Predigt von Bischof Heinrich Mussinghoff
zur Benediktion von Abt Friedhelm Tissen OSB
am 13. April 2008, dem 4. Sonntag der Osterzeit,
in der Klosterkirche der Benediktinerabtei Kornelimünster
Lesung: Apg 2, 14a.36-41 Evangelium:
Joh 10, 1-10
Lieber Abt Friedhelm! Lieber Altabt Albert!
Liebe Mönche der Abtei St. Kornelius und St. Benedikt von Aniane an der Inda!
Liebe Gäste! Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Die Mönche der Abtei St. Kornelius und St. Benedikt von Aniane haben nach Gebet und Kontemplation einen neuen Abt gewählt: Pater Friedhelm Tissen. Heute erhält der Gewählte den Segen der Kirche für den Dienst der Leitung des Klosters, die Benediktion, die Abtsweihe.
Kaiser Karl der Große hatte die Reichsabtei an der Inde gegründet, mit Reliquien von der Auferstehung des Herrn ausgestattet und in Benedikt von Aniane einen führenden Abt gefunden, der die überlieferte Regel des hl. Benedikt für das Mönchsleben überarbeitete, vereinheitlichte und seine segensreiche Kraft für das ganze Heilige Römische Reich Deutscher Nation verwirklichen konnte. Wir sind froh, dass 1906/07 ein neues Kloster entstehen konnte und dass die Weichen gelegt sind für ein geistliches Wirken durch Gebet und Arbeit in unserem Bistum und darüber hinaus.
Lieber Abt Friedhelm! Sie haben sich den Wahlspruch gegeben "Sub ducatum evangelii", "Unter der Führung des Evangeliums" (Prolog der Regel, V. 21).
Darum bitten wir Sie: Gehen Sie mit Ihren Mönchen Ihren Weg "unter Führung des Evangeliums". Und dieses Wort regt uns an, nach Weisung in der Regel des hl. Benedikt zu suchen. In prägnanter Kürze beginnt die Regel: "Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, und neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat! So kehrst du durch die Mühe des Gehorsams zu dem zurück, von dem du dich durch die Trägheit des Ungehorsams entfernt hast", damit du zurückkehrst zu deinem Gott! (Regula Benedicti, Prol. 1 und 2)
"Höre, mein Sohn, auf die Stimme des Meisters." Immer und immer wieder weist Benedikt uns auf die Stimme Christi hin: "Was könnte für uns beseligender sein als die Stimme des Herrn, der uns einlädt? Seht doch, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg zum Leben" (Prol. 19 und 20).
"Unter Führung des Evangeliums" - per ducatum evangelii (Prol. 21)
- das ist der Wegweiser, auf den Benedikt uns verweist. Höre ich die Stimme Christi, indem ich
das Evangelium höre und lese, indem ich höre, was Christus mir durch die Zeichen der Zeit, durch die Begegnung mit unseren Mitmenschen, durch die Ereignisse in unserer Gesellschaft, durch die Schwestern und Brüder in unseren Kommunitäten sagen will? Lasse ich mich in meinem konkreten Leben, in meinen alltäglichen Entscheidungen und in meinem Handeln von der Stimme Christi leiten? Benedikt lehrt uns die Liebe zur Schrift, zum Evangelium, zur Stimme Christi, die uns ruft. Im Hören des Wortes öffnen wir uns ihm.
"Ausculta, o fili, praecepta magistri".
Ausculta (oder obsculta) - Höre. Altabt Albert hat darauf aufmerksam gemacht, dass in diesem Wort "Hören" das aures cultivare steckt, die Ohren kultivieren, d.h. Benedikt fordert uns zu einer Kultur des Hörens, zu einer Kultur der Hörsamkeit und Hörbereitschaft, der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit auf. Und wenn die Regel fortfährt: "und neige das Ohr deines Herzens", dann wird klar, dass es bei dieser Kultur des Hörens nicht um den Laut der Stimme noch um das Begreifen der Vernunft, sondern um die Offenheit und Aufmerksamkeit des Herzens geht, das die Stimme Christi vernimmt und sein Wort in Liebe aufnimmt. Kultur des Hörens führt zur Kultur des Herzens, zu einer Kultur der Liebe.
