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Wie der liebe Gott
die Sonnenblume erfand
Eine Weihnachtsgeschichte

Sonnenaufgang Weihnachten 2004
Als die
Sonnenkönigin an jenem Morgen sich müde den Schlaf aus der Seele gähnte,
war sie ganz durcheinander. Hatte sie in der Nacht nicht irgendetwas
geträumt? Aber was war das bloß gewesen? Der Mond und die Sterne waren
so aufgeregt gewesen und diese Aufregung hatte sich in den Schlaf der
Sonnenkönigin geschlichen. Die ganze Nacht hindurch hatten die Sterne
geflüstert, waren hin und her gehuscht, sie hatten gesungen und
getanzt. Die Sonne fand das gar nicht nett, denn sie hatte gestern lange
gearbeitet und mußte auch heute wieder früh heraus, um den neuen Tag
hell zu machen. Da konnte sie doch wohl erwarten, daß die Sterne Rücksicht
nehmen!
Verschlafen,
aber doch energisch schob die Sonne die dicken Wolkenkissen auseinander.
Mit einem ersten Sonnenstrahl blinzelte sie nach unten und war beruhigt,
als sie die Erde unter sich noch schlafen sah. Nur zwischen dem großen
Meer und dem Fluß brannte auf dem Feld ein helles Lagerfeuer. Das Meer
war ein eingebildetes Ding, das von sich behauptete, es sei die Mitte
der Erde. Die Sonne wußte es besser, denn sie hatte auf ihren
Himmelswanderungen schon viel größere Meere gesehen. Der Fluß war
aber wirklich etwas Besonderes, denn kein anderer Fluß war so tief in
die Erdkruste eingegraben wie dieser. Weil er so einmalig war, liebte
ihn die Sonnenkönigin und schenkte ihm die ganze Glut ihrer Liebe. -
Das mit dem Feuer auf dem Feld hatte Zeit; später würde sie einmal
nachschauen, ob es da etwas Besonderes zu sehen gab.
Zuerst
aber mußte sie sich auch die letzte Müdigkeit aus den Augen reiben und
und alle dunklen Nachtfalten aus dem Gesicht massieren, damit sie als
strahlende Königin über den Tag herrschen konnte. Und wie sie sich so
putzte und putzte, stieg ihr mehr und mehr die Morgenröte ins Gesicht
und kündigte allen Menschen und Tieren auf der Erde an, daß es nicht
mehr lange dauern würde, bis die Sonnenkönigin in ihrem vollen
Strahlenglanz aufgehe. Ganz zum Schluß setzte sie sich ihre
Strahlenkrone auf, um über den Tag zu herrschen.
Und
dann stieg sie langsam, ganz langsam über den Horizont empor. Eine Königin
läuft ja nicht einfach so daher wie gewöhnliche Menschen, sondern sie
nimmt sich Zeit und schreitet in wohlabgemessener Würde, so daß
jedermann spürt, wie bedeutend und wichtig sie ist. Aber schließlich
stand die Sonne voll über dem Horizont und strahlte über den Jubel der
Menschen, die sie an diesem neuen Tag freudig begrüßten. Freundlich lächelte
sie auf die Erde herunter und sonnte die Welt - und sich selbst - in
ihrer strahlenden Wichtigkeit.
Aber
irgendwie stimmte etwas nicht. Da, in der Gegend bei dem nächtlichen
Lagerfeuer nahm man sie heute offenbar gar nicht so wichtig. Die Schafe
blökten voller Aufregung und stupsten sich gegenseitig auf einen
einfachen, - ja, eigentlich sogar schäbigen Stall zu. Die Hirtinnen und
Hirten waren einfach von ihren Herden weggelaufen, standen um den Stall
herum und drängelten sich einer nach dem anderen hinein. Ein Ochse und
ein Esel versuchten, mit gelassener und behäbiger Ruhe in dieses
hektische Gedränge am Stalleingang wenigstens ein bißchen Ordnung zu
bringen. Die beiden gefielen der Sonnenkönigin, denn auch sie legte
Wert darauf, daß alles in der rechten Ordnung verlief. Das tollste aber
war, daß mitten in dem Getümmel ein paar Hirtenhunde ganz friedlich
mit einem Rudel Wölfe herumtuschelten. Und überhaupt war es in dem
ganzen Hin und Her verwunderlich friedlich.
