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„Darf ein Mann seine Frau …“
„Was Gott verbunden hat …“
Predigt am 27. Sonntag im Jahreskreis B, 4. Oktober 2009
Die hier rekonstruierte und ein wenig weiter bearbeitete Predigt, für die ich kein Skript vorliegen
hatte, fand totenstille, lebendige Aufmerksamkeit. Sie wird mir im
Gedächtnis bleiben, weil nach der Predigt ein Mann aufstand und gegen
die Kirche und ihr Lehre zur Ehescheidung, die ich in der Predigt gar
nicht thematisiert hatte, protestierte: „Unglaublich, dass die Kirche
solche Lehre noch zu verkünden wagt.“ Meine kurze Replik hat er sich
nicht mehr angehört.
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Evangelium: Mk 10,2-12
2Da
kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe
entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen.
3Er
antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben?
4Sie
sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die
Frau) aus der Ehe zu entlassen.
5Jesus
entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses
Gebot gegeben.
6Am
Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen.
7Darum
wird der Mann Vater und Mutter verlassen,
8und
die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern
eins.
9Was
aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.
10Zu
Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber.
11Er
antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere
heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch.
12Auch
eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und
einen anderen heiratet.
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Brisant! -
Ein heißes Eisen! -
Glühend heiß!
Brisant, - nicht erst heute, wo die Zeitungen voll davon sind und wohl
nahezu jede Familie und jeder Freund davon sehr nah betroffen sind.
Und nicht wenige - auch unter uns hier - sind selbst ganz persönlich
betroffen.
Brisant schon zu Zeiten Jesu und auch schon Jahrhunderte vor ihm. Die
Hoffnungen des Anfangs und das Scheitern im Lauf der sich hinziehenden
Jahre.
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„Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen?“
„Was sagt Mose?“
„Er hat den Tatsachen Rechnung getragen, dass nicht jede Ehe gelingt.
Er hat
den Scheidebrief erlaubt.“
„Ist das alles, was Mose sagt? Habt ihr nicht vielleicht das andere
vergessen, was derselbe Mose schreibt: ‚Im Anfang war es nicht so …!
Eigentlich …! Darum: sie sind nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber
Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen’?“
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Ich ziehe das heiße Eisen aus der Wunde „Ehescheidung“ heraus, will es
aber in eine andere, grundlegendere Wunde hineinhalten. Greift die
Grundfrage der Pharisäer und Jesu Antwort darauf nicht weit, sehr weit
in das tagtägliche und alltäglichste Leben eines jeden Menschen hinein?
Welchen Stellenwert hat die Botschaft Gottes in unserem Handeln?
Tatsachen, - Sachzwänge, - gesellschaftlich Verbreitetes und
Akzeptiertes, - was „man“ tut, sind weitgehend die Normen, nach denen
wir handeln.
Wir
haben aber auch ein anderes Wissen, - ein Gewissen, das uns immer wieder
anklopft: „Eigentlich…!“ Wir haben dieses Wissen um das „Eigentlich …!“
und wir sollten seinem Anklopfen sorgfältig das Ohr öffnen, -
rechtzeitig!, damit wir dann mit gutem Gewissen handeln und leben und
nicht im nachhinein nur noch ein schlechtes Gewissen haben. Das Gewissen
meldet sich zuerst vor dem Tun. Wer es erst danach hört, hat vorher
schlecht gehört.
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In unserem Orden ist seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts ein Segen
bekannt, der als Benediktussegen bzw. als Benediktusmedaille auch heute
noch sehr verbreitet ist.
Auf dem senkrechten Kreuzbalken stehen die Anfangsbuchstaben folgender
Wörter geschrieben: Crux Sacra
Sit Mihi Lux – Das heilige Kreuz sei mir Licht. Ich will es
einmal anders übersetzen. Gott, Jesus Christus und die Botschaft der
Heiligen Schrift können uns in unserem Fragen erleuchten. Sie bohren in
die Tiefe und machen auf das „Eigentlich …!“ aufmerksam. Sie
mobilisieren unser Wissen und Gewissen. Wenn sie unbequem sind, weil sie
die Alltags-Moral der Gesellschaft durchkreuzen, heißt das – um Himmels
willen! – nicht, dass sie falsch liegen.
Auf
dem Querbalken des Kreuzes lesen wir
Non Draco Sit Mihi Dux – Der
Drache sei mir nicht Führer. Auch das will noch einmal weiter
übersetzen. Der gesellschaftliche „Comment“ des Sich-Anpassens an das,
was heute akzeptiert ist, ist verführerisch, aber keineswegs ein guter
Ratgeber. Es könnte das erste Wort des Psalters (Ps 1,1; in meiner
Übersetzung!) gelten: „Selig, die sich nicht von dem (ver-)führen lassen,
was gerade 'en mode' und ‚in’ oder auch nur achselzuckend akzeptiert -
'Was soll's?' - ist!“
Crux Sacra! –
Non Draco!
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Selten dürfte es sein, dass es glatte 1:1-Antworten gibt. Nie aber
sollte es so sein, dass wir die Spannungen des Lebens glätten, indem wir
die Botschaft „Eigentlich …!“, - die Klopfzeichen des Gewissens, - dass
wir Gott aus unseren Taten und Tagen verbannen. Leben ist nur zu oft ein
Aushalten der Spannung von Gegebenheit und Ideal.
Gott gebe uns Mut
und Kraft zu unseren Wunden und Narben, - und zum Brenneisen seines
Wortes.

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In meiner kurzen Replik auf den Protestruf sagte ich u.a., dass auch ich
gelegentlich ratend konstatiert habe: Besser ein Ende mit Schrecken als
ein Schrecken ohne Ende. Ein solcher Rat heiße aber keineswegs, dass
sich die in der Predigt aufgezeigte Spannung in Wohlgefallen auflöse.
P. Albert Altenähr
091005
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