|
Druckversion
Christus
entwickeln

Auf
Bildern des Mittelalters und der frühen Neuzeit von der Geburt Jesu
sehen wir den Jesusknaben fest in Binden eingewickelt. Eingesponnen wie
ein Käfer in seinem Larven-Kokon schaut nur der kleine Kopf aus dem
Bindengewickel heraus. Frühere Zeiten hatten offensichtlich andere
Vorstellungen, wie ein kleines Kind in Windeln gewickelt aussieht.
Wie ein Weihnachtspaket - schön ordentlich eingepackt wirkt die
alte Darstellung auf mich.
Wie den neugeborenen Jesusknaben so finde ich auch in
alten Bildern von der Auferweckung des Lazarus den Freund, den Jesus aus
dem Grab herausruft, immer wieder wie in einen Kokon eingewickelt
dargestellt. Im Johannes-Evangelium heißt es: Der Verstorbene kam
heraus; seine Füße waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war
mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu den Leuten: Löst ihm
die Binden, und lasst ihn weggehen. Es ist, als ob Jesus sagen würde:
So geht es nicht. So geht es nicht weiter. So kann er nicht leben und
nicht seinen Weg gehen. Was da eingewickelt ist, muss entwickelt werden.
Entwicklung ist notwendig. Helft Lazarus, sich zu entwickeln.
Lässt sich diese freie Übersetzung der Worte Jesu am
Grab des Lazarus nicht auch auf den ganz ähnlich eingewickelten
Jesusknaben hin übersetzen?
Für
den neugeborenen Jesusknaben reichte es nicht, geboren zu werden. Er
muss sich noch weiter in das Menschenleben hinein entwickeln. Er wird
wachsen und erwachsen werden und muss sich seinen Weg gegen den
Widerstand seiner Verwandtschaft frei strampeln und erobern.
Lasst ihn gehen.
Muss Jesu Wort am Grab seines Freundes vielleicht auch
auf unseren Glauben und auf unsere weihnachtliche Festfeier hin gelesen
werden?
Zuerst fällt mir dazu ein, was Angelus Silesius
gesagt hat: Und wäre Jesus tausendmal geboren, aber nicht in dir, so
nützte es dir nichts. ( s.
Anmerkung) Ein christlich verstandenes Weihnachtsfest ist
kein Fest, das von außen auf mich zukommt und das einfach so
heruntergefeiert werden kann, sondern es ist erst dann ein christliches
Fest, wenn es von innen her kommt, - wenn ich zulasse, dass es
etwas mit mir zu tun hat, - wenn ich es als Ereignis meiner
Schwangerschaft mit Gott verstehe. Wichtiger als die Geschenke unter dem
Tannenbaum ist die Frage: wer ist Gott wirklich für mich? Ist mir
Gottes Sohn geboren? Wird mir bei dieser Botschaft warm ums Herz oder lässt
sie mich kalt?
Dieselbe Frage noch einmal anders gestellt: Wie hat
sich mein kindlicher Glaube an das Christkindchen zu einem erwachsenen
Christusglauben entfaltet, - entwickelt? Tue ich überhaupt etwas, um
meinen Glauben zu entwickeln? Oder lasse ich ihn schön eingepackt (wie
das Jesuskind auf den mittelalterlichen Bildern schön eingepackt ist),
damit er mich im Alltagsleben ja nicht stört?
Das Kind auf den alten Bildern hat Arme und Hände,
Beine und Füße. Wenn man es aus seinen Windeln ent-wickelt, dann wird
es ganz schön strampeln, krabbeln und im Leben seiner Mutter, im Leben
Josefs und in unser aller Leben für lebendige Unruhe sorgen.
Abt Albert Altenähr OSB
021024
Die Bilder dieser Seite: Giotto (1267-1337), Geburt
Jesu (Capella degli Scrovegni, Padua), Auferweckung des Lazarus (San
Francesco, Assisi), jeweils Ausschnitte.
Anmerkung: Das Angelus
Silesius-Zitat ist aus der Erinnerung heraus zitiert worden und in
dieser Form leider nicht korrekt: Es muss lauten: "Wird Christus
tausendmal zu Bethlehem geboren, / doch nicht in dir: du wärst noch
ewiglich verloren." Zwar ist das Zitat nicht der entscheidende
Angelpunkt meiner Meditation, aber korrekt hätte ich schon zitieren
sollen. (061207) - fr.a. Postscriptum:
Anfang Dezember erhielt ich von der Mutter
zweier unserer Messdiener folgende Ergänzung des obigen Textes: "Wenn
man es (das Kind) aus seinen Windeln ent - wickelt, dann wird es ganz
schön strampeln, krabbeln und im Leben seiner Mutter (...) für
lebendige Unruhe sorgen."
Es wird krank werden und mit Hilfe von Hals- und Wadenwickeln wieder
gesunden.
Es wird erfahren, dass man mitunter auch dadurch sein Ziel erreichen
kann, dass man andere um den Finger wickelt.
Später wird es einen immer wieder in Streitgespräche verwickeln, die
ihm hoffentlich helfen, sich zu einem er - wachsenen Menschen zu ent -
wickeln.
Die Mutter, der Vater, jeder Mensch ein Entwicklungshelfer?
Der entwickelte Christus - mein Entwicklungshelfer?
Ganz schön verwickelt. Lieber
Abt, auch zu unserer Krippe gehört ein Jesusknabe eingewickelt bis zum
Hals.
Ich werde ihn in diesem Jahr mit neuen Augen betrachten.
- 021203 -
|