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Ein Gebetsnetz für das Leben
Zu den Lesungen des 29. Sonntags im Jahreskreis C, 17. Oktober 2004
Exodus
17,8-13
In jenen Tagen kam Amalek und suchte in Refidim den Kampf mit Israel. Da
sagte Mose zu Josua: Wähl uns Männer aus, und zieh in den Kampf gegen
Amalek! Ich selbst werde mich morgen auf den Gipfel des Hügels stellen
und den Gottesstab mitnehmen. Josua tat, was ihm Mose aufgetragen hatte,
und kämpfte gegen Amalek, während Mose, Aaron und Hur auf den Gipfel
des Hügels stiegen. Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel
stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker. Als
dem Mose die Hände schwer wurden, holten sie einen Steinbrocken,
schoben ihn unter Mose, und er setzte sich darauf. Aaron und Hur stützten
seine Arme, der eine rechts, der andere links, so dass seine Hände
erhoben blieben, bis die Sonne unterging. So besiegte Josua mit scharfem
Schwert Amalek und sein Heer.
Lukas
18, 1-8
In jener Zeit sagte Jesus ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit
beten und darin nicht nachlassen sollten: In einer Stadt lebte ein
Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht
nahm. In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu
ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind! Lange wollte
er nichts davon wissen. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott
nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; trotzdem will ich
dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie lässt mich nicht in
Ruhe. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht. Und
der Herr fügte hinzu: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt. Sollte
Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu
ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen
unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn
er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?
Im Evangelium lädt Jesus ein und
mahnt dazu, ohne Unterlass zu beten. Er illustriert das an dem drastisch
aufdringlichen Beispiel der Witwe, die mit ihrer Bitte einem Richter so
auf die Nerven geht, dass er ihr schließlich ihr Recht gewährt, um
seine Ruhe zu bekommen. Jesus scheint sagen zu wollen: einem Gebetssturm
wird Gott sich nicht verwehren. Euer Beten sollte nicht zahm und sanft
sein. Lasst es Ausdruck stürmischen Begehrens und stürmischer Liebe
sein. Lasst es nicht nur kurz aufflackern hier und dort, sondern betet
in kraftvoller Dauer.
Ich höre die Botschaft und bin von
diesem Idealbild des Betens hingerissen. Ja, so sollte Beten sein!
Auf der anderen Seite erlebe ich
mich aber durch und durch als Normalmenschen und Normalchristen, der
wohl für ein Ideal schwärmt, aber immer wieder auch am Ideal
scheitert. Ich möchte ein hellwacher Christ sein, aber wie oft bin ich
müde, - auch müde beim Beten und nicht selten auch zu müde zum Beten.
Auch als Mönch (und auch als Abt) geht es mir nicht anders. Auch ich
bin ein Normalmensch.
Die Erzählung von Mose, der für
sein Volk betet und von seinen Freunden gestützt wird, ist mir hier
eine Hilfe. Das Volk Israel ist in das Kriegsgetümmel der Schlacht
gegen seine Feinde verwickelt. Mose nimmt nicht am Kampf teil. Er ist
auf den Berg gestiegen und betet. Die Erzählung sagt mir zweierlei.
Wenn ich nicht beten kann, weil zu viel auf mich einstürmt, dann gibt
es andere, die beten. Und solange Mose die Hände zum Gebet erhoben hat,
ist Israel stark. Mir selbst ist es wichtig geworden, dass andere
Menschen für mich beten. Ich bin überzeugt, dass ich meinen Weg –
wenigstens so einigermaßen – sicher gehen konnte, habe ich dem Gebet
anderer Menschen zu verdanken. Es spornt mich an, dieses Geschenk des
Gebets, das mir zuteil wurde und wird, meinerseits auch
weiterzuschenken.
Dann ist in der Geschichte des
betenden Mose aber auch sehr tröstlich, dass auch ihm die Arme mehr und
mehr und immer wieder müde werden. Da springen ihm seine Aaron und Hur
zur Seite. Sie stützen seine Arme, - sie stützen ihn im Gebet. Der
betende Mose braucht die beiden. Als einsamer Beter wäre Mose überfordert
gewesen. Unsere Geschichte sagt nicht, dass Aaron und Hur selbst gebetet
hätten. Sie haben Mose „nur“ gestützt, aber war diese Gebetsstütze
nicht schon Teil des Gebetes des Mose?
Die alttestamentliche Erzählung führt
vor Augen, wie die Wirklichkeit der Welt vernetzt werden kann und in
dieser Vernetzung in Gott geborgen ist. Die einen kämpfen, der andere
betet, die dritten stützen den Beter – und Israel geht als Sieger aus
dem Kampf hervor.
Als Benediktiner ist mir die
Gebetserzählung über Mose besonders lieb. Papst Gregor der Große
berichtet vom heiligen Benedikt, dass er sich zu
seinem Sterben in das Oratorium, die Kapelle seines Klosters, bringen
ließ und dort, gestützt auf die Arme seiner Mönche und mit zum Gebet
erhobenen Händen, gestorben ist. Benedikt wird hier wie Mose als Beter
auf dem Berg dargestellt. Er hat seinen letzten Lebenskampf zu bestehen
und er steht ihn mit Hilfe seiner Brüder durch. Ich glaube, seinen Brüdern
damals war sehr deutlich, dass dieses letzte Beten ihres Vaters sein großes
Vermächtnis für sie selbst war. Benedikts Gebet machte sie stark.
Mose und Benedikt locken, ein
Gebetsnetz für das Leben zu knüpfen und an seine Wirkmacht zu glauben.
Jesus predigt ein stürmisches Gebet. Gebet macht stark, - vor allem
wenn es vernetzt ist. Ich möchte ein Aaron oder Hur für Mose sein.
Immer wieder bin ich auch ein müder Mose, der seinen Aaron und Hur nötig
hat. Wer auch immer wir in diesem Gebetsnetz sind, ein jeder von uns
kann dazu beitragen, dass das Volk Gottes stark ist und bleibt.
Abt
Albert Altenähr OSB
041007
(Kirchenzeitung Aachen)
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