Denktage oder „Wieviel Erde braucht der Mensch?“
Reformationstag – Allerheiligen - Allerseelen
Wie jedes Jahr präsentiert Kurfürst
Friedrich III. der Weise von Sachsen auch zu Allerheiligen 1517 seine
Reliquiensammlung in der Schlosskirche von Wittenberg. Er ist stolz auf
diesen geistlichen Schatz und er weiß ihn durchaus auch weltlich zu
nutzen. Die Leute strömen herbei, um zu staunen, zu sehen, sich ihres
Glaubens zu versichern. Was man sehen kann, - was man berühren kann, ...
„da ist was dran“. Die Händler sind herbeigeströmt und machen Geschäfte
mit Nützlichem und Tinnef, - mit Unterhaltung und Souvenirs, den
Reliquien einer Wallfahrt. Die Wirte haben ihre Fässer und Vorräte
gefüllt, um Hunger und Durst der Frommen zu wehren und daran zu
verdienen. Es ist eine bunte Mischung von Gott und Welt, von Glaube und
Geschäft wie bei allen Wallfahrten. Dr. Luther weiß: das ist eine
Gelegenheit, etwas „an den Mann“, - „unter die Leute“ zu bringen. Seine
Reformgedanken sind ein geistliches Anliegen. Die Welt, wie sie nun
einmal ist, nutzt Magister Martinus dabei ganz nüchtern. Die großen
Thesen bleiben nicht nur Gedanken. Sie werden zu Papier gebracht. Sie
werden an Wittenbergs Kirchentür festgenagelt. Sie suchen ein Publikum
und finden es. Später wird diese Tür gusseisern mit den Thesen
geschmückt für alle weltliche Zeit und göttliche Ewigkeit.
Es ist 31. Oktober, -
Reformationstag, - die Dinge neu in den Blick nehmen..
~*~

Wir gedenken Allerheiligen aller
Heiligen. Ich weiß, ein Heiliger wird man nicht, weil man ein Tugendbold
oder ein geistlicher Kraftprotz ist. Ein Heiliger ist man, weil Gott
einen liebt und man sich von solcher Liebe aus der Reserve kitzeln
lässt, um Echo zu geben. Christliche Heiligkeit wächst nicht aus dem
eigenen Entschluss, sondern als Antwort auf ein Geschenk. Ich versuche
nur einzuholen, was ich durch Gott schon bin. Die verehrten und die
unbekannten Heiligen sind mir Zeugen, dass ein solcher Weg geht, und
auch wie er gehen kann. Sage nicht zu schnell, ich brauche keine
Heiligen. Du bist ständig von ihnen umgeben, - von den Lichtzeugen des
Geliebtwerdens, durch die die Grundliebe Gottes dir entgegenblitzt. Ich
brauche Heilige.
Es ist 1. November, Allerheiligen, -
das Lockfest der Ermutigung, Gott zu antworten auf seine Liebe.
~*~
Die Leute strömen auf die Friedhöfe.
Sie pflegen die Gräber ihrer Lieben, - stellen ein Licht auf. Es steckt
sicher ein Sozialzwang dahinter: man tut das. Wenn man nicht negativ
auffallen will, dann tut man das eben. Aber es steckt doch auch mehr
darin. Ehrerbietung den hier Liegenden, die nicht vergessen sind. Und es
ist auch Selbsterkenntnis, dass ich diese paar Quadratmeter Grab
brauche, um meiner Trauer Tränen zu gönnen, - um Unsagbares über dem
Grab auszusprechen, - um Trost zu suchen und zu finden. ‚Wieviel Erde
braucht der Mensch?’ fragt eine Novelle von Tolstoi. Sehr wenig, - ein
Grabquadrat, - aber ganz ohne Erde geht es nicht. Ohne Erde geht das
Leben nicht. Ohne Erde verliere ich den Boden unter den Füßen, - sei es
dass ich ins Traumland Nirgendwo wegschwebe, - sei es, dass sich der
Abgrund Nichts auftut. Ich brauche die Gräber, um leben zu können

Es ist 2. November, Allerseelen, -
ich suche einen Ort, wo ich stehen kann, um die Welt aus den Angeln zu
heben.
~*~
Drei Denktage. Jeder weist auf seine
Weise darauf hin, dass wir Menschen der Erde sind, - dass wir noch nicht
angekommen sind, - dass wir Geschöpfe auf dem Weg sind, - dass wir das
Ziel nicht aus dem Auge verlieren dürfen, ... bis ER kommt in
Herrlichkeit.
Abt Albert Altenähr OSB.
051030
Fotos: 1 u. 2: barocke Reliquienkapsel, Familienbesitz
Abt Albert
3: Friedhof Abtei Kornelimünster
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