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Samuel sah
hinter der Blindenbinde des Horizontes
Samuel sah -
im Entscheidungsbereich
wo die Gestirne entbrennen, versinken,
David den Hirten
durcheilt von Sphärenmusik.
Wie die Bienen näherten sich ihm die Sterne
Honig ahnend -
Als die Männer ihn suchten
tanzte er, umraucht
von der Lämmer Schlummerwolle,
bis er stand
und sein Schatten auf einen Widder fiel -
Da hatte die Königszeit begonnen -
Aber im Mannesjahr
maß er, ein Vater der Dichter,
in Verzweiflung
die Entfernung zu Gott aus,
und baute der Psalmen Nachtherbergen
für die Wegwunden.
Sterbend hatte er mehr Verworfenes
dem Würmertod zu geben
als die Schar seiner Väter -
Denn von Gestalt zu Gestalt
weint sich der Engel im Menschen
tiefer in das Licht!
Nelly
Sachs
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David
Zu einem Gedicht von Nelly Sachs
Das nebenstehende David-Gedicht von Nelly
Sachs ist mir eines der eindrücklichsten Gedichte der Dichterin und
überhaupt eines der stärksten Gedichte, die ich kenne. Ich bin mir
bewusst, dass das vielleicht mehr über mich selbst als über meinen
literarischen Sachverstand aussagt. Das ist die Grenze der folgenden
Gedanken: ich lese das Gedicht bei aller versuchten Objektivität
durchaus subjektiv als „mein“ Gedicht.
David ist das Thema des Gedichtes, ... aber es beginnt mit Samuel. Das
Gedicht beginnt sogar zweimal und beide Male mit Samuel: „Samuel sah
...“ Dieser doppelte Einstieg ist wie ein Paukenschlag, dessen Echo
nach- und nachhallt und über allem schwebt, was folgt. An dem was Samuel
sah, muss David sich messen lassen und daran wird er gemessen. Wie wird
David dem Gesicht, das Samuel hat, gerecht?
Samuel
wird beide Male mit ein und demselben Verbum eingeführt: „er sah“. Nelly
Sachs greift damit die biblische Charakterisierung des Propheten Samuel
auf: er ist ein „Seher“, - einer der mehr sieht, als man mit dem
natürlichen Auge sehen kann. Diese „Seherkraft“ – wie Nelly Sachs sie in
einem anderen Gedicht den Augen zuspricht – wird unterstrichen, indem
der Raum angedeutet wird, in den der Seher Samuel hinüberschaut. Samuel
sieht „hinter den Horizont“, der wie eine „Blindenbinde“ alles nur natürliche Sehen
begrenzt.
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Er
sieht in den Entscheidungsbereich, - oder einfacher gesagt: er
sieht das Entscheidende, - das, worauf
es ankommt. Nelly Sachs wird in ihrer Bildvorstellung noch ein wenig
konkreter: Sie lässt Samuel in den Schöpfungs-Ursprung
und in die Ziel-Vollendung hinüberschauen, wo die Gestirne
entbrennen, versinken. Es ist für den Seher Samuel eine
Stern(en)stunde. Was er sieht, steht in den Sternen geschrieben.
Samuel
sieht David, den Hirten. Davids Geschichte in der Bibel beginnt
als Hirtenbuben-Dasein, - ... und so wie es dargestellt wird, ist es
eher wertmindernd gemeint. Der Vater stellt in der Erbfolge-Ordnung
seine sieben zuvor geborenen Söhne dem Samuel vor und hat es gar nicht
für nötig erachtet, den jüngsten, den überzähligen achten,
überhaupt herbeizurufen. Er zählt noch nicht; - er hütet gerade die
Schafe.
So
wie David als der Hirte bei Nelly Sachs auftaucht, klingt es für
mich allerdings weniger als Anspielung auf den Hirtenbuben als auf
den Ideal-Typos des Königs, der der Hirte seines Volkes ist. Wir kennen
dieses Hirtenbild aus dem Neuen Testament angewandt von und auf Jesus,
der für sich Anspruch nimmt, ein/der gute/r Hirt zu sein. Dieser David,
der Hirte, den Samuel sieht hat etwas, das von jenseits zu kommen
scheint durcheilt von Sphärenmusik und das ihn ungemein
faszinierend und anziehend macht Bienen Honig ahnend.
