heißen kann, wird nach all den Hinweisen in den einzelnen
Regelkapiteln, was an Knackpunkten alles vorkommen kann, spätestens im
vorletzten Kapitel der Regel deutlich: Sie sollen ihre körperlichen
und charakterlichen Schwächen mit unerschöpflicher Geduld (patientissime)
ertragen (RB 72,5). Die unerschöpfliche Geduld ist gewissermaßen
ein anderer Name für Benedikts Stabilitas.
Wer patientissime geworden ist, der bleibt auf
dem Boden, wo andere die Wände hoch gehen. Und er kann den, der auf die
Palme gegangen ist, wieder herunterholen und auf die Füße stellen. Die
Schule des Herrendienstes ist als Schule der Menschwerdung eine Schule
der Stabilitas.
Wahrscheinlich wird kein Kloster, kein Mönch und auch
kein Abt je rundum stabil sein. Wir üben daran. Es gelingt nicht
immer, aber hoffentlich - immer öfter.
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Erfahrungen
Als vor einigen Jahren in unserer Gemeinschaft ein
72-jähriger Witwer um Eintritt anfragte, war unser Konvent
erschreckend jung geworden. Unser Ältester war 61 Jahre alt. Die
älteren Mitbrüder waren gestorben. Eines der Argumente für unsere
positive Antwort auf die Anfrage war, dass wir das Zeugnis der
Lebensgelassenheit der Alten vermissten. Ein Konvent braucht das
Zeugnis der sturmerprobten Alten. Es ist stabilisierend. -
Immer wieder hören wir von Freunden und Gästen, dass
sie es für ein Geschenk halten, im Kloster, seinem festen Rhythmus und
seiner über Jahre hindurch gleichbleibenden Gemeinschaft für sich
einen Ort der Ruhe finden zu können. Das ist stabilisierend.
Ich selbst erfahre es für mich selbst und es wird mir
auch von guten Freunden ihrerseits gesagt, wie sehr erlebte äußere und
innere Stabilitas stabilisierende Ausstrahlung hat. Wo etwas verlässlich
ist, da ist Verlass darauf. Da kann man auf etwas bauen, - da kann man
etwas aufbauen. Es ist umfassend stabilisierend.
Echo der guten Erfahrung mit zuverlässigen
Situationen und Menschen, auf die Verlass ist, und zugleich Ermutigung
in Phasen der Verunsicherung sind mir Psalmenworte von Gott, der dem
Beter Fels und Burg ist. Nur er ist mein Fels, meine Hilfe, meine
Burg, darum werde ich nicht wanken (Ps 62,3 u. 7). Du hast die
Erde auf Pfeiler gegründet; in alle Ewigkeit wird sie nicht wanken (Ps
104,5). Nicht nur, dass ich solch wieder- und wiederkehrenden Stabilitätsworte
nicht unterschätze, - nein: ich habe es schätzen gelernt, dass sie
immer wieder in vielen Variationen wiederkehren. Es macht mir Freude und
stabilisiert!
*
Ich habe die Stabilitas in diesen Gedanken bewusst aus
der rein historischen Deutung der benediktinischen Gelübdeformel
herausgelöst und heutige Assoziationen des Wortes in die Betrachtung
einfließen lassen. Andererseits bin ich überzeugt, dass das aktuelle
Wortverständnis und alle seine Assoziationen in das Verständnis des
Gelübdes der Stabilitas heute mit einfließen. Insofern habe ich immer
auch über meine (!) Erfahrung mit dem benediktinischen Gelübde der
Stabilitas gesprochen. Das Gelübde lebt im und vom lebendigen
wechselseitigen Zeugnis der Mitbrüder. In diesem innerklösterlichen
Zeugnis ist es offen nach draußen und offen für das Zeugnis unserer
Schwestern und Brüdern außerhalb des Klosters an uns.
Ist die Stabilitas vielleicht das bedeutendste
Zeugnis, das uns geschenkt und zum Weiterschenken anvertraut wurde?
Abt Albert Altenähr OSB
020518
Ich hatte die nachfolgenden Gedanken bereits weitgehend
niedergeschrieben, als der EOS-Verlag den neuen Regelkommentar der SÄK
auslieferte: Michaela Puzicha, Kommentar zur Benediktusregel. Mit
einer Einführung von Christian Schütz, Hrsg. Salzburger Äbtekonferenz,
St. Ottilien, 2002. Die Fußnoten, die ich meinen Gedanken daraufhin
beigefügt habe, haben nicht die Absicht, meinem Text ein größeres
Gewicht zu geben, als ihm zukommt.. Sie wollen vielmehr anregen,
selbst zu dem Kommentar zu greifen, um sich mit ihm in vielleicht
ganz neuer Weise der Regel Benedikts anzunähern. Ich verwende
hier für den Kommentar das Kürzel: KRB.
