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Allerseelen 2001
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Neues sprießt. – Hört ihr es?
Zu einer biblischen Lesung am 7. Sonntag im Jahreskreis

Jesaja 43, 18-19.21-22.24b-25
So spricht der Herr:
18Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten.
19Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Steppe und Straßen durch die Wüste.
21Das Volk, das ich mir erschaffen habe, wird meinen Ruhm verkünden.
22Jakob, du hast mich nicht gerufen, Israel, du hast dir mit mir keine Mühe gemacht.
24bDu hast mir mit deinen Sünden Arbeit gemacht, mit deinen üblen Taten hast du mich geplagt.
25Ich, ich bin es, der um meinetwillen deine Vergehen auslöscht, ich denke nicht mehr an deine Sünden.

~ * ~

Jes 42,9 Seht, das Frühere ist eingetroffen, Neues kündige ich an. Noch ehe es zum Vorschein kommt, mache ich es euch bekannt.

Jes 43,19 Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?

Zweimal, kurz hintereinander und mit nahezu identischem Wortlaut spricht das Prophetenbuch des Jesaja von dem Neuen, das ganz bescheiden sich ankündigt. Es kommt zum Vorschein, - ja, es ist noch nicht einmal soweit: es ist noch Vor-Schein. Der Prophet spitzt seinen Zuhörern die Sinne, - fordert sie auf hinzusehen und hinzuhören und fragt sie, ob sie es nicht auch hören und sehen. Und vielleicht wundert er sich dabei auch, dass sie nicht erkennen, was ihm selbst offensichtlich ist.

Jede Übersetzung hat ihre Grenzen, - manche mehr als andere. Das „Zum Vorschein kommen“ der Einheitsübersetzung ist nach meinem persönlichen Sprachgefühl recht farblos und wenig bildhaft. Die jüdische Übersetzung von Zunz spricht einmal vom Hervorkeimen und dann vom Hervorsprießen, - die Lutherübersetzung vom Aufgehen und Wachsen, - die Elberfelder Übersetzung vom Aufsprossen bzw. Aufsprießen.

Martin Bubers Übersetzung ist besonders spannend. Bei Buber meldet Gott ein Neues an und er tut ein Neues. Die Verse lauten bei ihm so: „Neues melde ich an, eh es wächst, lasse ich euch es erhorchen“ (Jes 42,9). „Wohlan, ich tue ein Neues, jetzt wächst es auf, erkennt ihrs nicht?“ (Jes 43,19) Bubers sperrig ungewohntes Deutsch führt wie immer ins Nachdenken des Gelesenen. Er wehrt dem gedankenlosen „Runterlesen“ der Worte und Sätze.

Als letztes sei ein Gedicht-Vorsatz von Nelly Sachs erwähnt: „Ehe es wächst, lasse ich euch es lauschen.“ Nelly Sachs nennt zwar als Quelle Jesaja, gibt aber nicht Kapitel und Vers an. Es ist aber zweifellos Jes 42,9 zitiert. Dabei ist die Übersetzungsnähe zu Martin Buber besonders frappierend. 

Alle genannten Übersetzungen außer der Einheitsübersetzung lenken die Gedanken unmittelbar in die Natur, - auf das Keimen, Sprießen und Wachsen jeglicher Pflanzen. Die Einheitsübersetzung ist durchaus richtig, aber sie klingt nicht, - ist ohne Melodie.

Ähnlich ist das Ergebnis, wenn man die Verben im zweiten Teil der Verse Jes 42,9 und 43,19 anschaut. Die Einheitsübersetzung „macht bekannt“ und fragt, ob die Hörer „merken“ was geschieht. Relativ nahe ist Zunz, der als Verben „kund machen“ und – wie die Einheitsübersetzung – „bemerken“ verwendet. Die Elberfelder-, die Luther-, und die Buber-Übersetzung sprechen das Ohr an: Gott lässt sie hören, erhorchen (Buber), lauschen (Sachs). Irgendwie – und wohl nicht nur irgendwie – ist diese Bildevozierung stärker als die „Bekanntmachung“ aus der Einheitsübersetzung.

Beim Querblättern durch die verschiedenen Übersetzungen begleitet mich die Redewendung „das Gras wachsen hören.“ Unser Sprachgebrauch nutzt das Bild eher negativ, - als Aufforderung etwa, „nüchtern“ die Dinge zu betrachten und erst einmal abzuwarten, was sich aus dem „Sprössling“ entwickelt. Wer das Gras wachsen hört, überspannt nach dem gängigen Dafürhalten den Bogen und ist selbst in Gefahr, als überspannt zu gelten.

Es sei dahingestellt, ob die Einheitsübersetzung solchen Überlegungen Rechnung tragen wollte oder nicht, die anderen Übersetzungen scheinen dagegen keine Ängste in dieser Richtung zu haben. Sie fordern zum Hören des eigentlich Unhörbaren auf. Martin Buber und Nelly Sachs steigern das Hören gar zum „Erhorchen“ und „Lauschen.“

~ * ~

Für Nelly Sachs ist Jesaja 42,9 offensichtlich der oder zumindest ein Impuls geworden, über das Lauschen ein Gedicht zu schreiben. Negativ ist es ein Plädoyer gegen die Schwerhörigkeit, die sich im wie auch immer gearteten Sattsein breit macht. Die Sehnsucht erstickt auf feisten Triften. Positiv ist das Gedicht ein Plädoyer für eine neue Sensibilität für das, was „dahinter“ liegt. Das Gedicht deutet das an im Bild vom ewigen Meer, auf das hinaus das Dünengras lauscht und das von Grenzenlosigkeit und neuen Ufern träumen lässt. Es ist ein Plädoyer, mehr Ohr zu werden, - ja, ganz Ohr zu sein.

Ehe es wächst, lasse ich euch es lauschen.

Lange haben wir das Lauschen verlernt!
Hatte Er uns gepflanzt einst zu lauschen
Wie Dünengras gepflanzt, am ewigen Meer,
Wollten wir wachsen auf feisten Triften,
Wie Salat im Hausgarten stehn.

Wenn wir auch Geschäfte haben,
Die weit fort führen
Von Seinem Licht,
Wenn wir auch das Wasser aus Röhren trinken,
Und es erst sterbend naht
Unserem ewig dürstenden Mund –
Wenn wir auch auf einer Straße schreiten,
Darunter die Erde zum Schweigen gebracht wurde
Von einem Pflaster,
Verkaufen dürfen wir nicht unser Ohr,
O, nicht unser Ohr dürfen wir verkaufen.
Auch auf dem Markte,
Im Errechnen des Staubes,
Tat manch einer schnell einen Sprung
Auf der Sehnsucht Seil,
Weil er etwas hörte,
Aus dem Staube heraus tat er den Sprung
Und sättigte sein Ohr.
Presst, o presst an der Zerstörung Tag
An die Erde das lauschende Ohr,
Und ihr werdet hören, durch den Schlaf hindurch
Werdet ihr hören
Wie im Tode
Das Leben beginnt.

Nelly Sachs


Abt Albert Altenähr OSB
060216

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