|
Die Weite in der Grenze
Zum benediktinischen Gelübde der stabilitas
Zum markanten, über die Grenzen des Ordens bewussten
Eigengut benediktinischen Selbstverständnisses gehört das Gelübde der
stabilitas. Im 58. Kapitel seiner Regel[1]
formuliert Benedikt ohne jeden Zusatz promittat de stabilitate
verspreche er Beständigkeit (Vers 17). Im gängigen Außenverständnis
wird uns Benediktinern eine stabilitas loci - eine Ortsbeständigkeit
zugesprochen[2],
die oftmals noch weiter dahin verkürzt wird, dass der Benediktiner
eigentlich nie sein Kloster verlassen dürfe. So viel Richtiges in dem
Kurzwort Ortsbeständigkeit angesprochen sein mag und ist, so sehr
sollte sich der Leser der Regel und des benediktinischen Lebens bewusst
sein, dass die stabilitas loci als
Begriff nicht in der Regel auftaucht.
Die Interpretation des Gelübdes der stabilitas
innerhalb des Ordens zielt durchwegs auf eine Beziehung zu einer
konkreten Gemeinschaft und erst mittels dieser Gemeinschaft auf einen
konkreten Ort. Die Regel selbst legt diese Verbindung in Kapitel 4,78
nahe. Die Werkstatt, in der Die Werkzeuge der geistlichen Kunst
so die Kapitelüberschrift gehandhabt werden, sind die claustra
monasterii et stabilitas in congregatione der Bereich des Klosters
und die Beständigkeit in der Gemeinschaft. Die Rechtsregelungen der
Kongregation von Subiaco formulieren: Durch das Gelübde der Stabilität
bindet sich der Mönch an das Kloster seiner Profeß, er verbindet sich
mit der dort lebenden monastischen Familie und verspricht, sich niemals
dem Joch der Regel zu entziehen (OCG 59). Ein wenig salopp
formuliert: Der Eintritt in ein Kloster spricht nicht davon, dass
jemand ein Gebäude betritt, sondern davon, dass eine personale
Beziehung aufgenommen wird, die nach dem Willen beider Seiten von Dauer
sein soll.
promittat stabilitatem er verspreche Beständigkeit
Ein Versprechen der stabilitas taucht im eingangs genannten
Kapitel 58 der Benediktregel noch einmal auf. Gleich zu Beginn seines klösterlichen
Weges wird es dem Eintretenden abverlangt. Der Eintrittswillige hatte
beharrlich an der Klosterpforte angeklopft, man hatte ihn in den
Gastbereich aufgenommen, dann in die Novizenwohnung. Der Eintritt war
ihm nicht leicht gewährt worden (Vers 3f), das Harte und Rauhe des klösterlichen
Lebensweges war ihm nicht verschwiegen worden (Vers 8). Dann heißt es:
Si promiserit de stabilitatis suae perseverantia ... Wenn er
verspricht, beharrlich bei seiner Beständigkeit zu bleiben, lese man
ihm nach Ablauf von zwei Monaten diese Regel von Anfang bis Ende (= per
ordinem[3]) vor (Vers
9). Wenn ich es recht sehe, dann ist dieses Versprechen nach (etwa) zwei
Monaten abzulegen[4]. Der zitierte Vers bringt stabilitas Beständigkeit
und perseverantia Beharrlichkeit
miteinander in Verbindung. Im Lateinischen ist die stabilitas
als Genitiv-Form der perseverantia untergeordnet; die Übersetzung
versucht, das ein wenig holprig mit beharrlich bei seiner
Beständigkeit zu bleiben zu übersetzen. Frei würde ich persönlich
paraphrasien: Will der Neue auch nach der ersten theoretischen Einführung
in die Herbheiten des klösterlichen Lebens und nach der
konkret-unmittelbaren Erfahrung mit diesen Herbheiten noch bleiben, dann
lese man ihm diese Regel von Anfang bis Ende vor.
