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Predigt vom 20.5.2001

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Fingerspitzengefühl für Gott

Zum Evangelium von der Tochter des Jairus
und der blutflüssigen Frau (Mk 5,21-43)

Wenn etwas ganz tief in uns eingeht, dann sagen wir oft: „Das berührt mich“. Erlebnisse, Begegnungen können etwas Anrührendes an sich haben. Ein Kind z.B., das uns mit seinen großen Augen anschaut, berührt uns und weckt in uns den Drang nach Zuwendung. Berührung ist kein Zugreifen und kein Angriff, gegen die wir uns sperren möchten. Berührung ist leicht, verschwebend, tastend und alles in allem voll Sehnsucht und Verheißung. Sie ist ein Schlüssel in verborgene Tiefen. Sie ist ein Türöffner in das, was in mir ist, und zu dem, der vor mir steht. Sie erschließt Leben.

Im Evangelium des Markus (5,21-43), wird uns - ineinander verwoben - die Doppelgeschichte von der Tochter des Jairus, die mit dem Tod ringt, und die andere von der Frau, die seit zwölf Jahren an Blutungen litt, erzählt. Beide sind Berührungsgeschichten, die von Heil und neuem Leben künden.

Der Vater des Mädchens bittet: „Leg ihr die Hände auf, damit sie gesund wird und am Leben bleibt.“ Jesus geht hin, - er schickt die Leute weg, - allein geht er mit dem engsten Jüngerkreis in das Krankenzimmer. Diese Hinweise lassen deutlich werden, dass die Heilung des Mädchens nicht mit Pauken und Trompeten ins Werk gesetzt wird, sondern als Begegnung „im stillen Kämmerlein“ geschieht. So plastisch, ja griffig die Szene beschrieben wird, liegt doch eine große Zurückhaltung, Verhaltenheit und Zartheit über dem Geschehen.

Und dann ist da die Geschichte der blutflüssigen Frau. Sie scheint zu wissen, wie viel Kraft von einer Berührung ausgehen kann. Ihr reicht ein Berühren des Gewandes Jesu. Mehr will sie nicht. Und es wirkt. Sie spürt es, - und Jesus spürt es. Sie waren offensichtlich auf derselben Wellenlänge. Ihre Sehnsucht nach Berührung und ihr Glaube an deren Wirkung ließen seine Heilkraft fließen.

Beide Geschichten – und dabei besonders die von der blutflüssigen Frau – sind eine Einladung, die Gabe des Gespürs in uns zu entdecken und sie zu entwickeln. Gottesbegegnung geschieht in den seltensten Fällen den Grobschlächtigen und Platt-Fühlenden. Gott trägt nicht dick auf. Das hat er nicht nötig. Der Prophet Elija – zunächst ein rechter „Hau-drauf-Prophet“ - erfuhr es bei der Begegnung am Gottesberg Horeb (1 Könige 19), als Jahwe im verschwebenden Windhauch zu ihm sprach. Sind vielleicht auch wir nicht immer wieder in der Versuchung, uns einen Gott zu wünschen, der mit dem „Knüppel-aus-dem-Sack“ in der Welt nach dem Rechten schauen sollte?

Jesus selbst ist die gegenteilige Antwort. In einem unbedeutenden Winkel des römischen Reiches, und dann auch noch in Galiläa, ist er zu Hause. Er ist nur der Sohn des Zimmermanns und seine Verwandtschaft ist nur allzu bekannt. Was weiß man nicht alles über die eigenen Verwandten, - und was erzählt man sich nicht über sie. Seit Jesus ist es sprichwörtlich, dass ein Prophet in seiner Vaterstadt kaum Gehör findet. Man braucht schon ein feines Sensorium, um die Botschaft zu hören, sie zu glauben und sie an sich heran und in sich herein zu lassen.

Michelangelo hat es in seinem Fresko von der Erschaffung des Adam einmalig angedeutet. Ein müder und noch nicht zum Leben erwachter Adam streckt seinen Finger aus. Der hochdynamische Schöpfergott streckt ihm den seinen entgegen. In der Berührung der Fingerkuppen wird Leben in Adam geweckt werden. Mehr braucht es nicht als diese Berührung.

Michelangelos Fresko ist weltbekannt. Seine ausdrucksstarke Botschaft von der Kraft der Berührung wird bestaunt. Haben wir sie in die Verästelungen unseres Welt- und Gottesverständnisses übersetzt?

Abt Albert Altenähr OSB
060612

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