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Entschiedenheit
Evangelium 13. Sonntag im Jahreskreis A, 30.06.02
Beitrag für die Kirchenzeitung Aachen
Matth 10,37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als
mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als
mich, ist meiner nicht würdig. 38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich
nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. 39 Wer das Leben
gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen
verliert, wird es gewinnen. 40 Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf,
und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. 41 Wer einen
Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines
Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter
ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. 42 Und wer einem von diesen
Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es
ein Jünger ist - amen, ich sage euch: Er wird gewiß nicht um seinen
Lohn kommen.[1]
Ich muss es gestehen: Gerne predige ich über diesen
Evangelienabschnitt nicht. Schon bei der Vorbereitung ahne und spüre
ich den Widerstand der Gemeinde gegen die harschen Worte Jesu, - gegen
die Radikalität, mit der er sich über die natürlichsten und tiefsten
Liebesbeziehungen der Menschen hinwegsetzt: Wer die Eltern mehr liebt
als mich ... Wer seine Kinder mehr liebt als mich ....! Das ist nicht
nur herausfordernd stark und gewaltig. Das ist mehr noch! Es verlangt
Vergewaltigung wesentlicher Lebensgrundlagen. Ist nicht die
stabile Beziehung zwischen den Eltern und dem Kind der Mutterboden für
ein gelingendes Leben? Und diese Grundlage stellt Jesus infrage? Ich spüre
den Widerstand der Gemeinde. Und mehr noch spüre ich den eigenen
Widerstand. Ich hätte Christsein und auch Nachfolge als Ordensmann und
Priester lieber ein wenig leichter und weicher.
In all meinem Widerstand gegen Jesu Wort spüre ich
aber auch, dass Jesus mich in seiner so unangenehm konkreten Bildsprache
mit einem Grundproblem des Lebens konfrontiert. Er führt mich an die
Grenze meiner Träume. Träume sind sind schön und gut, - ja, sie sind
sogar notwendig, denn sie öffnen neue Perspektiven. Aber irgendwann
bringen sie mich an den Punkt der Entscheidung, wo sie den kleinen, aber
entscheidenden Schritt in die Realisierung einfordern.
Sich in bloße Träume zu verstricken, scheint mir im
Glaubensleben eine besondere Gefahr zu sein. Man merkt es nicht sofort
und nicht so leicht, wenn man eine Chance verpasst, - wenn man vom Weg
abkommt, - wenn man einen Glaubensunfall erleidet. Der Schaden ist
nicht so unmittelbar sichtbar. Die Konsequenzen scheinen nicht so weh zu
tun.
Vor Jahren hat mir eine Ordensschwester die
Grenzsituation einmal so umschrieben: Ich möchte ja wohl eine
Heilige sein, aber ich will nicht! Das hört sich fast köstlich an,
aber ist es nicht doch eine sehr genaue Beschreibung unserer Träume und
der Aufgabe, einen Schritt der Entscheidung zu tun? Es reicht nicht zu
träumen; ich muss wollen! Wenn ich wirklich etwas will, dann suche und
finde ich auch einen Weg.
Mir kommt die Erzählung des Alten Testamentes von
Jakob in den Sinn, der an der Schwelle des Gelobten Landes mit dem Engel
Gottes ringt. Er hat die Sehnsucht der Heimat in sich und er kämpft
sich durch die Nacht seiner Ängste hindurch. Er gibt nicht auf, bis er
den Segen Jahwes erhalten hat. Dieser Kampf hat bei Jakob Spuren
hinterlassen: er hinkt an seiner Hüfte. Aber vor ihm tut sich neues
Land und über ihm geht die Sonne auf.
In
seinen Worten macht Jesus deutlich, dass eine positive Entscheidung
nicht ohne Verzicht auf andere Möglichkeiten zu fällen ist. Zu solcher
Klarheit gehört zweifellos auch Engagiertheit, damit es eine ganze
Entscheidung wird und keine halbe Sache bleibt. Vielleicht wird sich der
entscheidende Schritt zuerst nur in der kleinen Münze eines Bechers
Wasser äußern, aber von
diesem einen Becher aus kann sich ein ganzer Strom neuer Lebendigkeit
entfalten.
Wir mögen vielleicht sagen, eine Entscheidung trägt
ihren Lohn in sich selbst. Wenn nach langem Zögern eine Entscheidung
gefällt ist, dann kann ich durchatmen und mit ihr leben. Das stimmt und
Jesus würde dem bestimmt nicht widersprechen. Aber er deutet darüber
hinaus an, dass der, der sich für ihn entscheidet und konsequent sein
Christsein lebt, Gottes Lohn erhält. Und in dieser Ansage schwingt für
mich unendliche Fülle des Lebens mit. Will ich mehr? Kann ich überhaupt
mehr wollen als Fülle des Lebens?
Abt
Albert Altenähr
020529
Bild: Christus u. hl. Menas, Byzant. Ikone, 5. Jh.
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