Das Vorlesen der Regel fordert offenbar noch einmal
anders und tiefer die Frage nach dem Weitermachen heraus. Vers 11 des
Kapitels beginnt: Si adhuc steterit ... Wenn er immer noch
bleiben will .... Nach sechs Monaten wird dem Novizen wieder die
Regel vorgelesen und wiederum fährt Benedikt fort: Et si adhuc stat
... Wenn er noch bei seinem Entschluss bleibt ... (Vers 13). Das
Wort stabilitas verwendet Benedikt in den beiden letzten Zitaten
nicht. Aber das Wort ist nicht fern, denn das Verb stare
stehen ist leicht erkenntlich Wurzelgrund des Substantivs stabilitas.
Einige Elemente aus diesem ersten Blick in die Regel
sollen hervorgehoben werden:
Stabilitas wird in Verbindung gebracht mit den Herbheiten und Härten,
die im klösterlichen Leben nicht ausbleiben. Stabilitas ist keine
Schönwetter-Tugend, sondern offenbart sich im Sturmgeschehen.
Stabilitas
mag eine im Mönchsinteressenten angelegte (Vor-) Gabe sein, aber
sie ist nicht mit einem Schlag und unverbrüchlich da, sondern sie ist
durch die Lebensrealität im Kloster und überhaupt - auf die Probe
gestellt. Der tatsächlichen Wirklichkeit muss sich der Neuling stellen.
Die Klostergemeinschaft darf sich und das Klosterleben nicht schön färben.
Der Novize muss zum realen nicht zum idealen! - Klosterleben
Ja sagen.
In den zeitlichen Intervallen der Regelvorlesung, wie
sie das 58. Kapitel der Regel für den Novizen vorsieht, deutet sich an,
dass der fervor novicius der Eifer des Anfängers (RB 1,3)
schrittweise über sich herauswachsen muss, um tragend für das Leben
sein zu können. Ohne Anfangsbegeisterung wird es kaum einen Anfang
geben. Aber die Grenze der Anfangsbegeisterung ist und bleibt der
Anfang; weiter führt sie nicht.
Stabilitas
ist kein punktuelles Versprechen, das auf ein für alle mal auf einer
fixen Höhe steht, sondern ein Wachstumsprozess und Bereitschaft zum
Wachstum. Stabilitas ist in diesem Sinn eine Weg-Tugend.
Stabilitas kann darum nie als ein
Sich-zur-Ruhe-Setzen verstanden werden. Wer sich etabliert hat, um das
deutsche Lehnwort zu stabilitas hier einzubringen, beweist nicht
stabilitas, sondern ist festgefahren. Er steht im Glaubens- und
Lebensprozess auf wackligen Füßen, - ist also alles andere als stabil.
semper vagi et numquam stabiles immer
unterwegs, nie beständig (RB 1,11)
Im Kapitel 1 der Regel schildert Benedikt vier Arten von Mönchen, von
denen er zwei ablehnt. Die vierte Sorte ist ihm besonders
verabscheuungswürdig. Bei ihrer Beschreibung taucht das Wort von der
stabilitas erstmals in der Regel auf. Benedikt beschreibt diese Mönchsart:
Die vierte Art der Mönche sind die sogenannten Gyrovagen. Ihr Leben
lang ziehen sie landauf landab und lassen sich für drei oder vier Tage
in verschiedenen Klöstern beherbergen. Immer unterwegs, nie beständig,
sind sie Sklaven der Launen ihres Eigenwillens und der Gelüste ihres
Gaumens. In allem sind sie noch schlimmer als die Sarabaiten (RB
1,10f).
