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Vorsicht:
Gott!
Ezechiel
33,7 Du aber, Menschensohn, ich gebe dich dem Haus Israel als Wächter;
wenn du ein Wort aus meinem Mund hörst, mußt du sie vor mir warnen. 8
Wenn ich zu einem, der sich schuldig gemacht hat, sage: Du mußt
sterben!, und wenn du nicht redest und den Schuldigen nicht warnst, um
ihn von seinem Weg abzubringen, dann wird der Schuldige seiner Sünde
wegen sterben. Von dir aber fordere ich Rechenschaft für sein Blut. 9
Wenn du aber den Schuldigen vor seinem Weg gewarnt hast, damit er
umkehrt, und wenn er dennoch auf seinem Weg nicht umkehrt, dann wird er
seiner Sünde wegen sterben; du aber hast dein Leben gerettet.
Dem Propheten Ezechiel wird in der
alttestamentlichen Lesung des 23. Sonntags im Jahreskreis (8. Sept.) die
Aufgabe zugewiesen, Wächter für das Haus Israel zu sein. Das Überraschende
an dieser Aufgabe ist, dass er das Volk vor Gott warnen soll: Wenn du
aus meinem Mund ein Wort hörst, musst du sie vor mir warnen. Schauen
wir ruhig noch einmal in den Text der Lesung selbst hinein, um uns zu
vergewissern, dass wir nicht verkehrt gelesen haben. Ja, es heißt da
nicht: Du musst das Volk vor diesem oder jenem Fehltritt und Irrweg
warnen. Es steht tatsächlich erschreckend eindeutig da: Du musst
das Volk vor mir, G o t t ,
warnen. Das ist die Aufgabe, die dem alttestamentlichen
Propheten zugemutet wird und die die Sonntagslesung unserer
neutestamentlich-christlichen Liturgie uns zumutet. Wir müssen einander
vor Gott warnen.
So
ganz einfach schlucke ich diesen Satz und diese Aufgabe nicht. Ich
erinnere mich an erhobene Zeigefinger
und strenge Blicke in meiner Kindheit: Der liebe Gott sieht
alles! und vor allem das, wo ich nicht lieb war. Ich habe
auch noch die eine oder andere Kapuziner-Predigt gehört, in der
Himmel und vor allem Hölle ins
Bild gesetzt wurde, um zum guten Christsein zu bewegen. Ich habe
meine Zeit gebraucht, das Christsein als helle und freundliche Botschaft
zu entdecken und wirklich in mich hinein zu übersetzen. Die Botschaft
von Gott ist keine Drohbotschaft, sondern Evangelium und das heißt
frohe Botschaft.
In
den 70-er Jahren erlebte ich dann in der Arbeit mit einem
Jugend-Liturgiekreis die Schwierigkeit, Themen gottesdienstlich
aufzubereiten, die nicht dick und deutlich von Gottes und Jesu Liebe
sprechen. Das Sonntagsevangelium spricht ja auch davon, dass es
Trennlinien geben kann, an denen der Bruder für dich wie ein Heide
und Zöllner werden soll. Die Frage lautete immer wieder: Das kann
der liebende Jesus doch sooo nicht gesagt und gemeint haben. .. und ganz
schnell versuchte man, auf angenehmere Texte und Themen auszuweichen.
Ich
denke, nicht nur meine Jugendlichen von damals, sondern wir alle haben
unsere Schwierigkeit, die froh machende Kraft der Gottesbotschaft und
ihren gleichzeitigen Ernst so miteinander zu verbinden, dass uns beides
immer im ausgewogenen Gleichgewicht vor Augen ist.
Mir
will allerdings scheinen, dass wir in unseren Breiten heute eher in der
Gefahr sind, unter dem Vorzeichen einer bürgerlichen Toleranz den Ernst
der Botschaft von der Liebe Gottes weich zu spülen. In dieser bürgerlichen
Toleranz erscheint alles als gleich gültig und wir merken gar nicht,
dass damit alles sehr schnell gleichgültig wird. Merken wir dabei
wirklich nicht, dass wir in solcher Gleich-Gültigkeit von allem und
jedem die Liebe selbst zu einer gleichgültigen Sache machen. Glauben
wir wirklich, dass vor Gott alles so gleich gültig ist, dass es ihm
gleichgültig ist, wie die Menschen leben? Liebe ist nicht kalt, - sie
zelebriert nicht die Sparflamme, - sie ist Feuer. Wer liebt, der ist
Feuer und Flamme, - und Gott ist ein Liebender. Vielleicht ist das
unsere Sünde: dass wir gegen seine Liebe Feuerschutzwände errichtet
haben, hinter denen wir gleichgültig und ohne Feuer leben können.
Vor
mehr als 20 Jahren habe ich in meiner Heimatabtei Gerleve eine Predigt
zu den heutigen Lesungstexten mit dem Satz geschlossen: Ich warne Sie
vor Gott ... und ging ohne Amen wieder an meinen Platz. Etliche
Jahre später war ich zu einem kurzen Besuch in meiner Heimatabtei. Ein
Mitbruder begegnet mir, - kommt mit dem Zeigefinger auf mich zu und begrüßt
mich: Ich warne Sie vor Gott! Ich stutze, - erinnere mich ... und
dann lachen wir beide.
Abt
Albert Altenähr OSB
020815
Für:
KirchenZeitung Aachen, 32/02, 8. September 2002
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