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Der „leichte
Glaube“
Zu einem Glasfenster von Janet
Brooks Gerloff
Am
ersten Advent 2009 hat die evangelische Kirchengemeinde
Kornelimünster-Zweifall ein großes Glasfenster eingeweiht, das Janet
Brooks Gerloff (+2008) entworfen und in seiner Umsetzung anfangs auch
noch begleitet hat. Mit den Bildern in unserer Abteikirche und im
Kloster hat Kornelimünster jetzt einen zweiten Zielpunkt für all jene,
die sich vom Werk der Künstlerin angesprochen fühlen.
Das
Fenster hat die vier Evangelisten zum Thema, die vom Fluss, der vom
Garten Eden ausgeht und in die Welt hineinfließt, umströmt werden.
Ich
möchte dieses letzte Werk Janet Brooks Gerloffs an dieser Stelle
zusammen mit dem Emmausbild unseres Klosters in den Blick nehmen. Meine
Gedanken werden dabei mehr von mir erzählen als von denen der
Künstlerin. Vielleicht wäre Janet Brooks Gerloff sogar überrascht, die
beiden Werke in so enge Verbindung gesetzt zu sehen, wie es hier
versucht wird. Ganz fern liegt die Verbindung aber nicht, da die
Verantwortlichen der evangelischen Gemeinde durch die Bilder in unserem
Haus angeregt wurden, die Künstlerin für einen Entwurf des
Kirchenfensters anzusprechen.


Wenn
ich die Gemälde in unserer Kirche betrachte, dann bewundere ich den
kraftvollen Konturenstrich der Personen und die Offenheit, sich in die
Weite ihres Gewandes hineindenken und in sie eintauchen zu können. So
wenig die Figuren „aus-gemalt“ sind, so sehr sind sie in ihrer – ich
möchte sagen: michelangelesken – „Wuchtigkeit“ ganz geerdet. Sie haben
wenig schwebend Leichtes an sich. Sie stehen mit beiden Füßen in dieser
Welt.


Die
Erdenhaftung der Jünger wird noch einmal gesteigert im Emmausbild. Da
ist zum einen die braun-rote Farbgebung der unbestimmt vage gezeichneten
Hügellandschaft. Zum anderen ist das Trauerschwarz der beiden Jünger
natürlich besonders „niederziehend“.
Aber
auf diesem Bild ist doch auch das ganz Andere präsent, das gerade dieses
Bild so faszinierend macht, dass es weit über den lokalen und regionalen
Bereich hinaus bekannt wurde. Der unerkannte Begleiter der beiden Jünger
auf dem Trauerweg nach Emmaus ist in seinen Konturen so leicht „an-gezeichnet“,
dass man an einen Skizzenentwurf denken könnte. Und darüber hinaus ist
der Emmausweg-Begleiter Christus unirdisch durchscheinend. Er könnte
sich den Jüngern noch verflüchtigen. Er ist mehr Ahnung als Griffigkeit.
Er muss sich ihnen noch sehr weit „verdichten“, bis sie die
Emmaus-Erfahrung machen. Ist das nur eine historisch damalige Erfahrung
von zwei besonderen Individuen? Oder ist das eine Grunderfahrung jeden
christlichen Glaubens und seiner Gott- und Christussuche? Das waren
bisher mehr oder weniger meine Empfindungen und Gedanken vor dem
Emmausbild in unserer Abtei.
Mit
dem Glasfenster in der evangelischen Kirche – weniger als 10 Fußminuten
von der Abtei entfernt – tritt ein neuer Aspekt in meine Deutung des
Emmausbildes.