Die gerade genannten Sarabaiten waren die dritte von
Benedikt genannte Mönchsart. Der kritische Rückverweis Benedikts auf
diese Sarabaiten lädt ein, Benedikts Bemerkungen zu ihnen sich
ebenfalls vor Augen zu stellen: Weder durch eine Regel noch in der
Schule der Erfahrung wie Gold im Schmelzofen erprobt, sind sie weich wie
Blei. In ihren Werken halten sie der Welt immer noch die Treue. Man
sieht, dass sie durch ihre Tonsur Gott belügen. Zu zweit oder zu dritt
oder auch einzeln, ohne Hirten, sind sie nicht in den Hürden des Herrn,
sondern in ihren eigenen eingeschlossen; Gesetz ist ihnen, was ihnen
behagt und wonach sie verlangen. Was sie meinen und wünschen, das
nennen sie heilig, was sie nicht wollen, das halten sie für
unerlaubt (RB 1,6-9)
Sarabaiten und Gyrovagen werden von Benedikt als
Negativfolie durchgezeichnet, aus der sich sein eigenes Mönchsverständnis
als Kontrastprogramm erkennen lässt. Die stabilitas ist in diesem
Zusammenhang ein wichtiger Programmpunkt, - gewissermaßen eine Schlüssel-Tugend.
Im unmittelbar griffigen Textverstehen ist die in-stabilitas der
Gyrovagen offensichtlich ein durchaus geographisches Herumstreunen. Die
Gyrovagen klostern sich von einem zum nächsten Kloster. Sie sind
ruhelose Mönchsvaganten oder gar -vagabunden (semper vagi).
Das äußere Vagantentum dieser Mönchsart ist für
Benedikt Äußerung einer inneren Haltung. Sie sind ich-verhaftete
Weichlinge - eingeschlossen in die eigenen Hürden, weich wie
Blei -, die sich das Mönchtum nach eigenen Gusto zurecht biegen. Sie
sind zwar zur Grüppchenbildung ... zu zweit oder zu dritt ...
fähig, aber nicht eingliederungswillig/fähig in eine Gemeinschaft
und nicht gewillt, sich an einen und unter einem Hirten zu binden.
Sie sind nicht ein-sichtig, sondern auf ihr Aus- und An-sehen bedacht.
Spitz formuliert: Sie sind in Benedikts Augen Tonsur-süchtig und
Pseudomönche. Man sieht[5], dass sie durch ihre Tonsur Gott belügen. Image und
Verpackung sind ihnen wichtiger als der Gehalt.
Bewährungsscheu und erprobungsflüchtig verfransen
sich Sarabaiten und Gyrovagen im vagen Traum eines idealen Mönchtum und
verweigern sich der griffigen Konkretion der Wirklichkeit. Sie sind
Menschen ohne Pack-an, - ohne Profil, - ohne Angreifbarkeit und
Griffigkeit. Sie sind momentanistisch, - ohne den Mut zur
Vergangenheitsverantwortung und ohne wirkliche Zukunftssehnsucht. Sie
sind Menschen voller Nebel und Traumtänzerei, aber mit schwachem Willen
und Durchhaltevermögen.
stabilire potest abbas der Abt kann zuweisen
(RB 61,12)
Benedikt kennt bzw. nennt zwei legitime Situationen, die - zumindest
beim ersten Hinsehen dem Stabilitätsgedanken zu widersprechen
scheinen: den Wechsel vom könobitischen Mönchtum in die eremitische
Berufung (RB 1,3 - 5) und die Aufnahme eines Mönches, der einem anderen
Kloster zugehört (RB 61,5 14). Beide Regelabschnitte verdienen
wegen dieser Widersprüchlichkeit ein zweites, genaueres Hinsehen. Als
verwandt gelagerte Situation ist auch der Eintritt von Priestern und
Klerikern in den Blick zu nehmen (RB 60).
Gemeinsam ist allen drei Situationen, dass Benedikt
sich gegenüber den entsprechenden Ansinnen sehr vorsichtig verhält.
Vielleicht steht dahinter die Erkenntnis, dass der Schritt in die
jeweils neue Existenz so einschneidend ist, dass man besser dreimal
hinschaut, als dass man vor lauter Begeisterung aus dem Häuschen
fährt. Benedikts Zurückhaltung gegenüber diesen Wechselwünschen ist
eine Vertiefung seiner grundsätzlichen Vorsicht bei Eintrittswünschen.
