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Im Feuer der
Sehnsucht:
der ungläubige Thomas

Wir
nennen ihn den „ungläubigen Thomas“. Er gilt uns als der große Zweifler
unter den Aposteln. Als solcher ist er wohl unser aller besonderer
Patron. Denn wir selbst erfahren uns immer wieder als Fragende und auch
Zweifelnde. Lebt dieser Jesus wirklich? Ist er der, der das Tor des
Bleibens, - das Tor der Ewigkeit für uns öffnet? Oder müssen wir doch
woanders suchen? Ja, es ist „zum Verzweifeln“, weil unserem Verlangen
nach Antwort eine so offene Verkündigung gegeben ist, die alles
verheißt, aber so wenig beweist.
Thomas
sagt seinen Gefährten: „Wenn ich nicht sehe und berühre, glaube ich
nicht.“ Jesus sagt zu ihm: „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig.“ Ist
mit diesen Worten aber wirklich eindeutig klar, was es mit dem Unglauben
des Thomas auf sich hat? Ist der ungläubige Thomas ein Nicht-Glaubender,
- ein Ungläubiger? Mir will scheinen, dass wir unser Sprechen und Denken
über Thomas nicht in ein Schwarz-weiß-Raster von Glaube und Nicht-Glaube
pressen dürfen. Bei genauerem Hinsehen kann das Schwarz-Weiß durchaus
farbenprächtig bunt sein.
Es war
unglaublich, was die Apostelgefährten dem Thomas berichteten: ein Toter
lebt. Da kann er eigentlich nur ungläubig reagieren. Andererseits war er
lange genug mit ihnen zusammen gewesen, um sie nicht als Phantasten und
Spinner abzutun. Er muss sie als durchaus glaubwürdige Menschen
betrachtet haben, auf die Verlass ist. Dass sie ihn mit ihrer seltsamen
Erzählung von dem Toten, der lebt, auf den Arm nehmen wollen, dürfte ihm
kaum als Verdacht in den Sinn gekommen sein. Sie sind überzeugt von dem
was sie erzählen, - unglaublich überzeugt. Es ist wirklich …
unglaublich.
Und die
Reaktion des Thomas? Nüchtern analysierend und ablehnend: Was nicht
geht, geht einfach nicht!? So klingt es in meinen Ohren nicht. Es klingt
anderes durch. Ungläubig staunend steht er vor dem Unglaublichen: „Ich
möchte es glauben … wie ihr, - und auch mit euch. Ich will es auch
glauben. Aber ich kann es einfach nicht glauben, denn es ist zu schön, …
unglaublich schön.“
Und dann
formuliert Thomas das, was wir seinen Zweifel nennen: „Wenn ich nicht
sehe und berühre, dann glaube ich nicht.“ Ich sehe in diesen Worten
weniger einen Zweifel, sondern viel mehr eine unendliche und
unglaubliche Sehnsucht. Ohne dass er Gott anspricht, ist es doch wie ein
Gebet um einen Glauben, der Halt gibt. Thomas sehnt sich dabei auch
weniger nach der Sichtbarkeit der Wunden Jesu, sondern – so will mir
scheinen – nach einem Verstehen, wie das mit Jesu Tod überhaupt
passieren konnte.
Er will weniger die Wundmale „anpacken“, - er will den
Karfreitag begreifen und aufgefangen sehen.
Thomas
geht mit dem Glauben seiner Gefährten schwanger, … bis Jesus auch ihm
ein ganz persönliches Ostern zur Geburt kommen lässt. Jesus spricht zu
ihm: „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig. Trau dich, der unglaublichen
Möglichkeiten Gottes zu trauen. Staune und freue dich an dem
Unglaublichen, dass ich den Tod überwunden habe. Lass dich davon
anrühren und lebendig machen.“
War
Thomas ein „ungläubiger Thomas“? Ich denke, sein Glaube ging unglaublich
weit über jeden Katechismus-Glauben hinaus. Sein Glaube glühte im Feuer
der Sehnsucht. Jesu Tadel war gewiss mehr eine Ermunterung, dieses Feuer
wirklich auflodern zu lassen, als Kritik an seinem Unglauben.
Und der
Glaube des Thomas flammt in unglaublicher Klarheit und Schlichtheit auf:
„Mein Herr und mein Gott!“
Abt Albert Altenähr OSB
060403
(für die Kirchenzeitung Aachen
zum 2. Ostersonntag, 23.4.06) |