Vgl. KRB 32: Damit ist nicht eines der vier Evangelien
noch eine äußerst dichte Glaubensformel, sondern die Schrift als
ganze gemeint.
Vgl. KRB 17: Seine Regel will zur Schrift nicht in
Konkurrenz treten, sondern zu ihr hinführen und sich von ihr
herleiten. ... Die Regel will ganz und gar in der Fährte der
Schrift gehen, aus ihrem Geist denkt, argumentiert, spricht und
weist sie den Weg. Für mich ist dabei dann auch der Begriff Übersetzung
wesentlich. Übersetzen ist immer ein Hinübersetzen in neue
Zusammenhänge und das ist nicht durch bloßes Imitieren gewährleistet.
Vgl. KRB 58: Mit der Formulierung unter der Führung
des Evangeliums ist nicht nur der Text der Hl. Schrift zu sehen,
sondern der das Wort selber ist: Christus. ... Alle Bücher der
Schrift, insbesondere der Psalter, sind Wort Christi und damit
Evangelium. KRB 32: Er ist das Evangelium in Person...
Diese Sicht von Evangelium verleiht in den Augen der RB der Schrift
geradezu personale Züge und Aktivitäten.
KRB 37 u. 109 weisen bez. RB 4,21 als biblischen Hintergrund
auf das Nachfolgewort Mt 10,37 und für die frühe Kirche auf die
Verwendung in der Taufkatechese und der Märtyrertheologie hin.
Man beachte, dass die RB christozentrisch ist. Sie
spiegelt nicht Jesusfrömmigkeit wieder. Zum Gehalt einer
solchen Christozentrik vgl. KRB 19f. Es besteht nicht der
geringste Zweifel, dass der Christus der Regula in erster Linie der Christus
praesens ist. Gemeint ist damit der gegenwärtige Erhöhte, der
zugleich der auferstanden Gekreuzigte und der wiederkommende Herr
ist. Vgl. ebenfalls KRB 36-39.
Vgl. KRB 614. Basilius d.Gr. (330-379) ist der Vater des
kappadokischen und allgemein des östlichen Mönchtums. Johannes
Cassian, Abt in Marseille (+ 430/33), vermittelte mit seinen beiden
von Benedikt erwähnten Werken (Die Einrichtungen der Klöster,
Unterredungen der Väter) die Traditionen des frühen ägyptischen
Mönchtums ins Abendland.
RB 2,11 Wer also den Namen "Abt" annimmt, muss
seinen Jüngern in zweifacher Weise als Lehrer vorstehen: 12.Er
mache alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben als durch sein
Reden sichtbar. Einsichtigen
Jüngern wird er die Gebote des Herrn mit Worten darlegen,
hartherzigen aber und einfältigeren wird er die Weisungen Gottes
durch sein Beispiel veranschaulichen. 13.In seinem Handeln zeige er,
was er seine Jünger lehrt, dass man nicht tun darf, was mit dem
Gebot Gottes unvereinbar ist. Sonst würde er anderen predigen und
dabei selbst verworfen werden. 14.Gott könnte ihm eines Tages sein
Versagen vorwerfen: "Was zählst du meine Gebote auf und nimmst
meinen Bund in deinen Mund? Dabei ist Zucht dir verhasst, meine
Worte wirfst du hinter dich."
RB 64,16. Er sei nicht stürmisch und nicht ängstlich, nicht
maßlos und nicht engstirnig, nicht eifersüchtig und allzu argwöhnisch,
sonst kommt er nie zur Ruhe.17.In seinen Befehlen sei er
vorausschauend und besonnen. Bei geistlichen wie bei weltlichen
Aufträgen unterscheide er genau und halte Maß. 18.Er denke an die
maßvolle Unterscheidung des heiligen Jakob, der sprach: "Wenn
ich meine Herden unterwegs überanstrenge, werden alle an einem Tag
zugrundegehen." 19.Diese und andere Zeugnisse maßvoller
Unterscheidung, der Mutter aller Tugenden, beherzige er. So halte er
in allem Maß, damit die Starken finden, wonach sie verlangen, und
die Schwachen nicht davonlaufenn.
Ich habe hier bewusst den lateinischen Text nicht übersetzt,
denn die Übersetzung er sei nicht stürmisch scheint mir
nicht unbedingt alles mitschwingen zu lassen, was in turbulentus
anklingt. Vielleicht hätte man
es einfach mit dem deutschen Lehnwort übersetzen sollen:
er sei nicht turbulent.
Zur Bedeutung des Pförtners in der monastischen Tradition
und Hierarchie vgl. KRB 562-565.
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