Kommt einer neu und will das klösterliche Leben beginnen, werde ihm
der Eintritt nicht leicht gewährt, sondern man richte sich nach dem
Wort des Apostels: Prüft die Geister, ob sie aus Gott sind (RB
58,1f).
Entscheidend ist vor allem die klösterliche
Alltagstauglichkeit, die ich als die kleine Münze der großen Währung
stabilitas bezeichnen möchte. Der künftige Eremit ist durch die
Schule der monasterii probatio diuturna der Bewährung im klösterlichen
Alltag gegangen (RB 1,3). Der Bitte des Priesters non quidem
citius adsentiatur stimme man nicht gleich / vorschnell zu (RB
60,1). Der Mönch aus dem anderen Kloster, der als Gast längere Zeit da
ist, zeigt in dieser Zeit seine vita Lebensführung (RB 61,3),
die im Guten wie im Schlechten das aussagekräftigste Zeugnis seiner
Tauglichkeit für diese Gemeinschaft ist.
Es fällt auf, dass wie bei der Aufnahme eines
Novizen (RB 58) auch bei den hier betrachteten Wechseln der
Lebenssituation der Abt weit in den Hintergrund tritt. Der zukünftige
Eremit ist durch die Hilfe vieler hinreichend geschult (RB 1,4).
In den Kapiteln 60 und 61 dominieren die Passiv-Formen der Verben:
man reagiert auf die Übertrittswünsche des Klerikers bzw. des
fremden Mönches. Es liegt nahe, darin das Gewicht einer solchen
Entscheidung auch für den betroffenen Konvent zu erkennen. Der Abt soll
offensichtlich nicht über die Köpfe seiner Gemeinschaft hinweg auf die
Wünsche der Eintritts-/Übertrittswilligen entscheiden. Unmittelbar
aktiv wird der Abt erst bei der Einordnung der Übertretenden in die Präzendenz
der Mitbrüder. Hat der Abt einen solchen Mönch als vorbildlich
erkannt, darf er ihm einen etwas höheren Platz zuweisen. Kommt der Abt
bei Priestern und Klerikern, wie schon gesagt wurde, zu einem ähnlichen
Urteil, darf er nicht nur einen Mönch, sondern auch sie an einen höheren
Platz stellen (stabilire potest abbas in maiori ... loco), als es
ihrem Eintritt entspricht (RB 61,11,f).
Die Legitimation für die Aufgabe einer bisherigen stabilitas
zugunsten einer neuen scheint mir bei Benedikt zu sein, dass die alte zu
einer gewissen Fülle gekommen ist. Der Wechsel ist weder ein Happening,
mal etwas anderes versuchen zu wollen, noch das Scheitern des bisherigen
Lebenskontextes und damit eine Krise, sondern er vollzieht sich auf
einer soliden Grundlage einer erreichten und er-lebten stabilitas.
Wenn der Mönch aus dem anderen Kloster in Benedikts Kloster voluerit
stabilitatem suam firmare sich zur Beständigkeit verpflichten
will (RB 61,5), dann
beginnt er nicht mit etwas ganz Neuem an einem Nullpunkt, sondern hat
einen erkennbaren Stabilitätsweg hinter sich. Der Wechsel vollzieht
sich nicht aus einem Katastrophenszenario, sondern als evolutiver
Schritt aus einem gelungenen Lebensabschnitt in eine neue Höhe, Tiefe,
Weite oder wie auch immer man das nennen mag.
