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Das Grab ist leer
Ostergedanken 2007
in der Grabeskirche St. Josef, Aachen
Sehr früh am Morgen des
dritten Tages gingen die Frauen zum Grab Jesu und erlebten ihr
Osterwunder: das Grab ist leer. Der Schrecken des Todes erhält für die
Hinterbliebenen noch einmal eine ganz neue Dimension. Ihnen wurde nicht
nur der Meister genommen, - jetzt wird ihnen auch noch der Ort genommen,
wohin sie ihre Trauer tragen könnten. Gräber der Geliebten waren seit
Urzeiten und sind es wohl auch für alle Zeiten ganz besondere Orte. Sie
sind Orte der Er- und Verinnerung einer lebendigen Beziehung. Sie sind
Bezugspunkte, zu denen ich immer wieder hingehe. Sie sind Orte meines
Lebens.

Jerusalem, Grabeskirche: Grab Jesu
Über dem leeren Grab in
Jerusalem erhebt sich seit den Zeiten des Kaisers Konstantin die große
Kirchenanlage der Grabeskirche. Die Jahrhunderte mit ihrer wechselhaften
Geschichte haben sich ihr eingeschrieben. Immer aber ist sie eines
geblieben: Kirche des Grabes Jesu, - Kirche seines l e e r e n Grabes.
Auch Golgata, der Kreuzigungsplatz, ist Teil dieser Kirchenanlage, aber
der Felsen von Golgata ist nicht die Brennpunktmitte der Jerusalemer
Grabeskirche. Mitte und Kristallisationspunkt ist das leere Grab.
Wir nennen die Kirche in
Jerusalem „Grabeskirche“. Die ostkirchlichen Tradition nennt sie „Anastasis“,
das ist „Auferstehungskirche“. Man sollte vielleicht ein wenig bei
dieser unterschiedlichen Benennung verharren.
Gründonnerstag, Karfreitag,
der Samstag und der Ostermorgen sind eine Tagesfolge, die einen Weg
aufleuchten lassen. Diesen Weg sind die Osterpilger in Jerusalem immer
wieder nachgegangen und haben ihn als Impuls zur tieferen
Christusnachfolge erlebt. Seine Stationen sind der Abendmahlssaal, der
Garten von Getsemani, Golgata mit seinem Kreuz und das Grab als Ort der
Grablege und der Auferstehung. Mir will scheinen, dass unser Name
„Grabeskirche“ noch ganz stark den Leidensweg der Kartage mit sich
genommen hat. Vielleicht entspricht das auch der westlichen
Spiritualitätsentfaltung, die sich in der gotischen Kreuzgestaltung, der
Leidensmystik oder in den Bildnissen der Kreuzabnahme und der Pietà
widerspiegelt.
Wenn die Ostkirche den
Namen „Anastasis“ verwendet, dann akzentuiert sie den Ostermorgen und
den heißen Glauben, dass die Zeit des neuen Himmels, der neuen Erde und des
neuen Menschen angebrochen ist. Die Auferstehungsikonen des Ostens
zeigen sehr oft den Sieger Christus, der die Pforten der Unterwelt
zerbrochen hat und zusammen mit den Verstorbenen in den Himmel auffährt.
„Anastasis“ ist ein Name gefüllt mit den Botschaften von Freiheit und
Zukunft.
Beide Aspekte dürfen, ja
müssen sich ergänzen und können sich wechselseitig korrigieren und
bereichern. In ihrer Spannung sind sie der eine Atem christlichen
Glaubenslebens.
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Grabeskirche St. Josef, Aachen
Das waren meine
Grundgedanken für diese Ostergedanken der Kirchenzeitung, als ich in den
letzten Wochen die Kirche St. Josef in Aachen besuchte. Als Pfarrkirche
wurde sie aufgegeben. Als Urnenbeisetzungskirche hat sie eine neue
Bestimmung gefunden.
