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„... nimm dir zu Herzen ...“
Zur alttestamentlichen Lesung am Dreifaltigkeitsfest, 15. Juni 2003
Deuteronomium
4,32-34.39-40
32 Forsche doch einmal in früheren Zeiten nach, die vor dir gewesen
sind, seit dem Tag, als Gott den Menschen auf der Erde schuf; forsche
nach vom einen Ende des Himmels bis zum andern Ende: Hat sich je etwas
so Großes ereignet wie dieses, und hat man je solche Worte gehört? 33
Hat je ein Volk einen Gott mitten aus dem Feuer im Donner sprechen hören,
wie du ihn gehört hast, und ist am Leben geblieben? 34 Oder hat je ein
Gott es ebenso versucht, zu einer Nation zu kommen und sie mitten aus
einer anderen herauszuholen unter Prüfungen, unter Zeichen, Wundern und
Krieg, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm und unter großen
Schrecken, wie es der Herr, euer Gott, in Ägypten mit euch getan hat,
vor deinen Augen? 39 Heute sollst du erkennen und dir zu Herzen nehmen:
Jahwe ist der Gott im Himmel droben und auf der Erde unten, keiner
sonst. 40 Daher sollst du auf seine Gesetze und seine Gebote, auf die
ich dich heute verpflichte, achten, damit es dir und später deinen
Nachkommen gut geht und du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein
Gott, dir gibt für alle Zeit.
Aus meiner theologischen Studienzeit habe ich die
Vorlesung über die Dreifaltigkeit als absolute Kür des Denkens in
Erinnerung. Der Kopf rauchte. Er wollte und konnte nicht verstehen, was
die großen Theologen der Vergangenheit sich zusammen-gedacht und was
sie aus dem Geheimnis Gottes aus-gedacht hatten. Und wo immer ich ihre
Gedanken nachvollziehen, - oder ehrlicher gesagt: nachstolpern konnte, fühlte
ich mich selbst als Spitzensportler des Denkens. So sehr ich auch heute
noch die hohe Schule des theologischen Denkens schätze und mich hier
und da in ihr übe, so sehr ist mir bewusst geworden, dass Gott keine
Denksport-Aufgabe ist.
Nachdenken über Gott ist für mich mehr und mehr ein
Nach-Denken meines eigenen Lebens geworden. Der Abt meines klösterlichen
Anfangs mahnte uns junge Kloster-Heißsporne immer wieder zur „Tugend
der Langsamkeit“, zum „Schritt für Schritt“, zum „Eins nach dem
anderen“. Eine seiner Lieblingsformulierungen in diesem Zusammenhang
war die von den „Nach-Gedanken“, auf die man nicht verzichten
sollte. Er lehrte uns, die Vergangenheit nicht nur nicht ad acta zu
legen, sondern sie als Ackerboden der Gegenwart nach-zudenken, - in ihr
die Gottesbegegnungen zu ent-decken und sie so in die Zukunft
mitzunehmen. Für uns Junge war das nicht gerade anfeuernd, aber die
unaufgeregt wieder- und wiederholte Botschaft bändigte die Hitzigkeit
des schnellen Vorwärtsdranges. Und in der Rück-Schau muss ich
bekennen, mein Abt war ungemein voraus-schauend. Rück-Sicht ist die
Grundlage der Vor-Sicht.
Aus dem alttestamentlichen Buch Deuteronomium, aus dem
unsere Lesung genommen ist, sind mir vor langen Jahren die folgenden
Worte aufgefallen: „Nimm dich in acht, achte gut auf dich! Vergiss
nicht die Ereignisse, die du mit eigenen Augen gesehen, und die Worte,
die du gehört hast. Lass sie dein ganzes Leben lang nicht aus dem Sinn!
Präge sie deinen Kindern und Kindeskindern ein! Vergiss nicht den Tag,
als du am Horeb vor dem Herrn, deinem Gott, standest“ (Dtn 4,9-10). In
den Psalmen begegnen mir Verse wie dieser: „Lobe den Herrn, meine
Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“ (Ps 103,2). Und
mahnt uns Jesus nicht ganz zentral in dieselbe Richtung, wenn er beim
Abendmahl den Auftrag gibt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“? Die jüdisch-christliche
Religion ist zutiefst eine Religion des Nicht-Vergessens, - oder um es
positiv zu sagen: eine Religion der Erinnerungen und des Gedächtnisses.
Sie ist eine Religion der Erzählungen von Gottesbegegnungen in Freude
und Leid, Glück und Unglück, Gewissheit und Zweifel.
Am Ende unseres Lesungsabschnittes heißt es dann:
„... und nimm dir zu Herzen“. Vielleicht liegt hier der Knackpunkt
unseres modernen Lebenskonzepts: dass wir uns scheuen, uns tief auf
etwas einzulassen, - uns etwas zu Herzen zu nehmen. Ich erlebe es bei
mir selbst, dass ich das Eine oder Andere um Himmels willen nicht zu nah
an mich herankommen lassen will. Denn wenn ich es wirklich an mich
heran- und mich darauf einließe, dann müsste ich mich mehr bewegen,
als mir lieb ist. Es ist „gefährlich“, sich etwas zu Herzen gehen
zu lassen, denn das hat Konsequenzen für mein Leben. Wo ich mit dem
Herzen dabei bin, da bin ich herausgefordert – heraus-gefordert aus
dem behaglichen Schneckenhaus – und verletzlich. Auf der anderen Seite
gilt aber wohl genauso: Wo ich mit dem Herzen dabei bin, da bin ich erst
wirklich lebendig.
Die Dichterin Nelly Sachs fragt am Ende eines ihrer
Gedichte: „Wenn die Propheten aufständen / in der Nacht der
Menschheit / wie Liebende, die das Herz des Geliebten suchen, / Nacht
der Menschheit / würdest du ein Herz zu vergeben haben?“ Vielleicht müssen
auch wir „guten Katholiken“ uns fragen: pflegen wir Gott wirklich in
unseren Herzen?
Abt Albert Altenähr OSB
030526
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