|
Eiserne Griffel-Schrift im Hoffnungsfelsen
Hiobs Botschaft ist keine Hiobsbotschaft
zu Allerseelen 2004
Ijob 19,23-27: Dass doch meine
Worte geschrieben würden, in einer Inschrift eingegraben mit eisernem
Griffel und mit Blei, für immer gehauen in den Fels. Doch ich, ich weiß:
mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub. Ohne
meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott
schauen. Ihn selber werde ich dann für mich schauen; meine Augen werden
ihn sehen, nicht mehr fremd. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.
Die biblische Gestalt des Ijob ist
zweifellos eine der großen Gestalten der Menschheitsgeschichte. Sein
Leben ist von Leid durchkreuzt und zerfurcht. Sein Fragen und Hadern ist
zum Archetypus der Gottesfrage der Menschen geworden. Ihn als Dulder zu
bezeichnen ist zu wenig. Er ist Zweifler bis zum Verzweifeln, - ein
bohrender Gottesfrager bis zum Gottesgewinn. Er ist ein zeitenlos
moderner Mensch, ohne dass er je Mode geworden wäre. Denn Ijob fragt in
die Tiefen hinein und begnügt sich nicht mit den schnellen Antworten
der Oberfläche.
Ijob weiß, dass sein Erlöser lebt
und zugleich erfährt er das scheinbare Gegenteil. Er bekommt diese
Spannung nicht zusammen, aber er weigert sich, sie so zu lösen, dass er
den Spannungspol Gott aus seinem Denken und Leben wegamputiert. Er weiß,
dass diese Spannung der Wehen-Kanal zur Geburt ins „eigentliche“
Leben ist. Wie lang sich die Wehen hinziehen, - wohin ihn die Geburt
entlässt, ... das ahnt er mehr, als dass er es weiß.
Ijob spricht die Worte „Tod“ und
„Sterben“ nicht aus, aber sie lugen ihn gleichsam um die Ecke an:
„... ohne mein Fleisch, das so schmerzhaft-irdisch-lebendige, werde ich
ihn schauen.“ Der Erlöser ist der „Letzte“
nach allem Staub der Erdenwege. Ijob weiß darum, dass nur die
Bereitschaft zu sterben Werden schenkt. Er muss loslassen, um das Neue
einlassen zu können. Das ist das Medikament der Gesundung zum Leben.
Der Tod am Ende von Ijobs Lebenszeit ist die große Lebenswährung.
Diese Währung in die einzelnen Scheine und die kleinen Münzen des
Lebenslaufes einzuwechseln, ist sein Ringen.
Hinter der Todeskante
/ den Todeskanten des Lebens hofft, ahnt, glaubt und weiß Ijob
ein Licht: „Ich werde Gott schauen. Ihn selber werde ich für mich
schauen; meine Augen werden ihn sehen, nicht mehr fremd.“ Ijob bekennt
sich dahin, dass hinter der Lebensgrenze nicht das bodenlose Nichts ist.
Die so befremdliche Erfahrung von Gottes Wirken im Heute, die Ijob so
hautnah zerfetzend durchleidet, wird aufgehoben. Gott, der Fremde, ist
dann kein Fremder mehr, sondern er wird als Liebender und Naher erkannt.
Und Ijob sagt es ganz individuell auf sich selbst bezogen: Ihn selber
werde ich dann für mich
schauen.
Ijob wünscht sich, seine Worte mit
eisernem Griffel in Blei und in Fels zu schreiben und zu meißeln. Wem
sagt er das? Mir will scheinen, er sagt, - ja, schreit es sich selbst
zu. Er spürt die ganze Unbeweisbarkeit seiner Argumentation. Felsenfest
ist nur sein Sehnsuchts-Wissen. Mit Felsenschrift möchte er das in sich
einschreiben, damit er in all seinen Unsicherheiten darauf blicken kann:
es steht geschrieben, - es steht fest!
Ijob ist in seinem Fragen ein
moderner Mensch, - ein sehr moderner Mensch. In seinem bejahenden Mut zu
seiner Sehnsucht Gott ist er obendrein viel moderner als jene, denen
Gott nur noch ein müdes Lächeln für „kindliche Unschuld“ wert
ist. Ijob ist so modern, Glaubensmut zu zeigen.
Abt Albert Altenähr
OSB
041025
>> Allerseelen
2001: Nelly Sachs - Augen-Blicke über den Tod hinaus
>> Allerseelen 2003: zu
Johannes 17,24-26
Bild: Marc Chagall,
Hiob
|