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Rundbrief
Advent 2008
WARTEN
Eine
Erinnerung an das erste oder zweite Schuljahr: Die Lehrerin fragte, warum der
Adventskranz vier Kerzen haben. Meine Antwort: "Weil die Israeliten in Ägypten
viertausend Jahre gefangen waren." Mit strahlenden Augen sagte die Lehrerin:
"Richtig!" Nun, mittlerweile weiß ich, dass die Zahl nicht stimmte; aber darauf
kommt es nicht an. Wichtig ist mir die Haltung des Volkes Israel einen langen
Atem zu haben und warten zu können.
Worauf warten wir? Kinder
warten darauf groß zu werden, große Kinder warten darauf das Elternhaus
verlassen zu können, wir warten auf einen Arbeitsplatz, einen Ehepartner, auf
Kinder und Enkel und nicht zuletzt warten alte Menschen auf den Tod, den letzten
Advent. Wir warten so viel in unserem Leben: An Ampeln, im Wartezimmer, auf
einen Telefonanruf, auf einen Brief, auf... Wie viel Zeit verbringen wir im
Leben mit Warten. Nicht wenige sagen: Ich "vertue" meine Zeit mit Warten. Dabei
kann Warten eine zutiefst aktive Haltung sein, eine Haltung des Ausgerichtet -
Seins.
Wer kleine Kinder hat oder
Enkel, der bekommt die Freude mit, mit der darauf gewartet wird, dass eine
weitere Kerze am Adventskranz angezündet wird, dass endlich Heilig Abend wird,
dass endlich die Geschenke ausgepackt werden dürfen. Im Psalm sagt der Beter:
"Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf das Morgenrot. Mehr
als die Wächter auf den Morgen soll Israel harren auf den Herrn" (Ps 130,6)
Warten bedeutet
ausgerichtet sein, gespannt sein, bereit sein. Warten als "Spannkraft" der
Seele, wie es die Alten sagten, ausgespannt auf Den hin Der kommen will,
ausgespannt sein auf Den, nach Dem wir uns sehnen. Heute muss vieles schnell
gehen: Die Arbeit, die Freude, ein Event nach dem anderen, eine Verabredung jagt
die andere. Im Warten kann ich Verschnaufen, im Warten kann ich mich besinnen,
ausrichten und neu aufrichten, im Warten gewinne ich Abstand zu Menschen und
Dingen und kann neu Ausschau halten nach dem, was wirklich wichtig ist. Warten
als christliche Lebenskunst.
Warten aufs Christkind,
warten auf den Heiland, warten auf das Leben. In das Warten hinein ragt das
Leben. Warten sollte eine Haltung aller Christen sein - nicht als Vertröstung,
sondern als Haltung, die zur Er - Wartung wird. Ich erwarte etwas von mir, von
anderen, vom Leben, von Gott. Ein Leben des Wartens und der Erwartung auf das je
größere.
Ein kleiner Text von Eva
Zeller zum Abschluss:
Kassiber
Dem Schweigen des Jawort geben.
Um Asyl bitten für eine Stunde.
Verabredungen treffen mit dem Unverhofften.
Viel zu wünschen übrig lassen.
Abt Friedhelm Tissen OSB
Die zusammenfassende
Halbjahres-Chronik > Link
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