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Weltennot und Gottesstunde
(zu Lk 12,32-48; Evangelium 19. Sonntag C, 8. August 2004)
Lukas 12,32 Fürchte dich nicht,
du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu
geben. 33 Verkauft eure Habe, und gebt den Erlös den Armen! Macht euch
Geldbeutel, die nicht zerreißen. Verschafft euch einen Schatz, der
nicht abnimmt, droben im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte
ihn frisst. 34 Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz. 35 Legt
euren Gürtel nicht ab, und lasst eure Lampen brennen! 36 Seid wie
Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten, der auf einer
Hochzeit ist, und die ihm öffnen, sobald er kommt und anklopft. 37
Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich
sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und
sie der Reihe nach bedienen. 38 Und kommt er erst in der zweiten oder
dritten Nachtwache und findet sie wach - selig sind sie. 39 Bedenkt:
Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde
er verhindern, dass man in sein Haus einbricht. 40 Haltet auch ihr euch
bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht
erwartet. 41 Da sagte Petrus: Herr, meinst du mit diesem Gleichnis nur
uns oder auch all die anderen? 42 Der Herr antwortete: Wer ist denn der
treue und kluge Verwalter, den der Herr einsetzen wird, damit er seinem
Gesinde zur rechten Zeit die Nahrung zuteilt? 43 Selig der Knecht, den
der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt! 44 Wahrhaftig, das
sage ich euch: Er wird ihn zum Verwalter seines ganzen Vermögens
machen. 45 Wenn aber der Knecht denkt: Mein Herr kommt noch lange nicht
zurück!, und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen; wenn er isst
und trinkt und sich berauscht, 46 dann wird der Herr an einem Tag
kommen, an dem der Knecht es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er
nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz
unter den Ungläubigen zuweisen. 47 Der Knecht, der den Willen seines
Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt,
der wird viele Schläge bekommen. 48 Wer aber, ohne den Willen des Herrn
zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge
bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert
werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man um so mehr
verlangen.
Eine jüdische Geschichte fragt,
wann der Tag anbricht. Die Frage ist für die jüdische Frömmigkeit und
ihre Praxis von großer Bedeutung. Nach den verschiedenen Antworten der
Schüler, die alle die natürlichen Lichtverhältnisse zum Maßstab
nehmen, gibt der der Weise seine Antwort: „... wenn du in deinem Gegenüber
das Antlitz des Bruders wahrnimmst.“ Die Antworten der Jünger waren
alle irgendwie richtig gewesen. Sie hatten nüchtern die Phasen der Dämmerung
bedacht und auch gut argumentiert: ... wenn man einen vagen Schatten als
einen Gegenstand erkennt, - ... wenn man einen Baum von einem Lebewesen
unterscheidet, - ... wenn man einen Menschen von einem Tier
unterscheiden kann. Ihr Lehrer widerspricht ihnen nicht. Seine Antwort
aber lässt etwas ganz anderes ins Licht treten: Gott und den lebendigen
Glauben an ihn. Sie verwandeln die Dunkelheiten und die Nächte.
Schlechte Nachrichten, ob es nun
Katastrophen, Skandale oder was auch immer sind, hatten immer schon und
nicht erst seit heute eine gute Presse. Ich vermute, viele von Ihnen
werden sich nicht weniger auf solche Nachrichten stürzen als ich. Ich
weiß, das ist nicht gut. Der gebannte Blick auf das Negative kann mich
belasten und lähmen. Er verführt zu dem zynischen Satz, dass der
Pessimist der wahre Realist ist. Das Evangelium spricht davon, dass er
wie Motten an meiner Glaubens- und Lebensfreude frisst.
„Fürchte dich nicht, du kleine
Herde“, ist die gute Nachricht, das Evangelium Jesu in alle Bedrängnis
und Not hinein verkündet. Jesus leugnet es nicht weg, dass die Herde
klein ist, aber das ist für Jesus nicht das Problem. Seine Verheißung
geht nicht dahin, dass die Herde einmal groß sein wird. Er verspricht
ihr auch nicht alle Reichtümer dieser Welt, sondern das Reich des
Vaters. Ob wir diesen Unterschied im christlichen Abendland wirklich
verstanden haben bzw. heute noch verstehen? Als Kirche sind wir
hierzulande im Lauf der Jahrhunderte groß geworden. Wir sind eine Größe
im gesellschaftlichen Spannungsfeld und leiden jetzt darunter, dass
dieses und jenes und ein Drittes und Viertes auf einmal nicht mehr so
geht und läuft, wie wir es gewohnt waren. Ob wir vielleicht die viel
zitierte Option für die Armen auch ganz neu als Option für die eigene
Armut interpretieren lernen müssen?
Mich fasziniert immer wieder die
Geschichte von Petrus, der voll Glaubensschwung aus dem Boot steigt und
dem das Unmögliche gelingt, über das Wasser zu gehen. Er kann und tut
es, bis er den Gegenwind erfährt. Und dann bricht er zusammen und ein.
Das Wasser steht ihm bis zum Hals. Die Wellen schlagen über ihm
zusammen. Kann man diese Erzählung nicht nahezu problemlos in jede
Krisensituation hinein konkretisieren, - ob sie nun gesamtkirchliche,
gemeindliche oder auch persönliche Dimensionen hat? Das Faszinierende
an der Geschichte des Petrus ist für mich, dass er sich in seiner Not
nicht zum Boot zurückkämpft, sondern sich gewissermaßen nach vorne
schreit: „Herr, rette mich!“ Petrus nimmt seine Not an und erkennt,
dass sie ein Ort der Gottesbegegnung ist. Er lernte – ganz neu – zu
glauben. Er glaubt Gott in seine Not hinein.
Vor kurzem besuchte ich einen
Bekannten, mit dem ich seit der Zeit meiner Jugendarbeit einen zumindest
gelegentlichen Kontakt behalten habe. Seit dem Frühjahr ist er durch
einen Berufsunfall querschnittgelähmt. Natürlich sprachen wir über
den Unfall und wie sich sein und seiner Familie Leben dadurch verändert
hat. Ein Satz aus unserem Gespräch wird mir haften bleiben. Ganz
unaufgesetzt und mit einem Lächeln bemerkte er: „... und der Glaube
hilft auch.“ Mein Freund und seine Frau haben den Glanz in ihren Augen
nicht verloren. Sie haben sich selbst, - das Leben, - und Gott neu
entdeckt.
Abt
Albert Altenähr OSB
040729
(für die Kirchenzeitung Aachen)
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