maturitas non sinit vagari der Reife treibt
sich nicht herum (RB 66,1)
Die Schwellensituation zwischen draußen und drinnen, zwischen Welt und
Kloster ist eine besonders gefährdete und gefährdende. Aus den
verschiedensten Gründen muss sie schlicht und einfach zuverlässig im
Auge behalten werden. Die Anklopfenden semper praesentem inveniant
sollen immer einen antreffen ... (RB 66,2). Sicher ist das
immer betont, aber genauso sicher darf man wohl all das
mitschwingen hören, was uns Heutigen mit dem Lehnwort präsent
mitklingt. Der Pförtner muss nicht nur irgendwie äußerlich anwesend
sein, sondern er muss auch wirklich da sein, - er muss seiner
Aufgabe gewachsen sein, - er muss wach sein für die jeweilige
Herausforderung, die von außen an ihn herankommt. Mit dem Prior und dem
Cellerar gehört er zu den herausragenden Offizialen des Klosters, denen
ein eigenes Regelkapitel gewidmet ist.
Während die Gyrovagen von Kapitel 1 als semper
vagi charakterisiert werden, heißt es vom guten Pförtner, dass er
semper praesens ist. Er ist kein vagus Herumtreiber .
Vielleicht darf man auch ein wenig großzügig ausmalen: Der gute Pförtner
ist kein umtriebiger Geschaftlhuber, der überall etwas zu tun, zu
sehen, zu reden findet, - nur nicht dort, wo sein eigentlicher Platz
ist. Und sicher ist er nicht der Gerüchtesammler und trommler der
Gemeinschaft, der zwischen Welt und Kloster herumtratscht. Er soll ein
senex sapiens sein, cuius maturitas eum non sinat vagari -
Seine Reife bewahrt ihn davor, sich herumzutreiben. Was ihn
auszeichnet, sind sapientia Weisheit und maturitas
Reife.
Die mit der Regel Benedikts Vertrauten wissen, dass
mit den Altersbegriffen senior
und senex nicht einfach das physische Alter der so
Charakterisierten gemeint ist. Die geistliche und menschliche Reife ist
ganz stark in die Alterscharakterisierungen senior und senex
eingeflossen. Auf der anderen Seite sollte man aber auch nicht so weit
gehen zu sagen, dass das physische Alter für die maturitas überhaupt
keine Rolle spiele. Normalerweise dürfte das Gegenteil der Fall sein[6].
Die wachsende Zahl der Jahre schenkt mehr und mehr Erfahrung und damit
zumindest in der Theorie einen Zuwachs an maturitas, an
Gelassenheit und darin einen Zuwachs an stabilitas. Wenn das
wenigstens ansatzweise stimmt, dann kann das Gelübde der stabilitas
bei Benedikt auf keinen Fall sich nur auf einen statisch umgrenzten,
schematisch abfragbaren und einklagbaren Verhaltenskodex beziehen. Es
kann eigentlich nur bedeuten zu versprechen, am Ball des inneren
Wachstums bleiben zu wollen. Es ist weniger ein Versprechen, dieses und
jenes zu tun und ein Drittes und Viertes zu lassen, als vielmehr das
Bekenntnis einer unbändigen Sehnsucht, die die Grenzen des Hier und
Jetzt auf Unendlichkeit hin aufbrechen will.
Neben dem vagari Herumtreiben dürfte die
acedia die Unlust[7]
das Kontrastverhalten zur stabilitas sein. Benedikt versucht, den
Weg zur stabilitas zu fördern, indem er für wichtige Bereiche
des Lebens klare Regelungen vorgibt, z.B. für die Psalmenverteilung und
das Offizium überhaupt, aber auch für die Verteilung von Arbeit,
Gebet, Lesung und Erholung über den Tag hin. Das System einer solchen
Ordnung ist eine Hilfe für die innere Ruhe, wobei ich diese Ruhe
durchaus als eine Deutungsvariante der stabilitas verstehe. Den
Alltag jeden Tag neu zu finden oder gar erfinden zu müssen, ist
beunruhigend und ein Virus der in-stabilitas.
