
|
Dem Gottesdienst Raum gebenDie Abteikirche Kornelimünster gestern
– heute – morgen
Planung und Gestaltung
des Kirchenraums 1956
|
Als
nach dem Zweiten Weltkrieg die Planung einer Abteikirche in
Angriff genommen wurde, galt die 1930 von Rudolf Schwarz erbaute
Kirche St. Fronleichnam in Aachen als „Paradigma des neuen
kirchlichen Raumes“.
Für diesen Typ des Kirchenbaus hat sich die Bezeichnung Wegkirche
eingebürgert, die der Architekt selbst in Bezug auf St.
Fronleichnam aber relativiert: „Der Bau ist eigentlich keine
Wegkirche. Was an ihm Weg ist, ist im erreichten Ziele gestillt.
... Hier ist nichts als stille Gegenwart der Gemeinde und Christi,
das Ziel ist erreicht, und aller Weg ist in reines Dasein gestillt
in einem gemeinsamen, hellen, hohen und ganz einfachen Raum, das
Volk und der Herr sind beisammen, ein Leib geworden in einer
festlichen Bauform, dem höheren Leib ihres heiligen Daseins.“
Jeder einzelne in der Gemeinde ist auf einen gemeinsamen Zielpunkt
ausgerichtet: auf einem großen Stufenberg der Altar, der den
Tabernakel trägt, vor einer kahlen weißen Wand. |
|
St.
Fronleichnam, Aachen, 1930
|
|
Unsere
Abteikirche nimmt im Hauptschiff die strenge Ausrichtung auf den
Altar auf, die Seitenaltäre in den Nebenkapellen und die
Sakramentskapelle im rechten Querschiff unterstützen diese
klare Linie in der Längsachse. Zielpunkt des Blickes ist
nicht der Tabernakel wie in St. Fronleichnam, sondern der Altar,
der seine Bedeutung im Vollzug der gottesdienstlichen Feier
findet, dem er geweiht ist. Ein sehr breiter Mittelgang zwischen
den Bankreihen bietet Raum für die Prozessionen, die in einer
Klosterkirche wesentlich
häufiger sind als in einer Pfarrkirche. Hinter dem Altar schließt
sich noch der Raum für die Chormönche mit
einem großen Gestühl an. Die
Abschlusswand hat mit der Rosette einen eigenen Akzent.
Die
Orgel wird vom Architekten Paul Krücken dem Mönchschor
zugeordnet. „Der
Chorgesang verlangt eine Orgel in enger Beziehung zum Mönchs-Chor.
Um eine besondere Chororgel zu vermeiden, ist für die Zukunft
eine einheitliche Orgel an der Chorwand der Kirche vorgesehen,
deren Pfeifenwerk sich um das dortige Rundfenster gruppieren wird.
Der
Spieltisch wird im Chorgestühl eingebaut, so dass der
Orgelspieler in enger räumlicher und akustischer Verbindung zum
Gesang der Mönche und zum Gesang am Altare steht.“.
Der
schmucklose Orgelprospekt mit klaren Linien macht deutlich: Die
Orgel ist auf den Gottesdienst hingeordnet. Sie gewinnt ihre
Bedeutung von ihrer Funktion her, nicht als ein Schmuckstück und
Blickfang in sich.
|

Abtei
Kornelimünster, 1956 |
P. Berthold
Simons, später Abt der Gemeinschaft (1967 – 1980), fasst in der
Festschrift zur Kirchweihe die leitenden Gedanken bei der Gestaltung des
Kirchenraumes zusammen: „Kurz nach dem Kriegsende wurden bereits die
ersten Planungen zur Durchführung des Kirchenbaues erörtert, obwohl
damals noch nicht abzusehen war, wie die notwendigen Mittel aufgebracht
werden könnten. Man war sich darin einig, dass ein dem Zweck und der
Tradition würdiges Gotteshaus erstehen sollte. Religiöse,
psychologische, geistesgeschichtliche und traditionsgebundene Überlegungen
legten die Richtlinien fest.