Das
Fenster ist von einer inneren Leichtigkeit und Poesie, die ich so in den
Bildern der Abtei nicht finde bzw. die ich erst vom Blick auf das
Glasfenster her ahnend wahrnehme, - am ehesten in der Christusgestalt
des Emmausbildes.
Die
Evangelisten-Figuren selbst sind im wesentlichen nicht anders gestaltet
als die Figuren auf den Bildern in der Abtei: weite Gewandung, die
Gesichter nur angedeutet und nicht durchgezeichnet. Und doch, - sie
wirken leichter.
Es
ist sicher zum einen das ganz andere Medium – Fenster und Glas -, das
diese Leichtigkeit aufleuchten lässt. Die Bleiruten sind zarter Strich.
Ihr Strömen im Paradiesfluss malt nicht einfach nur Wellenspiel, sondern
füllt mehr und mehr den architektonisch vorgegebenen Rahmen … und das
ganze denkbare Gottesdienstgeschehen in dem Kirchraum und das
Glaubensgefühl der Feiernden und der Betrachter. Im feinen Strich des
Bleis sind auch die Evangelisten gezeichnet. Sie sind ganz da, aber viel
verhaltener, zurückgenommener als die Personen auf den Bildern in der
Abtei. Nur der achtsame Betrachter entdeckt zu Füßen des Markus und des
Lukas deren Symbole – Löwe und Stier -, ebenfalls mit den Bleiruten
hingestrichelt. Schmunzelnd entdecke ich, dass die Künstlerin den
„Malerkollegen“ – Lukas werden schon in der frühen Tradition die
ehrwürdigsten Marienbilder zugeschrieben – als Linkshänder gezeichnet
hat.
Zum
anderen ist es der Aquarellcharakter der Farbgebung, die in mir das Echo
der Leichtigkeit hervorruft. Die Farbe fließt mit den Bleiruten in den
unterschiedlichsten Helligkeitsgraden. Die Symbole des Matthäus und des
Johannes, Mensch und Adler, sind in diesem Aquarellstil auf das Glas
gemalt. Die Aquarelligkeit gibt dem ganzen Fenster das Gefühl einer
inneren Durchsicht, ohne dass es banal durchsichtig wird und wirkt.
Was
ergänzt das Fenster in der evangelischen Kirche zu denen in der Abtei?
Es lässt mich die Frage nach der Leichtigkeit meines christlichen
Selbstverständnisses fragen. Es lässt mich fragen, ob ich den Christus
des Emmausbildes nicht auch als Boten des „leichten Glaubens“ verstehen
sollte, nicht nur als den, der sich noch verdichten muss. Im Gegenteil,
die Jünger sind es, für die eine Verwandlung ansteht. Sie müssen und
dürfen lichter und leichter werden. Das wird ihr Emmaus sein.
Lassen Sie mich eine Schlussbemerkung machen, die Sie vielleicht
schmunzeln lässt oder gar zu einem ökumenischen Lachen verführt. Der
Einweihungsgottesdienst am 1. Advent war für mich Katholiken natürlich
„sehr evangelisch“: ein reiner Wortgottesdienst voller Lieder, Texte,
Worte, und der amtierende Pfarrer und die Pfarrerin in strengem
Talarschwarz mit Bäffchen. Unsere Sonntagsmesse – zeitgleich! -: farbige
Messgewänder, unterschiedliche, „bunte“ Riten, Weihrauch, Kommuniongang.
Und nun die Werke von Janet Brooks Gerloff hier und dort. Unsere Bilder
wirken auf mich „strenger“, die in der Schwesterkirche „spielerischer“.
Mir kam der Gedanke: irgendwie sind die Bilder in unserer Kirche …
„evangelischer“, als ich je gedacht habe, - und gleichzeitig: irgendwie
ist das Fenster in der evangelischen Kirche … „katholischer“, als ich
erwartet hätte. Auch diese meine Perplexität ist eine Form von Ökumene.
Ich
bin stolz auf die Bilder von Janet Brooks Gerloff, die unsere Kirche und
unser Haus prägen. Ich freue mich mit der evangelischen Kirchengemeinde,
dass sie ein so gelungenes Fenster ihr eigen nennen darf.
P. Albert Altenähr
091203
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