Die
Sonnenkönigin war so überascht und verwirrt von dem was sie sah, daß
sie ihre Würde vergaß und sich neugierig mitten unter die Menge
mischte - einfach so. Für große Leute, die wirklich wichtig sind, ist
es gar nicht so einfach, so ganz einfach unter anderen Leute
herumzulaufen; und noch viel schwieriger ist das für Leute, die sich
nur einbilden, wichtig zu sein. Die Sonnenkönigin aber war sooo
wichtig, daß sie sich keine Sorgen machen mußte, etwas von ihrer Würde
zu verlieren, wenn sie einmal darauf verzichtete.
Als die
Sonne endlich ganz vorne an der Stalltür war, fragte der Ochse mit
seiner tiefen Stimme, ob schon wieder Platz für einen neuen Besucher da
sei, und weil der Esel mit einem hellen "I-a" antwortete, ließ
der Ochse die Sonnenkönigin passieren. In dem Stall wurde es ganz hell
und warm, als die Sonne eintrat. "Gott sei Dank, daß du da bist
und Wärme bringst," begrüßte ihn das Paar, das in dem Stall genächtigt
hatte. "Trotz des Feuers war es doch sehr kalt, und für die Geburt
unseres Kleinen war das nicht so schön." Und wie die Leute das so
sagten, sich gegenseitig und gemeinsam den Kleinen in der Krippe anlächelten,
da räkelte der sich wohlig unter den warmen Strahlen. Er blinzelte ein
wenig in die Sonne hinein, so daß sie glaubte, er würde ihr ein Äuglein
knipsen, schloß wieder die Augen und träumte sich in neuen Schlaf.
Bei den
Dreien war aber noch ein aber Vierter. Den lieben Gott sah und erkannte
nur die Sonne; denn sie allein stieg jeden Tag hoch genug in den Himmel
hinauf, um ihn zu kennen. Der liebe Gott hatte ganz versonnen und
versunken in der Ecke gesessen. Jetzt klatschte er in die Hände, sprang
auf und umarmte die verdutzte Sonnenkönigin. "Jetzt hab ich's. Der
Kleine braucht zu seinem Namen Jesus noch einen zweiten Namen voller Zärtlichkeit.
Ich will ihn 'mein Sonnenschein' nennen. Liebe Sonnenkönigin, willst Du
nicht seine Patin sein?" Diese Bitte machte die Sonne ganz verlegen
und mächtig stolz. So verlegen war sie, daß sie nur ein ganz leises
"Ja!" hauchen konnte.
Als die
Sonnenkönigin den Stall wieder verlassen hatte, da sprang sie mit einem
großen Satz hoch in den Himmel hinein und lachte aller Welt die
Botschaft zu: "Gott hat seinen Sonnenschein in die Welt
gesandt!"
Als die
Sonne später wieder einmal hoch am Himmel beim lieben Gott
vorbeischaute, da setzten sich die beiden lange zusammen. Sie überlegten,
was sie dem Kleinen schenken könnten, damit er sich immer neu daran
freue. Sie wußten, daß er auf den Feldern und Wiesen immer wieder die
Blumen anschaute und die schönsten Blumen in seine Erzählungen
einbaute. Und wie die beiden so hin- und herüberlegten, malte der liebe
Gott mit dem Stift in seiner Hand ganz unbewußt eine Blume. Die sah
anders aus als die Blumen, die es schon gab. Sie war viel größer,
hatte einen leuchtend goldenen Blütenkranz und war überhaupt der
Sonnenkönigin wie aus dem Gesicht geschnitten. "Eine solche Blume
pflanzen wir!" rief der liebe Gott. "An dieser Blume wird er
sich ganz besonders freuen. Sie wird ihn an dich, meine liebe Sonnenkönigin,
erinnern und daran, daß er mein Sonnenschein ist.
Und
schon wieder war die Sonnenkönigin ganz verlegen und zugleich überglücklich.
Der liebe Gott und die Sonnenkönigin tauften die neue Blume
"Sonnenblume" und so heißt sie noch heute. -
Wenn du wieder einmal eine
Sonnenblume siehst, dann schau sie dir lange an. Wenn du ganz still
wirst, dann wird sie dir ihre Geschichte erzählen. Und bestimmt kann
sie dir noch viele andere Geschichten erzählen, - von den anderen
Blumen, den Gräsern, den Sträuchern und Bäumen, und wie das kleine
Kind aus dem Stall sich auch später als Großer an ihnen allen gefreut
hat. Kannst du das verstehen, daß er sich an den Blumen gefreut hat?
Bestimmt; denn auch du freust dich doch an der Sonnenblume und den
anderen Blumen - oder?! In dieser Freude ist er ganz wie du, und du bist
wie er. Ist das nicht toll?
Albert Altenähr
OSB
960102
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