Ich weiß um den Schmerz und
die Diskussionen um die Aufhebung der eigenständigen Gemeinde und die
Zusammenlegung mit der Nachbargemeinde. Ich weiß um die Diskussionen
über die Erhaltung und sinnvolle Weiternutzung des Kirchgebäudes. Da mag
der Kopf vieles verstehen, aber Herz und Bauch sprechen durchaus noch
einmal eine andere Sprache.
Vielleicht bin ich aber
auch der „fremde Mönch“, von dem der heilige Benedikt in seiner Regel
spricht und der den Abt des Klosters auf dieses oder jenes aufmerksam
macht, was der Abt in seinem vertrauten Kloster nicht, noch nicht oder
nicht mehr sieht. Benedikt ist so mutig, den Abt auf die Möglichkeit
hinzuweisen, dass vielleicht Gott selbst den Fremden geschickt hat, um
auf nicht Gesehenes hinzuweisen (Regel Benedikts, Kap. 61).
Als ich mich für meinen
Besuch ein wenig einzustimmen versuchte, fand ich im Internetauftritt
der Kirche die Überschrift „Grabeskirche St. Josef“. Die Seitenschiffe
der Kirche sind jetzt durch Stelen geprägt, in die Urnen eingesetzt
werden können. Viele Urnen haben dort Platz, … viele „Gräber“ geliebter
Verstorbener. St. Josef will aber nicht als Gräberkirche verstanden
sein, sondern als Grabeskirche. In dieser Bezeichnung sucht die Kirche
die Nähe zur Kirche des heiligen Grabes Jesu Christi in Jerusalem.
Sterben und Tod sind durch den Namen „Grabeskirche“ hineingebettet in
Sterben und Tod des Herrn. Die Graburnen sind hineingestellt in den
geistigen Raum der Jerusalemer Grabeskirche.
Für die Beisetzung der
Graburnen sind in den Eingangsbereich und die Seitenschiffe von St.
Josef Stelensäulen aufgestellt, in die die Urnen eingefügt werden
können. Naturgemäß sind heute noch sehr viele Urnennischen frei. Es sind
gewissermaßen noch … leere Gräber.
Es sind … noch leere
Gräber. Sie warten auf den einen oder anderen aus unserer Mitte. Diese
Leerplätze können einen jeden von uns an seine Sterblichkeit erinnern.
Mitten in unsere fromme oder kunstkritische Lebendigkeit, die sich
fragt, ob man einen Kirchraum so umnutzen dürfe und ob die Gestaltung
gelungen ist, fällt uns die Botschaft von der eigenen Sterblichkeit an.
Es gibt in meinem Leben eine Leerstelle, die ich nur mit m e i n e m Tod
füllen kann und auch mit ihm füllen muss. Diese Leerstelle, das Grab,
wartet auf mich. Es ist meine letzte irdische Heimat.
So leer, wie die
Urnenstelen von St. Josef heute, Ostern 2007, noch dastehen, sind sie
mir aber auch Andeutung und Vorausschau dessen, was die ostkirchlichen
Ikonen vom Sieg des Auferstandenen über die Türflügel der Unterwelt
malen. Die Gräber, die letzte irdische Heimat des Menschen, sind nicht
das letzte Wort des Erdenlebens. Sie werden leer werden, - die Gräber.
Ihre Toten werden mit dem Toten aus dem Grab von Jerusalem aufstehen und
sich die neue Stadt Jerusalem erleben.
Die Stelen in St. Josef
sind bereit, vergängliche Asche aufzunehmen. Leer, wie sie großenteils
jetzt noch sind, sind sie aber auch Fanal der Hoffnung und des Glaubens
über ihre nahe Gebrauchsgeschichte hinaus: die Urnenischen sind leer.
Mein Grab wird einmal w i e d e r leer sein. Im Herrn werde ich mein
ganz persönliches Osterwunder erleben: das Auferstehen in ewiges Leben.
Abt Albert
Altenähr OSB
070323
für die Kirchenzeitung Aachen
Ostern 2007 |