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Bilanz-Gedanken zum Jahreswechsel
Mit Spannung werden in der Öffentlichkeit
Jahresbilanzen von Wirtschaftsunternehmen erwartet. Haushaltsdebatten sind die großen Stunden der Parlamente. Hier wird Bilanz gezogen und
werden Pläne für die Zukunft beschlossen. Rechenschaftsberichte sind
überall gefordert und versuchen zu analysieren, was gelungen ist, - wo
etwas verbessert werden kann und muss, - was als Nächstes angegangen
werden soll. Die Kirche(n) und all ihre Gliederungen sind da nicht
anders als alle anderen Bereiche der Welt.
In den kritischen Augen der Beobachter steht nur der
„top“ da, der „top“ ist. Der Anspruch ist hoch, den wir an
andere - ... und an uns selbst stellen. Der „top of the hill – die
Gipfelhöhe des Berges” ist das Ziel. Auf der Höhe, - Spitze, - top
drauf sein, - in die „top-ten“ von Ranglisten aufsteigen, - in den
Top-Etagen residieren, - als Topmodel über die Laufstege des (An-)Gesehenwerdens
zu gehen, - ... das sind die Ziele von Träumen und Mühen. Nur wer
topfit ist ist tip-top.
Der Traum ist schön, aber was ist mit all denen, für
die er sich nicht erfüllt? Erfüllt er sich überhaupt für nur
irgendeinen ... rundum und ganz und gar? Die Symphonie des Lebens ist
nur zu oft eine unvollendete. Die Ungezählten, die die Gipfel nicht
erreicht haben, - zählen sie nicht?
Die Liturgie unserer Kirche endet ihr Kalenderjahr –
also das Kirchenjahr - mit dem Christkönigsonntag und feiert ihn mit
dem Rang eines Hochfestes. Im Evangelium hören wir die
Auseinandersetzung Jesu mit Pilatus, ob Jesus der König der Juden sei.
Jesus bekennt sich als König. Es sieht also zunächst und aufs schnelle
Hinsehen genauso aus wie in den Traumkategorien der Welt, ... aber sein
Reich und Königtum sind anders als die Topetagen irdischer
Traumvorstellungen.
Zu den Grundvorstellungen des Königtums Christi gehört,
dass sein Herrscherthron ... das Kreuz ist. Sein Herrscherkleid ist der
Spottmantel der Soldaten. Seine Krone ist aus Dornen. Am Christkönigsfest
beginnt die Messliturgie mit dem Eingangsgesang: „Das Lamm, das
geschlachtet ist ...“. Die Träume der Menschen vom Erfolg-Reich
werden durch solche Königswirklichkeiten Jesu Christi absolut gegen den
Strich gebürstet.
Wenn man dazu bedenkt, dass im Dritten Reich der sog.
„Bekenntnis-Sonntag“ auf das Christkönigfest gelegt wurde, dann
wird der Kontrast sogar überdeutlich. Kann es ein größeres
Spannungspotential geben als zwischen der Ideologie des Herrenmenschtums
und dem Bekenntnis zu einem gekreuzigten König?
Das Christkönigfest, das im Festkreis der Kirche die
Bilanz des Glaubens und des Christseins zieht, kann unmittelbare Impulse
für das christliche Menschenbild geben. Es befragt die in der Welt gängigen
/ unsere konkreten Wert- und Zielvorstellungen, - es stellt sie infrage.
Es kann den sog. Gescheiterten und zu kurz Gekommenen dieser Welt
Signal-Botschaft ihrer Würde sein: „Das Lamm, das geschlachtet wurde,
ist würdig Herrschaft und Reich zu erhalten.“ Mit diesem Kreuz-König
Jesus Christus und im Bekenntnis zu ihm werden die Bedrückten und
Gebeugten aufgerichtet. Sie können aufrecht stehen und gehen.
Abt Albert Altenähr OSB
031123
Christkönigfest
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