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Novembergedanken
Zu zwei Gedichten von Hilde Domin
Auch
dieses Jahr: Das sommerliche Grün der Bäume wurde matter, aber noch
einmal scheint die Natur protestieren zu wollen. Die Bäume legen ihre
bunten Sterbefarben an, nicht so farbenfroh wie im fernen Indian
Summer Kanadas, aber doch: bunt. Die Sonne spielt in den Farben zur
Freude der Augen.
Die Wochen schreiten voran.
Die bunten Farben weichen. Erdiges Braun greift nach den Blättern. Stürme
reißen sie zu Boden. Regen und Nebel verkleben sie im Dreck. Und die Bäume
werden nackter und nackter. Gerippe ihrer einstigen Pracht. Hoher Herbst
des Novembers.

Der November ist nicht
jedermanns Zeit. Der Monatsgeliebte ist der Mai mit seinem
jugendfrischem Grün. Der November ist der Trauerkloß unter den Monaten
des Jahres.
Hilde Domin hat das
Herbst-, das November-Unbehagen in einem Gedicht eingefangen. Der Herbst
kündet vom nahenden Winter, - vom unausweichlichen Sterben, - von der
Blöße unter allen Schönfärbereien und äußeren Gefälligkeiten.
Das
Haus der Vögel entlaubt sich.
Wir haben Angst vor dem Herbst.
Manche haben Angst vor dem Herbst.
Manche von uns
malen den Toten das Gesicht
wenn sie fortziehn.
Denn wir fürchten den Winter.
Eine
alte Frau, die vor uns stand,
war unser Windschutz,
unser Julilaub,
unsere Mutter,
deren Tod
uns entblößt.
Hilde Domin hat aber noch
ein anderes Herbstgedicht geschrieben, - viel kürzer und für mein
Empfinden viel spannungsgeladener und darum spannender.
Es knospt
unter den Blättern
das nennen sie Herbst
Die Dichterin sieht die Blätter
sie schreibt es. Sie sieht ihr Müde-Werden und Sterben ich
zweifle nicht, dass sie auch das sieht. Sie hört die Menschen sagen:
Herbst. Die Dichterin sieht und schreibt aber nicht über die Blätter.
Sie sieht unter den Blättern und ihrem Sterben etwas ganz anderes:
Es knospt unter den Blättern. Sie sieht unter dem Sterben das
neue Leben. Sie schreibt sich im Angesicht der sterbenden Blätter das
Leben von der Seele und in die Seele hinein: es knospt unter den
sterbenden Blättern!
Ob die Menschen
wirklich das Knospen unter den Blättern sehen und wahrnehmen, wenn sie
Herbst sagen? Das Knospen unter den Blättern ist ja nicht so
offensichtlich wie ihr Sterben. Man muss schon zweimal hinschauen, um es
zu sehen, und dann muss man es auch noch lebendig in sich aufnehmen. Nur so
kann der Trauermonat Kunde geben vom Leben.
Abt Albert
Altenähr OSB
021030
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