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FAQ: Klosterzelle: Freiheitsverlust?
In sechs Wochen wird M. Sch. (43; selbständig) bei
uns eintreten. Zwischen ihm und uns ist alles klar. Die notwendigen
Absprachen sind getroffen. Auf beiden Seiten ist gespannte
Erwartung und Vorfreude.
Bei seinem Besuch in diesen Tagen erzählt er von der
Reaktion seiner Umwelt: Unverständnis ... - die Vorstellung von Mauern,
... Einengung, ...Freiheitsverlust, ... Zelle, ... Mittelalter.
Er empfindet das ganz anders: Auf- und Ausbruch aus
Eingefahrenem, ... aus nicht ausfüllendem Alltäglichen;
Entdeckungsreise in ein Mehr an Leben, ...in eine neue Freiheit.
Die Leute seiner Umgebung wissen so wenig über Kloster. Das
Mittelalter-Klischee scheint unausrottbar zu sein. Ich frage nur:
... und ob die Klöster im Mittelalter wirklich unseren heutigen
Klischees davon entsprachen, muss man auch noch einmal anfragen.
Im weiteren Gespräch spielen wir ein wenig mit dem
Wort Zelle. Welche Vorstellungen verbinden sich für uns mit
diesem Wort? Welche Wortverbindungen mit Zelle fallen uns ein.
Welche Wortableitungen kommen uns in den Sinn?
Da ist natürlich die Gefängniszelle und mit ihr
verbindet sich wohl für uns alle ein Raub an Freiheit. Man ist
gegen seinen Willen eingesperrt. Gegen solche Freiheitsberaubung
sperrt sich verständlicherweise alles in mir.
Ein deutsches Lehnwort, das sich von Zelle
herleitet, ist der Keller. Als dunkler Keller oder gar als
finsteres Kellerloch ist er beängstigend. Aber der Keller ist ja
nicht einfach nur der Ort der Ängste. Zunächst einmal ist er
Vorratsraum, in dem vieles aufbewahrt wird, und in dem wegen seiner
Dunkelheit und seiner Kühle die Dinge länger frisch bleiben. Die
Aufgabe eines Kellermeisters ist in einer Weinkellerei und
nicht nur dort gewissermaßen die eines Hüters und Pflegers eines
wertvollen Schatzes.
Dem Substantiv Zelle steht im Lateinischen das
Verbum celare zur Seite und das heißt bergen oder
verbergen. Muss ich das gleich als sich verstecken
interpretieren? Kann ich es nicht auch sehr positiv als schützen
eines Schatzes deuten und die Zelle als einen Ort der Geborgenheit?
Im Lateinischen hat sich aus demselben Wortstamm neben
der cella das coelum = der Himmel entwickelt. Er ist
der Ort der Verborgenheit Gottes und der Geborgenheitssehnsucht des
Menschen. Wenn wir jemanden anhimmeln oder etwas himmlisch
finden, kommt uns kaum eine Gedankenverbindung zur Zelle in den
Sinn, aber liegen tatsächlich unüberwindbare Welten und Abgründe
zwischen den Vorstellungen von Zelle und Himmel?
Wir kennen schließlich auch noch die Zelle als den
kleinsten Baustein des Lebens. Die Eizelle und die
Samenzelle verbinden sich und sind die Keimzelle des Lebens.
Ungeheures Potential steckt in der Zelle. Es drängt ins Wachstum
und zur Entfaltung.
Ein altes lateinisches Weisheitswort ich glaube,
es ist von Thomas von Kempen lautet: Custodi cellam tuam et cella
custodiet te. Schütze deine Zelle und die Zelle wird dich schützen.
Wir könnten das Wort vielleicht übersetzen: Halte die Stille, - das
Alleinsein, - den Leerraum aus und du wirst mehr finden als alle
Außenwelt, Betriebsamkeit, Geschäftigkeit und aller Zeit-Vertreib dir
bieten können. Du wirst zu dir selbst finden; du wirst
d i c h finden.
Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass ich mit
diesen Kurzgedanken die Vorbehalte und Klischee-Vorstellungen der
Freunde und Bekannten von M. Sch. ausräumen könnte. Aber vielleicht
sollten wir doch einmal die ausgetretenen Trampelpfade der Klischees
verlassen und auf Entdeckungsreise gehen. Die Klosterzelle ist durchaus
nicht finsteres Mittelalter; - sie ist bunte Gegenwart und
voller Potential!
Albert Altenähr OSB
020902
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