Da eine
katholische Kirche in erster Linie eine Kultstätte ist, muss sie den Gesetzen
des Kultes entsprechen. Als Ort gemeinsamen Betens und Opferns sollte
das neue Gotteshaus von der Gemeinschaft her sein innerstes Formgesetz
erhalten, unter Ausschluss des Subjektiven also zur liturgischen,
objektiv-überindividuellen Frömmigkeit führen können. Es sollte
dazu zwingen, dem Geschehen am Altar zu folgen, mitzufeiern, mitzubeten
und mitzuopfern. Die Bedeutung dieses Geschehens sollte ihren besonderen
Ausdruck finden in einer zentralen Stellung des Altares innerhalb eines
wirklich heiligen, nicht zu betretenden Bezirkes, als Gleichnis der in
sich selbst gründenden Heiligkeit und sich selbst genügenden Seligkeit
Gottes; dabei würden die Mönche und die Gläubigen sich allseitig um
den Altar scharen als sinnfälliger Ausdruck der Gemeinschaft im
liturgischen Geschehen. Nur so kann die Sachlichkeit zu höchster
Wesenhaftigkeit werden, und die Zweckmäßigkeit wird überhöht von
dogmatischer Sinnfülle. - Letztlich sollte die Kirche ja auch ein
Ausdruck unserer Gegenwart sein. Ist nicht gerade der Zug vom Individuum
weg zur Gemeinschaft das Zeichen unserer Zeit? Keine andere
architektonische Grundanlage hätte dieses Wesensmerkmal der
Gemeinschaftsbezogenheit sinnfälliger aussagen können.“
Anders als
die Kirche St. Fronleichnam ist der gesamte Kirchenraum weniger von der
eucharistischen Gegenwart des Herrn bestimmt als vom gottesdienstlichen
Vollzug. Der Zeit
entsprechend denkt P. Berthold Simons ganz von der Eucharistiefeier her.
Es geht ihm um das Geschehen am Altar. Eine Beteiligung der Gemeinde am
Chorgebet kommt zu dieser Zeit noch nicht in den Blick. Bewusster
Mitvollzug des Gottesdienstes - mitzufeiern, mitzubeten und mitzuopfern
– ist als innere Anteilnahme der Gemeinde zu verstehen. Entscheidend
dafür ist ein
unverstellter Blick auf den Altar, an dem sich die Feier vollzieht.
Durch die Raumgestalt ist die feiernde Gemeinschaft klar in zwei
unterschiedliche Gruppen gegliedert, die durch den Stufenberg zum
Chorraum voneinander getrennt sind. Da es eine eigene Sakramentskapelle
gibt, in der die Kommunion an die Gemeinde ausgeteilt wird, kann auf
eine Kommunionbank verzichtet werden. „Durch
den Fortfall der Kommunionbank im Hauptschiff ist eine innige Verbindung
des Laienraumes zum Altarraum gegeben, die auch durch die beiderseits
der breiten Chortreppen angeordneten Ambonen nicht gestört wird.“
Die Grenzen
der Gemeinschaftserfahrung, in dem vom ihm konzipierten Raum mit der
strengen Ausrichtung auf den Altar benennt Rudolf Schwarz: „Diese Form
ist streng, und wenn man nur das unter »Liebe« versteht, was im geschlossenen
Ring sich begibt, dann fehlt ihr die Liebe. Hier fehlt der Blick von
Auge in Auge, hier sieht niemand dem andern entgegen, alle sehen voraus.
