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Die beiden Brüder in mir
zum Gleichnis vom verlorenen Sohn,
Lk 15,11-32
Evangelium am 4. Fastensonntag, Lesejahr C (21. März 2004)
Wieder
und wieder begegnen uns in der Literatur der Völker Brüder- und auch
Schwesternpaare, - und auch die Bibel kennt eine ganze Reihe von ihnen. Da
sind Kain und Abel, Esau und Jakob, die Apostelbrüder Jakobus und
Johannes, Martha und Maria. Da ist im Alten Testament der nach Ägypten
verkaufte Josef, der seinen zehn älteren Brüdern gegenübergestellt
wird, und David, der als Jüngster seinen sieben älteren Brüdern
vorgezogen und von Samuel zum König gesalbt wird. Wenn ich mir diese
Namen vor Augen führe, dann wundere ich mich – oder auch nicht. Ihre
Geschichten künden nicht von friedegefüllter Brüderlichkeit – oder
wie viele heute lieber sagen: Geschwisterlichkeit. Sie erzählen von
Spannungen und Brüchen, von Kämpfen und Versöhnung. ... und nicht
immer gibt es ein glückliches Ende.
Die Sympathie der Erzähler und
meine eigene neigen durchwegs dem jüngeren Bruder zu. Bei allen
Fehlern, die er hat und begeht, ist doch er die Lichtgestalt in diesem
Spannungsfeld. Der ältere Bruder hat etwas Dunkles an sich, - etwas
Verbiestertes und Erstarrtes. Der Ältere sieht neben dem Jüngeren ganz
schön alt aus. In dem Jungen leuchten Phantasie und Wagemut, Leben und
Zukunft auf.
Bruchlos fügt sich das Gleichnis
Jesu in diese Linie ein. Der jüngere Bruder will leben. Er will sein
ganzes Erbe, - alles. Er setzt alles auf eine Karte. Er verliert alles.
Ein Einziges bleibt ihm: das „Nichts“ der Hoffnung auf Erbarmen. Sie
ist sein ein und alles. Und so gewinnt er alles, - das Geschenk des
Neuanfangs und der Geburt eines neuen Lebens.
Der
ältere Bruder hat sein Leben mit einem stets gepflegten Netz gelebt, um
ja nicht abzustürzen. Pflicht, Verantwortung, Gehorsam,
Rechtschaffenheit bestimmten seinen Alltag, - alle seine Taten und Tage.
Er erwirbt sich Rechte, - das Recht auf ein Ziegenböcklein, ein
Festmahl mit den Freunden und letztlich auf das Erbe, das nach der frühen
Auszahlung des Bruders ihm allein zusteht. Er hat bisher diese Rechte
nie eingefordert, aber jetzt präsentiert er dem Vater die Rechnung! In
dieser Haltung hat er verlernt - oder überhaupt nicht gelernt - zu
feiern, fröhlich zu sein und dem Vater Liebe zuzutrauen. Dabei sieht er
ganz schön alt aus. Er ist kein junger Hüpfer. Ja, er ist wirklich und
buchstäblich ein alter Hase mit sorgfältiger Karriereplanung.
Brudergeschichten locken dazu, sich
zu fragen, in welchem der Brüder man sich selbst wiedererkennt. Und
ganz oft muss man ehrlicherweise bekennen, dass man von beiden Brüdern
sehr viel in sich trägt. Ich selbst bin sowohl der ältere als auch der
jüngere Bruder, - mal mehr der eine, - mal mehr der andere. Ich bin –
auch im Glauben – hier und da ein Bruder Leichtfuß und manchmal sehe
ich sehr, sehr alt aus.
Kann
ich eine sich im Lauf der Jahre verstärkende Linie erkennen? Meine
Sehnsucht wäre es, die beiden Brüder in mir miteinander zu versöhnen.
Ich möchte die Leichtigkeit des Jüngeren mit der Ernsthaftigkeit des
Älteren verbinden. Ich möchte im Glauben – und überhaupt – weder
leichtsinnig noch schwerfällig sein. Ich möchte lebendig sein.
Der Vater im Gleichnis Jesu liebt
sie beide – den feurigen Spring-ins-Feld und den ernsten Rechner. Er
kann sie zueinander befreien. Ich traue ihm zu, dass er auch mich zu mir
selbst befreien kann und will. Er öffnet mir den Raum der Versöhnung,
- den Raum, wo Freude und Verantwortung miteinander leben.
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