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Allerseelen 2003
Joh
17:24 Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir
sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir
gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der
Welt. 25 Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe
dich erkannt, und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 26 Ich
habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen,
damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit
ich in ihnen bin.
Im Evangelium des Allerseelentages lesen wir das
geistliche Testament Jesu. Es spricht von der Kraft und der Verheißung
der Liebe des Vaters und Jesu. Jesus hat seines Vaters Liebe gelebt und
verkündet. Er hat sie in seine Jünger eingepflanzt und hat so sich
selbst in die Jünger eingepflanzt. Diese Verbindung stirbt nicht. Sie
lebt über die Stunde des Todes fort und Jesus will sie offensichtlich
sehr bewusst und intensiv seinem Vater als Bitte und seinen Jüngern als
Verheißung und Hoffnung ans Herz legen. Unser Glaube erkennt in dieser
Botschaft Jesu die Ankündigung der Teilhabe an dem neuen Leben in der
Auferstehungsherrlichkeit, die dem österlichen Jesus zuteil wird.
Was Auferstehung von den Toten wirklich ist, - was
ewiges Leben ist, ... ich weiß es nicht. Ich versuche aber immer
wieder, mich dahin vorzudenken.
Eine gewisse Hilfe ist mir die Erfahrung, von einem
vertrauten oder gar geliebten Menschen auf Zeit – vielleicht sogar auf
lange Zeit - Abschied nehmen zu müssen. Ich wäre gerne noch länger
mit ihm zusammen. Ich würde so gerne dieses und jenes noch mit ihm
erleben. Ich möchte den Augenblick festhalten, - den Geliebten umarmen,
- ihn gar nicht gehen lassen. Aber es ist Zeit des Abschieds. Er geht
und ich bleibe. Manches Mal sagte ich in solcher Situation „Ich gehe
mit dir“ und er sagte „Ich bleibe bei dir“. Das ist nicht einfach
Erinnerung an eine schöne Vergangenheit, sondern durchaus ein Weg vorwärts
– und zwar miteinander. Der große Bischof von Konstantinopel aus dem
4.Jahrhundert, Johannes Chrysostomus, tröstet seine Gemeinde in diesem
Sinn, als er in die Verbannung geschickt wird. Er sagte damals: „Wo
ich bin, da seid ihr. – Wo ihr seid, da bin ich.“ Diese Erfahrungen
lassen aufleuchten, dass Nähe und Verbundenheit auf jeden Fall sich
nicht auf das Erleben äußerer Nähe begrenzen lassen.
Vor kurzem war ich bei einem Besuch in meiner
Heimatstadt nicht nur am Grabe meiner Mutter, sondern auch an dem meiner
Groß- und Urgroßeltern auf dem „alten Friedhof“. Dieser alte
Friedhof ist „mein“ Friedhof. Nahe bei meinem Elternhaus gehörte er
zum Spielgebiet meiner Kindheit. Er ist überschaubar klein, jeder
Grabstein und seine Namen sind mir vertraut. Unser Grab dort habe ich
regelmäßig gepflegt. Schneeglöckchen und Farne haben ihren Weg von
dort nach Kornelimünster gefunden. Heute hat der Friedhof etwas
Verwunschenes an sich. Er ist nicht mehr eine „Gebrauchsanlage“,
sondern eher ein Friedhofs-Park.Unser altes Grab steht in einem
Efeufeld, - sein Steinkreuz aus weichem Sandstein oben auf dem Sockel
mit den Namen war schon zu meiner Zeit arg angewittert. und ist vor
Jahren entfernt worden.
Wie ich so vor dem Grab der Groß- und Urgroßeltern
stehe, schießt es mir durch den Kopf: auf diesem Friedhof wächst
Gottes Ewigkeit auf mich zu. Die gepflegten Blumenrabatten des neuen
Friedhofs, wo das Grab meiner Mutter ist, halten die Verstorbenen alle
noch ganz fest in den Händen der Hinterbliebenen. Mein spontaner
Eindruck hier: auf dem alten Friedhof sind die Toten endlich zur Ruhe
gekommen. Die Gefährten ihres Lebens sind alle gestorben, - die erste
Generation danach: ebenfalls verstorben, - die zweite Generation: es
leben wohl nur noch wenige. Die lebhafte Erinnerung verblasst. Der
Abschied vom Leben der Heutigen ist gewachsen. Sie haben Abschied
genommen und auch wir haben nach langen Jahren endlich Abschied
genommen. Sie ruhen in Frieden und wir lassen sie in Ruhe, - in dieser
Ruhe des Friedens Gottes.
Ich habe weder die Großeltern, geschweige denn die
Urgroßeltern gekannt. Und doch sind sie mir vertraut durch dieses Grab.
Es ist seltsam ..., das alte Grab spricht eine stille Sprache: „Wir
ruhen in Gott.“ Indem es das sagt, fragt es mich gleichzeitig: „...
und wo ruhst du?“ Im Evangelium gibt Jesus die Antwort einer
Einladung: „Wo ich bin, da werdet auch ihr sein.“ Dieser weite Blick
aus der Zeit in die Ewigkeit öffnet mir auch die Augen für mein Heute.
Wo Er ist, da bin ich. Wo ich bin, da ist immer auch Er. Mit Ihm bin ich
schon heute in der Herrlichkeit. Mit mir ist Er heute im Alltag meines
Lebens.
Abt Albert
Altenähr OSB
031010
Text für die KirchenZeitung
Aachen,2.11.03
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