Die neue Abteikirche
[Berthold Simons], in: Benediktinerabtei Kornelimünster :
1906-1956 ; Festschrift zur Konsekration der neuen Abteikirche,
hrsg. von den Benediktinern zu Kornelimünster, Kornelimünster,
1956, S. 42-45
Das neue Heiligtum der Benediktiner an der Inde ist nun (seiner Bestimmung übergeben.
Damit fanden Bemühungen l ihren Abschluß, die den Mönchen schon seit den
Tagen der (Gründung des Klosters vor Augen gestanden hatten, die jedoch erst
vor etwa zehn Jahren greif bare Formen annehmen | konnten. Das Gesetz des
Alltags hatte es mit sich gebracht, daß im Aufbau des Klosters zunächst der
notwendige Wohn- und Lebensraum für die Mönche geschaffen werden mußte. Ihn
durch die Erstellung eines würdigen Gotteshauses zu krönen und zu vollenden,
ließen Zeitumstände und mangelnde Mittel bis dahin nicht zu.
Die Anfänge zu dieser gewaltigen Gottesburg, die
heute vor unseren Augen steht, gehen in eine Zeit größter Unsicherheit und Not
zurück. Unmittelbar vor dem letzten Kriege war unser Kloster in seinem Bestand
ernstlich gefährdet. Unzählige Klöster und Abteien innerhalb unseres
Vaterlandes wurden aufgelöst, ihre Bewohner aus den Stätten ihrer Gottsuche
verjagt. Auch unserem Kloster stand diese Gefahr der Vernichtung täglich bevor.
Während des Krieges wurden die Gebäude als Kriegslazarett beschlagnahmt. Die Mönche
lebten größtenteils verstreut, sei es in der Seelsorge oder im Waffendienst.
Die Zukunft der Klostergemeinschaft lag in fast hoffnungslosem Dunkel. Schließlich
wurde unser Raum zur Zeit des Einrückens amerikanischer Truppen gebietsweise
derart in die Kampfhandlungen einbezogen, daß ein Erhalten des übriggebliebenen
nur noch in Gottes Hand lag.
In dieser inneren und äußeren Not nahm P. Prior
Bonifatius Becker seine Zuflucht zu dem, der allein gibt und nimmt. Er machte
das Versprechen, die zukünftige Abteikirche zu Ehren der Gottesmutter und des
heiligen Benedikt von Aniane zu errichten, wenn die Klostergebäude erhalten
blieben und die klösterliche Familie wieder zusammengeführt würde. Die Söhne
des heiligen Benedikt erfuhren den besonderen Schutz der Gottesmutter. Das
einmal begonnene Werk konnte nach dem politischen Zusammenbruch, wenn auch zunächst
bescheiden, fortgesetzt werden.
Kurz nach dem Kriegsende wurden bereits die ersten
Planungen zur Durchführung des Kirchenbaues erörtert, obwohl damals noch
nicht abzusehen war, wie die notwendigen Mittel aufgebracht werden könnten. Man
war sich darin einig, daß ein dem Zweck und der Tradition würdiges Gotteshaus
erstehen sollte. Religiöse, psychologische, geistesgeschichtliche und
traditionsgebundene Überlegungen legten die Richtlinien fest.
[43] Da eine katholische Kirche in erster Linie eine
Kultstätte ist, muß sie den Gesetzen des Kultes entsprechen. Als Ort
gemeinsamen Betens und Opferns sollte das neue Gotteshaus von der Gemeinschaft
her sein innerstes Formgesetz erhalten, unter Ausschluß des Subjektiven also
zur liturgischen, objektiv-überindividuellen Frömmigkeit führen können. Es
sollte dazu zwingen, dem Geschehen am Altar zu folgen, mitzufeiern, mitzubeten
und mitzuopfern. Die Bedeutung dieses Geschehens sollte ihren besonderen
Ausdruck finden in einer zentralen Stellung des Altares innerhalb eines wirklich
heiligen, nicht zu betretenden Bezirkes, als Gleichnis der in sich selbst gründenden
Heiligkeit und sich selbst [45] genügenden Seligkeit Gottes; dabei würden die
Mönche und die Gläubigen sich allseitig um den Altar scharen als sinnfälliger
Ausdruck der Gemeinschaft im liturgischen Geschehen. Nur so kann die
Sachlichkeit zu höchster Wesenhaftigkeit werden, und die Zweckmäßigkeit wird
überhöht von dogmatischer Sinnfülle. - Letztlich sollte die Kirche ja auch
ein Ausdruck unserer Gegenwart sein.' Ist nicht gerade der Zug vom Individuum
weg zur Gemeinschaft das Zeichen unserer Zeit? Keine andere architektonische
Grundanlage hätte dieses Wesensmerkmal der Gemeinschaftsbezogenheit sinnfälliger
aussagen können
Des weiteren beschloß man, in der Innengestaltung
nur das heranzuziehen, was das Wesen des Gotteshauses hervorheben könnte. Aus
dem Bewußtsein heraus, daß nicht die Verzierung die Raumgestaltung prägt,
sondern die architektonische Gestaltung und Formgebung selbst, müßte diese im
betenden und opfernden Gläubigen das hervorrufen können, was zum bewußten
Mitvollzug der heiligen Geheimnisse nun einmal vorausgesetzt werden muß.
Unter Heranziehung dieser allgemeinen Gesichtspunkte
wurde Architekt Dipl.-lng. P.Krücken/Köln mit der Ausarbeitung eines
entsprechenden Bauplanes beauftragt. Das Ergebnis war ein Werk, das allgemeinen
Beifall finden mußte. Würde und Zweckmäßigkeit fanden in ihm die letzte Prägung.
Es währte nicht allzu lange, bis eine glückliche Fügung
es uns möglich machte, das große Vorhaben Wirklichkeit werden zu lassen. P.
Suitbertus Brückmann, einstmals die Stütze des jungen Klosters in der Gründerzeit,
befand sich seit einigen Jahrzehnten in Erfüllung besonderer seelsorglicher
Aufgaben im Norden Amerikas. Ihm hatte während der langen Zeit seiner
Abwesenheit der weitere Ausbau des Klosters sehr am Herzen gelegen. Im Jubeljahr
1950 sandte er uns die erfreuliche Nachricht, daß er eine namhafte Summe zur
Errichtung eines neuen Gotteshauses zur Verfügung stellen könne. Gewiß war
die Geldsumme im Verhältnis zum Gesamtprojekt gering, aber P. Prior Bonifatius,
dessen Name und Mühen mit der neuen Abteikirche untrennbar verbunden sind, ging
mit seinen Mönchen mutig ans Werk. Unzählige Helfer und Spender aus allen
Kreisen des In- und Auslandes, der Wirtschaft und Industrie, Menschen aller
Schichten, deren Namen nur Gott weiß und deren Bereitschaft nur Er vergelten
kann, gaben dem Beginnen bis zur Vollendung ihre materielle und geistige
Unterstützung. Es bildete sich ein „Verein der Freunde und Gönner der
Benediktiner zu Kornelimünster", der dem Unternehmen besonders verbunden
ist. Sie alle mag das Gotteshaus nun mit Stolz und Dankbarkeit erfüllen. Vor
allem mögen sie alle überzeugt sein, daß das immerwährende Gotteslob, das
die Mönche in diesem Heiligtum singen, sie mit einbezieht in die Verherrlichung
des ewigen Vaters, des Vergelters alles Guten.