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Das Menschsein Jesu. Spuren der Göttlichkeit
Predigt im Rahmen der Anna-Oktav in Düren, St. Anna, 01. August
2003
Vespergottesdienst der Ordenschristen
Römer
12,9 Eure Liebe sei ohne Heuchelei. Verabscheut das Böse, haltet fest
am Guten!
10 Seid einander in brüderlicher
Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung!
11 Lasst nicht nach in eurem Eifer,
lasst euch vom Geist entflammen und dient dem Herrn!
12
Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich
im Gebet!
13 Helft den Heiligen, wenn sie in
Not sind; gewährt jederzeit Gastfreundschaft!
14 Segnet eure Verfolger; segnet sie,
verflucht sie nicht!
15 Freut euch mit den Fröhlichen und
weint mit den Weinenden!
16 Seid untereinander eines Sinnes;
strebt nicht hoch hinaus, sondern bleibt demütig! Haltet euch nicht
selbst für weise!
17 Vergeltet niemand Böses mit Bösem!
Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht!
18 Soweit es euch möglich ist,
haltet mit allen Menschen Frieden!
19 Rächt euch nicht selber, liebe Brüder,
sondern lasst Raum für den Zorn (Gottes); denn in der Schrift steht:
Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr.
20 Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger
hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du
das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt.
21 Lass dich nicht vom Bösen
besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!
Lukas
15, 1 Alle Zöllner und Sünder
kamen zu ihm, um ihn zu hören.
2 Die Pharisäer und die
Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern
ab und isst sogar mit ihnen.
3 Da erzählte er ihnen ein Gleichnis
und sagte:
4 Wenn einer von euch hundert Schafe
hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in
der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?
5 Und wenn er es gefunden hat, nimmt
er es voll Freude auf die Schultern,
6 und wenn er nach Hause kommt, ruft
er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit
mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war.
7 Ich sage euch: Ebenso wird auch im
Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt,
als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren
Es gibt Ereignisse in eines jeden Leben, die so
stimmig sind und so stimmig erlebt werden, dass alle Fragen verstummen
und jede Antwort sich erübrigt. Es sind die Hochzeiten des Lebens, in
denen Zeit und Ewigkeit sich vermählen. Die Augen öffnen sich im
Anblick zum Durchblick, im Aufblick zum Überblick und im Einblick zum
Ausblick. Alle Erdenschwere ist wie weggeblasen und Leichtigkeit
durchflutet uns. Es gibt diese Momente. Wir möchten sie festhalten, -
ihnen Dauer verleihen und sie steigern in noch größere Höhen
Wir Christen – und sicher noch mehr
w i r Christen, die
wir Christus in der Profess zu unserer Profession gemacht haben, stehen
immer wieder unter der Anklage, dass unser Christusglaube mit seinem
Ostergeheimnis uns aus der Erdenlast hinausflüchten lässt in eine schöne,
aber illusionäre Erlösungs-Unendlichkeit. Unsere Trostbotschaft von
der Auferstehung am Jüngsten Tage sei Vertröstung auf einen
St.-Nimmerleins-Tag. Religion sei Gift für die irdische Verantwortung
und die stets anzupackende Neu- und Umgestaltung der Erde.
Aus uns selbst heraus und aus unserer eigenen Kirche
heraus wird uns Ordensleuten auch das eine oder andere Mal vorgehalten,
wir dürften uns nicht in eine weltlose Innerlichkeit zurückziehen. So
sehr ich die Warnung ernst nehme, so sehr wundere ich mich, dass ich
selten bis gar nicht die andere Warnung höre, dass Kirche sich nicht
zur gottfreien Äußerlichkeit – oder sollte man sogar sagen: zur
gottlosen Äußerlichkeit? – verführen lassen darf. Weltgestaltende
Aktivität ohne Gottesgehalt ist mindestens genauso gefährlich wie
Gottsuche ohne Bodenhaftung. Mir selbst, - uns Ordensleuten, - unseren
Pfarrern und allen Mitarbeitern in der Kirche möchte ich immer wieder
sagen: Macht nicht die Arbeit zu eurer Religion! -
dann aber auch: Vergesst in eurer Freude an Gott nicht, dass
diese Freude sich in die Alltäglichkeiten der Welt einwurzeln will!
Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns
gewohnt. Er hielt sein Gottgleichsein nicht wie einen Raub fest;
erniedrigte sich, - wurde uns Menschen gleich, - nahm Sklavengestalt an.
– wurde gehorsam, - ja, scheute sogar den Tod nicht. Der weder mit den
Sinnen noch mit Begriffen fassbare Gott wird in der Menschwerdung
greifbar und griffig. Gott bekommt in der Menschwerdung Hand und Fuß.
Er nimmt sich ein Herz. Er verschwebt nicht mehr im Irgendwo, das
nirgendwo zu finden ist, sondern er bekennt sich zum Hier und Jetzt. Die
Frage: „Wo ist Gott?“ muss im Horizont der Menschwerdung Jesu
Christi heute k o n k r e t
beantwortet werden. Und sie
k a n n heute
konkret beantwortet werden.