Im 48. Regelkapitel Die Ordnung für Handarbeit und
Lesung spiegelt sich offensichtlich deutlich wieder, dass manuelle
Arbeit, bei der griffig-sichtbare Ergebnisse rauskommen, seinen Mönchen
weniger problematisch ist als die geistig-geistliche Mühe der Lesung[8].
Was bringt es auch schon, zu lesen oder zu beten? Die Gefahr des
großzügigen Schlabberns in diesem Bereich ist sicher nur allzu
menschlich. Benedikt bietet für diese Gefahr die Hilfe erfahrener Mitbrüder
seniores (!) an. Benedikt spricht hier allerdings nicht
von Hilfen. Er drückt sich entschieden drastischer aus. Im
Hinblick auf Benedikts deutliche Sprache, sollten auch wir vor dieser
Deutlichkeit nicht zurückscheuen: Benedikt lässt die Lesezeiten der
Mitbrüder kontrollieren. Vor allem aber bestimme man einen
oder zwei Ältere, die zu den Stunden, da die Brüder für die Lesung
frei sind, im Kloster umhergehen[9].
Sie müssen darauf achten, ob sich etwa ein träger Bruder (frater
acediosus) findet, der mit Müßiggang oder Geschwätz seine Zeit
verschwendet, anstatt eifrig bei der Lesung zu sein; damit bringt einer
nicht nur sich selbst um den Nutzen, sondern lenkt auch andere ab (RB
48,17f)[10].
Folgerungen
Das Verstehen von Benedikts Gedanken zur stabilitas greift
entschieden zu kurz, wenn man sie auf die Ortsbeständigkeit hin
reduziert. Meines Erachtens greift auch die Deutung der stabilitas
als Beständigkeit in der brüderlichen Gemeinschaft dieses oder jenes
Klosters zu kurz. Beides gehört zur stabilitas dazu, aber sie
erschöpft sich weder in der Ortsbeständigkeit noch in der Beständigkeit
in der Gemeinschaft. Stabilitas ist bei Benedikt ein umfassenderer
Begriff, der das ganze menschliche und geistliche Leben in den Blick
nimmt.
In unserer Lektüre des Begriffes sind uns die maturitas
Reife, die sapientia Weisheit und die senes/seniores
ältere Brüder begegnet. Alle diese Begriffe suggerieren einen
Wachstumsweg von bescheidenen, begrenzten Anfängen zu größerer und größerer
Tiefe. Dieser Weg braucht auch schlicht und einfach Zeit. Auf dem
Zeitweg des Wachsens in die stabilitas wird es eine von Zeit zu
Zeit unterschiedliche Dynamik geben. Es gibt die Zeiten, in denen es recto
cursu schnell, geradewegs (RB 73,4) vorwärts geht, - es gibt die
anderen Zeiten, wo es eher mühsam, magis ac magis Schrittchen für
Schrittchen (RB 62,4) läuft. Wahrscheinlich ist das Letztere eher
der normale Alltag des geistlichen Lebens. Die seniores eines
Klosters dürften die sein, die den positiven Wert der kleinen, aber
stetigen Schritte internalisiert haben. Heiligkeit ist nicht mit
Sieben-Meilen-Stiefeln zu erreichen.
Als ein das ganze Leben betreffender Begriff ist eine
Eingrenzung des stabilitas-Gedankens auf einen rein asketischen
oder spirituellen Bereich auch bei Benedikt nicht denkbar. Eine
fromme Engführung würde die Reifung der stabilitas eher
behindern als fördern. Für eine ganzheitliche Reifung sind in diesem
Sinn sicher auch die Erkenntnisse der Psychologie und die Chancen ihrer
Methoden zu berücksichtigen. Zwar kann auch die Psychologie keine
Wunder wirken, aber eine generelle Skepsis gegen sie ist unangebracht.
