Textauswahl

Kirchenjahr / Feste
Advent und Weihnachten

Fastenzeit und Ostern

Predigt-Miniatur
Stärke unseren Glauben
Wo ist mein Platz?

Wo geht's hin?
Der Hoffnung eine Schneise!
Jeremia Evangelista
Was Gott verbunden hat
27. So. i.J. B
Allerheiligen
Francesca Romana
Sanctus enim dies Domini est - 3. So.i.J. C
Fingerspitzengefühl für Gott - 13. So i.J. B
Neues sprießt - 7. So i.J. B
Denktage
Seid gesinnt wie Christus Jesus 26. So i..J. A
Meine Stärke ist der Herr

Allerseelen 2004
Erde braucht der Mensch zum Glauben 28. So i.J. C

Ein Gebetsnetz für das Leben 29. So i.J C
Weltennot und Gottesstunde 19. So. i J. C

Die beiden Brüder in mir
Jahreswechsel 2003
Allerseelen 2003
Ihr Frauen und Männer
21. So i.J. B
Das Menschsein Jesu

Annaoktav 2003
Dreifaltigkeit 2003
Stopp! Da geht's lang
5. Fastensonntag
Wendepunkte

3. Sonntag im Jahreskreis
Den Glauben wagen
33. Sonntag im Jahreskreis
Entschiedenheit
13. Sonntag im Jahreskreis  
Profess Fr. David
Allerseelen 2001
Silberprofess

Predigt vom 20.5.2001

Gedanken zu
Psalmen

Benediktinisches

Anfänge

weitere Texte

 

Die beiden Brüder in mir

zum Gleichnis vom verlorenen Sohn, Lk 15,11-32
Evangelium am 4. Fastensonntag, Lesejahr C (21. März 2004) 

Wieder und wieder begegnen uns in der Literatur der Völker Brüder- und auch Schwesternpaare, - und auch die Bibel kennt eine ganze Reihe von ihnen. Da sind Kain und Abel, Esau und Jakob, die Apostelbrüder Jakobus und Johannes, Martha und Maria. Da ist im Alten Testament der nach Ägypten verkaufte Josef, der seinen zehn älteren Brüdern gegenübergestellt wird, und David, der als Jüngster seinen sieben älteren Brüdern vorgezogen und von Samuel zum König gesalbt wird. Wenn ich mir diese Namen vor Augen führe, dann wundere ich mich – oder auch nicht. Ihre Geschichten künden nicht von friedegefüllter Brüderlichkeit – oder wie viele heute lieber sagen: Geschwisterlichkeit. Sie erzählen von Spannungen und Brüchen, von Kämpfen und Versöhnung. ... und nicht immer gibt es ein glückliches Ende. 

Die Sympathie der Erzähler und meine eigene neigen durchwegs dem jüngeren Bruder zu. Bei allen Fehlern, die er hat und begeht, ist doch er die Lichtgestalt in diesem Spannungsfeld. Der ältere Bruder hat etwas Dunkles an sich, - etwas Verbiestertes und Erstarrtes. Der Ältere sieht neben dem Jüngeren ganz schön alt aus. In dem Jungen leuchten Phantasie und Wagemut, Leben und Zukunft auf. 

Bruchlos fügt sich das Gleichnis Jesu in diese Linie ein. Der jüngere Bruder will leben. Er will sein ganzes Erbe, - alles. Er setzt alles auf eine Karte. Er verliert alles. Ein Einziges bleibt ihm: das „Nichts“ der Hoffnung auf Erbarmen. Sie ist sein ein und alles. Und so gewinnt er alles, - das Geschenk des Neuanfangs und der Geburt eines neuen Lebens. 

Der ältere Bruder hat sein Leben mit einem stets gepflegten Netz gelebt, um ja nicht abzustürzen. Pflicht, Verantwortung, Gehorsam, Rechtschaffenheit bestimmten seinen Alltag, - alle seine Taten und Tage. Er erwirbt sich Rechte, - das Recht auf ein Ziegenböcklein, ein Festmahl mit den Freunden und letztlich auf das Erbe, das nach der frühen Auszahlung des Bruders ihm allein zusteht. Er hat bisher diese Rechte nie eingefordert, aber jetzt präsentiert er dem Vater die Rechnung! In dieser Haltung hat er verlernt - oder überhaupt nicht gelernt - zu feiern, fröhlich zu sein und dem Vater Liebe zuzutrauen. Dabei sieht er ganz schön alt aus. Er ist kein junger Hüpfer. Ja, er ist wirklich und buchstäblich ein alter Hase mit sorgfältiger Karriereplanung. 

Brudergeschichten locken dazu, sich zu fragen, in welchem der Brüder man sich selbst wiedererkennt. Und ganz oft muss man ehrlicherweise bekennen, dass man von beiden Brüdern sehr viel in sich trägt. Ich selbst bin sowohl der ältere als auch der jüngere Bruder, - mal mehr der eine, - mal mehr der andere. Ich bin – auch im Glauben – hier und da ein Bruder Leichtfuß und manchmal sehe ich sehr, sehr alt aus. 

Kann ich eine sich im Lauf der Jahre verstärkende Linie erkennen? Meine Sehnsucht wäre es, die beiden Brüder in mir miteinander zu versöhnen. Ich möchte die Leichtigkeit des Jüngeren mit der Ernsthaftigkeit des Älteren verbinden. Ich möchte im Glauben – und überhaupt – weder leichtsinnig noch schwerfällig sein. Ich möchte lebendig sein.

 

Der Vater im Gleichnis Jesu liebt sie beide – den feurigen Spring-ins-Feld und den ernsten Rechner. Er kann sie zueinander befreien. Ich traue ihm zu, dass er auch mich zu mir selbst befreien kann und will. Er öffnet mir den Raum der Versöhnung, - den Raum, wo Freude und Verantwortung miteinander leben.

Abt Albert Altenähr OSB 
040403

Die drei Bilder im Text sind Zeichnungen/Radierungen von Rembrandt: Esau und Jakob, Kain und Abel, die Heimkehr des verlorenen Sohnes.

nach oben