
Textauswahl
 |
Wegweiser zur Gotteserfahrung
(Psalm 50,23)
Ein Psalm im Psalm
(Ps 36,6-10a )
Jahwe, du Bezwinger
Von der Lust an
den Psalmen Ps 1
Psalmbrücke
Komm, uns zur Rettung
(Ps 80,3)
Lied der Zeitenfülle
(Ps 150)
Herr, öffne mir die Augen
(Ps 119, 18)
Ein Psalmenlied dem Herrn (Ps 148)
Pretiosen aus Psalm 37
Öffne mir die Augen
(Ps 119,18)
Die Ur-Kunde der Gründung
Wie der Hirsch lechzt nach frischem
Wasser - Ps 42, 2f
Psalm 91
Psalm 24
...wie dem Adler ... (Ps 103,5
)
Ducantur ad orationem
Bei Ihm ist Erlösung in Fülle (Ps
130,7)
ex
Monasterio Salvatoris
(Ps 60, 3-7)
Ein Zeichen, zu dem wir fliehen können - Ps
60, 6
Vigil
am Mittwoch
Ps 73, 13-16
Psalmenerfahrung
- ein Dekalog
Brunnengespräche
Esel
und Psalmengebet
"Der Eine" gegen "das Nichts" (Ps 1,
6b)
Wir
sind stark im Namen des Herrn
( Ps 20,8)
Er
setzt den Kriegen einen Sabbat!
(Ps 46)
Du
krönst das Jahr mit deiner Güte
(Ps 65)
Vom
positiven Hoch Mut
(Ps 118,7)
"...
der das Schilfmeer zerschnitt ..."
(Ps 136,13)
Kirchenjahr /
Feste
Benediktinisches
Anfänge
weitere Texte
|
|
Jahwe, du Bezwinger aller Furchtmächte
Zum Leviatan / Krokodil im Alten Testament
In zahlreichen Varianten lese ich in den Psalmen die Bedrängnisse der
alttestamentlichen Dichterbeter. Mal sind es die eher das Leben
zerfressende Bilder kaum zu definierender Krankheiten, - mal als Frevler
und Feinde vorgestellte Bedrängnisse, denen der Psalmist nur mit
Beschwörungen, Verwünschungen und Verfluchungen zu begegnen weiß, -dann
tiefste Tiefenängste, denen furchterregende Ur-Tiere - vielleicht darf
man durchaus sagen: Ur-Viecher - Gesicht und Vorstellung zu geben
versuchen. Eines dieser Ur-Tiere wird mit dem rätselhaften Wort
‚Leviatan’ bezeichnet. In den Übersetzungen finde ich verschiedene
Übersetzungen dieses Namens. Neben dem nicht-übersetzten Leviatan
tauchen in den Übersetzungen der Drache, die große Schlange, der
Walfisch und das Krokodil auf.
Seit der Hinführung in die Welt der Bibel während meiner frühen
Klosterjahre habe ich ein besonderes Vergnügen an der Beschreibung des
Krokodils im Buch Ijob. Erst viel später ist mir aufgegangen, dass es im
hebräischen Text ‚Leviatan’ genannt wird.

Ijob 40:25-32
Kannst du das Krokodil am Angelhaken
ziehen, mit der Leine seine Zunge niederdrücken? 26 Legst du
ein Binsenseil ihm in die Nase, durchbohrst du mit einem Haken seine
Backe? 27 Fleht es dich groß um Gnade an? Richtet es
zärtliche Worte an dich? 28 Schließt es einen Pakt mit dir,
so dass du es dauernd nehmen kannst zum Knecht? 29 Kannst du
mit ihm wie mit einem Vogel spielen, bindest du es für deine Mädchen
an? 30 Feilschen darum die Jagdgenossen, verteilen sie es
stückweise unter die Händler? 31 Kannst du seine Haut mit
Spießen spicken, mit einer Fischharpune seinen Kopf? 32 Leg
nur einmal deine Hand daran! Denk an den Kampf!
Du tust es nie mehr.
Ich spüre in dieser Beschreibung bei Ijob eine außerordentliche
Bewunderung für die nicht zu bändigende Kraft, aber auch für die
faszinierende Schönheit des Krokodils. Der Autor des Textes hat sich das
Krokodil genau angesehen, - er hat sich viele Gedanken darüber gemacht,
- er hätte es wohl liebend gerne gezähmt und seiner Freundin als
Schoßtier geschenkt. Wenn ihm all das gelänge, dann wäre das „etwas“ und
dann wäre er „wer“.
Zugleich weiß der Autor, dass solche Gedankenspiele irreale Träume von
der eigenen Größe sind. Ihm ist die Bändigung des Krokodils unmöglich.
Alle Bewunderung führt ihn nur zum Respekt vor seiner Unbezwingbarkeit.
Es ist ein Groß- und Un-Tier, dem man am besten weit aus dem Weg geht.
„Leg nur einmal deine Hand daran! Denk an den Kampf! Du tust es nie
mehr.“
Das Kapitel 40 des Buches Ijob ist eine Rede Gottes an Ijob: Wenn du,
Ijob, anerkennen musst, dass der Leviatan / das Krokodil, unendliche
Nummern zu groß für dich ist, dann erkenne auch, dass ich, der Herr,
durchaus zu dem fähig bin, was du nicht kannst. Ich bin der Schöpfer des
Leviatan. Ich kann mit ihm spielen.