Aber
dann scheint Nelly Sachs sich doch an die Berufungsgeschichte Davids zu
erinnern. Sein Vater schickt, den jüngsten seiner Söhne zu holen. Die
Boten finden ihn tanzend, umraucht von der Lämmer Schlummerwolle.
Das Bild evoziert bukolisch-friedvolle Spiritualität, - eine gewisse
Hirtenbuben-Idylle, wie sie etwa Murillos (1617-1682) Der göttliche
Hirtenknabe andeutet (> nebenstehendes Bild).
Dann
aber kippt das Davidbild. Der Umschwung wird bereits angedeutet
durch das fast rohe die Männer, die David suchten. Der Einbruch
des Neuen und Harten in Davids von der Lämmer Schlummerwolle umrauchten
Tanz wird blitzhaft grell ausgeleuchtet: ... bis
er stand und sein Schatten auf einen Widder fiel.
Der
zur Sphärenmusik schwebend-leichte Tanz ist jäh beendet. Der
Sonny-Boy David entdeckt die Schatten des Lebens, - vor allem
seinen eigenen Schatten-Anteil daran. Nicht auf David fällt ein
Schatten, sondern: sein, Davids eigener Schatten fällt auf
ein Gegenüber. Der unbeschwerte Tänzer sieht sich einem Widder
gegenüber. Wie und wo auch immer man den Widder in der Geschichte des
frühen David wiederfinden will, er bedeutet Widerstand, an dem David
sich bewähren muss. Sein Leben ist nicht mehr in und um sich tanzend
kreisend, sondern es bekommt einen
- und mehr als nur einen - Gegen-Stand,
- eine Aufgabe.
Hart
setzt der dritte Abschnitt des Gedichtes ein: Da
hatte die Königszeit begonnen. Was das bedeutet, lässt Nelly
Sachs mit einem Gedankenstrich offen. Er ersetzt eine wortreiche
Beschreibung und lockt den Leser in das eigene Weiterdenken. Samuel sah
in seiner Vision das Ideal David, den Hirten. Die Königszeit
das ist das Zurechtkommen in sehr irdischen Konstellationen von Macht-
und Interessenkonflikten, Lebensentwürfen und Grenzerfahrungen, Träumen
und Realitäten.
Und
erneut nimmt die Dichterin mit einem harten Eingangswort ihren David-Weg
auf. Aber im Mannesjahr
... Der Beginn der Königszeit Davids ist anscheinend nicht einfach
identisch mit Davids erwachsenen Mannesjahr. Das kommt erst noch.
David muss noch hineinwachsen in das Mann-Sein.
Gewissermaßen
im zusammenfassenden Vorgriff auf das im weiteren Auszuschreibende gibt
Nelly Sachs dem David einen neuen Beinamen: Vater der Dichter. Es
ist nach David, der Hirte der zweite Titel, den Nelly Sachs ihm
zuspricht. Als König hingegen taucht er nur - fast verborgen - im Wort
von der Königszeit auf. Mir scheint, dass David als Dichter der Nelly
Sachs am lebendigsten ins Bewusstsein eingeprägt ist. Sie nennt ihn
nicht nur einen Dichter, sondern kennzeichnet ihn als Urtyp des Dichters
schlechthin. Er ist ein Vater der Dichter.
Zwei
Dinge sagt Nelly Sachs über das Mannesjahr Davids. Er misst die
Entfernung zu Gott aus, ist das eine. Während Samuel in seiner
seherischen Schau alle Distanzen und alle Grenzen übersieht, ist
Davids erwachsene Lebenserfahrung die eines fernen Gottes, - vielleicht
sogar die einer mehr und mehr wachsenden Gottesentfernung. Offen bleibt,
was die Ursache dieser Gottesferne ist. Wo auch immer die Gründe
liegen, es ist zum Verzweifeln. Voll Verzweiflung misst er die
Entfernung zu Gott aus.
Nelly
Sachs verbindet die Entstehung der Psalmen mit Davids Verzweiflung über
Gottes Ferne, seiner Erfahrung innerer Nacht und seiner Wegwundheit. Die
Psalmen haben in diesen Erfahrungen eine gewisse therapeutische Wirkung.