Hier fehlt der warme Austausch beider Hände, die Hingabe von Mensch an
Mensch, der Kreislauf herzlicher Bindung, denn hier steht jeder im
Zusammenhang einsam, Schulter an Schulter und Schritt hinter Schritt ins
Ganze addiert und zu geraden Linien ausgerichtet, nach einem
rechtwinkligen Achsenkreuz an je einen Nachbarn verkettet.“ Damit in dem großen
Raum der Abteikirche Gemeinschaft erfahrbar wird, bedarf es
zumindest auch einer großen Zahl von Versammelten sowohl im Mönchschor
wie im Hauptschiff der Kirche. 1956 konnte P. Berthold Simons noch von
einem „Zug vom Individuum weg zur Gemeinschaft“
sprechen. Unsere heutige Zeit ist deutlich von einem starken
Individualismus geprägt. Dies stellt ganz andere Anforderungen an einen
Kirchenraum, der Gemeinschaft erfahrbar machen soll.
Der
Gottesdienstraum im Bereich des Chorgestühls
1984 wurde der Bereich des Hauptaltars neugestaltet. Die beiden Ambonen
wurden entfernt. Ein neuer großer Blausteinaltar steht nun nur noch um
eine Stufe gegenüber dem Chorraum erhöht. Der Konvent sitzt bei einem
Gottesdienst am Hauptaltar nicht mehr im Chorgestühl, sondern seitlich
vom Altar im Chorraum auf Bänken und Hockern. So wurde mit relativ
geringen Eingriffen ein wenig mehr Nähe zwischen dem Konvent und der
Gemeinde möglich. Durch die neue Anordnung wird die Stellung der Orgel
und des Spieltisches problematisch, die auf die Begleitung des Mönchschores
im Chorgestühl ausgerichtet worden sind. Der Organist hat weder Kontakt
zum Konvent noch zur Gemeinde, die sich am Gesang beteiligt.
Um auch bei
kleiner werdenden Zahlen der Mitfeiernden dem Leitgedanken der
erfahrbaren Gemeinschaft treu zu bleiben, wurde hinter dem Hauptaltar
der Kirche im Bereich des Chorgestühls ein Gottesdienstraum
eingerichtet. Nach und nach wurden die Gottesdienste, die in der Kirche
gefeiert werden, aus dem Hauptraum in diesen kleineren Raum verlegt.
Ausgenommen bleibt nur noch das Konventamt an Sonn- und Feiertagen, das
weiter am Hauptaltar gefeiert wird.
Ohne eine
Stufenanlage gibt es auch im Gottesdienstraum hinter dem Hauptaltar
genau definierte Bereiche. Der Altarraum ist durch einen Teppich
kenntlich gemacht. Die Bänke, auf denen der Konvent bei der
Eucharistiefeier Platz nimmt, stehen vor dem Chorgestühl. Die Bänke für
die Gemeinde sind auf den Altar hin ausgerichtet. Ausgenommen eine
Abschrankung zwischen einem Chor- und Gemeinderaum ist dies eine
klassische Aufstellung, die sich in vielen Klosterkirchen findet. Um
auch die Zelebranten in den Gesang des Konventes einzubinden – jede
Stimme zählt bei der kleinen Zahl der Mönche – wurde auf einen
Vorstehersitz verzichtet. Die Zelebranten in der Eucharistiefeier sind
durch ihre Gewänder, ihre Stellung in den Prozessionen beim Ein- und
Auszug und ihren Sitzplatz am oberen Ende der Reihe während der
gesamten Feier deutlich erkennbar.
Konvent und
Gemeinde sitzen nun bei der Eucharistiefeier auf einer Ebene. Dies
entspricht dem Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils, das nicht
mehr von einem eigenen Ordensstand spricht, der von einem Laienstand
abgehoben wird, sondern das Ordensleben als eine der zahlreichen Möglichkeiten
sieht, inmitten der Kirche christlich zu leben.
Für die
Feier des Stundengebets, das nicht mit einer Eucharistiefeier verbunden
ist, nutzt der Konvent weiterhin das Chorgestühl, weil für das Singen
im Stehen ausgebildet ist. Andererseits steht das Chorgestühl auch der
Gemeinde offen, wenn die Plätze in den Bänken nicht ausreichen. Die Nähe
zwischen Konvent und Gemeinde ermöglicht es, alle auch zum Mitsingen
des Stundengebetes einzuladen.