In der von mir angedeuteten Verstehensweite lässt
sich stabilitas nicht rechtlich fassen. Benedikts Gelübdetrias
ist keine Rechtsformel mit präzise erkennbaren Grenzen. Sie ist ein
Zielhorizont, der mehr und mehr er-lebt werden will. Je weiter und länger
der Weg der stabilitas sich hinzieht, desto präziser wird er
werden. Das heißt, er wird einerseits immer
enger und damit profilschärfer, andererseits füllt er sich mit
der Weite wachsender Gewissheit und Zufriedenheit[11].
Der gerade genannte Zielhorizont kann sicher noch näher
umschrieben werden. In RB 58,7 wird den Verantwortlichen ans Herz
gelegt, genau darauf zu schauen, si revera deum quaerit ob der
Novize wirklich Gott sucht. In dem revera wirklich erkenne
ich die Frage nach der stabilitas wieder. Es ist zu wenig, den Mönch
zu spielen, und es reicht auch nicht, den Mönch zu träumen.
Ernsthaftigkeit, langer Atem, sich selbst fordernde Zielstrebigkeit ist
angesagt. Und das Ziel heißt Gott, - nur er und nichts weniger. Im
Regelprolog wird der Weg zu ihm zunächst als ein Rückweg zum
Ausgangspunkt des Menschen beschrieben (Prolog 2). Später wird mit
Psalm 34 vom Leben gesprochen (Prolog 12 20), dann mit Psalm 15 vom
Wohnen in Gottes Zelt auf seinem heiligen Berg (Prolog 22 28). Im
Schlusskapitel der Regel wird die patria caelestis das himmlische
Vaterland als Ziel genannt (RB 73,8).
Der Umschreibungen sind nicht wenige und es werden
sicher noch viele weitere möglich sein[12].
Was mir in ihnen vor allem zur Sprache zu kommen scheint, ist die
Sehnsucht, das Leben auf eine Mitte hin zu fokussieren und diese Mitte
auf ihren Reichtum hin auszubuchstabieren. Benedikt hat für sich Gott
als den Fokus seines Lebens entdeckt und ihn in seiner Regel
anbuchstabiert.
Weiterungen
Benedikt hat seine Regel für Mönche geschrieben. Dabei wollte er
keine neue Heilsbotschaft, kein neues Evangelium schreiben, sondern das
Evangelium Jesu Christi in konkrete Handlungsoptionen übersetzen. Für
Mönche geschrieben, haben viele Christen durch die Jahrhunderte
erkannt, dass die Regel so tief aus der evangelischen Botschaft schöpft,
dass sie auch für sie Richtlinien für das Gelingen christlichen Lebens
außerhalb des Klosters geben kann[13].
Eine nicht mehr ganz neue, aber doch noch relativ
junge Erkenntnis ist, dass die Mönchserfahrung Benedikts darüber
hinaus eine nüchterne und solide Menschenkenntnis
wiederspiegelt, die für modernstes Führungsmanagement fruchtbar
gemacht werden kann. Diese Menschenkenntnis ist in seine Regel
eingeflossen und das klösterliche Leben hat sie ihrerseits auch mitgeprägt,
aber sie ist nicht auf die Klausurgrenzen begrenzt. Man kann getrost von
den Etagen höherer Betriebsebenen hinuntersteigen und die Klausurmauern
übersteigen, um im Kleinklein des privaten Lebens und seiner Tücken zu
testen, ob und wie Benedikt Hinweise für normale Lebensfestigkeit
gibt[14].
Unter diesem Aspekt wäre es für den nicht-klösterlichen
Leser vielleicht interessant oder sogar spannend, die hier vorgetragenen
Gedanken noch einmal auf seinen eigenen Lebensbereich und Lebensstil hin
zu lesen. Ich bin überzeugt, dass er manches bei Benedikt finden wird,
das wie im richtigen Leben ist.
Abt Albert Altenähr OSB
020424
So auch bei Basilius Steidle, Die Benediktus-Regel.
Lateinisch Deutsch, Beuron, 1978, im Sachverzeichnis zur
Regel, Stichwort Profeß: örtl. Beständigkeit.
