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Abschiedsbrief  des hl. Benedikt von Aniane
an den Abt und die Mönche von Aniane 

Kloster Inda, den 10. Februar 821

Dem im Herrn höchst ehrwürdigen und glückvollen Georg, Abt des Klosters Aniane, und allen unseren Söhnen und Brüdern, die unter der Regel des Vaters Benedikt aufrichtig und wachsam leben, wünscht Benedikt, der letzte aller Äbte und bereits seinem Ende nahe, Heil.

Was mir mehr als alles andere am Herzen liegt und vor allen Dingen meine Aufmerksamkeit beschäftigt, das ist die sehr große Sorge um Euer Leben nach den Vorschriften der Regel. Keineswegs ist mir unbekannt, daß Ihr ehrenhaft ringt, daß Ihr in größter Treue meiner gedenkt und keiner ermahnenden Worte bedürft. Aber dem Ende nahe und in der Ungewißheit, ob ich Euch je wiedersehen werde, drängt die Liebe mein Herz, durch treue Freunde und durch diesen Brief einige Worte an Euch zu richten. Ihr wißt es ja selbst, wie ich mich, so lange es mir möglich war, mit allen meinen Kräften bemüht habe, Euch ein ermutigendes Beispiel des Lebens zu zeigen. Nunmehr aber bitte ich Euch, meine Söhne, und rufe Gott zum Zeugen meines letzten Willens an, daß Ihr einmütig im Band der Liebe einerlei Gesinnung haben möget. () Wer von den Meinen immer zu Euch zurückkehren und unter Euch nach der Regel leben will, den nehmt gütig und freundlich als Bruder auf, wie es sich geziemt. Denn an leiblichem Unterhalt wird es Euch, Gott sei Dank, nicht fehlen. Allen insgesamt, am meisten jedoch denen, die durch Freundschaft mit uns verbunden sind, erweist eifrig eure Liebe und spendet den ärmeren Brüdern, soviel Ihr nur immer von Eurem Lebensunterhalt erübrigt. () Für dieses und alles andere traget Sorge wie zu meinen Lebzeiten, mehr aber noch nach meinem Tode. So wie viele seit langem verderbte Klöster dank der Gnade Gottes und unseres Zutuns einige Besserung erlangt zu haben scheinen, so hütet auch Ihr Euch in jeder Weise, vom rechten Weg abzuweichen, was der barmherzige Gott verhüten möge. Mit dem Kloster Inda bleibt in Verbundenheit vereint wie Brüder. Den Helisachar, der von allen auf Erden jederzeit unser treuester Freund war, und dessen Brüder lasset meine Stelle vertreten; zu ihm nehmt immer Eure Zuflucht.

So ermahne ich Euch jetzt, da ich nicht weiß, ob ich Euch im gegenwärtigen Leben noch wiedersehen werde. Denn am 7. Februar wurde ich nach Anordnung der göttlichen Barmherzigkeit von einem sehr heftigen Anfall getroffen; und ich erwarte nichts anderes als den anbrechenden letzten Tag meines Erdenlebens.

(Migne PL 103, 1379-1381)
(Helisachar = Abt von St. Maximin in Trier) = Abt von St. Maximin in Trier)
Übersetzung: Abt Berthold Simons OSB