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Vertrauen,
dieses schwerste ABC
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Hilde Domin
Lange
wurdest du um die türelosen
Mauern der Stadt gejagt.
Du
fliehst und streust
die verwirrten Namen der Dinge
hinter dich.
Vertrauen, dieses schwerste
ABC.
Ich
mache ein kleines Zeichen
in die Luft,
unsichtbar,
wo die neue Stadt beginnt,
Jerusalem,
die goldene,
aus Nichts.
(Lieder zur Ermutigung II) |
Ich weiß: Hilde Domin hat in den ersten beiden Strophen ihres
Gedichtes die Heldenkämpfe der alten Griechen um Troja vor
Augen. Achilleus jagt den Troja-Prinzen Hektor um seine Stadt.
Der lässt seine Rüstung Stück für Stück fallen, um den schnellen
Lauf noch schneller laufen zu können. Alle Schlupftüren nach
Troja hinein halten die verängstigten Bewohner verschlossen, um
nicht mit dem Prinzen auch den Feind in die Stadt gelangen zu
lassen.
Ich weiß: Hilde Domin war vom Goldglanz römischer Mosaiken
fasziniert. Ich weiß: sie greift den biblischen und in ihrem
jüdischen Volk stets lebendigen Traum des neuen und goldenen
Jerusalem auf.
Ich weiß das, … lasse es in mich
hinein versinken, vergessen … und denke an „den Menschen heute“
– den gehetzten, gejagten, gestressten, der rennt und wuselt,
aber für sein Leben kein Zuhause findet und dem die Leere immer
größer wird. |
*
„Vertrauen, dieses schwerste ABC.“ Ich
spüre die Sehnsucht nach Geborgenheit, - nicht nur kurzfristiger - so
schön sie ist -, sondern nach bleibendem Halt, den tief Glaubende
bekennen und – wenn es gut geht – wohl auch ausstrahlen.
*
Die Dichterin erzählt sehr persönlich von
einem kleinen Zeichen, - in die Luft, - unsichtbar. Was mag das für ein
Zeichen sein? Die Frage wird nicht beantwortet. Dieses (ich will es
einmal Lateinisch sagen) „signum“ ist zugleich Signal des
Aufbruchs und Signatur ernsthafter Sehnsucht und wirklicher Suche.
Mir selbst ist das kleine Kreuzzeichen
auf den Mund, das wir Mönche zu Beginn unserer ersten Gebetszeit des
Tages machen so ein Aufbruchzeichen in einen Tag des Suchens nach dem
Ur-Grund des Vertrauens. Es ist ein Aufschließen meiner selbst für den
Beginn der neuen Stadt, die ich in vielen Kleinigkeiten, in Bagatellen
von goldenem Nichts zu entdecken hoffe.
Ein wenig stört mich aber doch in den
Gedichtgedanken, dass „ich etwas mache“. Gewiss, es geht
nicht ohne mein (Mit-)Machen. Das ist aber nur die eine Seite.
Oft ist es ganz anders. Ich m a c h e nicht etwas, sondern mir g e s
c h i e h t etwas. Etwas macht etwas mit mir. Auch das, - ja, gerade
das können Nuggets der neuen Stadt, der goldenen aus Nichts sein. Da
beginnt das goldene Jerusalem, wo ich etwas mit mir machen lasse, - ich
mich auf etwas einlasse, - ich etwas an mich heranlasse.
Und ich frage mich, ob ich als Glaubender
nicht selbst in die Verantwortung gerufen bin, wenigstens ein
klitzekleines Goldkorn aus dem Schatzhaus des neuen Jerusalem zu sein, -
ein Goldkorn, das anderen etwas aufleuchten lässt und so etwas mit ihnen
macht. Das ist die Lust und gleichzeitig die Last des Glaubens. Ich darf
nicht alles allein von anderen erwarten, sondern muss selbst ein
Schenkender sein.
Die Tore des neuen Jerusalem aus Gold
stehen offen bei Tag und Nacht (Offbg 21,25). Sie sind eine Einladung
einzutreten und den (Erfahrungs-) Schatz der Stadt anzuschauen.
Vielleicht öffnet ein solcher Besuch die Augen für Verschüttetes, Wertvolles im eigenen
Leben. Lasse ich mich darauf ein? Bin ich selbst bereit, anderen so
etwas zu schenken?
So könnte die Chance meines Christseins
aussehen. Das könnte die Chance eines Klosters sein, - die Chance der
Kirche: ein offenes Christsein, - ein offenes Kloster, - eine offene
Kirche.
P. Albert Altenähr
090619
PS.: Die obigen Gedanken entstanden vor
dem Hintergrund des "Tages der offenen Klöster", den die
Arbeitsgemeinschaft der Orden im Bistum Aachen für den 21. Juni 2009
angesagt hatte. Auch unser Kloster beteiligte sich an dieser Aktion. |