Meine Stärke ist der Herr
Zum 16. Sonntag im Jahreskreis A, 17. Juli 2005
Einer der mich wirklich bewegenden
Psalmverse ist jener aus dem Psalm 118: „Meine Stärke und mein Lied ist
der Herr“. In diesem Vers erspürt sich mir eine eine Sicherheit und ein
Strahlen, das einfach Gelassenheit ausdrückt. Der Psalmist weiß um die
Größe seines Gottes. Er hat die Erde gegründet. Er hat Israel erwählt.
Er hat es aus dem Druck Ägyptens befreit. Er hat es durch die unwegsame
Wüste geführt und ihm an neuem Ufer Heimat geschenkt. Gepriesen sei ER.
Der Psalmist weiß das alles und er
übersetzt das in sein eigenes Lebens- und Daseinsverstädnis. Dieser
große Gott ist nicht einfach der Gott des Volkes, sondern der Psalmist
darf ihn als meinen mir ganz persönlich zugetanen Gott glauben. Die
große Geschichte derAhnen von Adam und Eva angefangen über Mose bis zu
David und ins Heute hinein ..., der Psalmist nimmt sie in seine kleine,
ganz persönliche Geschichte auf.
Genau das singt sich mir heute im
Juli 2005 ins Herz, wenn ich diesen Psalmvers lese, höre, singe. Ich bin
eingewoben in die Geschichte Gottes mit den Menschen und mit seinem
Volk. Ich darf ihn mir zur Seite glauben. Ich darf glauben, dass ich ihm
wichtig bin und er mich darum nicht im Stich lässt. Seine Freude ist es
nicht einfach, allgemein bei den Menschen zu sein, sondern ganz konkret,
bei mir zu sein.
Sicher, das wird in Ihren Ohren
ziemlich anmaßend klingen und auch meine anerzogene Bescheidenheit will
mich zügeln, jetzt nicht maßlos zu übertreiben. Aber darf ich im Glauben
nicht absolut unbescheiden sein und aufs Ganze glauben und hoffen, dass
ich einmalig wichtig für meinen Gott bin?
Deine Stärke beweist du in Milde
Die alttestamentliche
Lesung aus dem Buch der Weisheit (Weish 12,13.16-19) vergewissert sich
in gar nicht so unähnlicher Weise der Stärke Gottes. Immer wieder wird
sie erwähnt, als ob sich der Weise neu und neu daran erinnern will: Gott
ist stark. Und weil er stark ist, ist er großartig erbarmend und nicht
erbärmlich kleinlich. Seine Gerechtigkeit ist nicht Erbsenzählerei
unserer Fehltritte, sondern die Liebe seiner Fürsorge. In der
Souveränität dieser Liebe kann er milde und nachsichtig sein.
Ich glaube, wir sind immer wieder
in Gefahr, der Stärke Gottes nicht so recht zu glauben. Vor lauter
Verantwortungsgefühl pflegen wir manchmal das schlechte Gewissen, dass
Gott mit uns Sündern eigentlich ja doch nichts anfangen kann und uns
darum eigentlich auch aufgeben müsste. Um in solch schlechtem Gewissen
nicht unterzugehen, haben wir vielleicht Gott zu einem Greis
herabstilisiert, der alles durchgehen und letztendlich auch uns schon
irgendwie in den Himmel passieren lässt. Vielleicht haben wir uns auch
zu einer Gottfreiheit emanzipiert, die ihn auf Gedeih und Verderb los
werden will, um ihn nicht mehr in unser Leben hineinreden zu lassen.
Beides verkennt die Größe Gottes. Er weiß mit uns, wie wir sind,
umzugehen,
Kleines Senfkorn großer Hoffnung
Ich bin beileibe kein Heiliger und wenn ich mich je zu solchem
Fehlglauben hinreißen ließe, bin ich gewiss, dass meine Mitbrüder mich
sehr schnell auf den Teppich herunterholen würden. Aber ich habe den
festen Glauben, dass bei allem, was an Irdischem in mir ins Kraut
schießt, hier und da doch ein Korn guten Samens auf den Acker meines
Lebens gefallen ist, der zum Baum in Gottes Garten heranwachsen kann und
wird. Die Vögel des Himmels werden darin nisten und ihr Lied in die Welt
singen (vgl. Evangelium: Mt 13,24-43): Unsere Stärke und unser Lied ist der Herr.
Gepriesen sei ER.
Abt Albert Altenähr OSB
050714
(Text für die Kirchenzeitung Aachen) Bild:
M. Büning, Tabernakelvorhang Kornelimünster
Foto: fr.a. |