Der Leviatan taucht zweimal in unseren Psalmen auf. Einmal ist mit ihm
das ins Bild gefasste Chaos des Uranfangs angesprochen, das Gott mit
seinem machtvollen Wirken „aus der Welt“ schafft. Das andere Mal ist ein
großes Seetier ins Bild gebracht, das für Gott nicht mehr als ein
Spiel-Tier ist. Der Kontext ist beide Male das Meer. Das hindert uns
Übersetzer, hier Leviatan mit ‚Krokodil’ zu übersetzen, da dieses nicht
im Meer, sondern im Süßwasser der Flüsse beheimatet ist. Für die
biblische Vorstellung ist es aber unproblematisch, das Meerungeheuer mit
dem furchterregenden Krokodil zusammenzudenken.
Psalm 74:12-14
12 Doch Gott ist mein König
von alters her, Taten des Heils vollbringt er auf Erden. 13
Mit deiner Macht hast du das Meer zerspalten, die Häupter der Drachen
über den Wassern zerschmettert. 14 Du hast die Köpfe des
Leviatan zermalmt, ihn zum Fraß gegeben den Ungeheuern der See.
Psalm 104:24-27
24 Herr, wie zahlreich sind
deine Werke! / Mit Weisheit hast du sie alle gemacht, die Erde ist voll
von deinen Geschöpfen. 25 Da ist das Meer, so groß und weit,
darin ein Gewimmel ohne Zahl: kleine und große Tiere. 26
Dort ziehen die Schiffe dahin, auch der Leviatan, den du geformt hast,
um mit ihm zu spielen. 27 Sie alle warten auf dich, daß du
ihnen Speise gibst zur rechten Zeit.
Die Schöpfungsdramatik mit dem Kampf gegen den Chaosdrachen sieht Jesaja
sich wiederholen ‚an jenem Tag’, dem Tag des Endgerichtes, das die
Schöpfungsordnung neu zur Geltung bringt. Wann immer ‚jener Tag’ in der
Befreiung aus einer konkreten Not oder Angst sich im Kleinen ereignet,
erweist sich Jahwe als Herr der Situationen. Der alttestamentliche
Prophet, Beter, Mensch spricht sich mit dem Erzählen von Gottes Sieg
über den Leviatan damals und künftig Zuversicht fürs Heute ein. Er
spricht sich aus der Angst heraus und in die Gelassenheit hinein.
Jesaja 27:1
An jenem Tag bestraft der Herr mit seinem harten, großen, starken
Schwert den Leviatan, die schnelle Schlange, den Leviatan, die gewundene
Schlange. Den Drachen im Meer wird er töten.

Kehren wir noch einmal zum ‚Krokodil’ zurück. Beim Propheten Ezechiel
hat sich ‚großes Krokodil’ als Titel des Pharao erhalten. Sich mit dem
Krokodilstitel zu schmücken, erscheint dem Propheten als Anmaßung
ohnegleichen. Im Blick auf den wahren Herrscher über das All, Jahwe, ist
es zugleich lächerlich. Mit Haken und Netz ist es dem Jäger Gott ein
leichtes, den Pharao, ‚das große Krokodil’, zu überwinden und ihn aus
seinem Herrschaftsbereich zu vertreiben. Die Wüste, das freie Land, ist
sein Verbannungsort.
Ezechiel 29:1-5
Am zwölften Tag des zehnten Monats im
zehnten Jahr erging das Wort des Herrn an mich: 2
Menschensohn, richte dein Gesicht auf den Pharao, den König von Ägypten,
tritt als Prophet auf gegen ihn und gegen ganz Ägypten, 3
und sag: So spricht Gott, der Herr: Jetzt gehe ich gegen dich vor,
Pharao, du König Ägyptens, du großes Krokodil, das zwischen den Armen
des Nil liegt und sagt: Mir gehören die Arme des Nil, ich habe sie
selber erschaffen. 4 Aber ich schlage dir Haken durch die
Kinnbacken und lasse die Fische deines Nil an deinen Schuppen kleben.
Ich ziehe dich herauf aus deinem Nil samt all den Fischen deines Nil,
die an deinen Schuppen kleben. 5 Dann werfe ich dich in die
Wüste hinaus, dich und all die Fische des Nil. Aufs trockene Land wirst
du fallen.
Ezechiel 32:2-4
2 Menschensohn, stimm die
Totenklage an über den Pharao, den König von Ägypten, und sag zu ihm:
Löwe der Völker, jetzt bist du verstummt. Und doch warst du wie ein
Krokodil in den Seen, hast die Flüsse aufgepeitscht, das Wasser mit
deinen Füßen verschmutzt und die Fluten aufgewühlt. 3 So
spricht Gott, der Herr: Ich werfe über dich mein Netz, ein Heer von
vielen Völkern, die ziehen dich herauf in meinem Schleppnetz. 4
Dann werfe ich dich aufs Land, schleudere dich aufs freie Feld. Alle
Vögel des Himmels sollen sich auf dich setzen, und ich sättige mit dir
alle Tiere der Erde.
Die Botschaft hat sich mir eingeprägt: Gott, der Schöpfer und Bezwinger
des Leviatan / Krokodils wird mit jeder Bedrängnis fertig, die mich
bestürmt. Ich brauche keine Angst zu haben; denn Gott ist größer als
alle Not. In das Netz solchen Glaubens darf ich meine Angst fallen
lassen.

Albert Altenähr
100614 |
|