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Neues sprießt. – Hört ihr es?
Zu einer biblischen Lesung am 7. Sonntag im Jahreskreis
Jesaja 43, 18-19.21-22.24b-25
So spricht der Herr:
18Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was
vergangen ist, sollt ihr nicht achten.
19Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum
Vorschein, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die
Steppe und Straßen durch die Wüste.
21Das Volk, das ich mir erschaffen habe, wird meinen Ruhm
verkünden.
22Jakob, du hast mich nicht gerufen, Israel, du hast dir mit
mir keine Mühe gemacht.
24bDu hast mir mit deinen Sünden Arbeit gemacht, mit deinen
üblen Taten hast du mich geplagt.
25Ich, ich bin es, der um meinetwillen deine Vergehen
auslöscht, ich denke nicht mehr an deine Sünden.
~ * ~
Jes 42,9 Seht, das
Frühere ist eingetroffen, Neues kündige ich an. Noch ehe es zum
Vorschein kommt, mache ich es euch bekannt.
Jes 43,19 Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum
Vorschein, merkt ihr es nicht?
Zweimal, kurz hintereinander und mit nahezu identischem Wortlaut spricht
das Prophetenbuch des Jesaja von dem Neuen, das ganz bescheiden sich
ankündigt. Es kommt zum Vorschein, - ja, es ist noch nicht einmal
soweit: es ist noch Vor-Schein. Der Prophet spitzt seinen Zuhörern die
Sinne, - fordert sie auf hinzusehen und hinzuhören und fragt sie, ob sie
es nicht auch hören und sehen. Und vielleicht wundert er sich dabei
auch, dass sie nicht erkennen, was ihm selbst offensichtlich ist.
Jede Übersetzung hat ihre Grenzen, - manche mehr als andere. Das „Zum
Vorschein kommen“ der Einheitsübersetzung ist nach meinem persönlichen
Sprachgefühl recht farblos und wenig bildhaft. Die jüdische Übersetzung
von Zunz spricht einmal vom Hervorkeimen und dann vom Hervorsprießen, -
die Lutherübersetzung vom Aufgehen und Wachsen, - die Elberfelder
Übersetzung vom Aufsprossen bzw. Aufsprießen.
Martin Bubers Übersetzung ist besonders spannend. Bei Buber meldet Gott
ein Neues an und er tut ein Neues. Die Verse lauten bei ihm so: „Neues
melde ich an, eh es wächst, lasse ich euch es erhorchen“ (Jes 42,9).
„Wohlan, ich tue ein Neues, jetzt wächst es auf, erkennt ihrs nicht?“ (Jes
43,19) Bubers sperrig ungewohntes Deutsch führt wie immer ins Nachdenken
des Gelesenen. Er wehrt dem gedankenlosen „Runterlesen“ der Worte und
Sätze.
Als letztes sei ein Gedicht-Vorsatz von Nelly Sachs erwähnt: „Ehe es
wächst, lasse ich euch es lauschen.“ Nelly Sachs nennt zwar als Quelle
Jesaja, gibt aber nicht Kapitel und Vers an. Es ist aber zweifellos Jes
42,9 zitiert. Dabei ist die Übersetzungsnähe zu Martin Buber besonders
frappierend.
Alle genannten Übersetzungen außer der Einheitsübersetzung lenken die
Gedanken unmittelbar in die Natur, - auf das Keimen, Sprießen und
Wachsen jeglicher Pflanzen. Die Einheitsübersetzung ist durchaus
richtig, aber sie klingt nicht, - ist ohne Melodie.
Ähnlich ist das Ergebnis, wenn man die Verben im zweiten Teil der Verse
Jes 42,9 und 43,19 anschaut. Die Einheitsübersetzung „macht bekannt“ und
fragt, ob die Hörer „merken“ was geschieht. Relativ nahe ist Zunz, der
als Verben „kund machen“ und – wie die Einheitsübersetzung – „bemerken“
verwendet. Die Elberfelder-, die Luther-, und die Buber-Übersetzung
sprechen das Ohr an: Gott lässt sie hören, erhorchen (Buber), lauschen
(Sachs). Irgendwie – und wohl nicht nur irgendwie – ist diese
Bildevozierung stärker als die „Bekanntmachung“ aus der
Einheitsübersetzung.
Beim Querblättern durch die verschiedenen Übersetzungen begleitet mich
die Redewendung „das Gras wachsen hören.“ Unser Sprachgebrauch nutzt das
Bild eher negativ, - als Aufforderung etwa, „nüchtern“ die Dinge zu
betrachten und erst einmal abzuwarten, was sich aus dem „Sprössling“
entwickelt. Wer das Gras wachsen hört, überspannt nach dem gängigen
Dafürhalten den Bogen und ist selbst in Gefahr, als überspannt zu
gelten.
Es sei dahingestellt, ob die Einheitsübersetzung solchen Überlegungen
Rechnung tragen wollte oder nicht, die anderen Übersetzungen scheinen
dagegen keine Ängste in dieser Richtung zu haben. Sie fordern zum Hören
des eigentlich Unhörbaren auf. Martin Buber und Nelly Sachs steigern das
Hören gar zum „Erhorchen“ und „Lauschen.“
~ * ~

Für Nelly Sachs ist
Jesaja 42,9 offensichtlich der oder zumindest ein Impuls geworden, über
das Lauschen ein Gedicht zu schreiben. Negativ ist es ein Plädoyer gegen
die Schwerhörigkeit, die sich im wie auch immer gearteten Sattsein breit
macht. Die Sehnsucht erstickt auf feisten Triften. Positiv ist das
Gedicht ein Plädoyer für eine neue Sensibilität für das, was „dahinter“
liegt. Das Gedicht deutet das an im Bild vom ewigen Meer, auf das hinaus
das Dünengras lauscht und das von Grenzenlosigkeit und neuen Ufern
träumen lässt. Es ist ein Plädoyer, mehr Ohr zu werden, - ja, ganz Ohr
zu sein.
Ehe es wächst, lasse ich euch es lauschen.
Lange haben wir das Lauschen verlernt! Hatte Er uns gepflanzt einst zu lauschen Wie Dünengras gepflanzt, am ewigen Meer, Wollten wir wachsen auf feisten Triften, Wie Salat im Hausgarten stehn.
Wenn wir auch Geschäfte haben, Die weit fort führen Von Seinem Licht, Wenn wir auch das Wasser aus Röhren trinken, Und es erst sterbend naht Unserem ewig dürstenden Mund – Wenn wir auch auf einer Straße schreiten, Darunter die Erde zum Schweigen gebracht wurde Von einem Pflaster, Verkaufen dürfen wir nicht unser Ohr, O, nicht unser Ohr dürfen wir verkaufen. Auch auf dem Markte, Im Errechnen des Staubes, Tat manch einer schnell einen Sprung Auf der Sehnsucht Seil, Weil er etwas hörte, Aus dem Staube heraus tat er den Sprung Und sättigte sein Ohr. Presst, o presst an der Zerstörung Tag An die Erde das lauschende Ohr, Und ihr werdet hören, durch den Schlaf hindurch Werdet ihr hören Wie im Tode Das Leben beginnt.
Nelly Sachs
Abt Albert Altenähr OSB
060216
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