Ihr Frauen und Männer ...
zur neutestamentlichen Lesung Eph 5,21-32
am 21. Sonntag im Jahreskreis B, 24. August 2003
Epheser 5,21 Einer ordne sich
dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus.
22
Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus);
23 denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der
Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. 24 Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die
Frauen in allem den Männern unterordnen.
25
Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich
für sie hingegeben hat, 26 um sie im Wasser und durch das Wort rein und
heilig zu machen. 27 So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen
lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein
und makellos. 28 Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu
lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst.
29 Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und
pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. 30 Denn wir sind Glieder
seines Leibes. 31 Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und
sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein..
32
Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die
Kirche.
Vor einigen Jahren hatte
der Prediger einen großen Bogen um diese Lesung aus dem Epheserbrief
gemacht und seine Predigt rein aus dem Evangelium heraus entwickelt.
Aber er hatte den Lektor nicht oder nicht deutlich darauf hingewiesen,
die alttestamentliche Lesung vorzutragen, auf keinen Fall aber die aus
dem Epheserbrief. So wurde also vorgelesen: „Ihr Frauen ordnet euch
euren Männern unter, - ... der Mann ist das Haupt der Frau ... ...“
Wir Konzelebranten waren kaum in der Sakristei, da stand auch schon ein
Gottesdienstbesucher bei uns und wies höflich, aber bestimmt und
kritisch darauf hin, dass man diese Lesung heute auf keinen Fall
„unbepredigt“ im Gottesdienst vortragen könne. Die Predigtkritik
von damals hat Recht. Sie macht darauf aufmerksam, dass jede Zeit ihr
ganz eigenes Ohr für das Wort Gottes hat und ihre zeitgebundenen
Erfahrungen, aus denen heraus und in die hinein es formuliert wird.
Der Epheserbrief nimmt die
Rechts- und Sozialgegebenheiten seiner Zeit, wie sie sind. Er hat keine
rechts- und sozialreformerischen Absichten, - geschweige denn dass er
revolutionieren will. Für ihn und seine Zeit gilt und steht nicht zur
Diskussion an: Der Mann steht über der Frau. Die von ihm akzeptierte
Familienstruktur seiner Zeit mit all ihren Rechts- und Sozialfolgen
schaut der Brief religiös an und sucht sie theologisch zu durchdringen.
Das tut er mit einem theologischen Bilder-Gewicht, dem wir Heutige nur
schwer folgen können.
Mir sind vor allem drei
Grundsätze in diesem Text wichtig geworden, die über aller
zeitbedingten Ausdeutung damals liegen und auch heute festzuhalten sind.
Zum einen erkenne ich als
Grundthese die Ansage, dass die Beziehungen zwischen den Menschen überhaupt
und bis in die intimste Beziehung der Partnerschaft und Ehe hinein etwas
mit Gott, Jesus Christus und der Kirche zu tun haben. Ich glaube zwar,
dass wir das in der Theorie und im allgemeinen durchaus bejahen, aber
200 Jahren Christentum haben die Widerstände durchaus noch nicht überwinden
können, das auch in concreto
zu realisieren und zu praktizieren. Zumal den intimen Bereich der
intensiven Zweierbeziehung schotten wir durch die Mauer eines vagen
Liebesbegriff als Privatbereich ab. In diesen Privatbereich hat mir
keiner reinzureden: die Kirche nicht, - ... und auch Gott nicht? So
banal der alte Schlager klingen mag, so entlarvend ist er: „Kann denn
Liebe Sünde sein?“ Mit der Liebe zu argumentieren, ist zutiefst
verlogen, solange ich nicht bereit bin, in ihr auch meine Verantwortung
vor Gott und den Menschen mitzudenken. Ich muss gestehen, ich habe bei
mancher Trauung meine Bauchschmerzen, wenn ich spüre, dass die
Brautleute noch weit davon entfernt sind, in dieser Liebestiefe ihr
Miteinander gestalten zu können und zu wollen.
Zum anderen lese ich vor
den einzelnen Aussagen über die Frau und ihre Beziehung zu ihrem Mann
und über den Mann und seine Beziehung zu seiner Frau den fundamentalen
Grundsatz: „Einer ordne sich
dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus.“ Alles was
über die Beziehung der Eheleute zueinander dann weiter gesagt wird,
steht unter dieser gemeinsamen Überschrift. Ob nun die im weiteren
genannte Unterordnung der Frau unter den Mann oder die Liebe des Mannes
zur Frau, - beides steht unter dem Auftrag, sich in der gemeinsamen
Ehrfurcht vor Christus g e
g g e n s e i t i g unterzuordnen.
Hiermit wird die damals geltende und vom Epheserbrief hingenommene
Ordnung auf eine neue Basis gestellt. Es geht in einer christlichen
Ehe-Ordnung nicht um Machtpositionen, sondern um wechselseitige
Hochachtung, die in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus wurzelt.
Schließlich fällt mir auf, dass dem damals sozial und
rechtlich starken Ehepartner, dem Mann, sehr viel intensiver sehr viel
mehr Worte – doppelt so viele! – ins Gewissen geredet werden als dem
sozial und rechtlich schwächeren Partner, der Frau. Es wird dem Mann
gesagt, dass seine Ehe nicht schon dadurch „in Ordnung“ ist, dass er
den „starken Mann“ markiert und sie im übrigen als Sozialpakt im
gesellschaftlichen Rechtsgefüge in Ordnung hält. Die Ehefrau ist weder
Sexobjekt noch Besitzgut. Die Liebe, von der hier die Rede ist, steht
weit über der Säuselatmosphäre von Schmusigkeit. Ob der Epheserbrief
hier so viele Worte macht, weil er glaubt, dass die Männer mehr an sich
zu arbeiten haben ...?
Wenn ich es
richtig betrachte, dann ist unsere Lesung nicht deswegen so schwierig,
weil sie uns vergangene Sozialstrukturen vor Augen stellt und sie für
ihre damalige Zeit theologisch unterfüttert. Die Lesung ist so
schwierig, weil sie unser eigenes ungeklärtes Verhältnis zu
Unterordnung und Liebe zur Frage werden lässt. Sie ist Einladung, sich
mit den eigenen Untiefen auseinanderzusetzen, damit Partnerschaft und
Ehe zu lebendiger Tiefe finden.
Abt Albert Altenähr OSB
030724
für die Kirchenzeitung Aachen 2003/Nr. 33/34, 17. August 2003
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