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Brunnen, gebohrt in die Luft
zu Versen von Nelly Sachs
Ich gestehe: Wenn ich die Gedichte der
Nelly Sachs lese, bleibt mir vieles verschlossen. Doch schreckt es mich
nicht, dass ich immer wieder vor Türen stehe, für die mir der Schlüssel
fehlt. Es gibt aber auch Worte, - Wortkombinationen, - Verse, die mich
auf einen Weg schicken. Dabei habe ich nicht selten das Gefühl, dass
mich die Empathie vielleicht nahe an die Dichterin heranführt, mein
Eigenes aber auf jeden Fall reich befruchtet.
Wer weiss,
welche magischen Handlungen
sich in den unsichtbaren Räumen vollziehen?
Wieviel glühende Rosen der Beschwörung
auf den Gewehrmündungen der Krieger blühn?
Welche Netze die Liebe knüpft
über einem bleichen Krankengesicht?
Manch einer hörte seinen Namen rufen
am Scheideweg
und kämpfte handlos in der Heiligen Scharen.
O die Brunnen, gebohrt in die Luft,
daraus Pophetenwort trinkt,
und ein Staubvergrabener plötzlich seinen Durst löscht.
Welche Saaten an den Gestirnen des Blutes erwachsen
welche Missernten des Kummers.
Und der Heiligen Lese aus Licht.
Ringmauern für die schwärzesten Taten.
Friedhöfe für die Martern
der bis auf den Gottgrund zerrissenen Opfer.
O die unsichtbaren Städte
darin die Schlafenden ihre Ausflüge machen -
Wälder der Traumgesichte -
was werdet ihr sein in Wahrheit nach unserem Tod?

In unserem Gedicht stehen – wie oft in den
Gedichten der Nelly Sachs – irdische Härten und transzendente
Perspektiven und Visionen kontrastreich neben- und zueinander. Das
Gedicht malt einen nächtlichen Jakobskampf von Todesmacht und
Lebenskraft.
Mich faszinieren in besonderer Weise die
Zeilen mit dem Brunnenbild: „O die Brunnen, gebohrt in die Luft, /
daraus Prophetenwort trinkt, / und ein Staubvergrabener plötzlich
seinen Durst löscht.“
Brunnen, - sie sind ein sehr
archetypisches Bild. Brunnen evozieren zugleich viele biblische
Geschichten. Nelly Sachs hat ihnen ein eigenes Gedicht geschrieben:
„Aber deine Brunnen / sind deine Tagebücher / o Israel!“ Nahezu als
ganzes kann dieses Gedicht als Deutehorizont für die genannten Zeilen
des Gedichtes „Wer weiß, welche“ herangezogen werden. Nur der
Gedichtschluss sei hier angeführt: „Schlagrutenhaft / dein Herz zuckt
/ wo die Schalen der Nacht / eine Brunnentiefe halten, / darunter die
Landschaften Gottes / zu blühen beginnen, / die du, Erinnernder unter
den Völkern, / hinaufhebst / mit dem Krug deines Herzens - / hinaufhebst
/ in die brunnenlosen Räume / der Vergessenheit!"
Kehren wir zurück zu den Versen „O die
Brunnen, gebohrt in die Luft.“ Das, was die Dichterin trägt und ihr
Lebenskraft ist, bleibt sehr vage gesagt. Es ist – hart formuliert –
gewissermaßen ein Luft-Schloss.
Ich hole die Formulierungen des Gedichtes
vom tragenden Transzendenten in meinen Glauben hinein. Ich bekenne
„Credo in unum Deum … Ich glaube an Jesus Christus …, den Heiligen
Geist, der vom Vater und vom Sohn ausgeht …“ Das lässt mich fragen: Wie
verhalten sich die so offenen Gedichtformulierungen der Nelly Sachs zu
meinem christlichen Bekenntnis?
Anders gesagt: Löst sich mein Glaube auf,
wenn ich mich auf Nelly Sachs einlasse? Oder aber: Kann die Dichterin
mit ihren Gedanken Weg sein, mich lebendiger zum „Gottgrund“ meines
Glaubens hinzubohren? Für mich selbst wage ich, Letzteres anzunehmen.
Ich nehme mich immer wieder wahr als
einen, der im Kleinklein des Alltags den großen Wurf freudigen Glaubens
hintansetzt. Grob gesagt: die Tage werden großen Teils ohne Gott gelebt
und gestaltet, - auch meine Mönchstage sind da nicht anders als die der
Weltmenschen. Nicht selten geht es auch mir so, dass ich mich als „guten
/ praktizierenden Mönch“ – das klösterliche Pendant zum „guten /
praktizierenden Katholiken“ – fühle, wenn ich die Riten und Rituale
erfülle und nicht über die Stränge der abgesteckten Pfade schlage, aber
bleibe ich so nicht doch ein Staubvergrabener?
Nelly Sachs’ Brunnenbohrung weckt in mir -
wieder einmal - die bohrende Frage: Was ist hinter dem, was ich
christlich und monastisch bekenne, tue, lebe? Sie lässt mich Ausschau
halten nach dem Geist in, zwischen, hinter den Buchstaben. Gleichzeitig
ermutigen sie mich, in den Brunnentiefen Worte zu glauben, die den Durst
lindern und löschen, aber nicht aus- und zu-Ende-löschen. Ich glaube,
solcher Durst hält lebendig.
Die beiden Schlusszeilen des Gedichtes
halten mir die spannendste Frage des Mönchs- und Glaubenslebens hin. Die
Frage wird mich bis zum Ende begleiten. „Wälder der Traumgesichte - /
was werdet ihr sein in Wahrheit nach unserem Tod?“
Albert Altenähr
100609
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