Aufgabe für die Zukunft
Der am häufigsten genutzte Gottesdienstraum ist ein Provisorium, das
sich nicht zu einem Gesamtensemble zusammenfügt, wie es der Hauptraum
auch nach der behutsamen Umgestaltung des Altarraumes weiterhin bietet.
Beim feierlichen Ein- und Auszug zu den Gottesdiensten ist der
Hauptaltar, eher im Wege und wird seitlich liegengelassen, obwohl er
wesentlicher Punkt des Raumes sein sollte. Andererseits entspricht der
provisorische Raum den Grundanliegen, die bei der Gestaltung der Kirche
von Anfang an leitend waren. Dies stellt uns vor die Aufgabe, die
gesamte Gestaltung der Kirche zu überdenken und auch starke Eingriffe in
den Raum zu wagen, damit er wieder zu einem stimmigen Gesamt wird. Er
soll nur einen Altar enthalten um den sich sowohl eine kleine Werktags-
als auch eine große Festtagsgemeinde versammeln und als Gemeinschaft
erfahren kann. Der Raum soll nach unserem heutigen Verständnis nicht nur
zur inneren Anteilnahme, sondern auch zur tätigen Teilnahme am
Gottesdienst einladen.
P.
Berthold Simons führt einen weiteren Aspekt des ursprünglichen
Raumkonzeptes an: „Des weiteren beschloss man, in der Innengestaltung
nur das heranzuziehen, was das Wesen des Gotteshauses hervorheben könnte.
Aus dem Bewusstsein heraus, dass nicht die Verzierung die Raumgestaltung
prägt, sondern die architektonische Gestaltung und Formgebung selbst, müsste
diese im betenden und opfernden Gläubigen das hervorrufen können, was
zum bewussten Mitvollzug der heiligen Geheimnisse nun einmal
vorausgesetzt werden muss.“
Was Romano Guardini zur Kirche St. Fronleichnam schrieb, lässt sich
auch auf unsere Abteikirche anwenden: „Ich könnte mir denken, dass
einer sagte, sie sei leer. Dann würde ich erwidern, er solle tiefer in
sein eigenes Fühlen hineinkehren, ob er es richtig versteht. ... Das
ist keine Leere, das ist Stille! Und in der Stille ist Gott.“
Obwohl der Raum wesentlich auf den gottesdienstlichen Vollzug hin
ausgerichtet ist, lädt er in seiner klaren Schlichtheit auch zum
Verweilen in der Stille, in der Gegenwart Gottes ein. Bis heute suchen
Menschen auch außerhalb der Gottesdienste die Stille unseres
Kirchenraumes. Der umgestaltete Raum soll auch weiterhin zum Verweilen
einladen und zu Stille und Sammlung
hinführen.
P.
Oliver J. Kaftan OSB
300731
Willy Weyres: Neue Kirchen
im Erzbistum Köln 1945 – 1956, Düsseldorf, 1957, S. 14
Rudolf Schwarz: Kirchenbau
: Welt vor der Schwelle, Heidelberg, 1960, S. 20
Paul Krücken, Das
Gotteshaus, in: Benediktinerabtei Kornelimünster : 1906-1956 ;
Festschrift zur Konsekration der neuen Abteikirche, hrsg. von den
Benediktinern zu Kornelimünster, Kornelimünster, 1956S. 53 – 58,
hier 55
Rudolf Schwarz:
Vom Bau der Kirche, Heidelberg,
²1947, S. 79
Die Neue Abteikirche, S.
45
Romano Guardini: Die
neuerbaute Fronleichnamskirche in Aachen, in: Schildgenossen
11(1931), 266-268, hier: 267
|