Eine rabbinische Geschichte fragt danach, wann die
Nacht sich in den Tag verwandle. Wann beginnt der Tag? Schauen Sie sich
einmal gegenseitig an. Was haben Sie gesehen? Ihre Mitschwester X, -
jemanden, den Sie nicht mit Namen kennen, - einen ganz unbekannten
Menschen? Sie haben mehr gesehen – oder hätten doch mehr sehen können!
Sie haben einen Menschen gesehen, den Gott nach seinem Ebenbild
geschaffen hat. – einen Menschen, der durch die Menschwerdung Jesu
Christi zur Tochter oder zum Sohn Gottes geadelt wurde, - einen
Menschen, zu dem zu bekennen Gott selbst sich nicht zu schade ist. Sie
haben einen Bruder oder eine Schwester Jesu gesehen. Dann ist der Tag
angebrochen – der Tag des Herrn! -, wenn wir im Menschen neben uns den
Bruder und die Schwester erkennen. Der Mensch, den wir als Schwester und
Bruder erkennen, er ist uns Spur und Weg zu Gott hin.
Und noch einmal eine Frage aus der jüdischen
Weisheit. Zu dem bekannten Vers aus dem Psalm 95 „Heute, wenn ihr
seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht“ fragt der Rebbe:
„Wann ist heute?“ Der moderne Mensch – und wohl alle von uns
nehmen für sich in Anspruch, ein moderner Mensch zu sein – wird die
Frage ein wenig überrascht, aber spontan beantworten. „Heute“ ist
j e t z t : dieser
Augenblick, in dem ich stehe, - diese Aufgabe, die ich gerade unter den
Händen habe, - dieser Mensch, dem ich jetzt Rede und Antwort schuldig
bin. Das ist alles richtig und sicher sehr engagiert tief, aber die jüdische
Weisheit geht noch einen Schritt weiter: Heute ist, ... wenn ihr seine
Stimme hört! Dann seid ihr auf der Höhe der Zeit und eurer Berufung, -
dann seid ihr im ewigen und letztlich einzig wirklichen Heute
angekommen, wenn ihr in dem, was euch je und je begegnet und widerfährt,
den Anruf Gottes wahrnehmt.
Ich tue mich nicht schwer, diese rabbbinischen
Weisheitserzählungen in christliche und ordenschristliche Spiritualität
zu übersetzen. Denn was ist hier anderes ausgesagt als unsere
Zielperspektive: die Gegenwart Gottes in dieser unserer Zeit und in der
je und je aktuellen Situation zu
glauben und dafür unsere Augen zu öffnen. Wenn wir Gott nicht
h i e r und in
di e s e r unserer
jetzt gefeierten Andacht, - wenn wir ihn nicht in unserer e i g e n e n Hausgemeinschaft
glauben, wie können wir ihn dann zu anderer Zeit und an anderem Ort
wahrnehmen? Wie kann ich behaupten, ihn gestern erfahren zu haben, und
danach ausschauen, ihn morgen hoffentlich wieder zu erleben, wenn ich
die Augen nicht öffne, um ihn jetzt zu sehen? Christ ist der, der die
Gegenwart Gottes in der G e
g e n w a r t sucht und
wagt. Wir leben in der Gegenwart Gottes, wenn wir ihn
h i e r und
j e t z t gegenwärtig
glauben.
Unser Hier und Jetzt wird durch diesen Glauben an den
gegenwärtigen Gott nicht schön gefärbt. Steine liegen im Weg. Wolken
und Schatten grauen das Strahlen ein. Weder die Pfarrgemeinden noch die
Klöster und auch die Kirche als ganze sind nicht das himmlische
Jerusalem, das geschmückt wie eine Braut vom Himmel hernieder steigt.
Im Geschenk von Ostern wird uns der Karfreitag nicht erspart. Aber
andererseits gilt auch: Gebeugt unter der Last des Karfreitag wird uns
Ostern nicht vorenthalten. Wie schwer es ist, am Karfreitag an den
liebenden Vater zu glauben, erfahren wir in der Passionsgeschichte, ...
und wir wissen es aus unseren eigenen Nächten. Aber die Drum-herum-Wege
um den Karfreitag führen nicht nach Ostern hin. Tröstend mag uns das
Bild des Hirten sein, der das verwirrte und verirrte Schaf trägt. Wenn
nichts mehr geht, gilt: ER trägt.
Im Alten Testament hören wir von dem Patriarchen
Jakob, der auf der Flucht vor seinem Bruder Esau in Bethel Rast macht.
Er bettet sich auf einem Stein und auf diesem Stein hat er den Traum
einer Leiter in den offenen Himmel. Den Stein baut er zum Altar und
nennt ihn Haus Gottes. Steine sind die Spuren Gottes in der Zeit. Sie
sind Bausteine, - Edelsteine. Verwerfen wir sie nicht. Jakob erkannte:
„Wirklich, der Herr ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht.
H i e r ist nichts
anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“
Abt Albert
Altenähr OSB
030726
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