"Damit du zurückkehrst zu Gott."
In unserem Leben erfahren wir immer wieder, dass wir Wege gehen, die vergeblich sind, die sich als Irrwege erweisen, die in Sackgassen enden. Die Wege unseres Lebens sind nicht immer Wege der Treue, der Gerechtigkeit und des Friedens, sondern oft Wege der Selbstsucht und des Unverstehens, wo wir unsere Vorteile suchen und den anderen das Lastentragen zumuten. Auf unseren Wegen sind wir oft nicht gute Weggefährtinnen und Weggefährten, die in Freundschaft Last und Hitze des Weges teilen. Benedikt mahnt uns, dass wir umkehren sollen zu unserem Gott, dass wir uns auf unserem Lebensweg von seiner Stimme führen lassen sollen; er ruft uns wie den verlorenen Sohn heim in die Arme des Vaters, der in seinen ausgestreckten Armen uns verlorene Söhne und Töchter birgt.
"Damit du durch die Mühe des Gehorsams zu dem zurückkehrst, von dem du dich durch die Trägheit des Ungehorsams entfernt hast."
Benedikt kennt unser Herz, das nicht so sehr von der puren Bosheit, der bewusst gewollten und zynisch angestrebten bösen Tat besessen ist. Es ist eher die Trägheit des Herzens, die Unbekümmertheit, mit der wir die Stimme Christi überhören und vergessen, die Lauheit und Gleichgültigkeit, die uns immer wieder vorgaukelt, morgen sei es früh genug anzufangen, sich zu ändern, als ganzer Ordenschrist zu leben. Ungehorsam, das ist in der Wurzel ein Nicht-hören-Wollen auf die Stimme Christi. Trägheit und Schläfrigkeit lassen uns oft nicht gute Christen sein.
Benedikt hat erfahren und weiß: Umkehr, Heimkehr zu Gott, das geht nicht von selbst, das erfordert die Mühe des Gehorsams. Das neue Hören auf die Stimme des Herrn und das daraus folgende Gehorchen erfordert Aufmerksamkeit, Anstrengung, Mühe, Arbeit (labor). Die Mühe des Gehorsams wird uns nicht erspart. Aber sie birgt eine Verheißung.
"Seht doch, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg zum Leben" (Prol. 20).
Weg zum Leben. Viele Geschichten und Mythen erzählen vom Scheideweg, von der Entscheidung für den Weg, der ins Verderben führt, oder für den Weg, der zum Leben führt. In seiner Güte führt uns Christus den Weg zum Leben. Wir brauchen nur den Mut des Gehorsams gegenüber seinem Wort, die Kraft der Umkehr von der Trägheit des Ungehorsams, die Beharrlichkeit auf dem Weg in seiner Nachfolge. Der Weg zum Leben ist der Weg Christi, der Weg, der zum Kreuz führt und durch das Kreuz hindurch zur Herrlichkeit der Auferstehung. Christus zeigt uns den Weg zum Leben. Er ist der Anführer auf dem Weg des Glaubens (vgl. Hebr 12, 2); er selbst ist der Weg (vgl. Joh 14, 6); er bietet uns seine Freundschaft an; er will unser Weggefährte sein. Der Weg jedes Menschen in Christi Nachfolge hat je seine besondere Prägung, seinen besonderen Gehorsam. Gefordert ist von mir Nachfolge Christi in meinem Orden, in meiner Kongregation, in meinen Lebensaufgaben.
