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Profess Fr. David
Allerseelen 2001
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„Darf ein Mann seine Frau …“
„Was Gott verbunden hat …“
Predigt am 27. Sonntag im Jahreskreis B, 4. Oktober 2009

Die hier rekonstruierte und ein wenig weiter bearbeitete Predigt, für die ich kein Skript vorliegen hatte, fand totenstille, lebendige Aufmerksamkeit. Sie wird mir im  Gedächtnis bleiben, weil nach der Predigt ein Mann aufstand und gegen die Kirche und ihr Lehre zur Ehescheidung, die ich in der Predigt gar nicht thematisiert hatte, protestierte: „Unglaublich, dass die Kirche solche Lehre noch zu verkünden wagt.“ Meine kurze Replik hat er sich nicht mehr angehört.

~~ * ~~

Evangelium: Mk 10,2-12

2Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen.

3Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben?

4Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen.

5Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben.

6Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen.

7Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen,

8und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins.

9Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.

10Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber.

11Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch.

12Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.

~~ * ~~

Brisant! -
Ein heißes Eisen! -
Glühend heiß!

Brisant, - nicht erst heute, wo die Zeitungen voll davon sind und wohl nahezu jede Familie und jeder Freund davon sehr nah betroffen sind. Und nicht wenige - auch unter uns hier - sind selbst ganz persönlich betroffen.

Brisant schon zu Zeiten Jesu und auch schon Jahrhunderte vor ihm. Die Hoffnungen des Anfangs und das Scheitern im Lauf der sich hinziehenden Jahre.

*

„Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen?“

„Was sagt Mose?“

„Er hat den Tatsachen Rechnung getragen, dass nicht jede Ehe gelingt.  Er hat den Scheidebrief erlaubt.“

„Ist das alles, was Mose sagt? Habt ihr nicht vielleicht das andere vergessen, was derselbe Mose schreibt: ‚Im Anfang war es nicht so …! Eigentlich …! Darum: sie sind nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen’?“

*

Ich ziehe das heiße Eisen aus der Wunde „Ehescheidung“ heraus, will es aber in eine andere, grundlegendere Wunde hineinhalten. Greift die Grundfrage der Pharisäer und Jesu Antwort darauf nicht weit, sehr weit in das tagtägliche und alltäglichste Leben eines jeden Menschen hinein?

Welchen Stellenwert hat die Botschaft Gottes in unserem Handeln?

Tatsachen, - Sachzwänge, - gesellschaftlich Verbreitetes und Akzeptiertes, - was „man“ tut, sind weitgehend die Normen, nach denen wir handeln.

Wir haben aber auch ein anderes Wissen, - ein Gewissen, das uns immer wieder anklopft: „Eigentlich…!“ Wir haben dieses Wissen um das „Eigentlich …!“ und wir sollten seinem Anklopfen sorgfältig das Ohr öffnen, - rechtzeitig!, damit wir dann mit gutem Gewissen handeln und leben und nicht im nachhinein nur noch ein schlechtes Gewissen haben. Das Gewissen meldet sich zuerst vor dem Tun. Wer es erst danach hört, hat vorher schlecht gehört.

*

In unserem Orden ist seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts ein Segen bekannt, der als Benediktussegen bzw. als Benediktusmedaille auch heute noch sehr verbreitet ist.

Auf dem senkrechten Kreuzbalken stehen die Anfangsbuchstaben folgender Wörter geschrieben: Crux Sacra Sit Mihi Lux – Das heilige Kreuz sei mir Licht. Ich will es einmal anders übersetzen. Gott, Jesus Christus und die Botschaft der Heiligen Schrift können uns in unserem Fragen erleuchten. Sie bohren in die Tiefe und machen auf das „Eigentlich …!“ aufmerksam. Sie mobilisieren unser Wissen und Gewissen. Wenn sie unbequem sind, weil sie die Alltags-Moral der Gesellschaft durchkreuzen, heißt das – um Himmels willen! – nicht, dass sie falsch liegen.

Auf dem Querbalken des Kreuzes lesen wir Non Draco Sit Mihi Dux – Der Drache sei mir nicht Führer. Auch das will noch einmal weiter übersetzen. Der gesellschaftliche „Comment“ des Sich-Anpassens an das, was heute akzeptiert ist, ist verführerisch, aber keineswegs ein guter Ratgeber. Es könnte das erste Wort des Psalters (Ps 1,1; in meiner Übersetzung!) gelten: „Selig, die sich nicht von dem (ver-)führen lassen, was gerade 'en mode' und ‚in’ oder auch nur achselzuckend akzeptiert - 'Was soll's?' - ist!“

Crux Sacra! –

                    Non Draco!

*

Selten dürfte es sein, dass es glatte 1:1-Antworten gibt. Nie aber sollte es so sein, dass wir die Spannungen des Lebens glätten, indem wir die Botschaft „Eigentlich …!“, - die Klopfzeichen des Gewissens, - dass wir Gott aus unseren Taten und Tagen verbannen. Leben ist nur zu oft ein Aushalten der Spannung von Gegebenheit und Ideal.

Gott gebe uns Mut und Kraft zu unseren Wunden und Narben, - und zum Brenneisen seines Wortes.
 

~~ * ~~

In meiner kurzen Replik auf den Protestruf sagte ich u.a., dass auch ich gelegentlich ratend konstatiert habe: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ein solcher Rat heiße aber keineswegs, dass sich die in der Predigt aufgezeigte Spannung in Wohlgefallen auflöse.

P. Albert Altenähr
091005

 

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