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„Lass die Hoffnung fahren …“

Vor kurzem fand ich in dem Buch von Elazar Benyoёtz „Der Mensch besteht von Fall zu Fall“ den Aphorismus „Lass die Hoffnung fahren – und reise mit“ (S. 101).

Als Inschrift auf dem Tor der Hölle in Dantes „Göttlicher Komödie“ (III, 9) „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren“ ist der Anfang des Aphorismus in den allgemeinen Zitatenschatz aufgenommen worden. Wer durch Dantes Höllen-Tor tritt, für den gibt es keine positive Zukunft mehr. Und umgekehrt darf gefolgert werden: wer alle Hoffnung aufgegeben hat, dem tut sich nur noch die Perspektive „Hölle“ auf. Die Hölle braucht da gar nicht mehr die religiös ewige Verdammnis zu sein. Es reicht die „Hölle auf Erden“. Sie ist hoffnungsarm und -fern genug. Das Zurückschrecken vor solcher Aussichts-Losigkeit dürfte die Geburtsstunde des anderen Sprichworts sein: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Elazar Benyoёtz führt mit dem zweiten Teil seines Aphorismus’ aber in ein neues Nachdenken über das Dante-Wort und die Hoffnung. Das „Lass die Hoffnung fahren“ klingt durch seinen Zusatz gar nicht mehr hoffnungslos dunkel. Es ist zu einem Wort des Aufbruchs und der Dynamik geworden. Es weckt die Reiselust in die Zukunft.

Benyoёtz lädt dazu ein, die Hoffnung nicht festzuhalten, sondern sie freizugeben. Die Aus-Sicht aus der Gegenwart heraus hinaus in die Zukunft ist ihr Wesen.  Sie ist so etwas wie eine leichte Flaumfeder, die im Hauch des Windatems fliegt. Gerade darin ist sie faszinierende Ansage gegen die Erden- und Schicksalsschwere, die uns belasten und mit der wir uns das Leben schwer machen.

„Die Hoffnung fahren lassen“ lässt sich im Sinn des Aphorismus dahin variieren: „Die Hoffnung Fahrt aufnehmen lassen“, - ihrer Dynamik freien Lauf lassen, - sie auf die Reise schicken. Der Zusatz „und reise mit“ lädt ein, selbst mit ihr auf die Reise zu gehen. Hoffnung, die uns nicht in Bewegung setzt, führt … zu nichts. Ihre Kraft ist es, etwas – und vor allem uns selbst – zu bewegen. Sie ist die Sonnenwärme für den Weg in die Zukunft.

Ich höre die Einladung. Sie lockt, ihr zu folgen:

 „… reise mit!“ 

Albert Altenähr
100505

 

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