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Allerseelen
Nelly Sachs
Augen - Blicke über den Tod hinaus
O ihr erloschenen Augen, Deren Seherkraft nun hinausgefallen ist in die goldenen Überraschungen des Herrn, Von denen wir nur die Träume wissen
.
Selten haben mich Worte der Trauer so stark berührt
wie die Zeilen von Nelly Sachs aus ihrem Gedichtzyklus Gebete für
den toten Bräutigam. In der Herbe von Schmerz und Trauer lebt die
Liebe zum erfüllten Lebenstraum des Geliebten und lockt, den Traum ihm
nachzuträumen.
Die Sehkraft der Augen ist im Tod gebrochen und
erloschen. Die Augen-Blicke voller Verbindung zwischen Du und Ich sind
nicht mehr und werden nie mehr sein. Die Augen sind Kontaktlinsen
zur irdischen Wirklichkeit um uns herum. Dieser Kontakt ist nicht mehr.
Aber da ist noch etwas anderes. Die Augen sind wie
dasselbe Gedicht der Nelly Sachs sagt durchsichtige Türen zu den
inneren Reichen. Man kann dem anderen tief in die Augen schauen und
dort seiner Seelensehnsucht ansichtig werden. Erst in solch tiefem
Anschauen erhält der andere für uns sein wahres Gesicht.
Und noch etwas liegt in den Augen, - den
durchsichtigen Türen. Sie können nicht nur gucken, - sehen, sondern
darüber hinaus Ausschau halten. Wenn einer aus der Herzmitte heraus
seine Augen in die Welt schweifen lässt, dann hält er Ausschau nach
dem, was allein ihm Erfüllung schenken kann. Nelly Sachs nennt dieses
Sich-hinaus-Schauen nach dem Lebensfülle-Traum Seherkraft. Ist es
dieser Seherblick aus der Tiefe des Herzens, der mehr und mehr unsere
Gesichtszüge prägt? Wonach du ausschaust, so schaust und siehst du
aus?
Im Tod geschieht der Sprung. Ob der Mensch ihn voll
guter Erwartung oder voller Angst tut,
... der Tod gesteht niemandem die Verweigerung zu. Der Mensch
muss sich hinausfallen lassen aus der irdischen Welt, - ob er will oder
nicht, - hinaus in die Überraschung, was danach ist.
Die Jüdin Nelly Sachs bekennt sich zum
Kontrastglauben gegen die Grausamkeiten der Gaskammern und Verbrennungsöfen.
Sie glaubt der Seherkraft des inneren Auges und seiner Schau des
goldenen Jerusalem. Jerusalem
wird wieder aufgebaut aus Saphir und Smaragd; seine Mauern macht man aus
Edelstein, seine Türme und Wälle aus reinem Gold; Jerusalems Plätze
werden ausgelegt mit Beryll und Rubinen und mit Steinen aus Ofir (Tob
13,17).
Das Zeugnis der Nelly Sachs ermutigt mich, einem Vers
zu trauen, den wir in einem Hymnus unseres Chorgebets singen: Dich träume
unser tiefstes Herz ... Ganz tief lebt in mir das ahnende Wissen,
dass die Schwierigkeiten und Sorgen des Lebens und die Stunde des
Sterbens nicht das Letzte sind. Ich glaube an einen Gott der goldenen
Überraschungen.
Abt Albert
Altenähr OSB
011023
aus: Nelly Sachs, Deine Augen ..., in: dies., Fahrt ins
Staublose, Suhrkamp Tb. 1485, Frankfurt 1988, 32.
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