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Allerseelen

Nelly Sachs – 
Augen - Blicke über den Tod hinaus

 

O ihr erloschenen Augen,
Deren Seherkraft nun hinausgefallen ist
in die goldenen Überraschungen des Herrn,
Von denen wir nur die Träume wissen
[1].

 

Selten haben mich Worte der Trauer so stark berührt wie die Zeilen von Nelly Sachs aus ihrem Gedichtzyklus „Gebete für den toten Bräutigam“. In der Herbe von Schmerz und Trauer lebt die Liebe zum erfüllten Lebenstraum des Geliebten und lockt, den Traum ihm nachzuträumen.

Die Sehkraft der Augen ist im Tod gebrochen und erloschen. Die Augen-Blicke voller Verbindung zwischen Du und Ich sind nicht mehr und werden nie mehr sein. Die Augen sind „Kontaktlinsen“ zur irdischen Wirklichkeit um uns herum. Dieser Kontakt ist nicht mehr.

Aber da ist noch etwas anderes. Die Augen sind – wie dasselbe Gedicht der Nelly Sachs sagt – „durchsichtige Türen zu den inneren Reichen“. Man kann dem anderen tief in die Augen schauen und dort seiner Seelensehnsucht ansichtig werden. Erst in solch tiefem Anschauen erhält der andere für uns sein wahres Gesicht. 

Und noch etwas liegt in den Augen, - den durchsichtigen Türen. Sie können nicht nur gucken, - sehen, sondern darüber hinaus Ausschau halten. Wenn einer aus der Herzmitte heraus seine Augen in die Welt schweifen lässt, dann hält er Ausschau nach dem, was allein ihm Erfüllung schenken kann. Nelly Sachs nennt dieses Sich-hinaus-Schauen nach dem Lebensfülle-Traum „Seherkraft“. Ist es dieser Seherblick aus der Tiefe des Herzens, der mehr und mehr unsere Gesichtszüge prägt? Wonach du ausschaust, so schaust und siehst du aus?

Im Tod geschieht der Sprung. Ob der Mensch ihn voll guter Erwartung oder voller Angst tut,  ... der Tod gesteht niemandem die Verweigerung zu. Der Mensch muss sich hinausfallen lassen aus der irdischen Welt, - ob er will oder nicht, - hinaus in die Überraschung, was „danach“ ist.

Die Jüdin Nelly Sachs bekennt sich zum Kontrastglauben gegen die Grausamkeiten der Gaskammern und Verbrennungsöfen. Sie glaubt der Seherkraft des inneren Auges und seiner Schau des „goldenen Jerusalem“. „Jerusalem wird wieder aufgebaut aus Saphir und Smaragd; seine Mauern macht man aus Edelstein, seine Türme und Wälle aus reinem Gold; Jerusalems Plätze werden ausgelegt mit Beryll und Rubinen und mit Steinen aus Ofir“ (Tob 13,17).

Das Zeugnis der Nelly Sachs ermutigt mich, einem Vers zu trauen, den wir in einem Hymnus unseres Chorgebets singen: „Dich träume unser tiefstes Herz ...“ Ganz tief lebt in mir das ahnende Wissen, dass die Schwierigkeiten und Sorgen des Lebens und die Stunde des Sterbens nicht das Letzte sind. Ich glaube an einen Gott der „goldenen Überraschungen“.

Abt Albert Altenähr OSB
011023



[1]  aus: Nelly Sachs, Deine Augen ..., in: dies., Fahrt ins Staublose, Suhrkamp Tb. 1485, Frankfurt 1988, 32.

 

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