Vgl. RB 48,15, wo Benedikt für die Fastenzeit den Brüdern
die Lektüre eines Buches der Heiligen Schrift per
ordinem ex integro vorschreibt. Das ist offensichtlich eine
Zumutung und Herausforderung, - ein die stabilitas
stärkendes Training und zugleich ein Testfall.
Georg Holzherr, Die Benediktsregel. Eine Anleitung zu
christlichem Leben, Zürich Einsiedeln Köln, ²1982,
276, lässt offen, ob diese Regellesung am Beginn oder am
Ende der zwei Monate vorgenommen wird. Er tendiert aber eindeutig
dahin, die Lesung für den Beginn der zwei Monate anzusetzen.
Ich möchte dieses man sieht ... bewusst einmal stärker
gewichten, als es wahrscheinlich von Benedikt gemeint war. Vom äußeren,
mit dem Auge erkennbaren Gehabe schließt Benedikt auf das Innere.
Wir Mönche und bestimmt nicht nur wir sollten uns sehr
bewusst sein, dass wir uns um es Neudeutsch zu sagen schon längst
geoutet haben, bevor wir uns outen. Wer sehen kann,
sieht sehr viel, - meist mehr. als der andere je und je zeigen will.
Den Normalfall stellt Gregor der Große in seiner Vita
Benedikts heraus, indem er bewundernd beim jungen Benedikt seine für
sein Alter absolut untypische Reife erwähnt: Schon von früher
Jugend an hatte er das Herz eines reifen Mannes (Ab
ipso pueritioae suae tempore cor gerens senile), war er doch
in seiner Lebensweise seinem Alter weit voraus (Gregor d.Gr.,
Dialoge II,1).
Das Glossar der lateinisch-deutschen Regelausgabe der SÄK
deutet und übersetzt acedia
als geistliche Trägheit, Unlust, Widerwille, Überdruss am
religiös-asketischen Leben (S. 272).
Interessant: um dem Umherstreunen zu wehren, müssen einige
Ältere im Kloster umhergehen!
Vgl. auch RB 43,8 die Mahnung, bei Verspätungen zum
gemeinsamen Gebet nicht großzügig ganz der Gebetszeit fern
zu bleiben. Vgl. dazu Gregor
d.Gr., Dialoge II,4.
Ich habe beim Schreiben dieser sicher delikaten Gedanken über die
Kontrolle des geistlichen Tuns durch andere noch einmal in den
Abschnitt Die Zucht als Lehrmeisterin in das Gebet meiner
Dissertation über Bonhoeffer hineingeschaut. Bonhoeffers
Erfahrungen und Hinweise lassen sich nahtlos in Benedikts Gedanken
über die stabilitas einfügen. Albert Altenähr, Dietrich Bonhoeffer
Lehrer des Gebets. Grundlagen für eine Theologie des Gebets bei
Dietrich Bonhoeffer, Würzburg, 1976, 260 267.
In besonderer Weise sei hingewiesen auf die kosmische Vision,
die Gregor d.Gr. in seiner Vita Benedikts dem Heiligen zuschreibt (Dialoge
II,35).
Die Oblaten unserer Klöster sind da nur eine Gruppierung,
die die Fruchtbarkeit der Benediktregel für ihre christliche
Lebensgestaltung wahrnimmt und zu realisieren versucht.
Aus meinem klösterlichen Lebensbereich wäre in solchem
Kleinklein vielleicht einmal der Verwandtschaft vom
unkonzentrierten Herumzappeln beim Chorgebet, dem Herumzappen beim
Fernsehen und dem Gyrovagentum nachzuspüren. Nach draußen hin könnte
man einmal fragen / sich fragen lassen, wie es mit dem Herumzappen
von Event zu Event, von Termin zu Termin steht, um ja nichts vom
Leben zu verpassen. ... und unter Umständen hat man vor all dem
vielen Angebotenen schließlich nur Nichts vom Leben
mitbekommen.
|
|