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Kirchenjahr / Feste
Advent und Weihnachten

Fastenzeit und Ostern

Predigt-Miniatur
Stärke unseren Glauben
Wo ist mein Platz?

Wo geht's hin?
Der Hoffnung eine Schneise!
Jeremia Evangelista
Was Gott verbunden hat
27. So. i.J. B
Allerheiligen
Francesca Romana
Sanctus enim dies Domini est - 3. So.i.J. C
Fingerspitzengefühl für Gott - 13. So i.J. B
Neues sprießt - 7. So i.J. B
Denktage
Seid gesinnt wie Christus Jesus 26. So i..J. A
Meine Stärke ist der Herr

Allerseelen 2004
Erde braucht der Mensch zum Glauben 28. So i.J. C

Ein Gebetsnetz für das Leben 29. So i.J C
Weltennot und Gottesstunde 19. So. i J. C

Die beiden Brüder in mir
Jahreswechsel 2003
Allerseelen 2003
Ihr Frauen und Männer
21. So i.J. B
Das Menschsein Jesu

Annaoktav 2003
Dreifaltigkeit 2003
Stopp! Da geht's lang
5. Fastensonntag
Wendepunkte

3. Sonntag im Jahreskreis
Den Glauben wagen
33. Sonntag im Jahreskreis
Entschiedenheit
13. Sonntag im Jahreskreis  
Profess Fr. David
Allerseelen 2001
Silberprofess

Predigt vom 20.5.2001

Gedanken zu
Psalmen

Benediktinisches

Anfänge

weitere Texte

 

Das Menschsein Jesu. Spuren der Göttlichkeit
Predigt im Rahmen der Anna-Oktav in Düren, St. Anna, 01. August 2003 
Vespergottesdienst der Ordenschristen

Römer 12,9 Eure Liebe sei ohne Heuchelei. Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten!
 
10 Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung!
 
11 Lasst nicht nach in eurem Eifer, lasst euch vom Geist entflammen und dient dem Herrn!
 
12 Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet!
 
13 Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind; gewährt jederzeit Gastfreundschaft!
 
14 Segnet eure Verfolger; segnet sie, verflucht sie nicht!
 
15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden!
 
16 Seid untereinander eines Sinnes; strebt nicht hoch hinaus, sondern bleibt demütig! Haltet euch nicht selbst für weise!
 
17 Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht!
 
18 Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!
 
19 Rächt euch nicht selber, liebe Brüder, sondern lasst Raum für den Zorn (Gottes); denn in der Schrift steht: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr.
 
20 Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt.
 
21 Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!

Lukas 15, 1 Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.
 
2 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen.
 
3 Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte:
 
4 Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?
 
5 Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern,
 
6 und wenn er nach Hause kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war.
 
7 Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren

Es gibt Ereignisse in eines jeden Leben, die so stimmig sind und so stimmig erlebt werden, dass alle Fragen verstummen und jede Antwort sich erübrigt. Es sind die Hochzeiten des Lebens, in denen Zeit und Ewigkeit sich vermählen. Die Augen öffnen sich im Anblick zum Durchblick, im Aufblick zum Überblick und im Einblick zum Ausblick. Alle Erdenschwere ist wie weggeblasen und Leichtigkeit durchflutet uns. Es gibt diese Momente. Wir möchten sie festhalten, - ihnen Dauer verleihen und sie steigern in noch größere Höhen

Wir Christen – und sicher noch mehr  w i r  Christen, die wir Christus in der Profess zu unserer Profession gemacht haben, stehen immer wieder unter der Anklage, dass unser Christusglaube mit seinem Ostergeheimnis uns aus der Erdenlast hinausflüchten lässt in eine schöne, aber illusionäre Erlösungs-Unendlichkeit. Unsere Trostbotschaft von der Auferstehung am Jüngsten Tage sei Vertröstung auf einen St.-Nimmerleins-Tag. Religion sei Gift für die irdische Verantwortung und die stets anzupackende Neu- und Umgestaltung der Erde.

Aus uns selbst heraus und aus unserer eigenen Kirche heraus wird uns Ordensleuten auch das eine oder andere Mal vorgehalten, wir dürften uns nicht in eine weltlose Innerlichkeit zurückziehen. So sehr ich die Warnung ernst nehme, so sehr wundere ich mich, dass ich selten bis gar nicht die andere Warnung höre, dass Kirche sich nicht zur gottfreien Äußerlichkeit – oder sollte man sogar sagen: zur gottlosen Äußerlichkeit? – verführen lassen darf. Weltgestaltende Aktivität ohne Gottesgehalt ist mindestens genauso gefährlich wie Gottsuche ohne Bodenhaftung. Mir selbst, - uns Ordensleuten, - unseren Pfarrern und allen Mitarbeitern in der Kirche möchte ich immer wieder sagen: Macht nicht die Arbeit zu eurer Religion! -  dann aber auch: Vergesst in eurer Freude an Gott nicht, dass diese Freude sich in die Alltäglichkeiten der Welt einwurzeln will!

Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Er hielt sein Gottgleichsein nicht wie einen Raub fest; erniedrigte sich, - wurde uns Menschen gleich, - nahm Sklavengestalt an. – wurde gehorsam, - ja, scheute sogar den Tod nicht. Der weder mit den Sinnen noch mit Begriffen fassbare Gott wird in der Menschwerdung greifbar und griffig. Gott bekommt in der Menschwerdung Hand und Fuß. Er nimmt sich ein Herz. Er verschwebt nicht mehr im Irgendwo, das nirgendwo zu finden ist, sondern er bekennt sich zum Hier und Jetzt. Die Frage: „Wo ist Gott?“ muss im Horizont der Menschwerdung Jesu Christi heute  k o n k r e t  beantwortet werden. Und sie  k a n n  heute konkret beantwortet werden.

Eine rabbinische Geschichte fragt danach, wann die Nacht sich in den Tag verwandle. Wann beginnt der Tag? Schauen Sie sich einmal gegenseitig an. Was haben Sie gesehen? Ihre Mitschwester X, - jemanden, den Sie nicht mit Namen kennen, - einen ganz unbekannten Menschen? Sie haben mehr gesehen – oder hätten doch mehr sehen können! Sie haben einen Menschen gesehen, den Gott nach seinem Ebenbild geschaffen hat. – einen Menschen, der durch die Menschwerdung Jesu Christi zur Tochter oder zum Sohn Gottes geadelt wurde, - einen Menschen, zu dem zu bekennen Gott selbst sich nicht zu schade ist. Sie haben einen Bruder oder eine Schwester Jesu gesehen. Dann ist der Tag angebrochen – der Tag des Herrn! -, wenn wir im Menschen neben uns den Bruder und die Schwester erkennen. Der Mensch, den wir als Schwester und Bruder erkennen, er ist uns Spur und Weg zu Gott hin.

Und noch einmal eine Frage aus der jüdischen Weisheit. Zu dem bekannten Vers aus dem Psalm 95 „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht“ fragt der Rebbe: „Wann ist heute?“ Der moderne Mensch – und wohl alle von uns nehmen für sich in Anspruch, ein moderner Mensch zu sein – wird die Frage ein wenig überrascht, aber spontan beantworten. „Heute“ ist  j e t z t :  dieser Augenblick, in dem ich stehe, - diese Aufgabe, die ich gerade unter den Händen habe, - dieser Mensch, dem ich jetzt Rede und Antwort schuldig bin. Das ist alles richtig und sicher sehr engagiert tief, aber die jüdische Weisheit geht noch einen Schritt weiter: Heute ist, ... wenn ihr seine Stimme hört! Dann seid ihr auf der Höhe der Zeit und eurer Berufung, - dann seid ihr im ewigen und letztlich einzig wirklichen Heute angekommen, wenn ihr in dem, was euch je und je begegnet und widerfährt, den Anruf Gottes wahrnehmt.

Ich tue mich nicht schwer, diese rabbbinischen Weisheitserzählungen in christliche und ordenschristliche Spiritualität zu übersetzen. Denn was ist hier anderes ausgesagt als unsere Zielperspektive: die Gegenwart Gottes in dieser unserer Zeit und in der je und je aktuellen Situation  zu glauben und dafür unsere Augen zu öffnen. Wenn wir Gott nicht  h i e r  und in  di e s e r  unserer jetzt gefeierten Andacht, - wenn wir ihn nicht in unserer  e i g e n e n  Hausgemeinschaft glauben, wie können wir ihn dann zu anderer Zeit und an anderem Ort wahrnehmen? Wie kann ich behaupten, ihn gestern erfahren zu haben, und danach ausschauen, ihn morgen hoffentlich wieder zu erleben, wenn ich die Augen nicht öffne, um ihn jetzt zu sehen? Christ ist der, der die Gegenwart Gottes in der  G e g e n w a r t  sucht und wagt. Wir leben in der Gegenwart Gottes, wenn wir ihn  h i e r  und  j e t z t  gegenwärtig glauben.

Unser Hier und Jetzt wird durch diesen Glauben an den gegenwärtigen Gott nicht schön gefärbt. Steine liegen im Weg. Wolken und Schatten grauen das Strahlen ein. Weder die Pfarrgemeinden noch die Klöster und auch die Kirche als ganze sind nicht das himmlische Jerusalem, das geschmückt wie eine Braut vom Himmel hernieder steigt. Im Geschenk von Ostern wird uns der Karfreitag nicht erspart. Aber andererseits gilt auch: Gebeugt unter der Last des Karfreitag wird uns Ostern nicht vorenthalten. Wie schwer es ist, am Karfreitag an den liebenden Vater zu glauben, erfahren wir in der Passionsgeschichte, ... und wir wissen es aus unseren eigenen Nächten. Aber die Drum-herum-Wege um den Karfreitag führen nicht nach Ostern hin. Tröstend mag uns das Bild des Hirten sein, der das verwirrte und verirrte Schaf trägt. Wenn nichts mehr geht, gilt: ER trägt.

Im Alten Testament hören wir von dem Patriarchen Jakob, der auf der Flucht vor seinem Bruder Esau in Bethel Rast macht. Er bettet sich auf einem Stein und auf diesem Stein hat er den Traum einer Leiter in den offenen Himmel. Den Stein baut er zum Altar und nennt ihn Haus Gottes. Steine sind die Spuren Gottes in der Zeit. Sie sind Bausteine, - Edelsteine. Verwerfen wir sie nicht. Jakob erkannte: „Wirklich, der Herr ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht.  H i e r  ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“

Abt Albert Altenähr OSB
030726

nach oben  Bild oben: Haupt-Reliquiar der hl. Anna in der Annakirche, Düren