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„Die Kirche ist jung“
Papst Benedikt XVI., 24. April 2005
Predigt bei seiner Amtseinführung
Das Wort
wurde gern gehört und mit Applaus aufgenommen: „Die Kirche ist jung.“
Beim Kameraschwenk über die Menge war deutlich, dass es besonders die
jungen Menschen waren, die begeistert zustimmten. Was hatten sie gehört?
„Die Kirche ist jung?“ Oder hatten sie etwas anderes gehört? Etwa: „Die
vielen Jugendlichen bei den Beerdigungsfeierlichkeiten und auch an
diesem Tag der Amtseinführung des neuen Papstes zeigen, dass die Kirche
jung ist?“ So hatte Papst Benedikt es nicht gesagt, wenngleich diese
Aussage durchaus mitgeschwungen haben mag. Er hatte gesagt: „Die Kirche
ist jung.“
Die Kirche
ist jung mit den Jungen u n d mit den Alten. Die Alten machen die
Kirche nicht alt, weil sie alt sind. Umgekehrt machen die Jungen die
Kirche nicht jung, weil sie jung sind. Jugend und Alter sind nicht eine
Frage des Geburtsjahrgangs. Die Alten können durchaus sehr viel jünger
sein als die Jungen. Und mit Zwanzig kann man so alt sein, wie man es
möglicherweise an Jahren nie wird.
Und außerdem
ganz abgesehen vom Zulauf begeisterter Jugendlicher bei besonderen
Großveranstaltungen oder der Überzahl älterer Menschen bei unseren
"normalen" Gottesdiensten, die Kirche ist so oder so 2000
Jahre ... alt, - oder eben ... jung.
*
Jesus
Christus - die Jugend der Kirche
Die Kirche
ist jung, weil sie Gemeinschaft Jesu Christi ist. Er ist die Jugend der
Kirche. Er - in seiner bleibenden Liebe, in seinem Tod und seiner
Auferstehung, die zwar an einem ferner und ferner werden historischen
Datum geschehen sind, die aber nicht in einem Datum „anno Tobak“
aufgelöst werden können. In der Liturgie der großen Feste werden immer
wieder Antiphonen gesungen, in denen das Festgeheimnis ins „Heute“
hinübergesungen. Jesus Christus – „gestern, heute, und in Ewigkeit“, das
ist die Jugend der Kirche.
Die Kirche
ist jung, weil und wenn sie die Beziehung zu Jesus Christus sucht und
lebt. Von ihrer Namensdefinition her – zumindest in den germanischen
Sprachen – kann sie eigentlich überhaupt nicht anders verstanden werden:
Sie ist in ihrem Kyriake-Sein Beziehungsgemeinschaft zum
Kyrios. „Kirche“ ist ein Lehnwort, das das griechische Kyriake
wiederspiegelt. Sie ist Gemeinschaft aus, mit und im Kyrios, dem
Herrn Jesus Christus. „Christen“ sind die Anhänger Christi, - sind die,
die er seine Freunde nannte und nennt und die umgekehrt ihn als ihren
Freund betrachten.
Eigentlich
müssten wir in der Logik dieser Andeutungen die Kirche auch
als jung erleben und erfahren. Vielfach scheint aber eher das Gegenteil
der Fall zu sein. Die Kirche erscheint nicht wenigen als alt,
ausgemergelt und verknöchert. Sie wird als unbeweglich und erstarrt
angesehen, als wenig lebendig. Die „alten Kirchen“ Europas haben
phantastische Strukturen und effektive Organisation, aber die „jungen
Kirchen“ sind lebendiger.
Und wenn Benedikt XVI. sein Predigt-Wort an
das öffentliche Erscheinungsbild der römischen Kurie anlegt, würde er
auch da so wortmutig sein und sagen: „Schaut her, - seht ihr’s nicht:
Die Kirche ist jung?“
*
Jugend
der Kirche? ... eine Frage an mich!
Natürlich
können wir nach Rom schauen, um uns zu fragen, ob das päpstliche
Predigt-Wort stimmt und stimmig ist. Wir sollten uns aber mit diesem
Rom-Blick nicht davon dispensieren, die Frage bis in die Basis-Situation
unseres nächsten Umfelds hinunterzufragen. Ist die Gemeinde, in der ich
lebe jung? Und wir können die Frage noch einmal herunterfragen. Bin ich
jung? Bin ich mit meinen z.B. 63 Jahren ein junger Christ?
Es ist die
Frage nach meiner Glaubensfreude und Christusbeziehung. Ist mein
gelernter Glaube wirklich mein Eigenes geworden und nicht nur ein
äußerlich Angepapptes geblieben? Ist er möglicherweise schon lange
gestorben? Und wird er nur noch als eine - vielleicht einmal notwendige
- Versicherungspolice für den – man weiß ja nie! – Eintritt in den
Himmel mitgeschleppt? Ich nenne mich einen Christen, aber wer ist dieser
Jesus Christus eigentlich wirklich für mich?
Ich scheue
das Wort „Liebe“. Es ist so abgegriffen. Vielleicht ist es aber gerade
deshalb schnell und überall im Schwange, weil wir alle spüren, dass
genau hier die Antwort auf die letzten Fragen zu finden ist -, und in
ihm doch zugleich mehr offen bleibt, als definitiv beantwortet wird.
Wenn wir Liebe als Einwurzelung des anderen in mich – und umgekehrt –
verstehen, dann könnte das auch das Schlüsselwort für den Glauben als
Beziehung zu Jesus Christus sein. Benedikt formuliert es in seiner Regel
so: „Nihil amori Christi praeponere = Nichts der Liebe Christi vorziehen
/ Nichts der Liebe zu Christus vorziehen“ (RB 4,21; vgl. 72,11). Beide
Übersetzungen sind möglich
Wo aber Liebe
im Spiel ist, da ist Feuer, - da ist Leben. Da ist nichts Abgestandenes.
Da ist Phantasie und Kreativität. Die Alters-Jahre spielen auf einmal
keine Rolle. Liebe ist ein Jungbrunnen. Liebe macht jung.
Ist die
Kirche jung? Benedikt XVI. wagte und sagte ein positives „Ja“. Dieses
mutige „Ja“ ist kritische Rückfrage an jeden einzelnen - und damit auch
an mich und dich - nach seiner Christusbeziehung. Es ist zugleich
Ansporn, Jesus Christus wirklich und bewusst in den Lebensalltag
einzubeziehen.
Abt Albert Altenähr OSB
050427 |