|
Gedanken zu einer Hochzeitsanzeige
Beim Sortieren der Post fällt eine der Sendungen auf.
Der Absender: ein früherer Messdiener, den Studium und Beruf
ins Ausland geführt hat. Gelegentlich frage ich seine Eltern
nach ihm und seinem Bruder, der ebenfalls Messdiener bei uns war. Noch
zu Beginn ihres Studiums sah ich die beiden häufiger bei uns in der
Kirche, aber das wurde naturgemäß durch die Entfernungen seltener und
inzwischen sind die beiden weit weg von hier im Beruf engagiert.
Es ist also Post von ihm da: seine Hochzeitsanzeige.
Schade, dass er nicht hier in Kornelimünster heiratet, sondern im
Ausland. Aber dass wir eine Anzeige bekommen, ist schön. Und natürlich
freut es mich, dass der frühere Messdiener kirchlich heiratet, und noch
mehr, dass die Hochzeitsanzeige unter ein Bibelzitat gesetzt wird:
Lasst uns wahrhaftig sein in der
Liebe
und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist,
Christus.
Epheser 4,15
Mein spontaner Gedanke: Ein Bibelspruch auf einer
Hochzeitsanzeige ... das ist zumindest im katholischen Bereich -
nicht alltäglich. Der Spruch selbst ... in Zeiten, wo zwei Menschen
fast nur Augen füreinander haben, erstaunlich. Die Textfassung der
Bibelstelle ... ich habe sie nicht im Ohr.
Die Übersetzung ist die der Luther-Bibel. In der
Einheitsübersetzung lautet der Vers: Wir wollen uns, von der Liebe
geleitet, an die Wahrheit halten und in allem wachsen, bis wir ihn
erreicht haben. Er, Christus, ist das Haupt. So wie ich den Vers und
seinen Zusammenhang in der mir vertrauten Einheitsübersetzung lese, wäre
ich nicht auf den Gedanken gekommen, ihn auf die intime Zweierbeziehung
einer Ehe hin zu lesen. Im Rahmen einer Hochzeitsanzeige und in der
Luther-Übersetzung finde ich das Wort aber für den Start in die Ehe
richtig spannend. Die beiden haben für ihre Ehe eine Perspektive
angerissen, die in den Flitterwochen nicht gefüllt werden kann. Diese
Perspektive ist Lebensaufgabe.
Wahrhaftig sein in der Liebe ... das lese ich hier
als Sehnsucht nach einer Liebe, die mehr ist als die Faszination durch
die Attraktivität des anderen, - mehr als Bejahung der
Geschlechtlichkeit und der Freude an ihr, - mehr als der Wunsch, mit dem
anderen dieses und jenes zu unternehmen ... All das hat seinen positiven
Wert, aber das kann doch nicht alles sein. Ich erkenne in diesem
wahrhaftig in der Liebe die Bereitschaft, den anderen in seinem
Grund und in seinen Abgründen anzunehmen, und die Sehnsucht, dass er
auch mich so annimmt. Wahrhaftigkeit in der Liebe verheißt keinen
Wonne-Spaziergang. Sie ist Feldarbeit, die aber so hart sie
bisweilen werden kann Frucht bringt.
Und dann fährt der Vers aus dem Epheserbrief fort:
wachsen in allen Stücken zu Christus hin. Die Vollendung der Ehe
endet nicht in einer noch so idealen Zweisamkeit der beiden Partner. Im
Kreisverkehr der Selbstgenügsamkeit der beiden aneinander steckt der
Wurm der Ermüdung. Der Bibelvers lockt mit einer buchstäblichen
Heraus-Forderung, aus dem Umeinander-Kreisen herauszutreten und sich
gemeinsam auf einen Weg zu einem größeren Ziel zu machen. Er scheut
sich nicht, dieses Ziel in der religiösen Sehnsucht zu benennen. Für
den Christen ist das eindeutig der Name und die Person Jesu Christi.
Meine Beobachtung nicht weniger sich problematisch
entwickelnder Beziehungen lässt mich behaupten (oder zumindest
vermuten), dass zu Beginn einer Liebe die Oberfläche des Verliebtseins
so viel Glanz ausstrahlt, dass die Fragen nach dem Lebensgrund und den
Persönlichen Abgründen weitgehend aus dem Blick fallen. Es ist wohl
ein Irrtum, dass dem Gefühl füreinander eine alles bewältigende Kraft
zugetraut wird. Die Tiefen und Untiefen des Ich lassen sich eine Zeit überdecken
und überspielen. Aber sie lassen sich nicht auf Dauer verbergen. Je
mehr der Oberflächenglanz des Anfangs schwindet, desto bohrender werden
die Fragen nach der Tragfähigkeit des einst freudig gesprochenen Ja
zueinander.
In dem Trauspruch aus dem Epheserbrief haben sich die
beiden Brautleute den Anspruch vor Augen geführt, sich der
Wahrhaftigkeit der Liebe und ihren Herausforderungen bis in die religiösen
Urgründe zu stellen. Ich wünsche ihnen, dass sie nicht erst mit dem
Datum der Eheschließung mit dieser Auseinandersetzung beginnen. Ich wünsche
Ihnen, dass sie das Wort weder heute noch je als sich gut machenden,
netten frommen Spruch betrachten. Ich möchte ihnen fast Angst und Zögern
vor der gemeinsamen Zukunft wünschen, weil die Perspektive und die
Aufgabe so groß sind. Ich sage das nicht, um sie von ihrem gemeinsamen
Weg abzuhalten, sondern in der Freude, dass ihnen die Ehe offensichtlich
mehr ist als ein Techtelmechtel schaun mer mal, obs und
wielange es gut geht.
Mit ihrem Trauspruch gehen die beiden aufs Ganze. Sie
trauen sich die Tiefe zu und so trauen sie sich aneinander an. Das ist
eine gute Basis für Gelingen und Glück aus und in der Tiefe. Ich freue
mich mit den beiden!
Abt Albert Altenähr
OSB
020608
|