Ehelo
 

 

 

FAQ: schwierige Bibel

Da schreibt mir jemand (P.K., 23.05.02): „Ich habe ein Problem. Die Bibel zu lesen, ist sehr schwierig. Sie zu verstehen auch. Es gibt Gebote und Ausführungen die ich auch nachvollziehen kann. Ich finde, die Bibel zu lesen, ist schwer (nicht weil das Buch so dick ist, sondern die fremde Art der Sprache). Gibt es eine Übersetzung in unsere Zeit, die mir den Zugang vielleicht leichter macht? Ich habe gelesen, dass die Menschen früher nicht alle lesen konnten und deshalb oft in Bildern oder Gleichnissen gesprochen wurde, damit die Menschen früher es besser verstehen konnten. Was muss ich denn heute lernen, um diese Bilder auch zu verstehen.“

Liebe P.K.!

Als ich Ihre Email las, kam ich gerade von einer Tagung zurück, auf der etwa 30 Benediktiner und Benediktinerinnen darüber gearbeitet hatten, wie wir unsere 1500 Jahre alte Ordensregel für heutige „Menschen in der Welt“ übersetzen können. Das Problem, das Sie haben, beschränkt sich also keineswegs nur auf die Bibel. Sie betrifft alle alten Texte. Ja, das Problem geht doch eigentlich noch viel weiter! Jedes Gespräch zwischen mir und einem anderen ist von genau derselben Frage begleitet. Wir gebrauchen vielleicht beide dieselben Worte, aber meinen wir wirklich dasselbe? Vielleicht merken wir es gar nicht sofort, dass wir aneinander vorbei reden. Und was wir dann von dem Gespräch wirklich behalten, ist noch einmal eine ganz andere Sache.

Bei einem alten Text aus einem ganz anderen Lebensraum ist das Verstehen natürlich noch einmal schwieriger ...

Vielleicht zunächst ein bisschen „Trost“: ob ich als Ordensmann und Priester wirklich „mehr“ von der Bibel verstanden habe als Sie und „wie viel mehr“ ich gegebenenfalls verstanden habe, weiß ich beileibe nicht. Aber ganz ehrlich muss ich bekennen: auch mir ist nach wie vor vieles rätselhaft. Manches hat sich mir im Laufe der Jahre aufgeschlossen, aber anderes ist nach wie vor dunkel. ... und wie lebe ich mit dieser unverstandenen Dunkelheit?

(1)                 Ich bin mehr und mehr skeptisch geworden, wenn wichtige Dinge „leicht“ verkauft werden. Das Leben selbst ist nicht einfach, - die Mitmenschen sind nicht einfach, - ich selbst bin bestimmt auch nicht einfach. Da „schmeckt“ auch nicht alles und jedes. Wozu ich mich durchgerungen habe, - was ich mir erarbeitet habe, - was ich mir erkämpft habe, das ist mir wertvoll und das habe ich wirklich lieb gewonnen. Ein Problem, das ich heute allgemein sehe: dass wir der Illusion nachhängen, die Dinge müssten „leicht“ gemacht werden. Die Werbung lebt davon, - die Unterhaltungsindustrie, - die Medien. Das alte Sprichwort „Ohne Schweiß kein Preis!“ liegt gar nicht falsch. Gerade weil die Bibel als alter Text und anspruchsvolle Botschaft nicht „weich gespült“ ist, reizt sie mich.

(2)                 Auch ich sehne mich nach Antworten, aber ich habe gelernt, dass jede Antwort nicht nur befriedigt, sondern auch neue Fragen aufwirft. Unsere benediktinische Ordensregel enthält einen Satz, der mir persönlich sehr wichtig geworden ist. Entscheidend  für den Mönch ist, „ob er wirklich Gott sucht“ (RB 58,7). Das Suchen ist wichtig, - das Immer-weiter-Suchen. Der Mönch und der Christ, der sich in den Sessel – oder sein Chorgestühl – zurücklehnt und sagt: „Jetzt ‚habe’ ich Gott“, ist ein Widerspruch in sich. Ich glaube, es ist nicht nur nicht schlecht, mit offenen Fragen zu leben, sondern es ist im Gegenteil eine Grundform lebendigen Lebens!

(3)                 Wichtig scheint mir bei all dem Geduld zu sein und das ist sicher auch ein Grundproblem unserer – vielleicht aber nicht erst unserer – Zeit. Wir möchten gern auf jede Frage eine schnelle und präzise Antwort. Und manches Mal sind wir mit schnellen, präzisen Antworten zufrieden und prüfen gar nicht mehr, ob es die richtigen Antworten sind. Viele moderne Heilsangebote der Esoterik und von Sekten versprechen einen schnellen und sicheren Weg zu Glück und Heil Sie haben damit großen Zulauf, aber ihre Patentrezepte führen nicht zum Ziel. - Kennen Sie das Wort: „Lieber Gott, mach mich, geduldig,  ... aber gefälligst ein bisschen flott“? So geht es einfach nicht. Jeder Weg braucht eine, - seine Zeit. Und wirklich zu verstehen, ist eine Marathonstrecke.

(4)                 Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt, man müsse die Bibel wie einen Liebesbrief lesen. So seltsam das Bild anmuten mag, so viel Wahrheit ist darin enthalten. Wenn ich liebe, dann nehme ich den anderen so, wie er ist, - nicht so, wie ich ihn gerne hätte. Ich weiß, der andere hat auch seine Schattenseiten, aber im Lichtblick der Liebe kann ich auch damit umgehen.

(5)                 Ein guter Weg, ein wenig mehr von der Bibel zu verstehen, ist das Gespräch über diese oder jene Bibelstelle und „überhaupt“. Das, was ich hier schreibe, ist ein Gesprächsbeitrag. Predigten – wenigstens gute – sind ein Gesprächsbeitrag. Ein Gespräch bringt vielleicht nicht die große Lösung, aber möglicherweise ermutigt es, an der Frage dran zu bleiben und sie nicht einfach in die Mülltonne zu werfen. Fragen sind Denkanstöße. Sie sind „Wertstoffe“ des Lebens!

(6)                 Es gibt die unterschiedlichsten Versuche, die Bibel in „heutige Sprache“ zu übersetzen. Aber selbst dann, wenn es ihnen gelingt, meine Sprache zu sprechen, bleibt die Frage, ob ich mir etwas sagen lassen will. Lass ich mit mir reden, - sprechen? Oder verbitte ich mir, dass mir jemand widerspricht, - mich auf meine Fehler anspricht, - mich aus meinem eigenen Gedankengebräu herausruft? Kann es nicht sein, dass mir gerade dann, wenn mir etwas nicht passt, der passende Schuh hingehalten wird?

Liebe P.K., ich wünsche Ihnen Geduld mit Gott, der Bibel und mit sich selbst! Ich wünsche Ihnen Nach-Gedanken des Weiterdenkens.

Ihr

Abt Albert Altenähr OSB - 020524

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