Sie werden Herbergen genannt, in die man einkehren kann, um nach einem
langen Tagesweg Erholung und gegen die Unbilden der Nacht Schutz
erfahren kann.
So
wie die Dichterin es schreibt, hat David die Psalmen nicht für sich
selbst geschrieben. Sicher schließt sie das nicht aus, sondern setzt
das als selbstverständlich voraus. Die Gedichtformulierung weist aber
von David weg und auf andere hin, - auf die, die sich auf ihrem Lebens-
und Gottesweg wundgelaufen haben. Offensichtlich hat Nelly Sachs die
Psalmen als Orte/Herbergen erfahren, in denen sie sich wiederfinden
konnte und das in einem tieferen Sinn, als es ein schneller
Wort-Gebrauch so dahinsagt. Irgendwie kommt mir hier immer wieder das
neutestamentliche Gleichnis vom Mann in den Sinn, der auf dem Weg nach
Jericho unter die Räuber fiel. David, der Psalmendichter, wäre in
diesem Gleichnis sowohl der Samariter als auch der Herbergswirt, die
beide für den wunden Mann am Wegesrand Sorge tragen.
Das
Gedicht begleitet David bis in sein Sterben hinein. Es lässt ihn Bilanz
ziehen und die sieht in der Sicht des Gedichtes gar nicht glänzend aus.
Die Verwerfungen, die Davids Leben durchziehen, lassen manches
Verwerfliche Revue passieren, das sich weder für einen Gott-Erwählten
noch für Herrscher-Hirten ziemt. Nelly Sachs ist in ihrem Urteil so
scharf zu sagen, dass David mehr Verworfenes in seine Lebensbilanz
aufnehmen muss als die Schar seiner Väter.
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Wer weint
der sucht nach seiner Melodie
die hat der Wind
musikbelaubt
in Nacht versteckt.
Nelly
Sachs
Hier ist kein Bleiben |
Überraschend leitet das Gedicht den nächsten, -
den letzten Schritt ein: Denn ... Wie sich dieser letzte
Schritt logisch mit einem denn an den gerade geäußerten
Gedanken anbinden lässt, hält sich mir trotz immer neuer
Meditation immer noch verborgen. Aber die Aussage erfahre ich
als ungemein tröstlich: Denn von Gestalt zu Gestalt weint
sich der Engel im Menschen tiefer in das Licht! Durch alle
Entwicklungen, Lebensverwerfungen und brüche hindurch glaubt
Nelly Sachs doch an einen Engel im Menschen und
sammelt er in sich auch so viel lösungsfernes
Verwerfliches, wie David es tat Der Weg des Engels im Menschen
ist ein Weg der Tränen, aber er führt ins Licht. |
Nur
einmal wies ich auf einen der Gedankenstriche am Ende der Zeilen
hin. Dabei sind sie mir allesamt wichtige Elemente des
Gedichtes. Sie öffnen das Gesagte auf weitere, eigene Gedanken
hin. Diese Gedanken können in die biblische Erzählung über
David führen, - sie
können der Lebensspur der Dichterin nachsinnen, - sie können
den Leser aber auch auf die Spur zu seinen eigenen Tiefen und
Untiefen führen. Wo solcher Art Gedanken über eine strenge,
nur literarische orientierte Interpetation hinaus gewagt werden,
da kann Dichtung durchaus so etwas wie Verstehenshilfe für das
Leben werden. Der Maler der Psalmenhandschrift, der David als
biblischen Orpheus auf einer Paradies-Lichtung darstellte,
scheint diese Kraft den Psalmen zuzusprechen
Abt
Albert Altenähr OSB
021210
Die Bilder dieser Seiten:
-
Die Salbung Davids, byzantinischer Silberteller
-
Murillo, Der göttliche Hirtenknabe
-
David, Glasfenster von Hermann Gottfried
(Bergisch-Gladbach), St. Matthias, Berlin
-
Toggenburger Weltchronik, 15. Jhd.
-
Psalmenhandschrift mit dem ersten Wort des 1.
Psalmes yrev.a
= Selig (der
Mann, der
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