Benedikt sagt im Vorwort zur Regel weiter:
"Lasst uns unter der Führung des Evangeliums Wege gehen, die der Herr uns zeigt, damit wir ihn schauen dürfen, der uns in sein Reich gerufen hat" (Prol. 21)
Jeder Weg hat ein Ziel, jeder Weg hat seine Hoffnung. Der Weg Jesu hat seine Verheißung. Unter Führung des Evangeliums gehen wir diesen Weg der Hoffnung. Hoffnung ist in ihm, weil ihn Jesus uns zeigt. Hoffnung ist in ihm, weil er auf ihn hinführt. Christus ist der Weg und das Ziel des Weges, "damit wir ihn schauen dürfen, der uns in sein Reich gerufen hat". Der ewige, lebendige, unwandelbare Gott selbst ist das Ziel unseres Weges. Gottes Reich ist unsere Hoffnung, dass Gott in unseren Herzen und in unserer Welt zur Herrschaft kommt. Gottes Reich aber ist kein Herrschaftsgebiet, kein Machtbereich, in dem es Herrscher und Untertanen gibt, sondern Gottes Reich ist er selbst. Und wir werden ihn schauen, wie er ist.
Er ruft uns in sein Reich, in seine Gemeinschaft, in seine Freundschaft, an seinen Tisch. Bilder für das, "was kein Auge geschaut, kein Ohr gehört, in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott aber denen bereitet hat, die ihn lieben" (1 Kor 2, 9).
Benedikt weist uns den Weg: auf die Stimme Christi hören, Mut zum Gehorsam, auf seinem Weg gehen, in der Gemeinschaft des Ordens, in der Freundschaft der Weggefährten, unter Führung des Evangeliums, an seiner Seite, in sein Reich, "wo Gott alles in allem sein wird" (1 Kor 15, 28).
Was aber ist nun des Abtes? Wie soll er sein? Wohin soll er seine Mönchsgemeinde führen? Es trifft sich gut, dass das Evangelium vom Guten Hirten am heutigen Tag, wo wir den Herrn um Berufungen bitten, vor uns steht und dem neuen Abt Hinweise für seinen Dienst als Abbas, als Vater der Mönchsgemeinschaft gibt. Und darum bitten wir Gott für Sie, Abt Friedhelm, was im Weihegebet festgelegt ist:
"Gott, allmächtiger Vater,
du hast deinen Sohn in die Welt gesandt,
damit er den Menschen diene
und als Guter Hirte sein Leben hingebe für seine Herde.
Wir bitten dich:
Segne und stärke deinen Diener Friedhelm Tissen,
der zum Abt dieses Klosters gewählt wurde.
Gib ihm die Kraft, allen ein Vorbild klösterlichen Lebens zu sein
und sich des Namens würdig zu erweisen,
den er von nun an trägt: Abt, das heißt Vater.
Das Wort seiner Lehre werde zum Sauerteig,
der in den Herzen der Söhne wirkt,
damit sie in allem deinem Willen folgen.
Lass ihn bedenken, welch schweres und
mühevolles Amt ihm übertragen ist:
Menschen zu leiten und der Eigenart vieler zu dienen.
Lass ihn erkennen, dass es seine Aufgabe ist:
nicht so sehr anderen vorzustehen,
als vorzusehen, was ihnen hilfreich ist.
Gib ihm ein waches Herz,
dass er sich darum sorge,
keinen von denen zu verlieren,
die du ihm anvertraut hast.
Er sei um alles eifrig besorgt,
doch halte er Maß und treffe seine Weisungen so,
dass die Seinen wachsen in der Liebe zu Christus
und zu allen Menschen,
und dass sie mit freiem Herzen
den Weg der Gebote laufen.
Erfülle ihn mit den Gaben deines Geistes,
damit er zusammen mit seinen Brüdern deine Ehre suche und das Wohl der Kirche.
Er gebe Christus in allem den Vorrang
und lehre auch seine Brüder, Christus über alles zu lieben.
Wenn dann der Jüngste Tag kommt,
gib ihm mit seinen Brüdern Anteil an deinem Reich.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn."
Lieber Abt Friedhelm! Wir alle, die heute hier versammelt sind, beten für Sie und für Ihre Mönche. Möge das Kloster ein Zentrum für Spiritualität sein, eine Oase in der geistigen Wüste unserer Zeit, ein geistliches Labsal am Strom des kirchlichen Lebens. Gott segne Sie und Ihren Dienst in der Gemeinschaft Ihrer Mönche. Amen.